Gegen Diskriminierung zur Wehr setzen

 

 

 

 

 

Interview mit

 

Sabine Bernardi

 

 

 

 

 

 

 

weird: Nach Dokumentationen und Kurzfilmen ist „Romeos“ (Kinostart: 8.12.11) dein erster Spielfilm. Was war für dich die besondere Herausforderung?

 

Sabine Bernardi: Eine besondere Herausforderung war für mich, das Thema Transgender über einen Liebesfilm zu erzählen und dabei das tiefer darunterliegende Thema, nämlich Identität, dann auch über alle Haupt- und Nebenfiguren zu spiegeln. Besonders herausfordernd war dann natürlich das Casting – ich brauchte einen jungen Schauspieler, der diese Rolle ausfüllt, trägt und dabei gleichzeitig von seiner Körperlichkeit das mitbringt, was die Figur für ihre Glaubwürdigkeit erfordert. Das war für einen ersten Film sehr schwierig. Aber auch sehr spannend!

 

 

weird: Dein mit einem Preis ausgezeichnetes Drehbuch-Treatment zum Film ist bereits von 2007. Wie lange hat die Realisierung von der Idee bis zur Premiere alles in allem gedauert?

 

Sabine Bernardi: Von der ersten Idee bis zur Premiere sind 4 Jahre vergangen, doch da man nie ausschließlich an so einem Projekt arbeitet, ist die Entwicklungszeit kürzer. Vom ersten Gespräch beim ZDF, bis zum Ende der Produktion kann man sagen, waren es 2 Jahre, das ist ganz gut.

 

 

weird: 21 Drehtage sind da in Relation auf jeden Fall nicht besonders viel, oder? Eine Frage des Geldes oder bist du generell jemand, die schnell „schießt“?

 

Sabine Bernardi: Beides. 21 Drehtage sind klar dem Budget geschuldet, aber so muss man heute auch arbeiten. Gleichzeitig waren ich und mein Team sehr gut vorbereitet, so dass man dann präzise und trotzdem schnell arbeiten kann.

 

 

weird: Für alle unverständlich, wurde der Film von der FSK ab 16 Jahren beschränkt. Die FSK hat nach Protesten seine darüber hinaus auch noch homophobe Begründung für die Altersbeschränkung im Dezember 2011 dann neu formuliert. Du bist selbst lesbisch - wie sehr hat dich diese Homophobie erschreckt?

 

Sabine Bernardi: Die erste Begründung habe ich auch persönlich als sehr verletzend empfunden, weil sie den Tenor hatte, dass es was Schlechtes ist, wovor man Jugendliche schützen muss. Sich davon freizumachen ist für alle (oder viele) beim Coming-out ein schwieriger Prozess, den ich zwar schon lange hinter mir hatte, der aber doch nun ähnlich wie ein Bumerang zurückkam. Der Prozess, der sich durch den Protest damit aber in Gang gesetzt hat, war gut und wichtig, und inzwischen gab es auch ein persönliches Gespräch mit der FSK. Sie nehmen das sehr ernst und werden in Zukunft sehr viel sensibler damit umgehen. Gleichzeitig hat es auch gezeigt, dass so ein Denken gesellschaftlich immer noch sehr verankert ist, und dass es wichtig ist, sich damit auseinanderzusetzen. Auch im Jahr 2012.

 

 

weird: Es hat sich ja bis heute einiges in der Angelegenheit getan. Was ist der Stand der Dinge und wie zufrieden bist du jetzt?

 

Sabine Bernardi: Inzwischen sind wir in Berufung gegen die Einstufung gegangen, es gab am 28.12.11 eine neue Ausschusssitzung mit einem neuen Ergebnis: Altersfreigabe FSK 12. Darüber bin ich sehr froh, und hoffe, dass er wie von vision kino nun auch empfohlen auch mal in Schulen gezeigt wird, fänd ich super, wenn GLBT mal in die Klassenzimmer kommt. Mal sehen, was passiert.

 

Dass wir von der FSK einen so frühen neuen Prüftermin am 28.12. bekommen haben, darüber freue ich mich sehr, das ist wirklich toll – das neue Ergebnis jetzt natürlich ganz besonders. Wie gesagt, wegen der ursprünglichen Begründung war ich sehr schockiert, und auch verletzt, als Regisseurin hängt man mit einem Debütfilm emotional natürlich auch stark drin. Aber letztendlich glaube ich, hat es was Positives bewirkt, man ist wacher geworden, und es zeigt, dass man sich gegen Diskriminierungen zur Wehr setzen kann – das ist gut, und kann man ja auch auf andere Situationen übertragen.

 

 

weird: Auf der anderen Seite hat der Film von der Deutschen Film- und Medienbewertung FBW das „Prädikat wertvoll“ bekommen. Fragt man sich da nicht, wie das zusammengeht!?

