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Vita

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Christa Winsloe,

Mädchen in Uniform,

Lesben und Bielefeld

 

 

 

 

 

Interview mit

 

Doris Hermanns

 

 

 

 

 

 

 

weird: Du befasst dich seit Jahren mit der lesbischen Autorin Christa Winsloe. Warum Christa Winsloe?

 

Doris Hermanns: Ich habe vor Jahren einen Vortrag über Christa Winsloe im Lesbenarchiv Spinnboden in Berlin gehalten, der damit endete, dass es nach wie vor keine Biografie von ihr gab – und danach habe ich mich entschlossen, diese zu schreiben, wobei Biografien von Frauen und vor allem von Lesben mich schon immer interessiert haben. Und dabei vor allem von Frauen/Lesben, die in mehr als nur einem Land gelebt haben, diese Art von Grenzüberschreitung finde ich auch immer sehr spannend.

 

 

weird: 2012 erschien deine Christa-Winsloe-Biografie „Meerkatzen, Meißel und das Mädchen Manuela“. Dein erstes Buch und zugleich die erste deutsche und internationale Biografie über sie. Was sonst ist an dem Buch besonders?

 

Doris Hermanns: Ja, es ist mein erstes Buch, d. h. ich habe vorher bereits mehrere Beiträge für andere Bücher geschrieben, u. a. einen über die Beziehung von Christa Winsloe mit der US-amerikanischen Journalistin Dorothy Thompson (in: Joey Horsley & Luise F. Pusch: Frauengeschichten. Berühmte Frauen und ihre Freundinnen). Es ist die erste Biografie von Christa Winsloe überhaupt. Das Besondere an der Forschung war, das sie sehr international war, da Winsloe in diversen Ländern gelebt hat. Da sie eine Beziehung mit Dorothy Thompson hatte, sind zahlreiche Briefe und Texte von ihr in deren Nachlass in deren Nachlass in Syracuse/USA. Die Forschung bis dahin hatte sich entweder auf den in Deutschland vorhandenen Nachlass von Winsloe beschränkt oder eben auf die amerikanischen Unterlagen. Aufgrund von Sprachschwierigkeiten sind dabei auch diverse Dinge falsch übersetzt worden und verbreiten sich in amerikanischen Veröffentlichungen bis heute. Zudem hat Winsloe auch noch in Ungarn gelebt und in Frankreich, was mich sprachlich dann doch noch vor Herausforderungen gestellt hat. Und mir war es gerade wichtig, grenzüberschreitend zu forschen, mich also nicht auf ein Land, auf eine bestimmte Periode in ihrem Leben zu beschränken, sondern ein möglichst umfassendes Bild von ihr zu bekommen, auch wenn das nach wie vor begrenzt ist, da ich über bestimmte Zeiten einfach kein Material finden konnte.

 

 

weird: Christa Winsloe (geb. 1888 in Darmstadt) war schon zu Lebzeiten mit ihrem Buch und Film sehr erfolgreich und auch später nach ihrem Tod 1944 durch das Remake 1958 bekannt. Warum gab es zuvor noch keine Biografie von ihr?

 

Doris Hermanns: Christa Winsloe war nach dem Zweiten Weltkrieg überhaupt nicht mehr bekannt. Wie unzählige andere Autorinnen, die vor dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland veröffentlicht haben, war sie völlig in Vergessenheit geraten. Dass sie noch zwei weitere Romane geschrieben hat, wissen bis heute die wenigsten, von ihren unzähligen Feuilleton-Texten ganz zu schweigen.

 

Die erste Verfilmung von „Mädchen in Uniform“ ist erst von der amerikanischen Frauenbewegung in den 1970er Jahren wiederentdeckt worden. Beim Remake denken die meisten an Romy Schneider, aber keineswegs an Winsloe. Und auch der Roman ist erst 1983 durch die Neuauflage im Verlag Frauenoffensive wieder einem breiteren Publikum bekannt geworden. Beim Schreiben der Biografie habe ich auch immer wieder die Erfahrung gemacht, dass vielen zwar den Film „Mädchen in Uniform“ kennen (wenn auch das eher das kitschige Remake, das der Erstverfilmung wahrlich nicht ans Wasser reichen kann), aber von der Autorin noch nie gehört hatten. Und wenn, dann waren es meist Lesben über 50. Noch schlimmer sieht es aus mit Winsloe als Künstlerin, kaum eine weiß etwas davon, dass sie Bildhauerin war. Es sind leider auch nur wenige Werke von ihr erhalten (bzw. deren Verbleib bekannt), aber wenigstens waren diese voriges Jahr in der Ausstellung „Der Weibliche Blick. Vergessene und verschollene Künstlerinnen in Darmstadt 1880-1930“  im Kunst Archiv Darmstadt zu sehen. Und was eine fehlende Biografie betrifft, hat es vermutlich auch damit zu tun, dass sie zu unbekannt ist. Die meisten, die Biografien schreiben, sind eher an den bekannteren Frauen interessiert, was auch eine Frage des Absatzmarktes ist. Biografien zu schreiben ist sehr aufwändig, in jeder Hinsicht, allein die Recherche dauert Jahre. Und Verlage können bzw. wollen es sich oft nicht leisten, Bücher über Unbekannte zu veröffentlichen, wo dann die Frage ist, wer die überhaupt kauft. Es ist finanziell sicher nicht lohnend, denn Biografien werden weitaus weniger gelesen als Romane.

