Liebe, Loyalität, Humor

 

 

 

 

 

 

 

Interview mit

 

Wendy Jo

    Carlton

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

weird: Du hast einen feinen Sinn für Humor und die Fähigkeit innerste Gefühle und Gedanken und Dinge, die sich zwischen zwei Menschen ungesagt abspielen, herauszuarbeiten. In deinen beiden Langspielfilmen und deiner neuen Webserie gibt es immer auch etwas Tieferes hinter den Bildern. Wie gehst du an einen neuen Film heran?

 

Wendy Jo Carlton: Danke, das ist wirklich schön zu hören. Wenn ich an einer Szene arbeite, stelle ich mir den Charakter im Raum bildlich vor und beobachte ihre Körpersprache und ihren Ausdruck währenddessen sie etwas sagt. Das versuche ich dann irgendwie auf eine Seite zu bringen, mit Handlungen, Timing oder vereitelten emotionalen Erwartungen. Wenn es dann ans Casten und Drehen solcher Szenen geht, kann ich mich auf das Innerste der Charaktere beziehen, dahin wechseln, und das hilft mir eine Auswahl zu treffen. Das Unausgesprochene ist das, was uns oftmals das meiste sagt, auf jeden Fall ist es für mich das Interessanteste. Im Film erzählt das menschliche Gesicht die Geschichte, und der Kontrast zwischen dem, was sie sagen und dem, was sie eigentlich fühlen oder begehren, kann sehr unterschiedlich  sein.

 

 

weird: Dein Debutspielfilm „Hannah Free” (2009), geschrieben von Claudia Allen, war nahezu wie ein Bühnenstück inszeniert. In der Hauptrolle die wundervolle Sharon Gless. Wie hast du die Arbeit für diesen Film erlebt?

 

Wendy Jo Carlton: „Hannah Free“ war die erste Filmadaption von einem von Claudia Allens Theaterstücken. Für den Film musste ich die Dialoge angleichen und eine Bilderwelt entwerfen. Die Landschaften, Nahaufnahmen, filmische Übergänge, visuelle Motive und später auch die Musik. Ich musste mir einen visuellen Weg ausdenken wie ich den Geist von Rachel als Figur transportiere und wie ich sie in ihrem Zimmer auftauchen und wieder verschwinden lasse. Ich wollte nicht, dass die Zuschauer_innen denken, dass Hannah „halluziniert“. Ich wollte, dass Rachel aus sehr emotionalen Beweggründen in diesen Raum ist. Das Publikum soll die Erfahrung machen, was Hannah mit ihr macht.

 

„Hannah Free“ handelt von Liebe und Loyalität gegen alle Widerstände. Und traurigerweise ist die Geschichte von Hannah Free und Homophobie und Bigotterie immer noch sehr zutreffend für viele LGBTQ-Menschen in der ganzen Welt.

 

 

weird: Du machst sehr viele andere Film- und TV-Produktionen. Hast du das Gefühl, dass ein Spielfilm dennoch bis heute als „Königsdisziplin“ für Regisseur_innen gesehen wird und siehst du das genauso?

 

Wendy Jo Carlton: Ja. Die Leute erkennen diese Filmform an und verstehen sie. Spielfilme sind immer noch die mächtigste, künstlerischste und kulturellste Währung in der Welt. Da ich das weiß, will ich meine Zeit und meine Bemühungen auf Arbeiten verwenden, die die beste Chance haben von einem größtmöglichen Publikum gesehen (und auch gekauft!) zu werden. Deshalb konzentriere ich mich auf Spielfilme. Mal sehen wie sich „Easy Abby“ nach der zweiten Staffel schlägt und ob sich das Modell Webserie profitabel zeigt!? Etwas, das mich bewegt, ist nämlich, dass der zunehmende digitale Konsum von Fernsehen und Mainstreamfilmen, sprich Filmen mit großem Budget, vielen Zuschauer_innen das Gefühl gibt, sie bräuchten nicht viel oder gar nichts zu bezahlen, um sich etwas anzusehen. Das ist weder angemessen noch wirtschaftlich rentabel für die Macher_innen.

 

 

weird: Deine andere filmische Arbeit ist nicht immer nur lustig oder lesbisch. Welchen Stellenwert haben deine Arbeiten mit lesbischer Thematik für dich?

