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Dinge einsinken

 

 

 

 

 

Interview mit

 

Tania Witte

 

 

 

 

 

weird: Im September 2014 erschien dein dritter Roman „bestenfalls alles“ (Querverlag). Ohne zu spoilern, wie gefällt dir das Ende?

 

Tania Witte: Ich mag es. Natürlich. Es reicht all denen die Hände, die nach dem Ende von „leben nebenbei“ wütend waren, weil ich sie mit einem derartigen Cliffhanger alleine ließ. „bestenfalls alles“ nun schließt ab, ohne abzuschließen. Wie das Leben eben.

 

 

weird: Mit „bestenfalls alles“ ist die Roman-Trilogie nämlich nun beendet. Wie gehst du mit dem Loslassen deiner Figuren, die dich über die letzten drei und mehr Jahre begleitet haben, um? Auch im Hinblick auch auf deinen Satz: „Ich wollte nie Mutter sein, und trotzdem quäle ich mich wie eine.“

 

Tania Witte: Menschen, Figuren, Personen, verschwinden ja nicht. Nicht mal, wenn sie erfunden sind. Und ganz sicher nicht aus meinem Kopf. Aber da ich eben keine Mutter bin, sondern mich nur meinen Charakteren gegenüber hin und wieder wie eine fühle, habe ich die Freiheit, sie einfach mal abzukommandieren und so Platz für neue Kopfkinder zu schaffen. Und die stehen Schlange, glaub mir!

 

 

weird: Du hast den Roman u. a. in Belgien geschrieben, irgendwo in einem Haus im „Nichts“!? Was war bei deiner Arbeit diesmal anders als oder ähnlich wie bei den anderen beiden Romanen?

 

Tania Witte: Dass ich in diesem Haus schreiben darf, ist ein Geschenk und das „Nichts“ ist ein kleiner Wald, in dem auch weite Teile der anderen Romane entstanden sind und der ohnehin ein sehr kreativer Ort für mich ist. Der Schreibprozess von „bestenfalls alles“ war allerdings insofern anders, weil ich einen sehr genauen Plan hatte – ein Ziel, wo es hingehen sollte. Ich habe viel strukturierter gearbeitet, weniger impulsiv. Das schuf für mich ein gutes Gegengewicht zu dem Eintauchen in die Psyche meiner Protagonist*innen, das ich bei „bestenfalls alles“ weitaus intensiver betrieben habe als bei den anderen beiden Büchern der Trilogie.

 

 

weird: Wann ist ein Buch (meint eines deiner Bücher) fertig?

 

Tania Witte: Wenn die Geschichte zu Ende erzählt ist. Was sie für mich zugegebenermaßen nie ist, deshalb könnte ich auch weiter und weiter und weiter schreiben. Aber Zäsuren sind notwendig, um Raum für Entwicklung zu schaffen, für meine und die meiner Charaktere.

 

 

weird: Du lebst in Berlin. Großstadt versus ländliche Abgeschiedenheit. Wer gewinnt bei dir in welchen Punkten?

 

Tania Witte: Berlin gewinnt bei Offenheit, zumindest oberflächlicher Toleranz und der Vielfalt an Möglichkeiten. Bei Kunst, Kultur und bei den vielen Gelegenheiten, gut und günstig essen zu gehen, auch als prekär lebende Künstler*in. (Ich liebe es, essen zu gehen.)

 

Die Abgeschiedenheit, kleinere Städte und Dörfer gewinnen bei der Nähe zur Natur, bei der besseren Luft, bei der Ruhe. Sie sind weniger anonym und selbst wenn man sich nicht mag, hab ich doch das Gefühl, dass der Zusammenhalt dort größer ist. In Berlin ist ja nicht mal die Szene untereinander solidarisch, sondern verliert sich im klein-klein.

