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Vita

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Weniger wütend

 

 

 

 

Interview

Fatima Daas

A queer perspective on women in pop culture

Foto: J oel Sa get / ge ttyima ges / Ullstein Verlag

 

Interview

und Übersetzung aus dem Französischen:

Christine Stonat (7/2021)

 

 

 

weird-Interview-Steckbrief:

(in eigenen Worten)

 

Name: Daas

Alter: 25 Jahre

Beruf: Elle

Wohnort: Paris

Meine weirdeste Eigenschaft: schräger Humor

 

 

 

Debutroman

 

Fatima Daas

„Die jüngste Tochter“

(Claassen)

Roman, 192 S., gebunden

Out: seit 3.5.21

 

 

 

 

Die lesbische algerisch-französische Schriftstellerin Daas, die im Mai 2021 unter dem Pseudonym Fatima Daas ihren Debutroman „Die jüngste Tochter“ auf Deutsch veröffentlichte, erhielt für eben diesen Roman jetzt den Internationalen Literaturpreis 2021. Am 30.6.21 erhielt sie den in Deutschland vergebenen renommierten Preis des Haus der Kulturen der Welt zusammen mit der Übersetzerin des Romans Sina de Malafosse. Der Debutroman, der in Frankreich unter dem Titel „La petite dernière“ 2020 veröffentlicht wurde, ist ein autobiographisches Werk. Als Fatima Daas erzählt die Autorin, Jahrgang 1995, darin, angelehnt an ihre eigene Geschichte, von Fatima, die als jüngste Tochter algerischer Eltern als einziges Kind der migrierten Familie in Frankreich zur Welt kommt. Unangepasst und wissenshungrig hängt sie in der Schule mit den Jungs ab und fühlt sich vor allem eins, falsch. Eines Tages lernt sie Nina kennen und verliebt sich. Doch das bringt sie nicht nur in den Konflikt mit ihrer Familie und ihrem muslimischen Glauben, sondern auch mit sich selbst. weird freut sich, dass die Autorin inmitten ihren Erfolges Zeit fand für ein Interview zu ihrem preisgekrönten Buch.

 

 

 

 

 

 

 

weird: Du wurdest für deinen Roman „La petite dernière“, auf Deutsch „Die jüngste Tochter“, gemeinsam mit deiner Übersetzerin Sina de Malafosse mit dem Internationalen Literaturpreis 2021 ausgezeichnet. Herzlichen Glückwunsch! Hast du mit so einer überwältigenden Reaktion auf deinen Debutroman gerechnet?

 

Daas: Ehrlich gesagt, es ist eine Ehre, aber ich habe es überhaupt nicht erwartet, außerdem habe ich nicht einmal damit gerechnet, dass es übersetzt wird, also eine Auszeichnung auch von einer Institution zu erhalten, die ich unglaublich finde, ist für mich einfach ein riesiges Glück.

 

 

 

 

weird: Dein Roman ist autobiographisch. Aber es ist dennoch ein Roman. Welche Teile des Romans sind denn fiktiv?

 

Daas: In meinem Roman gibt es viele fiktive Elemente.

Ich werde nicht alles preisgeben, denn das würde alle Schreibgeheimnisse gleichzeitig enthüllen ...

Aber um nur einige zu nennen: Ich habe keine zwei Schwestern, sondern drei Schwestern im „richtigen Leben“, ich war noch nie in Budapest und habe meinem Vater nie gesagt, dass er ein Monster ist.

 

 

 

 

weird: Was unterscheidet dich von deiner Protagonistin Fatima?

 

Daas: Vieles und gleichzeitig wenig ...

Ich bin überhaupt nicht mehr diese Fatima, vielleicht war sie eine Person, die ich einmal war, aber ich habe das Gefühl, dass ich viele Dinge losgeworden bin, die sie beschäftigen. Ich habe zum Beispiel den Eindruck weniger instabil zu sein als sie heute in der Liebe, weniger zu leiden, weniger unglücklich zu sein, weniger wütend ...

Ich habe den Eindruck, dass die Gemeinsamkeiten mit meiner Protagonistin vor allem die Emotionen sind, die sie durchströmen ...

