Ein Schritt rückwärts

 

 

 

E-Mail-Interview mit

 

Cillie

Rentmeister

Flying Lesbians

 

 

 

 

 

 

weird: Wie hast du die Frauenbewegung in West-Berlin, die ja gerade in den Kinderschuhen steckte, Anfang der 1970er „vorgefunden“ und wie hast du dort als lesbische Frau „hinein“ gefunden?

 

Cillie Rentmeister: Pinselschwingend. Ich kam in das frisch gegründete Westberliner, autonome Frauenzentrum, als der Laden in der Kreuzberger Hornstraße gerade gemietet war und hergerichtet wurde. Also konnte ich gleich mit anpacken. Aber ernsthaft: Historisch lief es anders herum mit dem „Vorfinden“. Denn als erste, 1972, hatten sich in Westberlin die lesbischen Frauen organisiert – in der „HAW“, „Homosexuelle Aktion Westberlin“. Das erste autonome Frauenzentrum gründete sich erst 1973, teils unter Beteiligung derselben Frauen aus der HAW. Diese Entwicklungsstränge hat Cristina Perincioli in ihrem Aufsatz „Anarchismus – Lesbianismus – Frauenzentrum“ anschaulich beschrieben und entwirrt.

 

Im Frauenzentrum gründeten wir viele verschiedene Gruppen – ich engagierte mich in unter anderem in Mediengruppe und Öffentlichkeitsgruppe („CR“ Consciousness Raising und Selbstuntersuchung habe ich gemieden) – und als Lesbe ganz selbstverständlich auch in der 218-Gruppe; denn das gehörte mit zu dem „Wir“-Gefühl, dass wir solidarisch und umfassend für Frauenrechte kämpften. Schließlich gilt der Slogan „Kinder oder keine, entscheiden wir alleine“ ja auch für alle Frauen. Nina Hagen hat das so toll gesungen: „Und vor dem ersten Kinderschrein, muss ich mich erst mal selbst befrein“!

 

 

weird: Die Flying Lesbians haben als erste deutsche Frauenrockband, die dazu auch noch offensiv lesbisch war, die Frauen/Lesbenbewegung maßgeblich beeinflusst. Gab es auch Kritik?

 

Cillie Rentmeister: Nein. Wir wurden von einer Woge der Begeisterung und des frischen, noch wenig getrübten „Wir-Gefühls“ getragen: Gemeinsam sind wir stark. Das war nicht nur ein Spruch, sondern eine reale Erfahrung. Die stärkste Kritik kam von uns selbst, an uns selbst, intern. Wir kannten unsere musikalischen Grenzen ... Unser Plus: Wir lebten, was wir sangen. Wir spielten in den glücklichen drei Jahren 1974-1976, in denen doch viele „das große WIR-Gefühl“ der Frauenbewegung gesucht und mit erschaffen haben.

 

 

weird: Wie bewertest du das von dir und euch – musikalisch, filmisch etc. – mit der Frauen/Lesbenbewegung Erreichte aus deiner jetzigen Sicht?

 

Cillie Rentmeister: Man kann sich heute kaum mehr vorstellen, was für einen Fort-Schritt, welche Sensation eine Frauenrockband damals bedeutete. Zumal wir weitgehend auf Deutsch gesungen haben – und die rebellischen bis radikalen Inhalte dadurch in Echtzeit verstanden wurden. Vorbild waren „Ton-Steine-Scherben“, die ja wiederum der Sponti-Bewegung ihre Stimme und zusätzlichen Drive verliehen, und in ihren deutschen Texten auch die Gefühlswelten ausdrückten. Für die Filme gilt Ähnliches. Cristina hat als Regisseurin für ihre ersten „Frauen-Filme“ Frauenteams zusammengestellt. Das war auch eine Revolution in der Revolution.

 

 

weird: 2007 hattest du mit den Flying Lesbians einen „Reunion“-Auftritt. Wir haben in Bielefeld den Lesbenchor Just Different, und der singt bei seinen ausgesuchten Auftritten (früher wie ihr einst nur für Frauen, zuletzt offen auch für Männer) auch schon mal Lieder wie „Frauen kommt her“ - und der ganze Saal singt mit. Was glaubst du, macht eure Songs bis heute so singenswert? Ist es viel Nostalgie und Erinnerung an die damalige Zeit oder sind die Songs und Texte heute einfach noch aktuell …?

