Die Wahrheit im Flugzeug nach Mexiko

 

 

 

 

 

 

Interview mit

 

Tubbe

 

 

 

 

 

 

 

 

 

weird: Auf euer Debutalbum habt ihr sowohl englisch- als auch deutschsprachige Songs gepackt. Macht es für dich inhaltlich oder gefühlt einen Unterschied, ob du auf Deutsch oder Englisch schreibst bzw. singst?

 

Steffi Jakobs (Tubbe): Im Deutschen ist man sicherlich ein wenig vorsichtiger mit dem, was man so von sich gibt. Will meinen: große Gefühlsausbrüche oder derlei sind einem eventuell weniger peinlich, wenn man sich hinter dem Englischen verstecken kann. Heißt natürlich nicht, dass man im Deutschen vornehmlich über unverfängliche Themen wie den letzten Tatort-Sonntag singen sollte. Aber etwas raffinierter formulieren und Peinlichkeiten umschiffen, das bietet sich schon an.

 

 

weird: Wie ist das mit der musikalischen Zuständigkeit in eurem Duo? Gibt es da klare Zuteilungen wie z. B. „Du: Gesang, Songschreiben, Gitarre/Bass“ und „Klaus: Elektronika, Produzent“?

 

Steffi Jakobs: Ziemlich genau so ist die Aufteilung. Wobei das musikalische Ausarbeiten oft auch zusammen passiert. Ich schicke Klausen eine Idee, die ich auf der Gitarre hatte, er bastelt was daraus und schickt es mir zurück. Ich marschiere ins Studio, habe einen Text oder eine Melodie und wir basteln weiter. Ein Hin und Her. Ein gutes.

 

 

weird: Gibt es irgendetwas „Überraschendes“, was bei der Arbeit an dem Album herausgekommen ist, etwas womit du so nicht gerechnet hast, was du anders erwartet hattest, was vielleicht anders geplant war und dann so gekommen ist wie es jetzt ist?

 

Steffi Jakobs: Das Überraschendste war sicherlich, dass unser Manager nicht komplett den Verstand verloren hat, bei all den verschiedenen Versionen und Stadien, die das Album durchlaufen hat. Oder wir. Wobei ich mir bezüglich unseres Verstands nicht ganz sicher bin.

 

 

weird: Was gefällt dir an eurem ersten Album am allerbesten?

 

Steffi Jakobs: Dass es fertig ist, siehe Verstand verlieren ...

 

 

weird: Aufgefallen sind mir immer wieder die tollen Textzeilen, angefangen mit „5 Minute Love“ („Don’t take my hand, take my picture for I’m gone“) bis in „Heute oder hier“ („Manchmal wünschte ich wirklich meine Tränen wären Wein und ich könnte endlich mal von mir selbst betrunken sein“) oder auch „Bei aller Liebe“ („Ich glaub dir jedes Wort. Du lügst in ganzen Sätzen“). Kannst du etwas zur Entstehung der ein oder anderen Lyrics erzählen?

 

Steffi Jakobs: Grundsätzlich sitzt das ganze Album schon eher hüfttief im Liebeskummer. Der ließ sich da ziemlich gut unterbringen. In all den verschiedenen Arten und Stadien, die er so durchlaufen kann. Erwartungen, Enttäuschungen, Rastlosigkeit … „Bei aller Liebe“ entstand kurz nachdem ich nach Berlin gezogen war und sich noch mal ein neuer Blickwinkel auf viele Dinge ergab. Zum Beispiel die kleinen Aussagen des Gegenübers gerne für bare Münze nehmen zu wollen und dann irgendwann zu merken, dass die Wahrheit derweil schon im Flugzeug nach Mexiko saß. Oder nach Düsseldorf. Aber in erster Linie nicht in den ganzen Sätzen, die gesprochen wurden.

 

 

weird: Es geht in den Lyrics u. a. immer wieder um Liebe. Aber auch um Queerness!? „This one goes out to you, saying that I’m more a boy than a girl” … Wie gehst du mit gängigen Geschlechterbildern und -rollen außerhalb deiner Musik(welt) um?

 

Steffi Jakobs: Ein wenig, das stimmt. Geschlechterrollen … Ich denke, es beginnt immer erst dann kompliziert zu werden, wenn die Außenwelt ins Spiel kommt. Was verhaltensauffälliger klingt, als ich es meine. Also … man tut und macht so vor sich hin, sieht aus, wie man eben aussieht und zieht sich an, wie man das eben mag. Dann geht man vor die Tür und sieht sich mit all den wunderlichen Interpretationen dessen konfrontiert, was andere Menschen denken, dass man deswegen sei oder mag oder tut.

 

Nicht alle Frauen tragen Röcke oder gehen darin auf sich ihre Haare zu kämmen. Das mag eine Herausforderung bezüglich der Sortierung in männlich oder weiblich für manche Leute darstellen, aber es ist so. Einige Männer mögen keine Autos. Völlig unbedenklich. Wegen Dingen dieser Art aber von irgendwelchen ignoranten Vollpfosten verlacht oder bedroht zu werden, ist einzig und alleine Scheiße.