 

 

 

 

weird: Wie lange hast du an dem Roman geschrieben?

 

Daas: Ich habe diesen Roman etwa eineinhalb Jahre lang geschrieben.

 

 

 

 

 

 

weird: Was war für dich beim Schreiben die größte Herausforderung?

 

Daas: Die größte Herausforderung bestand darin, am Geschriebenen festzuhalten, bis zum Ende daran zu glauben.

Einen Roman zu Ende zu bringen. Es fiel mir immer schwer, fertig zu werden.

 

 

 

 

weird: Du bist lesbisch und muslimisch. Du beschreibst es als ein existentielles Problem für deine Familie und dich als du dein „Coming-out“ hattest. Wie siehst du dein Lesbisch sein im Einklang mit dem Glauben heute?

 

Daas: Mein Charakter sieht darin ein Problem und das ist vielleicht das, was mich heute von meinem Charakter unterscheidet. Ich habe seit mehreren Jahren keine Schwierigkeiten, beides in Einklang zu bringen, seitdem ich erkannt habe, dass ich mich nicht entscheiden muss. Und dass eine Wahl mir mehr schaden würde.

 

 

 

 

weird: Deine Protagonistin Fatima fühlt sich falsch. Wie hast du selbst die Kombination aus Rassismus von außen (Gesellschaft etc.) und die Homofeindlichkeit von außen und innen (Familie etc.) erlebt?

 

Daas: Ich habe Homophobie in meiner Familie nicht wirklich erlebt, viele Leute wollen nicht darüber reden und ich habe es akzeptiert, aber sie halten sich aus meinem Privatleben heraus. Und ich respektiere es, es ist ihre Entscheidung. Ich zwinge niemanden zu akzeptieren, dass ich lesbisch bin, manchmal kann es Jahre dauern, manchmal weniger, manchmal ein Leben lang, ich glaube, das habe ich auch akzeptiert … aber ich bekomme keine Bosheiten ab, keine Angriffe, ich lebe mit der Stille und dem Unausgesprochenen und es ist ein guter Kompromiss.

Andererseits fällt es mir sehr schwer, rechtfertigen zu müssen, dass ich in den Augen der Gesellschaft lesbisch und muslimisch bin. Es ermüdet mich sehr, es ist, als wäre ich ein UFO und immer noch gezwungen, meinen Glauben aufzugeben, damit ich nur in eine Kiste gesteckt werden kann ... es erstickt mich!

 

 

 

 

weird: Wer oder was hat dir damals geholfen?

 

Daas: Damals habe ich Menschen kennengelernt, die wie ich „aussahen“ und ich fühlte mich dadurch weniger allein, das Schreiben und der Glaube haben mir auch sehr geholfen.

 

 

 

 

weird: Wie siehst du die Entwicklung in der muslimischen Gemeinde in Frankreich hinsichtlich LGBTIQA aktuell?

 

Daas: Ich weiß es nicht wirklich … Ich sehe, dass viele Leute heute handeln, das Wort ergreifen, schreiben, Filme machen, sie wollen ihr Leben zeigen und das beruhigt mich und ich denke, so werden die Dinge vorankommen.

Kunst muss sicherlich ein Weg sein, verschiedene Gemeinschaften herauszufordern und eine Diskussion über Tabus auszulösen.

 

 

 

 

weird: Und wie siehst du die Entwicklung von anti-muslimischem Rassismus in der LGBTIQA-Community?

 

Daas: Ich würde es auf die gleiche Weise sagen wie bei meiner vorherigen Antwort.

Vielleicht sollten wir unseren Blick ändern und versuchen, uns dabei zuzusehen, unsere Komfortzone zu verlassen, versuchen, breiter über Kämpfe nachzudenken, über Kämpfe intersektional nachzudenken ...

 

 

 

 

 

 

 

Interview und Übersetzung aus dem Französischen: Christine Stonat (7/2021)

Foto: J oel Sa get / ge ttyima ges / Ullstein Verlag

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Ausgabe Nr. 161

August 2021

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