 

Cillie Rentmeister: Das würde ich gerne die heute Mitsingenden fragen ... Die Flying Lesbians drückten „damals“ das vibrierende Wir-Gefühl dieser ersten, „amazonischen“ Jahre aus. Wir waren Teil der Frauenbewegung, wir sangen die Themen, die uns alle wirklich bewegten, und die Parolen – oft auf deutsch, ähnlich wie bei unseren Vorbildern und „Kollegen“ von TSS/Ton-Steine Scherben, wie schon erwähnt. Musik und Stimme sind Bewegung und setzen in Bewegung. Auf den Festen haben die Frauen auch „damals“ live mitgesungen, das war ein wichtiger Teil der Atmosphäre - und Maßstab für ein gelungenes Fest. Diese Live-Atmosphäre vermissten wir 1975 auf unserer Platte schmerzlich, der Studiosound kam uns steril vor. Die Themen der Texte, glaube ich, sind zeitlos: Rockballaden über Arbeit, Sucht, Liebe, Verrat durch andere Frauen, Sehnsucht nach besseren Welten und Gemeinschaft. Unsere Songs leben von eingängigen Melodien - die sind fürs musikalische und emotionale Gedächtnis wichtig; selbst weniger Geübte können mitsingen, und die mit der Menge der Stimmen wachsende Power erfahren. Auch bei uns Flying Lesbians selbst war es ja kein Zufall, dass wir nicht nur gleich drei Sängerinnen hatten, sondern auch alle Chorus und die Refrains mitsangen.

 

Die Frauenbewegung war in ihren ersten Jahren eine singende, swingende Bewegung. Die erste deutsche Frauenplatte „Von heute an gibt’s mein Programm“ zeigt das ganze frühe Liedspektrum sehr gut. Auch auf Demos gab es doch nicht nur Parolen, sondern immer auch Gesänge. Ich habe gerade eine Videodokumentation angeschaut zu unserem Frauen-Oster-Treffen in Gorleben 1980, als wir den „Gebärstreik“ als Machtmittel gegen Atomkraft erst heftig diskutiert und dann ausgerufen haben. Auch dort wurde bei der Kundgebung gesungen. Da mischten wir uns schon mit der nächsten sozialen Bewegung, den Grünen, die auch viele Lieder hatten – anfangs, „damals“.

 

Vielleicht verhält es sich wie „Kunstlied“ zu „Volkslied“: Die Songs der Frauenbands direkt nach uns (Lysistrata, Ausserhalb) waren stärker kunstmusikalisch und weniger „kollektivistisch“ und aufs Mitsingen orientiert. Man kann sich schon fragen: Was ist seit den 90er Jahren nachgekommen? Frauen und Lesben haben natürlich immer wieder Songs und Sängerinnen, die ihren Gefühlslagen Stimme verleihen. Ich frage mich: Hat „Gender“ Lieder?

 

 

weird: Kannst du dir in Zukunft weitere Auftritte mit den Flying Lesbians vorstellen? Haben die Damen da draußen Grund zur Hoffnung?

 

Cillie Rentmeister: Wohl kaum - oder wir müssten neue Formen dafür erfinden. Denn leider ist im letzten Jahr Monika Jaeckel-Geldermalsen gestorben. So sind nun schon zwei von uns sieben Flying Lesbians gegangen - „they flew to new horizons“, wie Pilotinnen sagen.

 

 

weird: Damals in den 1970er Jahren hattet ihr als offen lesbische Frauen so eure Probleme mit bisexuellen Frauen, und das auch deutlich in Interviews und in eurem Song „Die Bisexualität“ zum Ausdruck gebracht. Einer eurer Kritikpunkte: bisexuelle Frauen würden auf Frauen stehen, sich aber so zu sagen nur die Rosinen herauspicken und sich möglichen Konsequenzen aufgrund von Homosexualität entziehen, und, wenn es darauf ankäme, sich immer auf den Mann herausreden und dem Mann den Vorzug geben, weil er für Sicherheit etc. stehe, die ihm eine Frau nicht bieten könne. Wie siehst du das Thema 2011?

 

Cillie Rentmeister: Nicht anders als 1974. Vielleicht kommt der leise ironische Unterton im Song „Die Bisexualität“ nicht rüber? Monika Jaeckel singt das Lied absichtlich nonchalant. Das hatte reale Hintergründe: Wir Flying Lesbians waren tolerant, keine von uns war „Urlesbe“, alle - einschließlich ich - hatten als erstes auch sexuelle Männerbeziehungen gehabt, selbst wenn wir - wie ich - schon als Mädchen spürten, dass etwas mit uns „anders“ war; Last but not least verrate ich noch ein offenes Geheimnis: Eine von uns war heterosexuell und hat doch solidarisch mitgetrommelt für die Sache der Frauen und der Lesben.

 

Die Verführung durch größeres ökonomisches Kapital vieler Männer besteht weiter, siehe die geradezu unglaubliche Zählebigkeit der Einkommensunterschiede zwischen Frauen und Männern. Sie ergeben das ökonomische Sahnehäubchen, mit dem Männer dann wieder bei manchen Frauen punkten können: Das Versprechen auf höheren Lebensstandard, auf Statussymbole, die Möglichkeit, dem Erwerbsleben zu entkommen ...