 

Wendy Jo Carlton: Ich drehte früher Kurzfilme, die auf Mainstream- und auf queeren Festivals gezeigt wurden. Ich habe mit meinem Film „e.g., .23333“. den ersten Platz in der Kategorie „Experimental“ beim Kurzfilmwettbewerb „Visions Of The U.S.“ des amerikanischen Filminstitutes belegt. Der Film ist 4 Minuten lang und handelt von einem Mann, der eine permanente Bestätigung anderer braucht, dass er ok ist und dass er gut genug ist.

 

Schnell vorgespult, viele Jahre später, und ich schreibe „Easy Abby“ über eine junge Frau, die versucht sich selbst die Erlaubnis zu geben aufzublühen. Sie ist queer und sie liebt Frauen, aber in ihr tobt immer noch ein Kampf, nicht untypisch für viele Menschen unabhängig von Gender oder sexueller Identität. Ich bin nach wie vor an Themen wie seelischer Gesundheit, emotionalem Ausdruck und verbesserter Kommunikation mit anderen interessiert, während wir uns eine gute Zeit machen, einfach weil wir leben! Aber es gibt auch eine wirkliche Forderung nach queeren Filmen und Geschichten mit interessanten Frauenrollen, also habe ich für mich entschieden, beides zu machen! Ich weiß, dass Sichtbarkeit wichtig ist und dass popkulturelle Medien in dieser Hinsicht einen sehr positiven Effekt haben können und dazu beitragen eine Community und zahlenmäßige Stärke zu schaffen. Aber, ich will auch alle Zuschauer_innen unterhalten und ich hoffe, dass meine Arbeit sowohl bei heterosexuellen als auch LGBTQ-Zuschauer_innen Anklang findet. Denn meine Arbeiten sind witzig und so, dass sich jede_r darin wiederfinden kann.

 

 

weird: Was bedeutet Humor für dich?

 

Wendy Jo Carlton: Humor ist für mich die Marmelade auf dem Sandwich. Ich denke, wenn etwas schwierig oder peinlich ist oder dich hilflos und unsicher macht, lass uns versuchen, es in eine Filmszene einzuarbeiten. Diese Marmelade ist eine Menschenheilerin! Wenn ich wirklich heftig lachen will, schaue ich Wanda Sykes, Cameron Esposito, Ricky Gervais oder Ab Fab auf Repeat.

 

 

weird: Warum war 2009 die richtige Zeit für deinen ersten Spielfilm?

 

Wendy Jo Carlton: Schwer zu sagen. Für gewöhnlich merke ich immer erst, wenn ich zurückblicke, dass gewisse Leute, Orte und Ereignisse zusammenliefen. Ich wollte schon viele Jahre zuvor einen Spielfilm machen, und zu der Zeit hatte ich andere Projekte wie Kurzfilme, Dokumentationen, Reisen, Schule, Liebesaffären! Meine Haupteroberung aber ist meine kreative Arbeit und die verlangt Qualitätsarbeit in einem eher kurzen Zeitfenster. Ich meine, ich würde es bestimmt nicht ablehnen, wenn ich die Mittel hätte für zwei oder drei Assistent_innen! „Hannah Free“ ist entstanden, weil ich Tracy Baim (Produzentin des Films) bei ihrer Chicago Gay History Dokumentation geholfen haben. Claudia Allen war eine von 275 Leuten, die wir dafür interviewt haben. Wir sprachen darüber eins von Allens Theaterstücken zu adaptieren und dann führte eins zum anderen. Sharon Gless hatte bereits vor Jahren in einem von Claudias Stücken gespielt. Sharon hatte eine positive Verbindung zu Claudia und Chicago und wollte die Rolle spielen. Glück für uns.

 

 

weird: Für deinen zweiten Spielfilm „Jamie und Jessie sind nicht zusammen“ (2011) hat dich u. a. die Geschichte von zwei real existierenden Frauen dazu inspiriert die romantische Komödie/Musical zu schreiben. Diese Frauen waren Jacqui Jackson, die auch in „Hannah Free“ mitspielte, und ihre (Ex-)Freundin Jessica London-Shields. War das für beide nicht eine ziemlich „weirde“, sprich schräge, seltsame Konstellation am Set (grinst)?