 

 

weird: In der Neuauflage des Romans zum Film „Das Mädchen Manuela“ im Verlag Krug & Schadenberg 2012 hast du ein Nachwort geschrieben. Wie kam es dazu?

 

Ich hatte damals bereits die Neuauflage des Romans beim Daphne Verlag angeregt (1999), eher zufällig, zu der Zeit hatte ich mich noch nicht so sehr mit Winsloe beschäftigt. Nach dem Tod von Susanne Amrain, der Verlegerin vom Daphne Verlag, sind die Bücher dann vom Verlag Krug & Schadenberg aufgekauft worden, somit auch die Rechte für diesen Roman, der zu dem Zeitpunkt bereits nicht mehr lieferbar war. Mir hatte immer schon eine gleichzeitige Neuauflage von dem Roman mit Erscheinen der Biografie vorgeschwebt. Das alte Nachwort war zum Teil aufgrund der fehlenden Quellenlage fehlerhaft, d.h. es brauchte dringend ein neues Nachwort. Und natürlich habe ich mich während meiner Recherchen auch mit den diversen Fassungen dieses Textes (Theaterstück, Film, Roman) befasst.

 

 

weird: Dich interessieren generell aber Frauen/Lesbenbiografien. Was fasziniert dich?

 

Doris Hermanns: Mich interessiert in erster Linie immer, wie Frauen/Lesben zu unterschiedlichen Zeiten gelebt haben, wie sie es trotz aller Beschränkungen immer wieder geschafft haben, ihre Träume umzusetzen und auszuleben, z.B. Berufe zu ergreifen, die Männern vorbehalten waren. Spannend finde ich dabei auch Grenzüberschreitungen, Leben in verschiedenen Ländern, mit verschiedenen Kulturen und wie diese einander bereichert haben. Mich interessieren dabei eher Frauen, die nicht so bekannt sind, da ich am liebsten recherchiere und versuche, so viel wie möglich Unbekanntes ans Licht zu bringen. Die bekannten Frauen werden ohnehin eher wahrgenommen und dann gerne als „Ausnahmen“ hingestellt, die sie nicht unbedingt waren. Aber dass Frauen in allen Bereichen aktiv waren und sind, soll nicht offensichtlich werden, ein paar Ausnahmen dürfen mal sein, aber es sollte dann schon klargestellt werden, dass sie nicht der „Normalfall“ sind. Das ist bis heute so. Spannend finde ich auch immer wieder Frauennetzwerke, die es nicht nur heute gibt, sondern schon immer gesponnen wurden.

 

 

weird: Du schreibst u. a. für die Frauenbiografie-Datenbank FemBio.org von Luise F. Pusch. Wie entstand die Zusammenarbeit?

 

Doris Hermanns: Über eine gemeinsame Freundin und über meinen Beitrag für das von ihr und Joey Horsley herausgegebene Buch „Frauengeschichten“. Und vor allem über meine Begeisterung für das Schreiben von Frauenporträts.

 

 

weird: Luise F. Pusch kommt gebürtig aus Gütersloh. Du hast viele Jahre in Bielefeld gelebt. Kennst du sie persönlich oder näher?

 

Doris Hermanns: Wir sind uns einmal begegnet bei ihrer Ehrung als BücherFrau des Jahres (jährliche Auszeichnung der BücherFrauen). Ansonsten arbeiten wir per E-Mail zusammen, wie heute so viele Frauen über alle Grenzen zusammen arbeiten. Da spielt es dann auch keine Rolle, ob sie gerade in Boston oder Hannover ist und ich in Utrecht.