 

 

weird: Heute sprechen wir auf weiten Ebenen von der LGBT Community, in der Lesben gemeinsam mit Schwulen, Bisexuellen und Transgendern für ihre und die Rechte der jeweils anderen eintreten und kämpfen. Wie glücklich macht dich das?

 

Cillie Rentmeister: Ich beobachte staunend und erfreut, dass sich beispielsweise an der FH Erfurt eine Gruppe „QueErfurt“ von mehr als 20 LGBT-Studierenden einschließlich sympathisierender Heteras gebildet hat, die sich fakultätsübergreifend und kontinuierlich trifft, und Projekte für sexualpädagogische Aufklärung an Schulen entwickelt; diese Gruppe hat sich nun sogar zu „QueerCampus“ erweitert hat, mit Studierenden und Professor/innen von FH und Uni Erfurt. Wir haben uns viel vorgenommen, Öffentlichkeitsarbeit, Beratung, und das kulturelle Leben Erfurts durch Film- und Diskussionsabende an den Hochschulen und im stadtbekannten Kulturzentrum „Engelsburg“ zu bereichern.

 

Wenn ich mal zurückschaue und dann wieder nach vorn: Vor vierzig Jahren, - und das heißt: im gleichen Alter wie die Studierenden jetzt, - hätte ich nicht zu solchen LSBT-gemischten Gruppen geneigt – nicht mal zu rein lesbischen Organsiationen: Es ist kein Zufall, dass ich mich Anfang der 70er Jahre in Berlin nicht der Lesbenorganisation HAW bzw. dem LAZ angeschlossen habe, sondern dem autonomen Frauenzentrum. Schon damals war ich überzeugt, dass lesbische sexuelle Orientierung, unsere abweichende, wunderbar exzentrische Lebensweise eine eigene Interessenpolitik braucht, - aber andererseits doch nur eine Karte von vielen ist, im großen Gesellschaftsspiel um „Emanzipation“, „Freiheit“, „Gleichberechtigung“, und „Entwicklung“.

 

Wenn sich heute (jüngere) Leute als LGBT zusammenfinden, scheint mir das ein Indiz für eine gewisse Entspannung und die gewaltig verbesserte gesellschaftliche Situation für unsere Minderheitengruppe, die gerade auch von den schwullesbischen Gruppen bewirkt wurde: Vom CSD bis zu offen schwulen Hauptstadt-Bürgermeistern wird deutlich, dass sie und wir mit vereinten Kräften in Deutschland große Sprünge bewirkt haben, von der Konfrontation zur Kommunikation, von der Tragödie zur Comedy, von der „Perversion“ und „klassifizierten Krankheit“ zur „eingetragenen Partnerschaft“. Aber die zivilisatorische Decke ist auch hier weiterhin dünn, die Situation in den Ländern Europas weiter sehr unterschiedlich, und Rückschläge sind leider nirgends ausgeschlossen.

 

 

weird: Du engagierst dich bis heute auf sehr vielen Ebenen für Frauen und Mädchen, für ihre Chancen und Rechte, für ihre Geschichte und Zukunft. Würdest du sagen, das ist auch so etwas wie dein ganz persönliches „rebellisches Gesamtkunstwerk“?

 

Cillie Rentmeister: Ach, das würde ich nur zu gerne bejahen, - vor allem, weil ich nach meinen immer neu erwachenden Interessen die Themen, die Anliegen gewechselt und oft gegen den Mainstream bespielt habe, davon fast 20 Jahre als Freischaffende: In den 1970ern feministische Kulturgeschichte, Medien und Ästhetik, in den 1980ern und 1990ern Computer und Kreativität, dann Frauenrechtsuniversalismus, - und immer so sensible Themen wie Bevölkerungswachstum, Matriarchate, Kopftuchdebatte, Queeres im Programm ... Aber: nach inzwischen fast 20 Jahren als beamtete Professorin - da wäre es doch geradezu weird, sich noch das Schild der „Rebellin“ anzuheften, oder?

 

 

weird: Als wissenschaftliche Expertin auf dem Gebiet der Gender-Thematik hast du im September 2010 als erste weibliche Professorin den Lehrpreis des Fördervereins der FH Erfurt, an der du lehrst, erhalten. Der wurde zum neunten Mal vergeben. Ein Schritt mehr in die richtige Richtung?

