Queere Identitäten

 

 

 

 

 

Interview mit

 

Sookee

 

 

 

 

 

weird: „Bitches, Butches, Dykes & Divas“, so heißt dein neues Album, das am 2.12.11 bei Springstoff erscheint. Was erwartet uns? Der erste Eindruck ist bislang sehr vielversprechend …

 

Sookee: Alles, was ich mir auf ‚Quing‘, meinem zweiten Album, thematisch aufgebaut habe, wird auf dem neuen Album noch mal vertieft bearbeitet: Es geht um die Skandalisierung struktureller Sexismen und HomoTrans*phobie sowie um Empowerment von widerständigen und queeren Identitäten und außerparlamentarischer linker Politik. Außerdem spreche ich wieder über die Liebe zur Sprache und von kryptischen, erschütternden Emotionen.

 

 

weird: Den gleichnamigen Titelsong deines neuen Albums kennen wir bereits, er war im August die SlutWalk-Hymne 2011. Wie waren im Rückblick die ersten SlutWalks in Deutschland nach deinem Empfinden?

 

Sookee: Es gab einige gute Songs, die die SlutWalks begleitet haben, da würde ich meinen gar nicht so explizit herausheben, schließlich leben die SlutWalks ja von der Gemeinschaftlichkeit. Nicht nur deswegen waren sie so erfolgreich und haben ein ungeheuer heterogenes Demo-Publikum ermöglicht. Es gibt noch viel zu diskutieren und reflektieren bezüglich der Inhalte und Form der SlutWalks, aber es ist einfach nur großartig, dass seit längerer Zeit wieder so ein klares antisexistisches Statement möglich war.

 

 

weird: Du bist queer und „pro homo“ und setzt dich mit deiner Musik und wo immer es sonst geht gegen Homophobie ein. Warum liegt dir das Anliegen von Lesben und Schwulen so am Herzen? Bist du selbst lesbisch?

 

Sookee: Ich finde es hochgradig unmenschlich Menschen dafür zu verurteilen, wen sie lieben oder wen sie begehren. Jede Form von konsensueller Sexualität ist legitim, da sie im krassen Gegensatz zu der nahezu anerkannten ‚Rape Culture‘ stehen, die die SlutWalks angeprangert haben. Liebe und Sexualität sind so grundlegende Größen in den Menschen, dass Freiheit und Selbstbestimmung einfach notwendig sind. Ich selber würde mich als queer bezeichnen, weil es mir nicht wichtig ist, ob sich die Person meines Begehrens als Mann, Frau, Trans*gender oder noch mal ganz anders identifiziert. Ich liebe und begehre kein Geschlecht, ich liebe und begehre konkrete Personen.

 

 

weird: Siehst du in den letzten Jahren Veränderungen bezüglich Sexismus und Homophobie in der männlichen HipHop-Kultur? Is it getting better? Du hast ja auch gesagt, HipHop kann immer nur so sexistisch und homophob sein wie die Gesellschaft, in der er stattfindet.

 

Sookee: Die Bemühungen des deutschen Staates gegen HomoTrans*phobie und Sexismus halte ich vielfach für Etikettenschwindel, wenn sie letztlich offen sind für die Bestätigung rassistischer Ressentiments oder wenn große Medienkonzerne heterosexistischen Männern Preise für die Integration in einen heterosexistischen Staat verleihen. Ich bin da radikaler: Ich fordere ein anderes Reflexionslevel und die Auseinandersetzung mit eigenen Privilegien. Aber die Prioritätensetzung in diesem Land spielt da nicht mit, weil die weiße, herkunftsdeutsche Kleinfamilie ein zu starkes heteronormatives Bezugsfeld ist.

 

 

weird: Du gehst u. a. auch an die Basis zu den Jugendlichen, die HipHop „konsumieren“. Wie erreichst du die Jungs, die sich sexistische Pornos und sexistischen HipHop auf ihren Handys weiterreichen?

 

Sookee: Ich bemühe mich gleichzeitig konfrontativ, empathisch und ehrlich zu sein: Ich versuche ihnen klar zu machen, dass ich zum Beispiel den Begriff ‚ficken‘ in der Verwendung von ‚angreifen, schlagen, zerstören‘ etc. – wie es im HipHop üblich ist – fürchterlich finde. Ich arbeite da viel mit ganz konkreten Beispielen, Umkehrungen und Irritationen, um ihnen ein Verständnis von meiner Sensibilität zu geben, um sie etwa spüren zu lassen, wie falsch und menschenverachtend diese Verwendung des Begriffes ist.

 

 

weird: Du bist immer für einen Dialog. Gibt es direkte Reaktionen von Musikern aus dem sexistisch-homophoben Raplager?