 

 

weird: Die ZVS hat dich 1980 aus der Nähe von Aachen zum Studium nach Bielefeld verschlagen. Was war dein erster Eindruck?

 

Doris Hermanns: Mein erster Eindruck von der Stadt war ziemlich negativ. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich zur Uni fuhr und sie nur abgrundtief furchtbar fand. In Aachen gibt es alte Hochschulgebäude, die einfach schön sind – und in Bielefeld diesen hässlichen Klotz. Gut, ich habe mich im Laufe der Jahre daran gewöhnt, es ist ja durchaus auch praktisch, wenn alles in einem Gebäude ist. Ansonsten war ich damals sehr froh über die sehr aktive Frauen- und Lesbenszene, die für mich später die Stadt bestimmt hat.

 

 

weird: Du bist offen lesbisch und hast dich damals während deiner knapp 10-jährigen Zeit in Bielefeld auch vielseitig für Frauen und Lesben engagiert. Wieso war das für dich wichtig?

 

Doris Hermanns: Ich glaube, für mich ist es eher die umgekehrte Frage, wie kann frau sich nicht engagieren, wenn sie wahrnimmt, wie Frauen bzw. Lesben in unserer Gesellschaft nicht wahrgenommen bzw. nicht ernst genommen werden. Mein Thema ist Sichtbarkeit, es gibt so unendlich viele Frauen, die die tollsten Sachen gemacht haben – und totgeschwiegen werden. Da ich mit zwei älteren Brüdern aufgewachsen bin, habe ich schon früh gesehen, was Jungen dürfen und wie sehr Mädchen eingeschränkt werden sollen, das waren Grenzen, die ich nie akzeptieren konnte.

 

Und es war mir auch nicht nur damals wichtig, sondern ist es bis heute für mich in allen Arbeitsbereichen. Ich bin als Antiquarin spezialisiert in Büchern von und über Frauen, von denen Kollegen oft keine Ahnung haben. Bei der Virginia Frauenbuchkritik bin ich seit 14 Jahren in der Redaktion und dort werden ausschließlich Bücher von Frauen besprochen, die auch von Frauen geschrieben sind – und die in den Feuilletons nach wie vor weitgehend ignoriert werden. Zudem rezensiere ich auch für Zeitungen und das Berliner Online Magazin Aviva.

 

Wie wenig sichtbar und selbstverständlich das ist, was Frauen machen, hat sich mir in den Zeiten, in denen ich noch ein Ladengeschäft hatte, immer wieder deutlich an den Reaktionen von Männern gezeigt. Wo die einen im Laden standen und staunend fragten, so viel hätten Frauen geschrieben (und da stand ja wahrlich nur ein kleiner Bruchteil), meinten andere mich belehren zu müssen, es hätte nie Frauen in der Philosophie, keine Komponistinnen oder sonst was gegeben. Da gibt es also nach wie vor noch eine Menge zu tun, denn - wie Luise Pusch es mal so schön formulierte - für nichts wird so viel Reklame gemacht wie für Männer. Aber das heißt ja nicht, dass wir das auch tun müssen, wir können jederzeit etwas dagegensetzen.

 

 

weird: Du warst u. a. auch von Beginn an im Frauenkulturzentrum Bielefeld, dass 2014 30-jähriges Jubiläum feiert. Wie erinnerst du die Zeit dort?

 

Doris Hermanns: Ich war nicht in der Gruppe, die das Frauenkulturzentrum aufgebaut und organisiert hat, habe aber immer in diversen Gruppen mitgearbeitet, vor allem lange Jahre in der Filmgruppe, aber auch in der Vorbereitungsgruppe der Ersten Bielefelder Frauenwoche und der Bielefelder Literaturwoche. Das FraZe war damals mein zweites Zuhause. Dort geschah so ziemlich alles, von politischen Auseinandersetzungen über Kulturprogramme bis hin zu den Kursen vom Frauenbildungswerk. Ich habe die Atmosphäre, in der Frauen einfach alles mit Frauen geteilt haben und von ihnen lernen konnten immer sehr geschätzt – und sie fehlt mir zuweilen.

 

 

weird: Du lebst nun seit vielen Jahren in den Niederlanden. Was verbindet dich heute noch mit Bielefeld?

