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Vita

weird

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Ausgabe Nr. 96

Oktober 2015

 

 

 

 

 

 

 

 

Bewusstlose Räume

 

 

 

 

 

 

Interview

 

Clara Luzia

 

 

 

 

 

 

weird: Am 9.10.15 erscheint dein neues, sechstes Album Heres To Nemesis. Worüber bzw. worauf freust du dich heuer am meisten?

 

Clara Luzia: Ich freue mich darauf, wenn das Album endlich erschienen ist, weil ich es nun schon seit Monaten fertig herumschleppe und kaum wem vorspielen darf, weil streng geheim und so und dabei kann ich es kaum erwarten, es rauszuposaunen!

 

 

weird: In unserem letzten Interview 2013 sprachen wir über dein „Kopf-Ding-Inneres“, den Wahnsinn, die Bedrohung, dein Chaos in deinem „großen, alles überlagernden“ Kopf, der ständig rattert. Wie groß war das „Chaos“ bei der Arbeit zu deinem neuen Album?

 

Clara Luzia: Tatsächlich fuhr ich etwas Achterbahn. Kurz bevor die Aufnahmen losgingen, überkam mich großer Frust und ich wollte die gesamte Musik hinschmeißen. Es ging erst wieder weiter, als ich für mich formuliert hatte, dass dies vielleicht mein letztes Album wird. Da war ich dann plötzlich sehr entspannt und alles ist geflutscht. Dass es wirklich mein letztes Album ist, glaube ich allerdings nicht … (grinst).

 

 

weird: Kritisch waren deine Texte hinter all deinen Bildern und Metaphern schon immer. Diesmal sagst du ganz klar: Ja, das Album ist politisch. Wieso war es dir wichtig, das zu betonen?

 

Clara Luzia: Ich habe darauf bei jedem meiner Alben hingewiesen, nur habe ich es diesmal auch gleich noch sicherheitshalber in den Pressetext geschrieben (lacht augenzwinkernd). Da in unseren Breiten den Texten leider nie besonders viel Aufmerksamkeit geschenkt wird und bei mir auch noch dazukommt, dass nicht immer ganz einfach herauszulesen ist, worum es genau geht, weise ich nun eben sehr direkt darauf hin, weil es mir sehr wichtig ist. Der Text ist für mich nicht nur Mittel zum Zwecke des Transports der Musik, sondern mindestens genauso wichtig wie die Musik selbst. Und ebenso, wie sehr viele KünstlerInnen gerne gebetsmühlenartig darauf verweisen, wie unpolitisch sie und ihre Kunst seien, möchte ich das Gegenteil konstatieren. Ich halte es für eine völlige Fehleinschätzung, irgendetwas Menschliches als unpolitisch zu bezeichnen. Das ist ein Widerspruch in sich. Der Mensch ist ein zoon politicon, alles an ihm ist politisch.

 

 

weird: Opener und erste Single ist der Song Cosmic Bruise. Hierin fragst du nach einem Ausweg aus der Welt in ihrem momentanen Ist-Zustand und dem nahenden Abgrund. Liebe (allein) sei nicht die Lösung, sondern Einigkeit. Was macht für dich den Unterschied?

 

Clara Luzia: Ich meine mit der Zeile „I don‘t speak of love but unity“, dass ich ja gar nicht Liebe einfordere, sondern „nur“ Einssein. Wir müssen einander nicht gleich lieben, aber wir sollten anerkennen, dass wir alle eins sind und danach handeln.

 

 

weird: Teil des „traurigsten Märchens“ wie du es in dem Song „Cosmic Bruise“ u. a. nennst, sind wohl auch die seit einigen Jahren in deiner Heimat Österreich und auch in Deutschland immer lauter werdende Diskriminierung und zunehmende Gewalt gegen Homo- und Bisexuelle sowie trans* und inter* Menschen. Du bist lesbisch. Was macht das mit dir?