 

 

weird: „bestenfalls alles“ sowie die beiden ersten Romane sind Großstadtgeschichten um queere Menschen zwischen Freund_innenschaft und Identitätssuche. Die Geschichte dazu stand mehr oder weniger schon beim ersten Roman, oder!? Ist sie so geworden wie geplant oder gab es über die Jahre Änderungen, Anpassungen vielleicht durch neugewonnene Perspektiven, Sichtweisen, gesellschaftliche Umstände?

 

Tania Witte: Die Idee zu „bestenfalls alles“ und insbesondere Tekgüls Identitätssuche entstand bereits kurz nachdem ich meinen ersten Roman beendet hatte, musste aber zunächst einmal warten, bis Teil zwei geschrieben war. Diese Wartezeit von immerhin fast zwei Jahren hat der Geschichte gut getan, wie es meistens gut ist, wenn Dinge einsinken können. Grundsätzlich aber ist es bei dem Kern der geplanten Geschichte geblieben.

 

 

weird: Das Buch beginnt mit einer ungeahnten Wendung im Leben einer Protagonistin. Es geht um Identitätssuche, die sich nicht allein auf sexuelle Orientierung oder Identität bezieht, sondern auf die Herkunft, auf Familie, Heimat, auch auf (kulturelle) Zuschreibung und um Klischees, um (Mehrfach-)Diskriminierungserfahrung. Und damit stellst du u. a. die Frage, die sich, so sagst, du jeden Tag neu stellt: „Bin ich das, was ich denke, was ich bin, oder bin ich das, von dem die anderen denken, das ich‘s bin.“ Gibt es eine Antwort auf Identität?

 

Tania Witte: Für mich ist Identität fluide und ebenso wechselhaft wie das Leben. Und überhaupt: Was ist Identität denn überhaupt? Woraus setzt sie sich zusammen? Verändert sie sich mit dem Umfeld, in dem ich mich befinde? Verändert sie sich nach einschneidenden Erlebnissen, nach Erfahrungen, nach einer Therapie, einem Umzug? An Antworten feilen Philosoph*innen seit Urzeiten. Ich beschäftige mich lieber mit den Fragen.

 

 

weird: Wie klar siehst du deine eigene Identität?

 

Tania Witte: Ich begreife Identität als ein großes Konstrukt – sie ist weitaus mehr als das, was uns oft als Identität verkauft wird, also im Sinne von sexueller Identität, von Ethnie und all diesen auf den ersten Blick auffallenden Dingen. Folglich gibt es bei mir natürlich Eckpunkte wie Hautfarbe und Herkunft, die stabil und sicher erscheinen, aber darüber hinaus ist alles im Fluss. Das auszuhalten, ist manchmal nicht leicht.

 

 

weird: In deinem Kunstprojekt nullachtfünfzehn (durchgestrichen geschrieben) gemeinsam mit Risk Hazekamp beschäftigst du dich seit 2013 ebenfalls mit der Frage nach Identität. Und auch sonst geht es in deinen Spoken-Word-Texten häufig, um Themen deiner Arbeit, deiner Bücher, um dich, wie du arbeitest, wie du Dinge aus deinen Büchern weiterdenkst. Ist Spoken Word für dich auch so was wie ein „Ablassventil“?

 

Tania Witte: nullachtfünfzehn (durchgestrichen geschrieben) ist eine Suche nach den Wurzeln der Identität, nach Selbst- und Fremdwahrnehmung und nach Zuschreibungen. Und all das außerhalb von Metropolen und auf den unterschiedlichsten Ebenen. Die Texte entstehen in diesem Fall nach Gesprächen mit den Menschen, die wir porträtieren und haben mit mir nur insofern zu tun, als sie durch meinen Kopf, meine Wahrnehmung und meinen Körper gefiltert und in Worte gefasst werden.

