Utopia

 

 

 

 

Interview

 

Carolina

Brauckmann

 

 

 

 

 

 

weird: Du hast angekündigt, dass du 2011, vier Jahre nach deinem letzten Best Of-Album, an neuen Songs schreibst. Kannst du etwas dazu erzählen?

 

Carolina Brauckmann: Es ist noch nicht klar, ob aus den neuen Songs, die ich schreiben möchte, auch ein neues Album werden wird. Zunächst einmal ist es ein Wunsch, das 30-jährige Bühnenjubiläum mit einem Rucksack neuer, aber natürlich auch klassischer Songs zu begehen. Dafür brauche ich Zeit und Inspiration. Die Songs werden nicht mehr nur „lesbisch“ sein - waren sie ja auch in den letzten Jahren nicht ausschließlich. Ich habe immer auch die großen Lebensthemen aufgegriffen: Liebe, Abschiede, Freundschaften. Derzeit wächst die Lust, die allgemeine politische Lage aufs Korn zu nehmen oder auch unsere teilweise merkwürdige Art der Kommunikation. Kurzum, mal schauen, welche Inspirationen ich umsetzen kann.

 

 

weird: Dein erstes Album erschien 1982. Aber deine Songs, und das spricht für ihre Qualität, scheinen zumeist zeitlos. Heute gibt es zwar keine Subs mehr und das Frauenferienland heißt L-Beach (lacht), aber vor allem in Sachen Liebe hat sich scheint‘s nicht viel verändert …?

 

Carolina Brauckmann: In puncto Liebe ist vieles beim Alten geblieben sofern es mit Verliebtheit, Liebesglück, Trennungen, Symbiosen oder auch Experimenten zu tun hat. In Bezug auf die Anbahnung der Liebe und die Möglichkeit, sie überhaupt zu leben, hat sich sehr wohl was geändert: Frauen müssen nicht mehr so hinterm Berg halten, wenn sie merken, dass sie sich in Frauen verlieben und lesbisch sind. Es ist alles etwas lockerer geworden, und das tut der Gefühlswelt gut.

 

 

weird: In deinem aktuellen Bühnenprogramm „Sappho küsst Shane“, so deutet es der Titel an, bringst du „dennoch“ das Damals und Heute des Lesbisch seins zusammen. Findest du, dass es eine Notwendigkeit ist oder war es dir mehr ein persönliches Bedürfnis?

 

Carolina Brauckmann: Es war das 40-jährige Stonewall-Jubiläum (40 Jahre CSD), das mich zu dem Titel inspirierte. Ich stellte und stelle mir die Frage, was trennt und was verbindet eigentlich die junge und die ältere Lesbengeneration. Ein Thema, das mich immer wieder interessiert.

 

 

weird: Wie empfindest du das Verhältnis von „Alt-“ und „Jung“lesben heute?

 

Carolina Brauckmann: Nun ja, ich glaube, es sind immer die Älteren, die sich verstärkt für die Jüngeren, für ihre Lebenswelten und politischen Ansichten interessieren. Den Jüngeren ist es eher fremd, sich in die Zeitgenossenschaft der Oldies einzufühlen. Das ist bei Heten und Homos vermutlich ähnlich. Wenn ich bei meinen jungen Kolleginnen und den noch jüngeren Besucherinnen des lesbisch-schwulen Jugendzentrums „anyway“ (in Köln, Anm. d. Red.) vorbeigucke, dann kann ich erst mal nur feststellen: Viel verbindet uns nicht. Ich bin schon froh, wenn die Jüngeren von sich als Lesben sprechen. Die Hoffnung, dass sie die weibliche Sprachform nutzen, hab ich aufgegeben. Trotzdem sind es tolle Frauen; sie gehen halt ihren eigenen Weg. Mein Wunsch ist es, dass sie wenigstens etwas mitkriegen von den feministisch-lesbischen Errungenschaften bzw. von starken Vorbildern. Dafür machen wir dann schon mal ne Veranstaltung gemeinsam.

 

 

weird: Fast 30 Jahre Lesbenbewegung mit Carolina Brauckmann - was hat sich in deinem lesbischen Leben, Denken und Handeln für dich persönlich am meisten gewandelt?