 

Cillie Rentmeister: Ich freue mich über mehreres: Besonders über das Engagement der StudentInnen, denn sie müssen ihre Vorschläge begründen und sich dafür richtig Arbeit machen. Ich freue mich, dass die Studierenden ausgerechnet die Gender-Vorlesung erwählt haben. Man muss bedenken, dass es sich hier um ein Pflichtvorlesung für jeden neuen, kompletten Studienjahrgang handelt, ein „Pflichtmodul“ im Bachelor-Studiengang „Angewandte Sozialwissenschaften“ – das noch dazu mit einer Genderklausur von allen abgeschlossen werden muss. Das heißt, ich habe das gesamte Spektrum von Meinungen, Urteilen und Vorurteilen im Hörsaal vertreten. Ich mag die aufbrandenden Debatten und offen zutage tretenden Widersprüche. Man muss auch bedenken, dass die heutigen Studierenden - zwischen zwanzig und fünfundzwanzig Jahren – geschlechterbezogene Diskriminierung noch kaum erfahren haben, das kommt erst nach dem Studium. Niemand möchte Männer ständig als „Schuldige“ am Pranger sehen, - ich auch nicht; die meisten Studierenden suchen gerade nach glücklichen Erfahrungen in ihren relativ jungen Paarbeziehungen, mit Paarbildung... Allerdings kennen etliche aus ihrem sozialen Umfeld durchaus auch Gewalt im Geschlechterverhältnis. Nicht nur deshalb, auch für meine eigene Vergewisserung, Überprüfung und ein permanentes Update meiner eigenen feministischen Überzeugungen sind deshalb Daten, Fakten und Zahlen zu Geschlechterverhältnissen Grundlage meiner Vorlesung und so wichtig - und zwar global, international. Dafür bieten die Berichte und Statistiken der Weltorganisationen ergiebiges Material.

 

„Geschlechterverhältnisse“ waren an der FH Erfurt übrigens von der Gründung 1991 an ein Studienschwerpunkt. In die richtige Richtung ist mein ProfessorInnenkollegium auch gegangen, als bei der Reform zum Bachelor „Geschlechterverhältnisse - Gender“ als eigenes Studienmodul etabliert wurde. Das wird bei der kommenden, verschlankenden Studienreform allerdings wohl schon wieder zurückgebaut und unter „humanwissenschaftliche Grundlagen“ geordnet. Ein Schritt rückwärts.

 

 

weird: Unter deinen weiblichen Vorfahren, gab es ja bereits zwei engagierte Frauen – sozialistisch, kulturpolitisch, feministisch. Ist (Links-)Feminismus erblich (lacht)?

 

Cillie Rentmeister: Bis Anfang der 1970er Jahre kannte ich mein „sozialistisches Erbe“ nur aus kritischen, lästernden Erzählungen meiner Eltern. Denn der sozialistische „Flügel“ hatte sich schon nach dem ersten Weltkrieg im Rheinland von der katholisch-bürgerlichen Familie abgespalten. Meine sozialistisch-kommunistischen Tanten und Onkel überlebten Haft und Emigration. Nach dem zweiten Weltkrieg wirkten sie aktiv am sozialistischen Aufbau der DDR mit und lebten nun jenseits der Mauer in Ostberlin. Von meiner Tante Maria Rentmeister wurden dabei noch die meisten Geschichten erzählt. Sie hatte in den zwanziger Jahren im Rheinland bereits als Frauen- und Kulturpolitikerin der KPD gearbeitet, später Emigration und Haft in der Nazizeit überlebt - und in Gründerzeit der DDR als maßgebliche Frauen- und Kulturpolitikerin gewirkt. Erst aufgrund der Frauenbewegung suchte ich Anfang der siebziger Jahre persönlichen Kontakt zu ihr.

 

1974 machte ich mich mit Cristina Perincioli auf zu Maria Rentmeister nach Köpenick/Ostberlin, um sie zu interviewen: Wir sollten für ein feministisches US-Magazin einen Aufsatz über „Berlin, Women in two different Systems“ schreiben. Denn in der Frontstadt Westberlin gab es sozusagen zwei Frauenbewegungen: das autonome, links-spontan-orientierte Frauenzentrum, und den DDR-orientierten „Sozialistischen Frauenbund“. Und als Drittes gab es jenseits der Mauer die realsozialistische Gleichberechtigung, die Honecker 1971 für „fast vollendet“ erklärt hatte. Da mussten wir uns zwangsläufig auseinandersetzen.

 

Damals fiel unser Gesprächs-Fazit ernüchtert aus, weil Maria Rentmeister uns in voller Überzeugung die Errungenschaften der DDR in Sachen Gleichberechtigung vor Augen hielt: Das Recht auf Abtreibung, die Förderung der Frauen-Berufstätigkeit, die Entlastung für Mütter durch staatliche Kinderversorgung – alles Dinge, um die wir im „rückständigen“ Westen ja noch erst kämpfen müssten. Cristina und ich stellen in dem Aufsatz übrigens schon recht klarsichtig fest, dass wir in der autonomen Frauenbewegung der jungen Studentinnen zwar „linksgestrickt“, aber dennoch offenbar der „bürgerlichen Frauenbewegung“ zuzurechnen sind.

