Nicht den Mangel beklagen, sondern die Vielfalt zeigen

 

 

 

 

 

 

 

Interview mit

 

Bernadette

    La Hengst

 

 

 

 

 

 

 

 

 

weird: Dein neues Album „Integrier mich, Baby“ ist sozial- und gesellschaftskritisch, aber auch ein Album über die Liebe. „Bedingungsloses Grundeinkommen Liebe“. Braucht unsere aktuelle Welt mehr Liebe im Kampf gegen die Krise(n)?

 

Bernadette La Hengst: Krisen sind immer dazu da, etwas Neues entstehen zu lassen und die Welt braucht immer Liebe, um der Vergänglichkeit etwas entgegen zu setzen. Für mich ist eine neue Liebe immer wie ein Wunder. Ich kann mich selbst noch mal neu erfinden, dadurch werde ich zumindest für eine Zeit lang zu einem besseren Menschen. Ach, das klingt ja schlimm, aber ich lasse es mal so stehen. Meine utopische Idee von Liebe ist ja, dass man dadurch die Welt verändern kann. Aber ich benutze die Liebe in meinen Texten mehr als Bild, um ein gesellschaftliches Phänomen zu beschreiben, z. B. vergleiche ich die Bedingungslosigkeit der Liebe mit der eines Grundeinkommens. Das ist das, was sich eigentlich jeder wünscht, und wenn ich diese politische Forderung in ein Liebeslied übertrage, wird es vielleicht besser verstanden. Auch bei dem Titelsong „Integrier mich, Baby“ funktioniert dieser Trick sehr gut. Die Integrationsdebatte, die hierarchische Frage danach, wer hier eigentlich wen integriert, hab ich einfach in die Liebesbeziehung übertragen. Und zusammen mit tanzbarem Discosoul ergibt das dann meine Version von „Subversion durch Schönheit“.

 

 

weird: In „Haus am Ozean“ zeichnest du ein kosmopolitisches Bild von dir bzw. von deinem künstlerischen Ich. Ländergrenzen verschwinden, aber auch der Heimatbegriff („Überall zu Haus“, „Mein Leben ist ein flüchtiges Exil“). Du als Meerjungfrau, die die Welt auf dem Kopf trägt!? Ist das dein Bild von dir und der Welt und dein Heimatbegriff?

 

Bernadette La Hengst: Das Lied ist ein Versuch, die Welt zwischen Tourismus und Migration zu beschreiben. Es gibt ja viele Orte, die beides miteinander auf bitterste Weise vereinen wie die Insel Lampedusa oder die Straße von Gibraltar, wo sehr viele Menschen auf ihrem Weg von Afrika nach Europa umkommen. In dem Lied weiß man nicht genau, ob „ich“ ein Flüchtling oder ein Tourist bin, und dieses dazwischen sein finde ich als Erzählerin/Sängerin reizvoll. Im Refrain erhebe ich dann diese google-maps Reise in eine utopische Idee von einem Land ohne Grenzen.

Ich glaube wir leben mittlerweile in einer Art Hyperkultur, in der wir unsere nationale Identität mehr und mehr abgeben zugunsten eines patchworkartigen Gebildes aus verschiedenen Identitäten. Das ist die Chance unserer Zukunft.

 

 

weird: In „Rolling Role Models“ aus deinem neuen Album heißt es: „We are the queer generation. And I feel fine.“ Du bezeichnest dich damit selbst als queer!? Seit wann und wie hast du das für dich und dein Leben festmachen können?

 

Bernadette La Hengst: Also, die Frage ist, was bedeutet eigentlich queer? Zwischen den Geschlechtern? Lesbisch oder schwul oder ist es einfach ein post-gender Begriff, der sich nicht auf eine geschlechtliche Zuschreibung reduzieren lassen will? Als Musikerin musste ich mich oft damit auseinandersetzen, denn in vielen Medien wurde über meine Weiblichkeit oder die meiner Ex-Band Die Braut haut ins Auge mehr geschrieben als über meine Musik oder Texte. Ich bezeichne mich selbst als feministisch, weil ich mich in einer feministischen Tradition sehe, aber ich möchte nicht darauf reduziert werden, denn die Welt ist so groß und es gibt so viele Themen, die ich in meinen Liedern besinge und bespiele. Meine feministische Haltung bestand auch immer darin, dass ich mir selbstverständlich das Recht heraus genommen habe, zu rocken (wie es die Jungs auch tun).