 

Clara Luzia: Ich bin in einer sehr privilegierten Position: Ich bin weiße EU-Bürgerin mit österreichischem Pass aus mittelständischer AkademikerInnen-Familie in einem Kreativberuf. Die Auswirkungen, die ich direkt spüre sind vergleichsweise gering. Aber - und davon spreche ich ja in „Cosmic Bruise“ - wenn ich höre, was anderen Menschen angetan wird, einfach nur, weil sie - und jetzt kann man recht wahllos alles mögliche einsetzen: die „falsche“ Person lieben, die „falsche“ Religion, den „falschen“ Pass, die „falsche“ Hautfarbe“, die „falschen“ Moralvorstellungen etc. haben, dann fügt das auch mir Schmerzen zu. Es ist eine „Cosmic Bruise“, eine Wunde, die uns allen geschlagen wird als Menschen. Wir können nicht sagen, das habe nichts mit uns zu tun.

 

 

weird: Eben in diesem Song „Cosmic Bruise“ rufst du wie in einem orphischen Hymnos Nemesis an, die Göttin des gerechten Zorns. Hat der Mensch/die Menschheit unwiderruflich versagt?

 

Clara Luzia: Gut und Böse sind ohne das jeweils andere nicht denkbar. Insofern muss man sich wohl damit abfinden, dass beides existieren MUSS und das Beste, was man vermutlich machen kann ist, darauf zu achten, dass eine Art von Gleichgewicht erhalten bleibt. Daher auch meine Hoffnung in Nemesis, die Göttin der ausgleichenden Gerechtigkeit. Insofern würde ich nicht davon sprechen, dass die Menschheit versagt hat, aber ich denke schon, dass wir sehr viel sehr viel besser machen können.

 

 

 

weird: Im Dezember 2015/Januar 2017 bist du in Deutschland auf Tour. Das Licht geht aus, du kommst von hinter der Bühne auf die Bühne. Was denkst du in diesem einen Moment?

 

Clara Luzia: Tatsächlich gar nichts. Oder so viel gleichzeitig, dass es sich vor lauter Dichte nach nichts anfühlt - das kann auch sein. Es ist jedenfalls meistens so, dass ich keinerlei konkrete Erinnerungen von Auftritten habe. Es ist, als wären es bewusstlose Räume.

 

 

 

 

 

 

 

Interview: Christine Stonat (9/2015)

Fotos: Sarah Haas

Interview-Steckbrief

- in eigenen Worten -

 

 

Name: Clara Luzia

Alter: 37

Beruf: Musikerin

Wohnort: Wien

Meine weirdeste Eigenschaft: Das müsstet ihr meine Frau fragen, ich selbst finde natürlich nichts an mir seltsam ;)

 

 

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„Meine Musik ist politisch“, sagt die österreichische Indie-Musikerin Clara Luzia (37). Am 9. Oktober 2015 veröffentlicht sie ihr sechstes Album „Here‘s To Nemesis“. Einmal mehr auf ihrem eigenen Label Asinella Records. Dieses gründete sie 2006. Damals erschien zugleich ihr Solodebut namens „Railroad Tracks“. 2009 schaffte ihr drittes Album „The Ground Below“ den ersten Einstieg in die österreichischen Charts und zugleich internationale Beachtung. Chaos im Kopf und ein Gespür für den Song macht Clara Luzia als Sängerin, Songschreiberin und Gitarristin Musik zwischen harmonischem Pop und sprödem Low-Fi, verspieltem Folk und schronzigem Rock.

 

Die Indie-Musikerin aus Niederösterreich wohnt seit vielen Jahren in Wien. Seit Mai 2014 lebt sie mit ihrer Frau Catharina Priemer in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft. Catharina Priemer ist zudem die neue Schlagzeugerin in der Band von Clara Luzia. Sie gab auf dem neuen Album u. a. die Impulse für das Tremolo der Gitarre.

 

Im aktuellen Interview sprach weird mit Clara Luzia über ihr neues Album, die erste Single „Cosmic Bruise“, Diskriminierung von LGBTI und dem Politikum hinter all dem.

 

www.claraluzia.com

 

 

Clara Luzia

„Here‘s To Nemesis“ (Asinella Rec.)

Out: 9.10.15

Single: Cosmic Bruise (Juli 2015)

 

 

Weiteres weird-Interview mit Clara Luzia s. Archiv Ausgabe Nr. 75 Januar 2014

 

 

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