Sprechen ohne Musik

 

 

 

 

 

Interview mit

 

Tania Witte

 

 

 

 

 

 

 

 

weird: Du hast mit „leben nebenbei“ einen neuen, zweiten Roman im September 2012 veröffentlicht. Darin erzählst du neue Geschichten der aus deinem Debut bekannten Figuren Johanna, Nicoletta & Co. Zwei Bücher in nur anderthalb Jahren!? Wann wusstest du, dass es mehr als einen Roman für die Clique braucht?

 

Tania Witte: Relativ schnell. Spätestens aber durch die Reaktion meiner Leser_innen. Alle haben ganz klar gesagt: „Das reicht nicht. Die Charaktere sind uns noch nicht vertraut genug. Wir wollen mehr davon hören.“ Ich fand das auch. Ich war noch nicht fertig mit den Mädels und den Jungs und denen dazwischen.

 

 

weird: Die ersten Leser_innen fordern schon jetzt den dritten Band. Wird es eine Fortsetzung geben?

 

Tania Witte: Ach, wirklich? Wo denn? (Lacht) Ja! Ja! Ich denke, es wird noch einen dritten Band geben. Die ersten paar Seiten gibt es schon … Na ja, auf jeder Lesung höre ich: „Oh, von der musst du mehr erzählen. Ich will mehr über Liza wissen“, oder wer immer zu kurz kommt, was bei einer Crew von sechs Haupt- und vier Nebenfiguren und einer Kröte letzten Endes alle sind. Das zeigt mir, wie unterschiedlich die Identifikationen mit den Protagonist_innen sind, und dass jede_r jemanden findet, wo es passt. Natürlich kann ich nicht alle psychologisch bis ins kleinste Detail vertiefen – das entspricht einfach nicht der Romanform, die ich gewählt habe. Und deshalb wird es sicher einen dritten Teil geben, denn die Charaktere scheinen den Menschen ans Herz zu wachsen. Das zeigt mir wie nah die Menschen meinen Charakteren sind, und das finde ich sehr schön.

 

 

weird: Wie wichtig war dir in deiner Arbeit die Vielfalt von LGBTQ-Leben zu dokumentieren?

 

Tania Witte: Ich habe das Drama und die Chance, dass es sehr viele unterschiedliche Charaktere gibt. Mir ist vor allem wichtig, dass es ein wenig von den Dualismen weggeht. Es soll ein Abbild sein von der Vielfalt von Menschen und spielt dabei bewusst mit Klischees. Ich selbst bewege mich in dem sogenannten queeren Kontext. Ich habe Menschen in meinem Umfeld, die Trans*gender sind, ich habe Menschen in meinem Umfeld, die trans*ident sind. Ich lebe in einem sehr gemischten Kontext, der dadurch, dass ich in Berlin lebe, noch dazu eine Fokussierung ermöglicht, die man in anderen Städten nicht hat.

 

 

weird: Würdest du die beiden Romane auch als Berlin-Romane bezeichnen, eine Hommage an Berlin? Auch wenn gerade dein neuer Roman an weiteren Schauplätzen angesiedelt ist.

 

Tania Witte: Eine Hommage und Kritik. Natürlich muss man die Kritik lesen wollen. „leben nebenbei“ spielt bewusst auch an anderen Orten. Die Verortung in Berlin ist nicht mehr so wahnsinnig wichtig. Ich habe damals Berlin als Ort gewählt, weil ich hier lebe und weil eben hier diese Vielfalt möglich ist.

 

 

weird: Mit Kritik meinst du Berlin-kritisch oder gesellschaftskritisch?