 

Doris Hermanns: Die Jahre in Bielefeld waren ungemein wichtig für mich und ich fühle mich vielen Frauen, die ich aus dieser Zeit kenne, nach wie vor sehr verbunden. Ich komme immer mal wieder nach Bielefeld und habe noch diverse Freundinnen dort. Heute bin ich vor allem bei den BücherFrauen aktiv, einem Netzwerk von Frauen in der Buchbranche, von Buchhändlerinnen über Verlegerinnen bis Lektorinnen (und vielen anderen Berufen in der Buchbranche). Und ich mache in der Bielefelder Gruppe bereits seit Jahren immer mal wieder Veranstaltungen.

 

 

weird: Du hast ein Antiquariat in Utrecht, bist Autorin und auch Übersetzerin. Was ist dein nächstes Projekt?

 

Doris Hermanns: Nächsten Monat (VÖ: 17.9.14, Anm. d. Red.) erscheint der Roman „Sixty to Go. Roman vom Widerstand an der Riviera“ von Ruth Landshoff-Yorck, eine der vom AvivA Verlag wiederentdeckten Autorinnen, die ebenfalls bis zum Zweiten Weltkrieg in Deutschland veröffentlicht wurden und danach in Vergessenheit geraten war. Es ist meine erste Übersetzung und wird ergänzt mit einem Nachwort von mir. In Planung und Vorbereitung ist ein Sammelband über Autorinnen im englischen Exil, aber das wird noch eine Weile dauern.

 

 

 

 

 

Interview: Christine Stonat/Doris Hermanns (8/2014)

Fotos: Eva Hehemann (links), weird/Christine Stonat (oben)

Ausgabe Nr. 83

September 2014

Doris Hermanns, aufgewachsen in der Nähe von Aachen, hat in Bielefeld studiert und war hier bis 1990 in verschiedenen Frauen- und Lesbenprojekten u. a. im Frauenbuchladen und dem Frauenkulturzentrum aktiv. Heute lebt und arbeitet sie als Antiquarin (http://vind.home.xs4all.nl), Autorin und Journalistin in Utrecht, Niederlande. Am 17.9.14 erscheint ihre erste Übersetzung: der erstmals in deutscher Sprache veröffentlichte Roman von 1944 „Sixty To Go. Roman vom Widerstand an der Riviera“ von Ruth Landshoff-Yorck (AvivA Verlag). Doris Hermanns ist offen lesbisch. Sie interessiert sich besonders für Frauenbiografien und schreibt u. a. für www.fembio.org.

 

„Meerkatzen, Meißel und das Mädchen Manuela. Die Schriftstellerin und Tierbildhauerin Christa Winsloe“ (AvivA Verlag, 2012) ist ihre erste eigene Buchveröffentlichung als Autorin und zugleich die allererste Winsloe-Biografie. Erstmals daraus las Doris Hermanns in Bielefeld am 11.4.14. Anlass ihrer Lesung im Frauenkulturzentrum Bielefeld waren die Christa-Winsloe-Projekttage im Rahmen der ersten NRW-weiten Hirschfeldtage (mehr s. Archiv Ausgabe Nr. 78 April 2014 „Mitte“). Doris Hermanns referierte u. a. über Winsloes Zeit und Beziehung zur renommierten US-Journalistin und frühen, scharfen Kritikerin des Nationalsozialismus Dorothy Thompson. Die lesbische Schriftstellerin Christa Winsloe wurde durch ihr Theaterstück, das 1931 u. a. von ihr als „Mädchen in Uniform“ verfilmt wurde und anschließend auch als Roman erschien, weltbekannt. Vor dieser Zeit arbeitete sie zudem als Bildhauerin und schuf lebensgroße Tierskulpturen. Christa Winsloe wurde am 10.6.1944 in Frankreich erschossen.

 

Im 70. Todesjahr liest Doris Hermanns einmal mehr in Bielefeld aus ihrer Christa-Winsloe-Biografie (5.9.14, 20 Uhr, Museum Wäschefabrik). weird sprach im Interview mit ihr über Christa Winsloe, Recherchearbeit, Bielefeld und die Sichtbarkeit von Frauen und Lesben damals wie heute.

 

 

 

Lesung

5.9.14, Doris Hermanns: „Meerkatzen, Meißel und das Mädchen Manuela. Die Schriftstellerin und Tierbildhauerin Christa Winsloe“, Lesung, Museum Wäschefabrik, Bielefeld, 20 Uhr

Interview-Steckbrief

- in eigenen Worten -

 

 

Name: Doris Hermanns

Alter: 53

Beruf: Antiquarin, Autorin, Journalistin

Wohnort: Utrecht/Niederlande

Meine weirdeste Eigenschaft: Lesesucht

 

 

Foto: Eva Hehemann

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Ausgabe Nr. 83

September 2014

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