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Ausgabe Nr. 54

April 2012

Singlebörse neu.de - Hier fängt es an...

 

 

 

 

 

 

Eine eigene Kunst

 

 

 

 

 

Interview mit

 

 

Maren Kroymann

 

 

 

 

 

 

 

weird: Sie gehen ab April mit Ihrem neuen Programm „In My Sixties“ weiter auf Tour. Start ist am 12.4.12 mit einer Köln-Premiere, präsentiert vom Internationalen Frauenfilmfestival Köln | Dortmund. Für wie wichtig halten Sie Frauenveranstaltungen wie das Filmfestival und ähnlicher Art?

 

Maren Kroymann: Ich finde es sehr wichtig, dass es diese Veranstaltungen für Frauen gibt. Wobei man nicht sagt, dass da kein Mann reinkommen soll. Ich finde wichtig, dass man sich Gedanken macht, ob es etwas von Frauen, über Frauen oder für Frauen ist. Also, dass man genauer nachdenkt, was eigentlich der Schwerpunkt ist. Und dann kommt man darauf, dass es z. B. auch Filme sein können, die über Männer gehen oder über Männer und Frauen oder eine Sicht auf die Gesellschaft zeigen, aber die von einer Frau gesehen wird.

 

Und das ist das Wichtige: dass Frauen ihre Sicht der Dinge unter die Leute bringen. Das finde ich insofern wichtig, als das es überhaupt gar nicht selbstverständlich ist, dass die Frauensicht gezeigt wird. Oft ist die Sicht, die man hat, die Männersicht. Da, wo die Weltsicht geprägt wird, sind sehr wenige Frauen. Das heißt, es ist immer noch Grund genug, uns gegenseitig unseres eigenen Blickes zu vergewissern, den zu fördern und uns daran zu gewöhnen, dass wir den überhaupt haben.

 

Bei der Satire, das ist ja mein Fach oder früher gewesen, ist es ganz deutlich, dass ganz wenige Frauen schreiben. Es gibt ein paar die spielen, aber es gibt meist männliche Autoren, die schreiben. Das ist nicht unbedingt die Sicht von Frauen, die wir dann vermittelt bekommen. Immer, wenn es um die große Sicht geht, darum zu zeigen, welche Sicht von der Welt oder auch welchen Humor wir haben, worüber wir lachen, sind Frauen ganz stark unterrepräsentiert.

 

 

weird: Aktuell laufen bei Ihnen die Dreharbeiten zu neuen Folgen der ZDF-Krimiserie „Flemming“. In der Serie spielen Sie eine weibliche Chefin, eine Kommissarin. Wie sehen Sie ein Fortkommen in der Gleichstellung auch im Hinblick auf die Debatte um eine Frauenquote in deutschen Führungspositionen?

 

Maren Kroymann: Natürlich sieht man im Fernsehen mehr Chefinnen als es wirklich gibt (lacht). Manchmal denke ich, es gibt auch mehr Kommissarinnen als es wirklich gibt. Was ich sehr schön finde. Beim Tatort haben sie, seit vielen Jahren schon, reagiert und haben sowohl jüngere als auch ältere Kommissarinnen eingesetzt. Frauen als Ermittlerinnen sind Identifikationsfiguren. Das sind die Starken, die die Verbrecher zur Strecke bringen. Das ist sehr wichtig, dass da Frauen eingesetzt worden sind.

 

Aber ich glaube, es gibt immer noch das Gefälle. Z. B. sind Löhne und Gehälter zwischen Männern und Frauen nicht gleich, das kann man gar nicht oft genug sagen. Meistens wird der Trick angewandt, dass die Arbeit nicht gleich definiert wird. Wenn man z. B. Schauspieler nimmt, ist es ganz klar, dass Männer mehr verdienen. Insgesamt verdienen Männer besser als Frauen, das ist einfach immer noch so. Deswegen ist es ganz wichtig, Frauen in Führungspositionen wenigsten zu zeigen. Die Quote einzuführen finde ich total richtig, weil es völlig absurd ist, wie unterrepräsentiert Frauen dort sind. Und von selbst bewegt sich nichts.