 

Aber du hast schon recht: Darüber hinaus brauchen Themen, die mich beschäftigen, sei es in meinem Alltag als (queere) Frau, als Schriftstellerin oder einfach als Mensch unter Menschen in der Tat verschiedene Ventile. Und Spoken Word ist ein Genre, das Rhythmus und Sprache verknüpft und, wenn es in interdisziplinären Zusammenhängen stattfindet, obendrein eine Verbindung zu anderen Kunstformen eingeht. Das liebe ich daran. Im Gegensatz zu meinen Romanen sind meine Spoken-Word-Stücke unmittelbarer, haben auf andere Art und Weise mit mir zu tun, mit meinen Verletzlichkeiten und der Person Tania Witte.

 

 

weird: Und jetzt noch mal ganz kurz das Geheimnis um den Stammbaum von Roman-Hund Rutherford lüften, bitte. (Lacht)

 

Tania Witte: Das tu ich auf meinen Lesungen, versprochen. (Lacht)

 

 

weird: Besonders „bestenfalls alles“ ist ein Plädoyer für die Freund_innenschaft. Welchen Stellenwert hat Freund_innenschaft für dich – außerhalb von, aber auch in Liebesbeziehungen?

 

Tania Witte: Was für mich eine Freundes- und eine Liebesbeziehung unterscheidet, ist in erster Linie das Begehren. Es gibt es in meinem Leben eine kleine Handvoll Menschen, die mich sehr lange begleiten und eine Rolle spielen, die einer Liebesbeziehung gleichkommt – nur eben ohne Begehren. Vielleicht sind das die Menschen, mit denen Freundschaft zu Familie wird ... Nähe, jede Macke kennen, füreinander da sein können, Kritik üben, sich doof und toll finden, streiten und versöhnen – Liebe eben. Freund*innenschaften auf allen unterschiedlichen Ebenen sind für mich und in meinem Leben existenziell. (In Zeiten von Goethe und Schiller sprach man den Frauen übrigens die Fähigkeit zur Freundschaft ab, weil sie zu dieser „hohen, reinen Form der Liebe“ nicht befähigt wären, sinngemäß. You wish, boys.)

 

 

weird: Dein nächstes Buch wird, so ist zu lesen, ein Jugendbuch. Warum ein Jugendbuch? Und wird es ein queeres?

 

Tania Witte: Klar, wird es queere Elemente haben, ich kann doch gar nicht anders. Aber darüber hinaus habe ich Lust, etwas Neues auszuprobieren und kann mir vorstellen, dass sich mein Stil für ein Jugendbuch eignet.

 

 

weird: Du bist Autorin und Journalistin. Seit 2014 bist du Kolumnistin beim ZEITMagazin mit einer lesbischen Kolumne. Wie kam es dazu?

 

Tania Witte: Das ZEITmagazin war, soweit ich weiß, bereits eine Weile erfolglos auf der Suche. Durch meine Arbeit für die Missy und eine Empfehlung der großartigen Chris Köver sind sie dann auf mich gestoßen. Ich traf die Redakteurin, sie war mir sympathisch und ich ihr offenbar auch. Dann habe ich eine Nacht darüber geschlafen und mich gefragt, ob ich die Person sein will, die den Heteros die Lesbenwelt erklärt – mit allem, was dazu gehört. Also Worte, die für mich selbstverständlich sind, nicht ohne Erklärung benutzen zu können, zur gleichen Zeit mit Klischees und Stereotypen zu arbeiten und gleichzeitig damit aufzuräumen, all das. Ich habe mich dafür entschieden, weil ich es in Zeiten homophober Anti-Bildungsplan-Demos, weltweiten zunehmenden Ressentiments gegen Homosexuelle und Queers und dem mit viel Öl geschürten Hass gegenüber Menschen, die außerhalb der „Norm“ leben, politisch extrem wichtig finde, sichtbar zu sein. Dass sich ein deutsches Mainstream-Medium wie die ZEIT dafür entscheidet, eine schwule und eine lesbische Kolumne in ihren sonst eher heterosexuellen Kontext einzubetten, finde ich großartig. Deshalb bin ich dabei.

 

 

weird: Kannst du abschließend vielleicht etwas zu deinem Trans*Amazonian Roadtrip 2014 in die USA erzählen? Ein Projekt gegen Homo- und Transphobie. Ebenfalls mit Risk Hazekamp. Für einen befreundeten Künstler.