 

Heute freue ich mich und staune auch manchmal, wenn ich bei der Beschäftigung mit Maria Rentmeisters Schriften und Reden immer wieder Aussagen und Themen finde, bis hin zum Matriarchat, die ich als westliche, autonome Feministin erst 25 oder 30 Jahre später kennengelernt habe, - als die autonome Frauenbewegung die „Schwestern von gestern“ überhaupt erst wieder entdeckte. In ihrer Rundfunkansprache „Unser Tag“ zum Internationalen Frauentag, dem 8. März 1948, sagte Maria Rentmeister: „In jedem Land der Welt ist die Stellung der Frau ein Gradmesser für den gesamten kulturellen und politischen Stand dieses Landes ...“ (dann spricht sie sich gegen den nazistischen Muttertag aus, und fährt fort:) „Wenn wir heute Deutschland betrachten, so haben wir den ganzen Wirrwarr in dem sich die Welt befindet, vor uns. Ausnahmslos aber können wir sagen, je schlechter ein System, umso niedriger ist die Stellung der Frau, je besser die Demokratie, desto größer sind die Rechte der Frauen. Wir sind keine Frauenrechtlerinnen in dem üblichen Sinne, man muss uns aber zugestehen, dass wir als Unterdrückte, als Menschen, die weniger Recht haben, den Kampf aufnehmen, dass alle Menschen dieselben Rechte bekommen. Das ist der Sinn des 8. März ...“

 

Vielleicht habe ich diese Rede vorgeburtlich gehört? Sechs Monate später kam ich auf die Welt.

 

 

 

 

Fortsetzung oben ...

„Frauen kommt her, wir tun uns zusammen … gemeinsam sind wird stark!“ Mit diesem musikalischen Slogan wurde Deutschlands erste Frauenrockband 1974 über Nacht bekannt. Und das durch einen improvisierten Auftritt beim ersten öffentlichen Frauenfest in der Mensa der TU Berlin. Die siebenköpfige Berliner Band nannte sich „Flying Lesbians“ und wurde fortan zu einem wichtigen Teil der deutschen und europäischen Frauen- und Lesbenbewegung Mitte der 1970er Jahre. Offensiv und explizit lesbisch und feministisch schwangen die Frauen mit viel Mut und Wucht die Doppelaxt als Zeichen der matriarchalischen Weltmacht. Ihr Einfluss ist bis ins 21. Jahrhundert spürbar und ihre Songs werden noch heute auf manch einer Veranstaltungen gesungen. „Frauen kommt her, wir tun uns zusammen … gemeinsam sind wir stark!“, ein Slogan der Lesbengeschichte schrieb. Und das, obwohl die Band nur drei Jahre von der Woge des Erfolgs getragen wurde und sich 1976 auflöste. Erinnerungen und Zukunftsvisionen - davon und mehr erzählt Flying Lesbians-Mitglied Cillie Rentmeister im aktuellen weird-Interview.

 

Cillie Rentmeister (62) war Pianistin, Mundharmonika-Spielerin und Background-Sängerin der Flying Lesbians. Sie gilt als eine der Mitbegründerinnen der Frauen/Lesbenbewegung in West-Berlin seit 1973. Als Doktorin der Kunstwissenschaften hat sie als eine der ersten den Feminismus und die Genderthematik in die Kunst- und Kulturwissenschaft getragen. Seit 1994 hat sie eine Professur an der FH Erfurt für „Gender Studies“ und „Interaktive Medien“. Privat ist Cillie Rentmeister eine Flying Lesbian im wahrsten Sinne der Worte. Sie ist begeisterte Pilotin.

 

 

 

Online:

www.cillie-rentmeister.de

www.flying-lesbians.de

 

LP/CD:

Die einzig erschienene und längst vergriffene „Flying Lesbians LP“ (Bear Family Records) von 1975 kann heute als CD bestellt werden. www.bear-family.de

 

Seite 1

Vita

weird

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Interview-Steckbrief

- in eigenen Worten -

 

 

Name: Cillie „Cäcilia“ Rentmeister

 

Alter: 62

 

Beruf: studiert: Kunsthistorikerin; ausgeübt: Professorin für „Genderstudies“ und „Interaktive Medien“

 

Wohnort: Dorf, südlich von Potsdam, nahe Flugplatz

 

Meine weirdeste Eigenschaft: Dass ich Kleidungsstücke, von Schuhen bis zum Jackett, gleich doppelt bis vierfach kaufe - weil ich Kleiderkauf lästig finde. So sieht es manchmal aus, als ob ich immer dasselbe anhabe – es ist aber nur das Gleiche.