 

Es gibt einmal im Jahr eine Ausgabe der Financial Times, in der die Top-Business-Frauen der Weltwirtschaft gezeigt werden. Die kauf mich mir immer, weil ich einfach die, die es geschafft haben, mal sehen möchte (lacht). Von den 25, die da vorgestellt werden, ist dann ein deutlicher Prozentsatz, und das ist ganz interessant, der Teil, der geerbt hat, der Unternehmertochter oder Witwe ist und deshalb die Chefin. Es zeigt, es ist immer noch der einfachste Weg. Das können tolle Frauen sein. Aber interessant finde ich immer die anderen anzugucken. Und dann gucke ich immer und denke: Det könnte ne Lesbe sein, det könnte ne Lesbe sein (lacht).

 

 

weird: Wie sehr spielt ihr eigenes Lesbisch sein in ihrem Arbeitsleben an Film- und Fernsehsets eine Rolle?

 

Maren Kroymann: Beim Drehen nicht so, dass man’s merkt. Die wissen das alle, es wird aber nicht darüber geredet. Ich selbst habe es so viel in den letzten 18 Jahren vor allem im Fernsehen formuliert, ich muss eher aufpassen, dass ich nicht zu sehr mit dem Thema Lesbisch sein in Verbindung gebracht werde, weil das die Leute abtörnt. Ich muss gucken, dass ich gut spiele und dass ich die Erwartungen, die in mich gesetzt werden, erfülle. Ich muss einfach ganz klar beweisen, dass ich, unabhängig von meiner sexuellen Orientierung, eine gute Schauspielerin bin. Das ist meine Hauptaufgabe. Aber nebenbei möchte ich, dass es selbstverständlich bekannt ist, dass ich diese sexuelle Orientierung habe, und ich möchte natürlich nicht deswegen diskriminiert werden.

 

 

weird: Frauen und Lesben in der Gesellschaft, ist ein Thema, was Sie persönlich sehr beschäftigt. Sie reden sehr leidenschaftlich, aber auch sehr „diplomatisch“ darüber. Es scheint, als hätten Sie für sich so etwas wie eine Wissenschaft gefunden, wie man das Lesbisch sein in die Gesellschaft trägt und damit größtmögliche Akzeptanz erreicht …

 

Maren Kroymann: (lacht sehr lange) Na ja, Wissenschaft … Ich muss eben meinen Weg finden wie ich genau das umsetze, was ich möchte. Es soll selbstverständlich sein, es soll bekannt sein, aber ich möchte nicht nur dadurch definiert werden.

 

 

weird: Und wie machen Sie das?

 

Maren Kroymann: Ich habe meine Bühnenprogramme, worin feministische Gedanken vorkommen und wo ich als Lesbe vorkomme und zwar in einem Nebensatz. Ich überlege – und ich verwende Gehirnschmalz darauf – wie ich mit Beiläufigkeit und Souveränität dieses Thema einbringen kann. Es ist da. Es ist da, aber nicht pädagogisch, didaktisch oder moralisch. Und das ist eine eigene Kunst. Die Leichtigkeit in dieses Thema hineinzubringen oder dieses Thema mit einer Leichtigkeit zu behandeln. Das geht am besten in meinen eigenen Bühnenprogrammen, denn da bin nur ich entscheidend.

 

Dann habe ich noch die Talkshowauftritte, die ich relativ häufig mache. Da kann ich auch sagen, was ich denke, und mich als eigene Person präsentieren und kann einem größeren Publikum eine Definition von mir zeigen, die ich bestimme. Ich habe irgendwann erkannt, dass Talkshows für mich eine Riesenchance sind, weil ich dadurch keine blöden Homestorys machen muss, oder Gala oder Bunte oder so, wo es immer um Beziehungen geht, sondern da kann ich tatsächlich inhaltlich über Themen reden und die unters Volk bringen. Und das nutze ich und mache es ausgesprochen gerne. Das hat sich noch nicht bei allen Schauspieler_innen rumgesprochen, dass man das kann (lacht).