 

Tania Witte: „Gesellschaft in Berlin“-kritisch. Die allgemeine Gesellschaftskritik liegt ja ohnehin in der Kraft des Stoffes. Ich glaube aber, dass die Berliner_innen dazu neigen, und da schließe ich mich gar nicht immer aus, sich für … den Nabel der Welt zu halten … das ist jetzt auch nicht richtig ausgedrückt … ich meine, … sich zu übertragen. Es gibt hier alles auf der Straße, es gibt in der Szene alles. Wenn ich woanders hingehe und denke: „Wie, das habt ihr noch nie gehört, wieso!?!?“, dann ist das eine Arroganz, die damit transportiert wird, dadurch, dass du in diesem Spektrum lebst, das es anderswo eben nicht gibt. Das hat mich ein bisschen angestrengt und genervt. Deshalb versuche ich, das auch bei mir selbst zu vermeiden. Die Überkorrektheit, die eine Engstirnigkeit nach sich zieht, die wollte ich kritisieren. Damit habe ich natürlich auch die Szene kritisiert und auf der anderen Seite hoch gelobt. Es gibt immer zwei Seiten.

 

 

weird: Du hast mal 2010 in einem Interview erzählt, dass du im Stehen pinkeln kannst (lacht) und das queer findest. Hat queer für dich mehr politische Bedeutung oder beziehst du es hauptsächlich darauf, wie du handelst, was du bist und mit wem du Beziehungen pflegst?

 

Tania Witte: Ah, ja, im Bikini im Treptower Park mit meinem Stehpinkel-Ding, das heißt Freelax. Toll. Fand ich anfangs total albern, aber es hat mein Leben verändert. Wie war die Frage? Na ja, ich denke, das kann man nicht trennen. Handeln ist politisch und auch meine Beziehungen sind politisch. Queer ist ein politisches Statement nach außen. In dem Moment, wo ich vor die Tür trete, positioniere ich mich auf irgendeine Art. In der Öffentlichkeit im Stehen zu pinkeln finde ich generell nicht besonders toll und vor allem nicht zwangsläufig besonders politisch, aber im Bikini im Stehen zu pinkeln finde ich schon politisch, weil es die Menschen verwirrt, weil es niemand erwartet. Ich finde es politisch, dass du versuchst ein Leben zu leben, das sich den Schubladen von außen so weit wie möglich entzieht. Das ist für mich queer. Ich mag den Begriff ehrlich gesagt nicht besonders gerne, aber er ist der einzige, den ich für mein Leben und das Leben vieler meiner Freund_innen verwenden kann. Und ich finde, dass er Facetten und Freiheiten hinzufügt, die „lesbisch“ und „schwul“ nicht bedienen können. Auch, weil ich nur begrenzt an Geschlechter glaube und das meinem Anspruch und meinem philosophischen Hinterbau und meinen persönlichen Beziehungen nicht gerecht wird. Ich denke aber auch, dass queer ein Begriff ist, der sich in ganz banalen Dingen zeigen kann. Ich finde eine alte Frau mit Glitzer im Haar und pinkfarbenen Turnschuhen queer, weil sie dem normativen Denken widerspricht. Queerness geht weit über die Szene hinaus.

 

 

weird: Queer meint auch, ein Weg von Kategorisierungen, du sprachst gerade von Schubladen. Du bezeichnest dich, soweit ich informiert bin, bewusst als Femme. Widerspricht sich das?

 

Tania Witte. Jein. Ich bin immer eher als Femme bezeichnet worden, als dass ich das selbst getan hätte. Das ist etwas, was von außen an mich heran getragen wurde. Aber, ich habe mich das selbst auch wieder gefragt im Zuge einer Vorbereitung auf eine Lesung zum Thema „Femme“ (zum Buch „Femme! radikal - queer – feminin“ (Querverlag 2010), Anm. d. Red.) Der Text von mir in diesem Buch heißt „QueerFemme“ (Untertitel „Vom lebhaften (Er)Leben einer Nicht-Existenz“, Anm. d. Red.) Mit dem Text kann ich mich inhaltlich noch gut identifizieren, aber ich möchte mich nicht festlegen lassen. Und ich möchte mich auch nicht auf das Label Femme reduzieren lassen, in der Kombination Queer-Femme funktioniert es aber gut für mich. Ich will mir selbst die Freiheit nehmen, mehr als EIN Begriff, EIN Gender sein zu dürfen. Ich bin auch manchmal sehr butchy und habe ganz viele andere Facetten. Aber ich fand und finde es immer noch politisch wichtig, den Begriff Femme, auch wenn er hier in Berlin schon wieder am Abebben ist, als Begriff zu etablieren und die Weiblichkeit politisch als Gender zu installieren und sichtbar zu machen. Und wenn schon Schubladen, dann kommt mir diese wohl am nächsten ...

