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Vita

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Ausgabe Nr. 92

Juni 2015

 

 

 

 

 

 

 

 

(Mein) Fett ist politisch

 

 

 

 

 

Interview

 

Magda Albrecht

 

 

von Nadia Shehadeh | 5/2015

 

 

 

 

 

 

weird: Du bist grad mit Deiner Tour „(Mein) Fett ist politisch“ in Deutschland und Umgebung unterwegs. Magst du uns kurz erzählen wie dein eigener Weg zur Fat Acceptance-Bewegung aussah?

 

Magda: Dicksein und die Erfahrungen, die mensch mit einem dicken Körper in dieser Gesellschaft macht, sind schon seit Kindheit ein Thema für mich. Ärzt_innen, auch Freundinnen und selbst mir unbekannte Menschen haben schon sehr früh mein Essverhalten kommentiert oder mich wissen lassen, dass mein Körper nicht "gesund", nicht "schön", nicht sportlich genug sei. Als feministische Aktivistin nimmt mensch Gesellschaft und Normen sehr stark unter die Lupe, und so ist es nur konsequent, dass ich zusätzlich zur Beschäftigung mit dominanten Vorstellungen von Geschlecht und Begehren auch anfing zu hinterfragen, wer eigentlich genau gemeint ist, wenn von "leistungsfähigen, gesunden, schönen" Menschen die Rede ist. Inspirierende Aktivist_innen wie Virgie Tovar oder Künstler_innen wie Beth Ditto, die sich prominent und lautstark für Körpervielfalt einsetzen, sind wichtige Mutmacherinnen, um auch selbst den Schnabel aufzumachen. "Mein Weg zu Fat Acceptance" klingt aber auch ein wenig so, als gäbe es ein Ende des Weges. Die Beschäftigung mit Körpernormen und zum Teil sehr diskriminierenden Ideen von "gesund", "gut" und "schön" kann ein lebenslanger Prozess sein.

 

 

weird: Wie kam es zur Idee, eine eigene Tour zum Thema zu machen?

 

Magda: Das war keine bewusste Entscheidung. Ich halte schon seit 2011 regelmäßig Vorträge oder gebe Workshops zu queer-feministischen Aktivismus, mein absolutes Herzensthema. 2013 habe ich erste Vorträge zu Fat Aktivismus gehalten und einen Empowerment Workshop für dicke Frauen_Lesben konzipiert. Auf der Mädchenmannschaft schrieb ich einige Texte zum Thema, erhielt sehr viel Resonanz und auf einmal wurde ich mit Einladungen überhäuft. Ich liebe es zu reisen, aber es ist auch sehr anstrengend für mich, also habe ich die Termine teilweise hintereinander gelegt und da fiel mir auf: Es ist eine Ein-Frau-Tour! Als Musikerin mit Bühnenerfahrung liegt das Wort Tour dann auf der Hand ;)

 

 

weird: Du bist jetzt schon eine Weile unterwegs gewesen. Wie sind die Reaktionen „live“?

 

Magda: Unterschiedlich, je nach Kontext und je nachdem, ob der obligatorische Stör-Dude (in seltenen Fällen auch Dudette) die Fragerunde dominiert. Jeder Vortrag bedeutet für mich sehr viel Stress, weil auch teilweise harmlos wirkende Fragen bei diesen Themen unglaublich viele Normen widerspiegeln können. In meinem Kopf spiele ich sehr oft "Bingo" mit mir selbst. Phrasen wie "Dicke Kinder", "Diabetes" oder "normal" werden imaginär mehrmals angekreuzt. Dann rufe ich innerlich oft Bingo, Bingo!, um es irgendwie ertragen zu können. Aber im Ernst: Insgesamt bin ich ein dicker Glückskäfer und bekomme sehr viel Zuspruch. Es kommen öfter dicke Menschen zu mir und bedanken sich sehr herzlich und ab und zu bekomme ich gute kritische Anmerkungen. Generell ist dieser Vortrag als Einführung geschrieben, also beantworte ich eigentlich auch fast alle Fragen geduldig, weil ich mich über das enorme Interesse sehr freue. Ich merke dennoch: Es gibt sehr krasse, sehr normalisierte Vorstellungen von "gesund" und "ungesund" und "richtig" und "falsch" was Körper angeht. Da bestimmt auch in gesellschaftskritischen Kontexten sehr viel Diskussionsbedarf.

 

 

weird: Und was erlebst du digital? Überwiegt der positive Effekt des Austauschs?

 

Magda: Für mich ja, weil der Block- und Ignore-Button meine beste Freundin ist. Ich schaue heute sehr viel genauer hin, welche Menschen und Diskussionen mir gut tun. Und wenn nicht, müssen sich unsere Wege (zumindest zweitweise) trennen. Ich mag die Online-Community, die ich mir auf Twitter und Facebook zusammengebastelt habe. Ich kann es mir ganz einfach ressourcenmäßig nicht mehr leisten, in jeder Kackscheiß-Diskussion mit schwingendem Beil meine Positionen zu vertreten. Und gerade um coolen Austausch mit meinen politischen Freund_innen zu ermöglichen, muss ich dafür auch Raum, Kraft und Zeit haben. Und die nehme ich mir mitunter auch selbst weg, wenn ich auf jeden schrottigen Reply auf Twitter oder nervigen Kommentar auf der Mädchenmannschaft (www.maedchenmannschaft.net Anm. d. Red.) reagiere.