 

Queer könnte bedeuten, die Dinge anders auszudrücken oder zu umschreiben, als die Konventionen es hergeben würden.

 

Insofern … ich finde es erbauend, dass es Abwechslung auf der Welt gibt und nicht alle genormt durch ihr Dasein hetzen. Ich empfehle es durchaus.

 

 

weird: Letztes Jahr hattet ihr einen Auftritt beim L-Beach-Festival. Ganz ohne Album und ohne Single. „5 Minute Love“ nebst Video erschien ja offiziell erst im Sommer drauf. Die Resonanz war super. Wie war der Auftritt für dich?

 

Steffi Jakobs: Ziemlich entzückend. Wir waren zu Beginn ziemlich gestresst, weil wir zeitgleich mit Frida Gold spielen sollten. Was natürlich eher mäßig geil ist, da tendenziell alle eher zum Haupt-Act gehen, als sich irgendeine neue Band anzuschauen. Also trödelten wir relativ gründlich vor uns hin, um Zeit zu schinden. Irgendwann wurden wir auf die Bühne gezwungen, das Konzert von Frida Gold war vorbei, alle kamen zu uns … und die Seligkeit nahm ihren Lauf.

 

 

weird: Schon länger nicht mehr hat mich ein Album vom ersten Ton gleich so erfasst wie „Eiscafé Ravetto“. Ähnlich ging es ja wohl auch anderen Hörer_innen eurer Musik – z. B. beim L-Beach Festival oder auf früheren Konzerten, bei denen ihr lediglich 4 Songs hattet. Für mich könnte ich vielleicht sagen, woran es liegt (grinst), aber hast du selbst eine Vorstellung, was euch und eure Musik besonders macht?

 

Steffi Jakobs: Hm, nein. Nicht wirklich. Ich fände mich wunderlich, wenn ich von mir sagen würde, etwas irre Besonderes zu sein. Außerdem könnte ich mir des Spotts meines Bandkollegen sicher sein. Völlig zu Recht. Wir machen einfach vor uns hin, probieren herum, bis wir froh und munter sind. Und nehmen uns nicht allzu ernst dabei.

 

 

weird: München – Berlin. Würdest du sagen, dein Umzug in die Hauptstadt hat nach der kurzen Zeit jetzt schon irgendetwas Spürbares mit dir gemacht?

 

Steffi Jakobs: Die große Wandlung zum geläuterten Weisen ist noch nicht eingetreten. Schade eigentlich. Aber einige Sachen wurden zurechtgerückt, manche Gedanken zu Ende gedacht und viele Zettel beschrieben. Berlin war gut gegen den Stillstand. Ist es immer noch.

 

 

 

 

 

Interview: Christine Stonat (2/2013)

Fotos: www.audiolith.net/tubbe

Steffi Jakobs* und Klaus Scheuermann sind das Elektropopduo Tubbe. Tubbe machen Elektropop in deutscher und englischer Sprache. Am 1.3.13 erscheint ihr Debutalbum „Eiscafé Ravetto“ beim Berliner Label Audiolith. U. a. mit „5 Minute Love“, „Mess“ und der neuen Single „Liebe.Fertig.“ 2011 gegründet und nicht mal eine Handvoll Songs, eroberte ihr verspielt dynamischer Sound schnell die heimischen Münchner Clubs. Und auch ihre lässigen Auftritte, darunter der beim lesbischen L-Beach Festival 2012, sorgten für Aufsehen, nicht zuletzt auch aufgrund der tollen Texte und einer ziemlich weirden Frontfrau. Von München zog es die queere Sängerin, Songschreiberin und Gitarristin Steffi Jakobs nun unlängst nach Berlin. Was die Stadt mit ihr macht, was queer für sie bedeutet, wie das Album entstand, wie es sich anfühlt hüfttief in Liebeskummer zu stecken, das und mehr erzählte Steffi Jakobs weird im aktuellen Interview.

 

Online: www.tubbemusik.de (alt)

www.tubbe.de (Update)

 

Tubbe

„Eiscafé Ravetto” (Audiolith)

Out: 1.3.13

Single: „Liebe.Fertig.

 

Mehr zum Album s. Archiv-Ausgabe Nr. 65 März 2013 „Artefakt”

 

 

 

Update: Weiteres weird-Interview mit Tubbe s. Archiv Ausgabe Nr. 90 April 2015 „Mosaik“

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Vita

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Interview-Steckbrief

Steffi Jakobs

Sängerin, Songschreiberin und Gitarristin der Band TUBBE*

 

 

- in eigenen Worten -

 

Name: Steffi aka Holy Moly

Wohnort: Berlin

Meine weirdeste Eigenschaft: Autokennzeichen addieren. Astreines Training fürs Kopfrechnen.

 

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*Der Tubbe-Sänger, Songschreiber und Gitarrist Jakobs, jetzt Henri Jakobs, outete sich Ende Oktober 2016 öffentlich als trans.