 

Carolina Brauckmann: Am meisten gewandelt hat sich, dass ich seit nunmehr 7 Jahren auch mit Schwulen zusammenarbeite. Die persönliche politische Entwicklung von dieser klaren feministischen Frauenpolitik hin zur lesbisch-schwulen Emanzipationsbewegung veränderte auch eigene Prioritäten. In der Community musst du dich als Frau doppelt einsetzen: du engagierst dich für die Sache der Lesben einerseits und für feministische Sichtweisen andererseits. Es ist immer wieder verblüffend, wie wenig die Schwulen sich mit dem Feminismus befasst haben!!

 

 

weird: Wie kommt es, dass man zu deinem „Anne Will-Song“ auf deiner Website gar nichts mehr findet? Magst du trotzdem noch etwas zu dem Song erzählen?

 

Carolina Brauckmann: Huch, da muss ich mal was nacharbeiten lassen von meiner Webgestalterin. Der Song ist ja einfach gut, und natürlich spiele ich ihn auch oft auf der Bühne. Entstanden ist er aus einer Laune heraus unmittelbar nach Anne Wills „Bekenntnis“ zur Frauenliebe (im November 2007, Anm. d. Red.) Was ich dabei so bemerkenswert fand, war die Tatsache, dass Anne Will in der „Bild“ mitteilte: „Ja, wir sind ein Paar“ (und das Wort „lesbisch“ systematisch umging), während Wowi damals klipp und klar sagte „Ich bin schwul, und das ist auch gut so!“ Wäre es nicht toll gewesen, Frau Will hätte gesagt: „Ich bin lesbisch, und das ist auch gut so!“?

 

 

weird: Du bist nicht nur (satirische) Musikerin, du bist auch Autorin. Gibt es bei dir Unterschiede, wenn es um die Herangehensweise an neue Songs/Alben, ein neues Bühnenprogramm oder an eine neue Textarbeit geht?

 

Carolina Brauckmann: Wenn ich Songs schreibe, müssen die aus dem Bauch heraus entstehen - es muss mich etwas sehr berühren oder aufwühlen, das ist die Ausgangsbasis. Erst wenn dieses Gefühlsgerüst steht, beginnt die textliche Feinarbeit. (Die Musik ist eh immer als Erstes da). An Prosatexte kann ich sehr konzeptionell, sehr planend herangehen, das kann auch schon mal eine Auftragsarbeit sein, was bei Songs undenkbar wäre.

 

 

weird: Als Weiteres kennt man dich als Moderatorin u. a. von diversen Lesbenveranstaltungen, du bist zudem aber auch Kommunikationstrainerin. Wie kommunikativ sind Lesben (lacht)?

 

Carolina Brauckmann: SEHR!!! Das gefällt mir ja auch so an unsereins: Wir stehen unsere Frau und sind nicht auf den Mund gefallen (lacht). Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel.

 

 

weird: Du bist „von Haus aus“, wie du selbst sagst, Historikerin. Du hast mit deinen tiefen „Ausgrabungsarbeiten“ für die Frauenforschung seinerzeit aber nicht das Kölner Stadtarchiv auf dem Gewissen, oder (lacht)?

 

Carolina Brauckmann: Oh, das war und ist wirklich die Härte! Ich hab mit einigen Kolleginnen vom Frauengeschichtsverein ab und zu mitgeholfen, alte Dokumente von Schutt und Schlamm zu säubern. Der Kölner U-Bahnbau steht Stuttgart 21 in nichts nach - und dafür ging eines der bedeutendsten Archive hopps!

 

 

weird: Des Weiteren engagierst du dich aktiv im bekannten Kölner Beratungszentrum für Lesben und Schwule „Rubicon“ für das Projekt „Lesbische ALTERnativen“. Was bewegt alte bzw. älter lesbische Frauen?