 

Wendy Jo Carlton: Weird? Baby, alles ist weird! Ich mache diese Filme und Webserien mit kaum etwas Geld. Casting ist extrem wichtig. Und da ich kein Geld habe, um einen teuren Casting-Direktor anzuheuern oder eine bekannte Schauspielerin, die mir gefällt, zu bezahlen, baue ich stattdessen auf mich selbst und meinen Instinkt was Talent, Intelligenz und Charisma betrifft. Ich habe genau das in Jax (Jacqui) bei Hannah Free gesehen und ich habe das in den beiden zusammen gesehen. Ich habe einiges von ihrem Input für die Charaktere und Details genutzt, aber das Drehbuch wurde nicht über Jax und Jess und ihre realen Ichs geschrieben. Tatsächlich wurde viel von der Dynamik in der Beziehung zwischen Jamie und Jessie von einer engen Beziehung mit einer meiner früheren Lieben inspiriert. Wir lebten fünf Jahre zusammen in einem Haus und trennten uns danach. Die Geschichte des Films als Ganzes dreht sich um Intimität und Wissen, die bzw. das Freund_innen teilen, besonders zwei queere Frauen.

 

 

weird: Du hast mal vor rund anderthalb Jahren in einem Interview gesagt, dass du allein damals schon bis zu vier Geschichten hast, die darauf warten erzählt zu werden. Ist deine neue lesbische Webserie „Easy Abby“ eine davon?

 

Wendy Jo Carlton: Nein. „Easy Abby“ entstand wie die Spielfilme. Ich traf Lisa Cordileone und wusste, dass sie Schauspielerin war. Irgendwann redeten wir über schlechte Kommunikation und erzählten uns gegenseitig Anekdoten über schlechte Dating-Etiquette, die wir so erlebt hatten. Ich wollte eine Webserie machen, um zu sehen, wie die Episodenform für mich als Erzählerin sein würde und wie viel mehr Leute wir so mit unserer Arbeit erreichen können. Auch hier vertraute ich meinem Instinkt und wusste, dass Lisa (als Hauptdarstellerin Abby und Produzentin) eine großartige Energie, innere Kraft und ein großartiges Talent hat und dass wir gut zusammenarbeiten würden.

 

Andere Projekte in der Zukunft schließen einen Suspense-Thriller „The Disappearance Of Sister Pauline“ und ein Drama/Thriller namens „The Orchard“ ein. Beide handeln von einer vermissten Person und auch davon, dass „alles nicht so ist wie es scheint“. Aber ich bin nicht interessiert an Horror- oder grausamen Bildern. Obwohl ich damit wohl VIEL mehr Geld verdienen würde, habe ich mich auf vermisste Personen und Befreiung fixiert. Ein Teil dessen ist vom Verlust meiner Mutter und meines Vaters beeinflusst, aber bereits seit ich ein kleines Mädchen war, erzähle ich gerne Geschichten, die eine erbauliche Qualität besitzen, irgendwo zwischen den dunklen Herausforderungen und dem deprimierenden Zeug im Leben, ein Teil dessen die Charaktere sind.

 

 

weird: Crowdfunding ist gerade ein Riesenthema. Gerade auch für Filmemacher_innen. „Easy Abby“ wurde auf diesem Wege erfolgreich finanziert. Wie denkst du über diesen neuen Weg kreative Projekte zu finanzieren und an den Start zu bringen?

 

Wendy Jo Carlton: Jeder neue Weg, der Filmemacher_innen hilft, ihre Arbeit zu machen, ist natürlich wunderbar, aber immer mehr Leute machen Online-Funding-Kampagnen, so dass das Ganze mehr „crowded“ – sprich voll bzw. überfüllt – als „funded“ – sprich finanziert – ist. Wie viel Geld eingenommen werden kann, hängt oft davon ab, wen du kennst, und ob sie bereit sind, dir dabei zu helfen, dein Projekt bekannt zu machen. Unabhängig vom Wert oder Konzept des Projektes musst du viel Zeit darin investieren an der Stimme und dem Video für die Kampagne zu basteln. Wir haben 20000 Dollar einnehmen können für „Jamie und Jessie sind nicht zusammen“. Zwei Jahre später waren es nur 5000 Dollar für „Easy Abby“. Und unsere erste Staffel, 14 Episoden à jeweils 5-6 Minuten, hat dieselbe Länge wie ein Spielfilm. Ich denke, der Wettbewerb in dieser Landschaft ist viel größer geworden.

 

 

weird: Sind alle Folgen für „Easy Abby“ bereits abgedreht?