 

Das Lied „Rolling Role Models“ ist für das Theaterstück „Planet der Frauen“ im Theater Freiburg entstanden, dort haben 30 Frauen zwischen 19 und 83 Jahren mit mir zusammen den Feminismus theatral und musikalisch neu verhandelt. Es ging an dem Abend viel um die Quotenregelung und Vereinbarung von Familie und Beruf, und mit dem Lied wollte ich eine andere Position einnehmen, jenseits von der Diskussion um weibliche Führungspositionen. Es hat einfach eine schöne Kraft, wenn 30 Frauen zusammen singend behaupten: „We are the queer generation“.

 

 

weird: Du lehnst, so sagst du, Geschlechterklischees ab. Als wie schwierig empfindest du es für dich, deine Tochter im Grundschulalter aus den heteronormativen Rollenzuteilungen und Klischees der Gesellschaft „rauszuhalten“, also es anders zu machen, trotz der Fremdeinwirkung von außen?

 

Bernadette La Hengst: Oh, das ist gar nicht so einfach, ich selbst stecke ja mitten drin in diesen Rollenzuteilungen. „Ich bin die Schönheit und die Subversion, ich bin Erotik und die Reproduktion, der Kompromiss und die Diplomatie, und das Museum meiner Biografie ...“ (aus dem Lied „Ich bin drüber weg“) Auch dieses Lied hat eine suggestive Kraft, denn wenn ich behaupte „ich sei drüber weg“ über die Zuschreibungen, die mich als Frau auch immer einengen, dann sprenge ich diese Fesseln mit einem Popsong. Meine Tochter hatte von Anfang an auch Jungs als beste Freunde, und sie bekommt von mir die Freiheit, alles sein zu können, sowohl die Prinzessin als auch der Prinz, der die Prinzessin rettet. Selbstvertrauen ist das beste Mittel für ein selbstbestimmtes Leben jenseits von Geschlechterklischees.

 

 

weird: Du hast u. a. mit Tania Witte (17.11.12, 19 h, Lesung, Fraze, Bielefeld) 2012 Drag-King-Workshops gegeben. Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Tania und dazu, dass du dich mit dem Thema Drag King befasst hast? (Das Foto rechts zeigt Bernadette La Hengst als Drag King. Anm. d. Red.)

 

Bernadette La Hengst: Ich hatte mir für unser Theaterstück „Planet der Frauen“ ein Kostüm für mich ausgedacht, das mich als eine weibliche Drag Queen (eine Frau, die einen Mann spielt, der eine Frau sein will) zeigen sollte. Also, ein Spiel mit Identitäten, ähnlich wie ein Drag-King-Workshop, nur eine Schraube weiter gedreht. In meinem Alltag spiele ich normalerweise nicht so auffällig mit Geschlechts-Identitäten, aber im Theater will ich meine Gedanken dazu vergrößern und visualisieren.

 

Ich hab dann Tania Witte angefragt, ob sie einen Drag-King-Workshop in Freiburg machen will, weil ich dachte, das passt gut zu unserem Stück, und wenn dann die Teilnehmerinnen des Workshops als Drag Kings später im Publikum sitzen, wäre das eine schöne absurde Erweiterung unseres Frauen-Planeten.

 

 

weird: Popfeminismus ist heute ein Wort, das gar nicht unbedingt etwas mit Musik zu tun hat. Mit „Die Braut haut ins Auge“ war es aber wörtlich zu nehmen – die Verschmelzung von Popmusik und Feminismus. Das hast du als Künstlerin bis heute in deiner Musik und darüber hinaus fortgesetzt. Sind Feminismus und Kunst für dich unzertrennlich?

 

Bernadette La Hengst: Ach, ich weiß nicht, ob ich das bewusst so fortgesetzt habe. Ich beschäftige mich in meinen Liedern und in meinen Theaterprojekten ja mit allen möglichen Themen, versuche immer, Laien und Laiinnen (neue Wortschöpfung!) auf die Bühne zu holen, und eine Art Selbstermächtigung mit allen möglichen Menschen zu unterstützen, um damit die Gesellschaft zu beschreiben und zu verändern. Dazu gehört natürlich auch, die Welt von Frauen und jungen Mädchen zu besingen. Netzwerken gehört für mich dazu, über andere Künstlerinnen sprechen, nicht den Mangel beklagen, sondern die Vielfalt zeigen.

 

Vor kurzem war ich Gast in einer österreichischen Fernsehtalkshow, wo es um das schnarchige Thema ging „Beatles und Stones – rockt Musik noch die Gesellschaft?“ Ich hab dort fast nur über die erste Frauenbeatband der Welt, die „Liverbirds“ gesprochen, die in den Popanthologien der 60er Jahre kaum vorkommen.