 

Tania Witte: Das ist eine lange, lange Geschichte. Die Kurzform: Ein Freund von uns wuchs in Topeka, der Hauptstadt des US-Bundesstaates Kansas auf und litt als queerer Mensch sehr unter der Atmosphäre der Stadt, die von Fred Phelps und seiner Westborough Baptist Church geprägt war. Wir fuhren hin, um eine Art Exorzismus für ihn durchzuführen. Die Performance war gruselig, beängstigend und sehr, sehr lustig.

 

 

weird: Am 17.11.14 liest du in Bielefeld. Einmal mehr bei „Bielefeld hat seine Tage“. Einmal mehr am 17. November. Wie bereits 2012. Wie erinnerst du deinen letzten Besuch und worauf freust du dich 2014?

 

Tania Witte: Vor allem erinnere ich mich daran, dass ich total krank war. Und dann an die wunderbaren Frauen, die da waren und mich die Bronchitis vergessen ließen und an die Drag-King-Fotos an den Wänden. Es war eine wirklich schöne Lesung, fand ich, sehr warm und offen und mit vielen Balsamtaschentüchern. Ich freu mich auf das Queer’s im November, hoffentlich gesund und mit Menschen, die Lust haben, mit mir in meine Welt einzutauchen.

 

 

 

 

 

 

Interview: Christine Stonat (10/2014)

Fotos: Jens Gyarmaty (1. + 2. v. oben), Reinhard Simon (3. v. oben), Rainer Christian Kurzeder (unten + links)

Ausgabe Nr. 85

November 2014

Die queere Autorin, Journalistin und studierte Medienpädagogin Tania Witte aus Berlin veröffentlichte im September 2014 den dritten und letzten Teil „bestenfalls alles“ ihrer Romantrilogie. Angefangen mit „beziehungsweise liebe“ (2011) und fortgesetzt mit „leben nebenbei“ (2012, alle drei Querverlag) um eine queere Freund_innenclique in Berlin.

 

Seit Juni 2014 schreibt Tania Witte den lesbischen Part der Kolumne „Andersrum ist auch nicht besser“ für das ZEITmagazin der Zeitung DIE ZEIT. Tania Witte macht Spoken-Word-Perfomances unter ihrem Künstlerinnennamen CayaTe und gibt Drag-King-Workshops. weird sprach mit Tania Witte im aktuellen Interview über ihr neues Buch, Identität, Freund_innenschaft, Stadt- vs. Landleben, einen schrägen Roadtrip gegen Homo- und Transphobie in die USA, über ihre nächsten Pläne als Autorin und über ihre kommende Lesung am 17.11.14 im Queer‘s Bielefeld, zu der weird sie nach 2012 zum zweiten Mal eingeladen hat.

 

Online: www.taniawitte.de

 

 

Tania Witte live:

 

17.11.14, Lesung „bestenfalls alles“, Queer‘s (Neumarkt 11-13), Bielefeld, 19.30 h BIELEFELD HAT SEINE TAGE 2014

 

 

 

Tania Witte

„bestenfalls alles“

(Querverlag)

Roman, 240 S., broschiert

Out: seit September 2014

 

 

weird-Interview mit Tania Witte zu ihrem zweiten Roman „leben nebenbei“ s. Archiv Ausgabe Nr. 60 Oktober 2012

Interview-Steckbrief

- in eigenen Worten -

 

Name: Tania Witte

Alter: ist eine Illusion

Beruf: Schriftstellerin, Journalistin, Spoken-Word-Performerin

Wohnort: Berlin

Meine weirdeste Eigenschaft: Die feste Überzeugung, dass alles einen Sinn hat. Irgendwie.

 

Foto: Jens Gyarmaty

7 Jahre weird

Nov. 2007- Nov. 2014

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Jubiläumsausgabe Nr. 85

November 2014

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