 

Wendy Jo Carlton: Ja, in der Tat. Wir haben die Dreharbeiten für „Easy Abby“ Ende Dezember 2012 beendet. Wir machen das Editieren und das Sounddesign wöchentlich, so dass wir im Schnitt eine Episode pro Woche auf http://easyabby.com bzw. auf unserem Juicy Planet-YouTube-Kanal und auf der Plattform www.onemorelesbian.com veröffentlichen. Ich bin gerade total begeistert von der Popularität der Folge 3, denn bis heute (Stand: 23.1.13) hat die Folge mehr als 60000 Views (89000 Stand 28.1.13, Anm. d. Red.) in den USA, Saudi Arabien, Deutschland, England und Frankreich. Es wird bald Untertitel in Spanisch, Arabisch, Deutsch, Italienisch, Französisch, Niederländisch und Afrikaans geben. Das macht doch Spaß, oder!?

 

Ich skizziere derzeit eine Story für die zweite Staffel von „Easy Abby“ mit dem Ziel, dass die zweite Staffel komplett über Werbeträger finanziert wird. Oder die Serie wird von jemand gekauft, der oder dem gefällt, was wir machen. Es ist ein Spiel. Wir sind verrückt und ehrgeizig.

 

 

 

 

 

Interview: Christine Stonat (1/2013)

Fotos: Joe Mazza (s/w), Hal Baim (Fotos rechts Mitte und unten vom Hannah Free-Dreh)

 

Die offen lesbische Drehbuchautorin, Regisseurin und Medienaktivistin Wendy Jo Carlton lebt in Chicago. Die mehrfach preisgekrönte Filmemacherin hat nach ihren beiden lesbischen Spielfilmproduktionen Hannah Free (2009, Pro-Fun), Jamie und Jessie sind nicht zusammen (2011, Salzgeber) aktuell mit „Easy Abby“ (s. auch Regelmäßige Termine) ihre erste lesbische Webserie veröffentlicht. Im Wochentakt laufen die 5- bis 6-minütigen insgesamt 14 Dramady-Folgen der 1. Staffel auf http://easyabby.com an. Ende Januar 2013 lief die Folge 5. Und das mit Erfolg. Die Serie verzeichnet weltweite Views im 5-stelligen Bereich. Folge 3 ist dabei besonders beliebt, die geht gerade auf die 100000 zu. Neben ihrer seit  knapp 25 Jahren eigenen Independent-Filmarbeit, arbeitet Wendy Jo Carlton u. a. als Produzentin für Radio und Fernsehen. Als Künstlerin kam sie von Seattle nach Chicago, wo sie Film und Neue Medien studierte.

 

Ihre lesbische Filmarbeit ist romantisch, witzig, derzeit etwas neurotisch. Wendy Jo Carlton zeigt sich in ihrer Arbeit als eine sehr sensible Regisseurin und Drehbuchautorin, die nicht nur viel Sinn für Humor hat, sondern auch viel Feingefühl für Schauspieler_innen und Charaktere beweist und dabei gerne hinter Dinge blickt und Unausgesprochenes zwischen Menschen an die Oberfläche bringt. Mehr über ihre Filmarbeit, ihren Humor und ihren besonderen Instinkt für Menschen und Details erzählt Wendy Jo Carlton im aktuellen weird-Interview.

 

 

 

 

Online:

http://easyabby.com

http://jamieandjessie.com

http://facebook.com/easyabby

http://about.me/wendyjocarlton

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Interview-Steckbrief

- in eigenen Worten -

 

 

Name: Wendy Jo Carlton

Beruf: Autorin, Filmemacherin, Lehrerin

Wohnort: Chicago

Meine weirdeste Eigenschaft: Körperlich: Meine Daumen lassen sich im 90-Grand-Winkel verbiegen

Mental: Ob gut oder schlecht, ich bemerke immer viele Kleinigkeiten um mich herum

Außerdem: Ich esse zwei ganze Avocados mit Reiscrackern und mag meine Tarotkarten-Lektüre

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Ausgabe Nr. 64

Februar 2013

Regisseurin Wendy Jo Carlton (rechts) mit Sharon Gless bei den Dreharbeiten zu „Hannah Free“.

Regisseurin Wendy Jo Carlton (rechts) mit Jacqui „Jax“ Jackson (Darstellerin in „Hannah Free“ und „Jamie und Jessie sind nicht zusammen“)

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