 

 

weird: Feminismus, ja. Aber, was mir gar nicht so direkt bewusst war: dass du dich mit deiner frühen Hamburger Frauenband „Die Braut haut ins Auge“ direkt in Verbindung mit der damaligen Riot-Grrrl-Bewegung gesehen hast!? Was genau hat dich an Riot Grrrl fasziniert?

 

Bernadette La Hengst: Wir waren von vielen Sachen beeinflusst, von 60er Jahre Beat und Rock ‘n‘ Roll, Country und Folk, Pop und Chansons, meist von Sängerinnen, aber als diese ganzen Bands aus Amerika plötzlich in Hamburg spielten, waren wir natürlich total umgehauen von der Wucht, mit der z. B. L7, Bikini Kill und Sleater Kinney ihre Musik ins Publikum rotzten. Das war schon toll, dass sie genauso wütend und laut waren wie die Männerbands, und ihren Körper wie eine Waffe benutzten. Allerdings waren wir nie so eindeutig wütend oder punkig wie die Bands der Riot-Grrrl-Bewegung, wir waren eher humorvoll poppig, aber auch widerborstig romantisch und trash-rockig. Wir standen immer zwischen den Stühlen, irgendwo zwischen der diskursiven Hamburger Schule, den poppigen Spice Girls und den rockenden Riot Grrrls. Aber das ist auch ganz gut so, denn so haben wir unsere eigene Sprache gefunden, die sich nicht so leicht einordnen ließ.

 

 

weird: In der Musikszene meint man ja, Riot Grrrl sei ein Phänomen der 1990er gewesen und längst tot. Aber das stimmt ja so nicht, vor allem außerhalb der Musikszene lebt der Riot-Grrrl-Gedanke weiter. Was denkst du?

 

Bernadette La Hengst: Na ja, es gibt immer noch viele Bands, die sich musikalisch und inhaltlich darauf beziehen, aber die meisten Bands aus der Zeit gibt es ja nicht mehr, bzw. sie haben sich auch weiter entwickelt. Aus Bikini Kill ist ja dann „Le Tigre“ geworden, aus Punk wurde Elektroclash, und eine Sängerin wie Peaches hat da auch sehr nachhaltig gewirkt, obwohl sie mit den Anfängen der Riot Grrrl Bewegung nichts zu tun hatte.

 

Wenn jetzt Pussy Riot aus Russland mit der Riot Grrrl Bewegung verglichen wird, stimmt das nur bedingt, denn Pussy Riot sind ja in erster Linie politische Aktivistinnen, die geschlechts-unspezifische Themen mithilfe von Punk und Perfomance an die Öffentlichkeit bringen.

 

 

weird: Hast du als Feministin, als Queer, als Musikerin und auch sonst – vielleicht auch unterschiedlich viel – Hoffnung, dass aus dieser Welt eine „bessere“ werden kann?

 

Bernadette La Hengst: Ich glaube, dass alles, was ich tue, auch etwas auslöst. Für alles, was ich gebe, bekomme ich auch etwas zurück, egal in welcher Währung. Mit diesem Lebensmotto fahre ich ganz gut, und in der Politik sehe ich das auch so. Weg von dem Wachstumsgedanken, hin zur Entschleunigung, zum alltäglichen „besten Augenblick in meinem Leben“. Meine Platten sind ja auch jedes Mal wie ein Baby, das ich in die Welt setze, so dass ich neben meiner Tochter auch noch ganz viele andere Dinge von mir wachsen sehe, die sich auch manchmal in ungeahnte Richtungen entwickeln. Zum Beispiel kann man mein Plattencover jetzt, seitdem die EU absurderweise den Friedensnobelpreis bekommen hat, noch mal neu betrachten. Ich als europäisch/afrikanische Lampe mit offenen Armen, die ruft: „Integrier mich, Baby!“ Wär‘ schön, wenn der Preis für Europa einen Denkanstoß in eine andere Integrations- und Flüchtlings-Politik geben würde.

 

 

weird: Du hast, wie bereits erwähnt, die Musik zum Theaterstück „Planet der Frauen“, das in Freiburg gespielt wird, geschrieben. Kannst du uns etwas zu dem Stück und der Musik erzählen? Wird es auch eine Art Tour mit dem Stück durch Deutschland geben?