(c) D. Dannapfel

Ausgabe Nr. 41

März 2011

… Fortsetzung

 

 

 

 

weird: Für Führungsetagen in Unternehmen wird derzeit eine Frauenquote erneut heiß diskutiert. Was hältst du von der Einführung einer Frauenquote?

 

Cillie Rentmeister: Die Erfolge in den nordeuropäischen Ländern überzeugen mich, um nur ein Beispiel zu nennen. Ich wünsche uns manchmal mehr von dieser „nordischen Coolness“. Die Frauenquote ist ein Heilmittel gegen die real existierende Männerquote. Die meist geforderte 30-Prozent–Quote ist entsprechend der „Tokenismus-Theorie“ rational zu begründen: Die Organisationsökonomin Rosabeth Moss Kanter hat herausgefunden, dass eine Minderheit in einer Organisation, in einer Gruppe, sobald sie diesen magischen 30-Prozent-Grenzwert erreicht, die gesamte Gruppe vom geschlechterproportional negativ „verzerrten“ in einen produktiveren Zustand „kippt“; denn die nun bedeutende Minderheit - in unserem Fall die Frauen – muss sich nicht mehr ständig vor der Mehrheit quasi auf dem Präsentierteller beweisen, wie es die berühmte „Ausnahmefrau“ muss. Sie stehen nicht mehr unter „Überbeobachtung“, und die Leistungen und Fehler einer Einzelnen werden nicht mehr gleich auf das gesamte Geschlecht übertragen, unter dem Motto: Da siehst du, DIE Frauen, DIE können das nicht! Außerdem kann die nun große Frauen-Minderheit solidarischer mit ihresgleichen umgehen, als die Ausnahmefrau, die sich oft durch Mimikry der männlich hegemonialen Gruppe anpasst. Als Allegorie sehe ich die damals noch so seltenen Politikerinnen der 60er Jahre vor mir, die im Hosenanzug ans Rednerpult traten, - aber am Revers schaute eine Rüschenbluse hervor, als Signal für„Weiblichkeit“.

 

Die Aussagen, wonach Organisationen und ganze Ökonomien von der Beteiligung der weiblichen Intelligenz profitieren, brauche ich hier gar nicht wiederholen. Der König von Marokko hat es poetisch ausgedrückt: Wenn ein Vogel zwei Flügel hat, warum soll er nur einen benutzen?

 

 

weird: Was bewegt dich frauenpolitisch in Deutschland momentan besonders?

 

Cillie Rentmeister: Mich bewegen die Fortschritte und Rückschläge im Geschlechterverhältnis. Das ist für mich kein akademischer Feminismus, kein sich in alle nur denkbaren Nebenwidersprüche zerfasernder Genderdiskurs. „Wir“ in der neuen Frauenbewegung haben viel bewegt und erreicht: Ich glaube wie Alice Schwarzer, dass die Frauenbewegung die erfolgreichste soziale und kulturelle Bewegung der Nachkriegszeit ist. Vielleicht gerade weil ich Fortschritte „am eigenen Leib“ mitgemacht, erlebt und gefühlt, nicht nur wissenschaftlich beschrieben habe, fühle ich aber auch Verluste und Rückschläge.

 

Hier nur ein Beispiel (aus dem Konflikt zwischen Menschrechtsuniversalistinnen und Kulturrelativistinnen): Ich kann die Gleich-Gültigkeit und Empathielosigkeit nicht verstehen, mit der manche Politikerinnen und Akademikerinnen das Kopftuch an staatlichen Einrichtungen tolerieren wollen, schon bei kleinen Mädchen ... Ich kann diese Geschichtsvergessenheit um die Mühsalen der eigenen historischen Errungenschaften nicht verstehen; als ob es die Kämpfe unserer Großmütter und Urgroßmütter um Teilhabe und Freiheiten, um Frauensport, Befreiung aus dem Korsett, um offenes Haar und offenen Blick und offene Rede in der Öffentlichkeit nie gegeben hätte - und als ob ihre Errungenschaften nicht Grundlagen für unser aller menschliche Entwicklung und Wohlstand gewesen wären. Kulturrelativistinnen hierzulande blenden auch aus, dass in den Herkunftsländern von Migrantinnen keine monolithischen Gesellschaften gibt, sondern auch dort menschenrechts-universalistisch denkende und engagierte Frauen, - denen sie hier in den Rücken fallen.