 

 

weird: Du bist Autorin, aber auch Spoken-Word-Performerin und Mitbegründerin der Frauen/Lesben/Trans*-Bühne Shut Up And Speak. Spoken Word heißt für dich u. a. auch die Möglichkeit, niedergeschriebene Dinge laut aussprechen zu können!? Hilft dir das bei der persönlichen Verarbeitung von Dingen oder wird frau* so einfach besser gehört?

 

Tania Witte: Sowohl als auch. Schreiben an sich hilft mir bei der persönlichen Verarbeitung. Der Unterschied zu meinem schriftstellerischen Arbeiten ist, dass meine Bücher reine Fiktion sind. Die Spoken-Word-Sachen, die ich mache, haben sehr oft reale Wurzeln. Sie erzählen mehr von mir. Wenn du die Sprache nicht nur in deinem Kopf behältst, sondern sie durch die Stimme, die etwas ist, was aus deinem Körper kommt, rauslässt, dann hat das noch mal eine ganz andere Intensität und Bedeutung.

 

 

weird: Machst du einen Unterschied zwischen Spoken Word und der Spoken-Word-Form Poetry Slam?

 

Tania Witte: Für mich persönlich: Ja. Poetry Slams haben ganz großartige Menschen hervorgebracht, auch einige großartige Frauen. Ich selbst mag jedoch den Wettbewerb nicht. Ich möchte mich ungerne mit anderen messen. Und bei Slams schreibst du auf die Gunst des Publikums hin, auf Lacher. Ernste Themen kannst du kaum nehmen. Das ist der Unterschied zu dem, was Shut Up And Speak will. Es ist schön, dass da auch Platz ist für andere Formen von Texten. Du darfst auch Menschen berühren, und es geht nicht darum, dass am Schluss wirklich viele Leute klatschen. Es ist auch ok, wenn keiner klatscht und alle erst mal da sitzen und schlucken.

 

 

weird: Du hast als Journalistin früher für das Musikmagazin Zillo gearbeitet. Was ist für dich schöner, über Musik zu sprechen (schreiben) oder sprechen zu Musik?

 

Tania Witte: Sprechen zu Musik. Meine Zeit als Musikjournalistin hat mich verdorben. Als leitende Redakteurin hatte ich teilweise bis zu sechs CDs am Tag zu rezensieren. Ich hab dann als ich aufgehört habe jahrelang kaum bis gar keine Musik mehr gehört. Und ich mag auch in diesem Bereich keine Schubladen. Ich verorte mich nicht mehr. Aber sprechen zu Musik ist etwas total Tolles. Das machen übrigens auch viele Spoken-Word-Künstler_innen. Ich finde es ganz großartig, wenn es gut gemacht ist. Für mich persönlich reichen aber die Worte an sich.

 

 

weird: Im November 2010 wärst du ja fast mit Shut Up And Speak auf Einladung der Bielefelder Gruppe Ladyshake in Bielefeld aufgetreten. Die Veranstaltung wurde jedoch abgesagt …

 

Tania Witte: Schade, ja! An dem Willen der Gruppe lag es, glaube ich, nicht. Soweit ich mich erinnere, gab es technische Probleme im Veranstaltungsraum.

 

 

weird: Ist es komisch für dich als Journalistin, die du ja auch selbst viele Interviews gemacht hast, jetzt als Autorin auf der anderen Seite zu sitzen?

 

Tania Witte: … (Lacht) Ich sollte viel weniger von mir erzählen. Aber ansonsten macht es mir Spaß. Ich finde es immer spannend, mich mit anderen Menschen auszutauschen, besonders, wenn es konstruktiv ist.

 

 

weird: Du gibst last but not least auch Spoken-Word-Workshops. Du bist studierte Medienpädagogin. Ist das Empowerment von Mädchen, Frauen, Lesben und Trans* oder geht es in den Workshops vor allem um die Sprachkunst?