 

Sabine Bernardi: Das sind voneinander unabhängige Gremien, die somit unterschiedliches spiegeln. Ja, und natürlich ist beim Film auch immer persönlicher Geschmack dabei. Davon kann man sich nicht freimachen.

 

 

weird: Du lebst und arbeitest in Köln. Du kommst aber ursprünglich aus München bzw. bist in Südtirol aufgewachsen. Was gefällt dir an der Rheinmetropole?

 

Sabine Bernardi: Die Leute. Sie sind lebenslustig, die Kölner, das gefällt mir. Als Regisseurin aber ist es vor allem ein super Standort, ich bin dort zur ifs (internationale filmschule) gegangen, und Romeos wurde von der Filmstiftung gefördert, die Nachwuchsförderung ist dort klasse, und von den Geschichten, die wir erzählen können, gibt es auch mehr als den Rhein und den Dom (grinst).

 

 

weird: Du sagst, dass du die queere Szene Kölns, in der „Romeos“ spielt, selbst gut kennst. Ist „Romeos“ auch eine Art Hommage?

 

Sabine Bernardi: Oh ja, Romeos ist eine Hommage! An die wilden Zeiten in der Szene, Ende der Neunziger, als dort jede Woche ein neuer Club aufmachte. War großartig. Deshalb haben wir die Clubszenen beispielsweise auch in der Blue Lounge gedreht, ein Club, in dem ich früher auch selbst oft war. Ich dachte, so was muss in den Debütfilm rein - hab mich sehr gefreut, dass wir dort drehen durften - und es war wie ein Flashback wieder dort zu sein.

 

 

weird: Nach dem Film ist vor dem Film. Gibt es schon ein nächstes (Spiel-)Filmprojekt, das du 2012 (oder später) angehen wirst?

 

Sabine Bernardi: Es gibt Ideen und Gespräche für den nächsten Film, konkreter kann ich grad noch nicht werden, aber ich bin dran.

 

 

 

 

 

Interview: Christine Stonat (12/2011)

 

Sabine Bernardi (37) wuchs in München und im italienischen Bozen auf. Ihr Studium der Filmregie brachte die offen lesbische Filmemacherin nach Köln, wo sie bis heute als freie Autorin und Regisseurin lebt und arbeitet. Sabine Bernardi ist neben ihrer eigenen filmischen Tätigkeit Realisatorin für daily Formate für VOX sowie freie Dozentin für Filmschauspiel und Kameratraining u. a. an der Arturo Schauspielschule, Theaterakademie und ifs – internationale filmschule Köln sowie am Medienprojekt Wuppertal mit der Leitung verschiedener Filmworkshops in der Jugend- und Erwachsenenbildung.

 

Nach eigenen Dokumentar- und Kurzfilmen sowie Hörfunkfeatures („Riot Grrls“ 2009 u. a.) startete am 8. Dezember 2011 Sabine Bernardis erster Spielfilm „Romeos“ in den deutschen Kinos. „Romeos“ entstand in Zusammenarbeit mit dem ZDF für die Reihe „Das kleine Fernsehspiel“ und handelt von einem jungen Transmann, der aus der Provinz nach Köln kommt, um dort ein freieres Leben zu führen. Weltpremiere war im Februar 2011 im Panorama der Berlinale. Seitdem läuft der Film weltweit auf Filmfestivals und wurde u. a. bereits in die USA und nach Spanien verkauft.

 

Für einen Eklat in der deutschen Community sorgte im Vorfeld die Altersbeschränkung der FSK (Freiwillige Selbstkontrolle) auf 16 Jahre, einhergehend mit der homophoben Begründung „Die Schilderung einer völlig einseitigen Welt von Homosexualität im Film könnte hier zu einer Desorientierung in der sexuellen Selbstfindung führen. … Explizite Darstellung von schwulen und lesbischen Jugendlichen und deren häufiger Partnerwechsel können verwirrend auf junge

Zuschauer wirken.“

 

weird sprach im aktuellen Interview mit Sabine Bernardi u. a. darüber wie zufrieden sie ist, dass ihr Film nach Protesten und Berufung am 28.12.11 nun doch von der FSK ab 12 Jahren freigegeben wurde.

 

 

 

Romeos … anders als du denkst!

(Pro-Fun) Drama von Sabine Bernardi

Deutschland. Prädikat wertvoll. Mit Rick Orkon, Liv Lisa Fries, Silke Geertz u. a. Kinostart: 8.12.11 Mehr s. weird Archiv Ausgabe Nr. 50 Dezember 2011

© 2007-2012 TS

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Interview-Steckbrief

    - in eigenen Worten -

 

 

Name: Sabine Bernardi

Alter: 37

Beruf: Regisseurin

Wohnort: Köln

Meine weirdeste Eigenschaft: eigene Macken oder die von anderen beobachten und merken, und dann hochdosiert in die Charakterzeichnung einer Figur einbauen ;-)

 

 

 

 

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