 

Studierenden versuche ich zumindest Analyseinstrumente mit auf den Weg zu geben, mit denen sie aktuelle politische Entwicklungen historisch-kritisch, kulturvergleichend und geschlechterbewusst unter die Lupe nehmen und als interessengeleitet erkennen können: Die Rückkehr der Religion, die speziell deutsche Mütterlichkeitsideologie, die pauschale Rede von Jungen als „benachteiligtem Geschlecht“, von der angeblichen Vergreisung des Landes, vom angeblichen demografischen Niedergang Deutschlands ...

 

 

weird: Du hast u. a. Reisen zu matriarchal lebenden Kulturen, Völkern und Menschen auf der Welt unternommen. Was hat dich bei diesen Reisen besonders beeindruckt?

 

Cillie Rentmeister: Wie frei Frauen dort denken, sich bewegen, besitzen, handeln und Unternehmerinnen sind. Das individuelle und kulturelle Selbstbewusstsein insbesondere der Frauen, aber auch die ruhige und nachdenkliche Art vieler matriarchaler Männer, denen ich begegnet bin. Alle, Frauen und Männer, Indigene und Auswärtige, begegneten sich „auf Augenhöhe“. Ich habe mich einfach „unkolonialistisch wohl“ (und sicher) gefühlt.

 

 

weird: Ist das Matriarchat für dich ein global oder national anzustrebendes gesellschaftsfähiges Zukunftsmodell?

 

Cillie Rentmeister: Seit ich über Matriarchate forsche, sie besucht habe, von ihnen schreibe und spreche, benutze ich die Formulierung, dass sie „keine Umkehrformel von Patriarchaten“ sind, sondern eigentlich egalitäre Gesellschaften, mit differenzierten Geschlechterrollen/-funktionen und einer erstaunlichen Vielfalt von Ausprägungen. Bei meinen Reisen in Matriarchate habe ich gesehen, dass Besitz in den Händen von Frauen, ihre Bewegungsfreiheit, ihre Stimmrechte, ihre Begrenzung der Kinderzahl, aber auch Glaubens- und Geschichtssysteme, in denen die Erinnerung an Vorgängerinnen, an Ahninnen, Abstammung aus der weiblichen Linie wach gehalten wird, von zentraler Bedeutung für ein gutes Leben sind - für Frauen, Kinder, und Männer(!) Und dass durch die positiven Wechselwirkungen auch Gewalt gegen Frauen effektiv gemindert wird.

 

Insofern verwirklichen matriarchale Gesellschaften tendenziell die Ideale von „Human Development“, wie sie die Vereinten Nationen definiert haben und alljährlich messen: Menschliche Entwicklung mit den Zielen von „Freiheit“, „Wissen“ und „Entfaltungsmöglichkeiten“ - und der Gleichberechtigung der Geschlechter.

 

In Bezug auf diese Ziele sind doch alle Länder der Welt Entwicklungsländer. Die UN messen alljährlich den Stand der Entwicklung und geben eine Rangliste der Nationen heraus. Auch wenn Deutschland da z. B. beim „Gender Inequality Index“ derzeit den 20. Weltranglistenplatz einnimmt, sieht man: Es ist noch viel Luft für Verbesserungen.

 

 

weird: Was ist dein Wunsch für das 100-jährige Jubiläum des Internationalen Tages der Frau am 8. März 2011?

 

Cillie Rentmeister: ... dass der Satz aus einem 3000 Jahre alten ägyptischen Ehevertrag (wieder) Wirklichkeit wird: „Der Fuß einer ägyptischen Frau ist frei. Sie kann ihn setzen wohin sie will.“

 

 

weird: Du hast mit Les-Be-Ton und deinem Soloprojekt E.M.P. noch über die Flying Lesbians hinaus in den 1980ern Musik gemacht. Deine Leidenschaft gilt heute neben der Wissenschaft und Frauen/Genderforschung aber weniger der Musik, wie du selbst sagst, als viel mehr dem Fliegen. Was bedeutet die Fliegerei für dich?

 

Cillie Rentmeister: Schon die Nähe von Flugplätzen versetzt mich in Hochstimmung. Beim Fliegen ist dann die Vogelperspektive aus so einer kleinen Maschine fantastisch - man erkennt Muster und Zusammenhänge. Je nach Tages- und Jahreszeit und Lichteinfall wirkt die Landschaft anders und neu. Wir fliegen ja auch oft recht tief und spüren physisch noch die Luft, hören Wind- und Motorgeräusche im Cockpit - viel stärker als die Umwelt uns draußen hört, und genau umgekehrt wie bei Autos. Fliegen bedeutet Abstand gewinnen, den alltäglichen Kleinkram ausblenden, und zwar schon lange vor dem Start, - bei Flugvorbereitungen, beim Aussencheck der Maschine. Es bedeutet, immer neue Situationen zu bewältigen, denn kein Flug ist gleich: Damit meine ich nicht mal die ganz großen Herausforderungen wie meinen Alpenflug mit Landungen in Venedig und Budapest vorletztes Jahr, oder die Rallyefliegerei, sondern auch Einstunden-Flüge von Schönhagen nach Erfurt, oder lokale „Heimatkunde“-Flüge über Potsdam und Berlin.