 

Tania Witte: Für mich ist es immer Empowerment, wenn man Frauen, Lesben, Trans* zum Sprechen ermutigt. (Lacht) Ich bin auch diplomierte Erwachsenenbildnerin. Ich habe studiert wie man Menschen anleitet. Und das mit dem Schreiben zu verbinden, liegt natürlich nah. Ich finde, dass Frauen, Lesben, Trans* und Weiblichkeiten aller Art auf die Bühne und in die Öffentlichkeit gehören, weil die doch sehr männerdominiert ist. Ich bin Feministin. Es geht um alles, was Frauen, Lesben, Trans* ermutigt laut zu werden, zu sprechen, Gefühle auszusprechen, Worte zu finden und die Unterdrückung dadurch, dass viele von uns immer wieder gesagt bekommen: „Du kannst das nicht. Du bist nicht gut genug. Wen soll das interessieren?“ und die ganzen inneren Zensuren, die wir viel mehr haben als die meisten männlich sozialisierten Menschen, weg zu fegen, sich das zu trauen. Meiner Erfahrung nach geht das in einem geschützten Rahmen besser. Deshalb gebe ich die Workshops. Empowerment und Schreiben in Kombination. Ich liebe Worte und bin glücklich, wenn Menschen ihre Art von Worten finden. Die Schönheit steckt in allem.

 

 

 

 

 

Interview: Christine Stonat (18.9.12)

Fotos: Risk Hazekamp (links), Reinhard Simon (oben)

Tania Witte lebt seit vielen Jahren in Berlin. Die studierte Medienpädagogin ist Schriftstellerin, Journalistin und Spoken-Word-Performerin und wurde in Trier geboren. Sie gibt nicht nur regelmäßig Spoken-Word-, sondern auch gelegentlich Drag-King-Workshops und kann sich für sich und ihre Lebensumstände momentan noch keinen anderen Begriff als queer vorstellen. Im September 2012 veröffentlichte Tania Witte ihren zweiten Roman „leben nebenbei“ (Querverlag). Die Fortsetzung ihres Debuts „beziehungsweise liebe“ (Querverlag, 2011), die mit leichter, frischer Schreibe die verschiedensten Facetten queerer Frauen* und queeren Lebens im Allgemeinen und in Berlin im Besonderen dokumentiert. Kein reiner Lobgesang auf Berlin und die Szene. Warum das und noch mehr erzählte uns Tania Witte zwei Wochen nach Buchveröffentlichung im aktuellen Interview am Telefon.

 

 

 

Tania Witte

„leben nebenbei“

(Querverlag)

Roman, 304 S., broschiert

Out: 3.9.12

s. Archiv Ausgabe Nr. 59 September 2012 „Artefakt“

 

Buchtrailer „leben nebenbei“

s. auch weirds YouTubeKanal Playlist „10/2012 Artefakt …“

 

Tania Witte „leben nebenbei“

Buchpremiere Berlin - Lesung

17.10.12, 19.30 Uhr, Schwules Museum, Berlin

 

 

5 Jahre weird | Bielefeld hat seine Tage präsentiert: Tania Witte „leben nebenbei“

Lesung; nur für Frauen, Frauenkulturzentrum, Bielefeld, 19 Uhr, 17.11.12

in Kooperation mit dem Frauenkulturzentrum

 

 

 

Weiteres weird-Interview mit Tania Witte s. Ausgabe Nr. 85 November 2014

Seite 1

Vita

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Interview-Steckbrief

- in eigenen Worten -

 

Name: Tania Witte

Alter: ist eine Illusion

Beruf: Schriftstellerin, Journalistin, Spoken-Word-Performerin

Wohnort: Berlin

Meine weirdeste Eigenschaft: Die feste Überzeugung, dass alles einen Sinn hat. Irgendwie.

Ausgabe Nr. 60

Oktober 2012

Tania Witte

„bestenfalls alles“

Queer‘s, Bielefeld

19.30 Uhr, 17.11.2014

 

Bielefeld hat seine Tage 2014

In Kooperation mit der LAG Lesben in NRW. Mit freundlicher Unterstützung des Queer‘s

 

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Oktober 2012

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