 

Sookee: Ich denke schon, dass ein paar von denen mich kennen, zumal ich ja auch früher in der Berliner Untergrund-Szene zu einigen von ihnen Kontakt hatte. Noch sind mir keine Diss-Tracks bekannt, aber das wird sicher früher oder später kommen. Ich habe ihnen und ihrer faschistoiden Ideologie nun mal einiges entgegenzusetzen, das werden die nicht so ohne weiteres hinnehmen. Die Menschen neigen zumeist nicht dazu, sich einfach in ihrer Macht infrage stellen zu lassen.

 

Dennoch gibt es einige wenige, die sich mit positiven Rückmeldungen auf mich zu bewegt haben. Das war sehr erfreulich und zeigt, dass meine Musik nicht nur Leute erreicht, die sowieso schon verstanden haben, worum es mir geht.

 

 

weird: … und manchmal werden sie, wie Sido z. B., vom Saulus zum Paulus. Hat da jeder seine zweite Chance verdient?

 

Sookee: Ich habe ein pädagogische Herz: Klar hat jede_r Chancen verdient. Aber ich denke nicht, dass etwa ein Sido, nur weil er mittlerweile total sozialverträglich, bürgerlich und salonfähig auftritt, seine verinnerlichten Sexismen reflektiert und abgeschafft hat.

 

 

weird: Arbeitest du derzeit noch an deiner Doktorarbeit – findest du noch Zeit dafür?

 

Sookee: Nein. Ich habe die Dissertation unterbrochen. Bei einer halben Stelle, zahlreichen Projekten und 5 bis 12 Konzerten monatlich, war das einfach nicht mehr zu leisten. Meine politischen Kämpfe und mein subkultureller Aktivismus sind mir gerade wichtiger als die Uni.

 

 

weird: Und deine Poetry Slam-Ambition? Muss die derzeit zugunsten deines neuen Albums zurücktreten oder gibt’s da in Zukunft noch mehr von dir?

 

Sookee: Ich habe seit ein paar Jahren echt Probleme mit der männlichen Dominanz und dem Konkurrenz-Charakter der Slam Poetry-Szene. Ich nehme gerne an Spoken Word Shows teil, die explizit FrauenLesbenTrans*Räume sind und bei denen sich Texte und ihre Verfasser_innen nicht vor Bewertungen fürchten müssen und wohlwollend nebeneinander Platz haben ohne, dass es Gewinner_innen und somit auch Verlierer_innen gibt.

 

 

 

 

 

 

Interview: Christine Stonat (11/2011)

 

Sookee ist Quing of Berlin. Sookee ist Queen und King und alles dazwischen. Nach ihrem gleichnamigen letzten Album „Quing“ aus dem Jahr 2010 erscheint am 2.12.11 ihr neues drittes Album „Bitches, Butches, Dykes & Divas“ auf dem Indielabel Springstoff. Die 27-jährige queer-feministische Rapperin Sookee aus Berlin setzt sich mit ihrem deutschsprachigen HipHop, und wenn immer sie sonst gefragt wird, seit vielen Jahren explizit gegen Homophobie und Sexismus im HipHop und in der Gesellschaft ein. Zwei Alben hat sie in ihrer sechsjährigen Karriere bereits veröffentlicht. Ihre neue erste Single, die wie das Album „Bitches, Butches, Dykes & Divas“ heißt, wurde zu einer der „SlutWalk“-Hymnen im August 2011. Sookee studierte Linguistik und Gender Studies und hat viel zu sagen. Seit drei Jahren ist sie u. a. als Spoken Word-Künstlerin aktiv. Außerdem gibt sie Workshops für Jugendliche und andere Interessierte in ihr vertrauten Sparten wie Rap, Poetry Slam und Kreatives Schreiben. weird sprach mit Sookee im aktuellen Interview etwas genauer über das neue Album, HipHop und Homophobie. Am 29.12.11 wird Sookee 28 Jahre alt. Am 10.12.11 ist sie live beim Charity-Konzert für das kongolesische Mädchenprojekt „City of Joy“ in Paderborn.

 

 

 

Neue CD:

 

Sookee

„Bitches, Butches, Dykes & Divas“ (Springstoff)

Out: 2.12.11

Single: „Bitches, Butches, Dykes & Divas“

s. diese Archiv-Ausgabe Nr. 50 Dezember 2011 „Artefakt“

 

 

Live:

10.12.11, „City of Joy“ Kongo - Frauen/Mädchenprojekt-Charity-Konzert (mehr s. diese Archiv-Ausgabe Nr. 50 Dezember 2011 „Mitte“) mit Sookee, Naima Husseini, Manja + Damianah, 21 Uhr, Kulturwerkstatt, Paderborn

 

 

Online: www.sookee.de

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Vita

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Interview-Steckbrief

- in eigenen Worten -

 

 

Name: Sookee

Alter: 27

Beruf: Rapperin, Bildungsreferentin, queerfeministische Aktivistin

Wohnort: Berlin

Meine weirdeste Eigenschaft: Optimismus

 

Ausgabe Nr. 50

Dezember 2011

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