 

Bernadette La Hengst: Die Zusammenarbeit mit den 30 Frauen war sehr inspirierend, gerade weil so viele unterschiedliche Biografien und Generationen aufeinander trafen. Es gab viele Diskussionen über Selbstverständnis und Unterdrückungs-Mechanismen, strukturelle Probleme und viele Geschichten von Wissenschaftlerinnen, Anwältinnen, Künstlerinnen, Studentinnen, Müttern, Frauen aus queeren Zusammenhängen. Und das Gruppengefühl, die Solidarität untereinander war unheimlich stark, es ist schon ein Unterschied, ob man mit Frauen oder Männern zusammenarbeitet.

 

Und für mich ist es immer entscheidend, mit Musik etwas zu bewegen. Ein 30-köpfiger Soul-Chor, der mit mir zusammen z. B. „Rockerbraut & Mutter“ singt, war schon immer ein Traum, und hat in dem Theaterabend wunderbar funktioniert. Da wir 30 Frauen auf der Bühne sind, wird es schwer, damit Gastspiele zu geben, aber ich hoffe, es klappt, einfach mal ab und zu auf meiner Website schauen, da stehen immer die aktuellen Termine.

 

 

weird: Gebürtig kommst du aus Bad Salzuflen, aus der Nähe von Bielefeld also. Leider ist Bielefeld diesmal auf deiner aktuellen Tour zu deinem neuen Album nicht dabei. Traurig? Wir schon!

 

Bernadette La Hengst: Ich glaube, das wird noch klappen, will auf jeden Fall in Bielefeld spielen. Ich bin ja jetzt gerade auf Tour und spiele zusammen mit der tollen Schlagzeugerin El La Wanja von den Maiden Monsters www.maidenmonsters.com.

 

 

 

 

 

 

 

Interview: Christine Stonat (10/2012)

Fotos: Christiane Stephan, Maurice Korbel (Drag King)

 

Bernadette La Hengst kommt aus der Nähe von Bielefeld. Genau gesagt aus Bad Salzuflen, der Keimzelle, aus der die musikalische Hamburger Schule hervorging. Nach vier Alben mit ihrer ehemaligen Hamburger Frauenband Die Braut haut ins Auge (1994-2000) erschien vor wenigen Wochen mit „Integrier mich, Baby“ ihr viertes Soloalbum. Darauf fragt Bernadette La Hengst nach der eigenen Art, singt von Integration, bedingungslosem Grundeinkommen und von der Auflösung von Körpergrenzen. Und in ihrem Song „Rolling Role Models“ heißt es dann schließlich: „We are the queer generation. And I feel fine.“ Dieser Song entstand für ein Frauentheaterstück, für das Bernadette La Hengst u. a. die Musik schrieb. Theater, Oper, Film - Bühnen, auf denen sich die Musikerin seit vielen Jahren ebenso zu Haus fühlt wie auf der Konzertbühne. Wie wandelbar sie selbst ist, zeigte sie 2012 u. a. in Drag-King-Workshops, die sie gemeinsam mit der queeren Berliner Autorin Tania Witte (weird-Interview s. Archiv-Ausgabe Nr. 60 Oktober 2012) gab - Bernadette La Hengt als Drag King s. Foto unten.

 

Ihre aktuelle Herbst-Tour 2012 zum neuen Album setzt Bernadette La Hengst vom 9. bis 18.11.12 fort. Und wir vermuten augenzwinkernd, ihre neuen Pressefotos zu Album und Tour entstanden deswegen im Wasser, weil Bernadette La Hengst bekannt für ihre Schweißausbrüche ist … Denn: „Ich werde auch die Schweißkönigin von Deutschland genannt“, so lautet ihre Antwort auf die Frage nach ihrer weirdesten, also schrägsten Eigenschaft - siehe Steckbrief links. Bernadette La Hengst lebt in einer heterosexuellen Beziehung und das seit der Geburt ihrer Tochter Ella Mae 2004 in Berlin. Sie ist Feministin und lehnt Geschlechterklischees ab. Sie spricht aber auch gerne über ihre Musik und Texte. Das haben wir dann einfach mal im aktuellen Interview mit ihr gemacht!

 

 

 

Bernadette La Hengst

„Integrier mich, Baby“ (Trikont Records)

Out: seit 21.9.12

Single: „Integrier mich, Baby“

 

Live:

Bernadette La Hengst, Berlin, Festsaal Kreuzberg, 11.11.12

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Vita

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Interview-Steckbrief

- in eigenen Worten -

 

 

Name: Bernadette La Hengst

Alter: 44

Beruf: Musikerin, Theatermacherin

Wohnort: Berlin

Meine weirdeste Eigenschaft: Ich werde Schweißkönigin Deutschlands genannt

 

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