 

 

weird: (lacht)

 

Maren Kroymann: Ich bin ja nun komischerweise ins Fernsehen gekommen, ohne, dass ich das direkt angestrebt hatte. Ich hatte nicht mal einen Fernseher. Jetzt spielte ich aber eine Hauptrolle. Die Leute kannten mich und jetzt hatte ich auch die Verpflichtung etwas Positives zu verändern. Da habe ich dann angefangen, mit dem was ich an der Uni und bei meinen studentischen Aktivitäten gelernt hatte, zu argumentieren. Ich kam damals mit meinem feministischen Unianspruch in dieses Fernsehen, was so gar nichts mit dem Studentischen zu tun hatte. Ich habe mich daher relativ unbefangen artikuliert.

 

Ich wollte aber nicht irgendwelchen Scheiß spielen, sondern ich hatte meine Ansprüche, die ich mir in meinem langen Universitätsstudium erworben habe, ein Koordinatensystem an Gedanken und politischen Werten. Ich habe gedacht, das bringe ich hier einfach ein. Auf einmal merkte ich, dass das geht, und dass das sinnvoll ist ... Hanns Eisler hat in Zusammenarbeit mit Brecht damals die Grundfrage gestellt: Wie erreiche ich die Massen, ohne sie zu verdummen? Diese Fragestellung finde ich immer noch total aktuell, gerade, wenn man im Fernsehen arbeitet. Das kann man auf politisch linke Positionen beziehen, aber auch auf feministische Positionen. Wie spiele ich eine Rolle, ohne dieses dämliche Frauenbild, was sie immer haben wollten, zu perpetuieren? Wie mache ich eine Tür in eine andere Richtung auf? Man muss ein bisschen kämpfen, aber es geht.

 

 

weird: Sie sind derzeit, das darf man wohl so sehen, die einzige offen lesbische Schauspielerin in Deutschland, die „trotz“ des kontinuierlichen Einblendens lesbischer Thematik so erfolgreich und gefragt ist und sich dabei einer uneingeschränkten Beliebtheit bei einem breiten heterogenen Publikum erspielt hat.

 

Maren Kroymann: Das ist aber schön, dass Sie das sagen. Es freut mich total, wenn Sie es so sehen. Hmm. Ja. Da muss man einfach lange durchhalten. Ich bin jetzt 62, und es ist so ein bisschen auch Erntedank. Über die Jahre merken die Leute, dass man für Promo nicht alles macht und nicht mit jeder blöden Privatgeschichte in die Öffentlichkeit will. Sie merken den Unterschied zu dem, was üblich ist, und honorieren das, und das tut mir total gut. Und dann denke ich: Juchu! Die Leute sind eben wirklich nicht so doof, für wie sie gehalten werden. Irgendwie werde ich auf meine alten Tage von einigen geschätzt. Sogar von Männern, die mich früher nicht leiden konnten.

 

 

weird: Dass Sie lesbisch sind, haben Sie erst recht spät in Ihrem Leben entdeckt. Was hatten Sie früher für eine Beziehung zur Homosexualität?

 

Maren Kroymann: Ich hatte immer schwule Freunde und war immer die gute Freundin von schwulen Jungs. Allerdings habe ich das erst spät bemerkt. Ich bin ja in allem eine Spätentwicklerin. Den ersten schwulen Freund hatte ich als ich Theater spielte, da war ich 19. Das war sozusagen der erste Schwule, dem ich live begegnet bin. Da wusste ich’s im ersten Jahr aber nicht, das hat er mir erst später gesagt. Ich fand toll, wie er sich geoutet hat. Das habe ich ganz lange begleitet. Im Grunde ist das für mich Vorbild fürs Coming-out gewesen. Weil ich diese ganzen Krisen und schwierigen Phasen mitgemacht habe, in denen ich ihn so extrem tapfer fand. Und ich fand immer auch, dass es richtig ist, das zu machen, man darf sich nicht verstecken. Ich fand großartig wie die Jungs sich getraut haben. Lesben habe ich selbst im universitären Berlin der 1970er Jahren, als ich schon erwachsen war, nicht viele wahrgenommen.