 

Die Fliegerei hat mich auch über meine beiden Pilotinnenvereinigungen „Ninety-Nines“ und „Vereinigung Deutscher Pilotinnen“ mit Frauen in Verbindung gebracht, die in all ihrer Unterschiedlichkeit - der Berufe, Lebensverhältnisse und Weltanschauungen - allesamt doch diese besondere Leidenschaft teilen, und dieses gewisse Frauen-Selbst-Bewusstsein. Alle wertschätzen unsere Frauengemeinschaften und erkunden, würdigen und bewahren auch begeistert die Geschichte der Pionierinnen und der Frauen in der Luftfahrt.

 

Das Thema gibt auch viel für Gendervorlesungen her: An der hundertjährigen Geschichte der Frauen in der motorisierten Luftfahrt lassen sich die extremsten Beispiele für Geschlechterverhältnisse zwischen gnadenloser Diskriminierung und anerkannten Höchstleistungen finden, - und diese auch noch mit vielen historischen Fotos und Filmen illustrieren. Hier gleich eine Klausurfrage dazu: „Warum sind in Deutschland noch immer nur sechs Prozent der gesamten Pilotenschaft weiblich, als professionelle Verkehrsflugzeugführerinnen gar nur vier Prozent, und davon nur zwei Prozent Kapitäninnen?“

 

 

weird: Und was bedeutet dir deine kleine Propellermaschine? Bin Flink, ist das der Name? Ein Mädchen (lacht)? Woher kommt der?

 

Cillie Rentmeister: Ja, ein Mädchen! Genauer: Eine gepflegte Vierzigerin. Ihr offizielles Kennzeichen lautet „D-EJBF“, nach dem ICAO-Alphabet buchstabiert also „Delta – Echo Juliett Bravo Foxtrott“. Mit diesem Namen muss ich mich an Flugplätzen und in der Luft bei den Controllern und Radarlotsen auch anmelden, zum Beispiel, wenn ich über Berlin fliegen will. „Bin Flink“, das ist der Spitzname aus den letzten beiden Buchstaben BF. Denn es stimmt einfach: sie ist eine flotte Französin, eine Robin DR-360; sie ist leichter als viele Autos (nur 540 Kilo!) und kann, mit vier Personen beladen, ihren 160 PS und etwas Rückenwind ziemlich schnell fliegen, 120, 130 Knoten, das sind 240 km/h. Sie hat charakteristische Knickflügel, lässt sich direkt und sportlich mit Steuerknüppel lenken, und ihre Sitze sind so geformt, dass ich ohne Kissen im Rücken fliegen kann. Wir passen zusammen!

 

 

weird: Du bist von den Flying Lesbians, die einzig wirklich „fliegende Lesbe“ (lacht). Ist die Freiheit „über den Wolken“ für dich grenzenlos?

 

Cillie Rentmeister: Die mehrfache Kunstflugmeisterin der USA, Patty Wagstaff, hat das Flugerlebnis so treffend beschrieben, dass ich sie in aller Bescheidenheit zitieren möchte: „Obwohl das Fliegen die größte Freiheit ist, die Du überhaupt erleben kannst, so ist es doch gleichzeitig die größte Einschränkung, weil Du es so ernst nehmen musst.“

 

Freiheitsgefühle erlebe ich tatsächlich, und der Himmel über Deutschland und Europa ist noch recht weit und leer. Aber ich muss meine Routen planen - schon wegen der vielen Luftraumgrenzen, der Betankung -, und mit Wind und Wetter und Technik rechnen. Insofern beginnt jeder Flug mit der mentalen Vorbereitung, auch auf technische Probleme und Gefahrensituationen, zumal ich oft alleine fliege: Welche Handgriffe muss ich tun, wenn... der Motor mal ein ungewohntes Geräusch macht, ein Ruder klemmt, der Funk ausfällt? Man kann ja in der Luft nicht mal kurz anhalten und nachsehen. Und nicht zu vergessen: wer „über den Wolken“ fliegt, muss irgendwann auch wieder runter - „durchs Loch vom Dienst“, wie die Herrenflieger gerne sagen. Für weibliche und männliche Aviatiker gilt, nüchtern gesagt: Fliegen heißt Landen.

 

 

 

 

 

 

 

Interview: Christine Stonat/Cillie Rentmeister (2/2011)

Foto: Detlev Dannapfel

 

Foto: D. Dannapfel

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Ausgabe Nr. 41

März 2011

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