 

 

weird: Wie hat insgesamt das Internet auch für die Bewegung zuträglich sein können? Bzw. ist das überhaupt der Fall?

 

Magda: Gerade facebook, tumblr, instagram & co mit ihren relativ niedrigen Zugangsbarrieren haben enorm zu einer Sichtbarkeit von nicht-normativen Körpern und den dazugehörigen Debatten beigetragen. Menschen, die wohl niemals die Chance haben werden, Bücher zu schreiben oder Interviews zu geben, veröffentlichen ein paar Fotos von sich und schreiben coole, empowerende Sprüche ins Netz - es ist also eine tolle, recht einfache Möglichkeit der Teilnahme. Besonders im Bereich Mode sind manche Blogger_innen sehr bekannt geworden, einige wenige konnten ihren Traum erfüllen (z.B. Model zu werden, wie Tess Münster). Und das hat ja auch Einfluss auf massenmediale Debatten. Die Themen, die weniger "sexy" sind, z. B. Gesundheitsnormen, generieren aber leider nicht die gleiche Aufmerksamkeit.

 

 

weird: Warum ist die Thematisierung von Körpernormen insbesondere auch für den feministischen Diskurs wichtig? Und hast du das Gefühl, dass es auch bei Body-Empowerment immer wieder zu Backlashes kommt?

 

Magda: Körper spielen im Feminismus eine fundamentale Rolle, weil an und mit unseren Körpern so viel Politik gemacht wird. Fat Aktivist_innen addieren also nichts neues dazu, sondern weisen lediglich darauf hin, dass es auch innerhalb feministischer Theorien und Praxen hegemoniale Vorstellungen gibt was "richtige" und "gute" Körper sind bzw. dass eine Nichtthematisierung bestimmter Formen von Diskriminierung darauf hinweist, dass ein schlanker, weißer, genderkonformer Normkörper ohne sichtbare Behinderungen weiterhin ein selten hinterfragter Referenzpunkt in feministischen Debatten ist. Eine Zentrierung von Körpern, die in dieser Gesellschaft stigmatisiert und pathologisiert werden, ist dringend notwendig, denn nur dann kann bedürfnisgerechte Politik gemacht werden.

 

 

weird: Was hast du mit deiner Tour noch vor und was wäre ein nächster Meilenstein für dich?

 

Magda: Ich habe bisher in über 20 Städten Vorträge oder Workshops zu Dickendiskriminierung und Fat Acceptance gehalten und kann mir gut vorstellen, in nächster Zeit wieder mehr zu recherchieren und zu schreiben. Ich würde sehr gerne ein Buch schreiben, wo ich meine Erfahrungen und die Diskussionen, die in den letzten Jahren auch vermehrt in Deutschland stattgefunden haben, festhalten möchte - und natürlich inspirierende Aktivist_innen zu Wort kommen. Liebe Verlage, hit me up!

 

 

 

 

 

 

Interview: Nadia Shehadeh (5/2015)

Foto: www.maedchenmannschaft.net

Magda Albrecht (Jahrgang 1986) ist queer-feministische Bloggerin, Fat-Aktivistin und Musikerin. Im Netz auch bekannt als „RiotMango“ befasst sie sich im Rahmen ihres queer-feministischen Aktivismus‘ vor allem mit Widerstandsbewegungen sowie Körpernormierung. Ihr Schwerpunktthema ist Dickendiskriminierung, z. B. auch in queeren Räumen. Seit 2013/2014 ist sie mit ihrem Vortrag „(Mein) Fett ist politisch“ auf Tour.

 

In Berlin aufgewachsen studierte Magda u. a. ein Jahr in Portland, USA, und arbeitet heute in den Bereichen Veranstaltungsmanagement und Öffentlichkeitsarbeit sowie als politische Bildnerin. Mehrere Jahre schon bloggt sie für das feministische Blog Mädchenmannschaft auf maedchenmannschaft.net. Magda ist Sängerin der Berliner Band Totally Stressed (akustisch: Totally String). Seit 2011 hält sie Vorträge zu queer-feministischem Aktivismus, seit 2013 zu Fat-Aktivismus und gibt Empowerment (Selbstermächtigungs-) Workshops für dicke Frauen_Lesben_Trans*. 2014 initiierte sie gemeinsam mit Ragni www.fatcast.org, einen Podcast über „dickes Leben, dicke Politik und dicken Alltag“.

 

Die Bielefelder Mädchenmannschafts_Kollegin Nadia Shehadeh sprach im aktuellen Interview exklusiv für weird mit Magda über Fat Acceptance und ihren Vortrag „(Mein) Fett ist politisch“.

 

 

 

 

Online:

www.magda-albrecht.de

www.maedchenmannschaft.net

 

 

 

Magda „(Mein) Fest ist politisch“ live:

 

20.6.15, Potsdam, Vernetzungstreffen F_in Frauen im Fußball

 

Interview-Steckbrief

- in eigenen Worten -

 

 

Name: Magda

Alter: 29

Beruf: Veranstaltungsmanagement, Öffentlichkeitsarbeit, Politische Bildungsarbeit

Wohnort: Berlin

Meine weirdeste Eigenschaft: Ich laufe am liebsten auf der linken Seite.

 

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