 

 

weird: Ihr aktuelles Bühnenprogramm „In My Sixties“ handelt von Ihrer Teenagerzeit in den 1960ern, aber auch vom Älter werden. Sie sind jetzt 62 und können sich vor Arbeit kaum retten (lacht). Denken Sie dennoch schon ans Aufhören … (der Rest der Frage „… oder können Sie sich Ihre Arbeit bis ins hohe Alter vorstellen?“ geht unter, denn Maren Kroymann unterbricht.)

 

Maren Kroymann: Nee. Die Frage finde ich völlig absurd, denn dieser Gedanke kommt mir so was von gar nicht! Aufhören? Jetzt fängt es ja gerade erst gut an. (Lacht) Wie Sie auch gesagt haben, ich habe das Gefühl, ich habe eine total gute Phase. Ich mache mein Eigenes, ich bin in anderen Sachen ganz gut etabliert. Ich spreche mich langsam rum, und die Leute beginnen mich zu würdigen. Das hat lange gedauert. Ich habe auch spät angefangen. Mit 37 die erste große Fernsehrolle, das ist spät. Und ich werde noch lange machen. Ich möchte arbeiten bis ich tot umfalle, natürlich. Ich habe jetzt immer gedacht, 96 werden, aber natürlich bei bester Gesundheit und so, dass ich mir die Arbeit dann aussuchen kann. Das wäre das Schönste.

 

 

 

 

 

 

 

Interview: Christine Stonat (15.3.12)

Fotos: Milena Schlösser

 

Sie gehört zu den beliebtesten weiblichen Film-, Fernseh- und Bühnenpersönlichkeiten dieser Zeit. Maren Kroymann, 62, Schauspielerin. 1993 outete sie sich öffentlich, zwei Jahre nachdem sie ihr Lesbisch sein mit über 40 Jahren für sich entdeckt hatte. An der Seite von Monika Gruber ist sie seit Februar 2012 in der ZDF-Satireshow „Leute, Leute“ zu sehen. Im März drehte sie für die neue Staffel der ZDF-Krimiserie „Flemming“. Im April 2012 setzt sie ihre Bühnentour mit ihrem neuen Soloprogramm „In My Sixties“ fort. Ein doppel- wie feinhumoriges Programm, in dem Maren Kroymann aus der Sicht als 62-Jährige einen von Dusty Springfield bis Elvis inspirierten musikalischen Blick in ihre Teenagerzeit der 1960er wirft. Start ist in Köln, präsentiert vom Internationalen Frauenfilmfestival Köln | Dortmund, das wenige Tage später in Köln stattfindet. 2011 gehörte Maren Kroymann hier zur Festivaljury. Warum die weibliche Sicht auf die Dinge wichtig ist, warum sie überhaupt nicht ans Aufhören denkt, und dass sie im Herzen weird ist, das und mehr verriet Maren Kroymann weird aktuell in einem Telefoninterview.

 

 

Maren Kroymann „In My Sixties“ live:

 

12.4.12, Comedia Theater, Köln

2.2.13, Ringlokschuppen, Bielefeld

 

Interview-Steckbrief

- in eigenen Worten -

 

Name: Maren Kroymann

Alter: 62

Beruf: Schauspielerin mit Gedanken

Wohnort: Berlin

Meine weirdeste Eigenschaft: Ich bin scheinnett (Weird zu sein finde ich generell prima. Ich bin im Herzen weird.)

 

 

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