 

Carolina Brauckmann: Ich habe gar nicht so viel mit wirklich alten lesbischen Frauen zu tun, eher mit der Generation der „Jungen Alten“ zwischen 50 und 70. Da gehöre ich ja auch zu. Die Themen sind allgemein gültig: Was tun, wenn du Hilfe brauchst? Wie kann ich Unterstützung anbieten, vor allem aber auch den Wunsch danach aussprechen? Das Wohn-Thema spielt ein große Rolle: Viele wollen gerne gemeinschaftlich wohnen,, aber am liebsten hübsch geschützt in einer integrierten Single - oder Pärchenwohnung ... Der Umgang mit dem Älterwerden, die Angst vor Autonomie- und Bedeutungsverlust - all das bewegt die Herzen. Da gibt es viel zu tun!

 

 

weird: Sollte es, wenn es nach dir ginge – auch im Hinblick auf die demografische Veränderung in unserem Land – mehr Seniorenheime speziell für Lesben und Schwule geben? Woran liegt es, dass wir so wenige davon haben?

 

Carolina Brauckmann: Untersuchungen zeigen, dass nur sehr wenige Lesben oder Schwule Alterseinrichtungen speziell für ihresgleichen wünschen. Sie möchten ohnehin nicht in solche Einrichtungen, und wenn es doch mal notwendig werden sollte, dann sollen es laut Umfragen solche Häuser sein, in denen offen mit lesbisch-schwuler Lebensweise umgegangen wird. Da würde dann auch mal ein lesbischer Chor auftreten; das Marketing würde LGBT berücksichtigen und die Pflegenden kennen sich aus mit lesbisch-schwulen und trans* Biografien. Das ist noch Utopia, aber wir arbeiten dran!

 

 

weird: Du hast dein Leben, deine Arbeit, dein Engagement, so scheint es, ganz dem Lesbisch sein verschrieben. Wann war für dich klar, dass du diesen Weg gehen würdest?

 

Carolina Brauckmann: Es war nie so von vornherein geplant, es hatte sich so ergeben. Die Auseinandersetzung mit dem Feminismus und mit der lesbischen Lebensweise war für mich immer wieder gekoppelt mit beruflichen Aktivitäten. Sagen wir mal so: Diese Türen habe ich weit geöffnet.

 

 

weird: Gibt es auch etwas völlig „Unlesbisches“ an dir bzw. in deinem Lebenskonzept (lacht)?

 

Carolina Brauckmann: Ja, das Songschreiben an sich - die Liebe zum Musik machen und zum Texten - das ist durchaus losgelöst von meinem Lesbisch sein (auch wenn das jetzt überrascht). Ich würde mal sagen, dass das Lesbische schlichtweg ein Teil meines ICHS ist und nicht mehr der Dreh- und Angelpunkt, insofern gibt es sicher auch viel „Unlesbisches“ an mir.

 

 

 

 

 

Interview: Christine Stonat (1/2011)

 

„Carolina Brauckmann hat eine phantastische, sehr erotische Stimme, sie erfindet wunderbare Melodien und Arrangements Marke Ohrwurm, sie begleitet sich selbst auf Klavier oder Gitarre und schreibt ihre Texte selbst“, so die lesbische Prof. Dr. Luise Pusch über die Kölner Musikerin Carolina Brauckmann „… wieso ist sie nicht so bekannt wie die Knef oder Marlene in ihren Spitzenzeiten?“, fragt sie in ihrer musikalischen Empfehlung auf fembio.org weiter. „… Carolina ist Lesbe, und sie ist sich zu schade, diese Tatsache zugunsten einer besseren Vermarktung zu verbergen, im Gegenteil: Der Lesbenalltag ist ihr Thema und ihre Inspiration …“, so ihre Antwort. Und ihr Fazit: „Wir freuen uns, dass wir in unseren Reihen so was Tolles haben. Was aber die Konsument_innen der Mainstreamkultur betrifft, so sind sie zu bedauern. Sie können sich aber jederzeit aus ihrer Misere befreien und bald auch Carolina hören …“ Wer will der bekannten Frauenbiographieforscherin widersprechen? Carolina Brauckmann ist tatsächlich ein Multitalent, engagiert, witzig und kreativ, und das seit 30 Jahren. Ihr musikalischen Hochzeiten hatte sie in den 1980er/90er Jahren. 2007 folgte ihr musikalisches Statement „Sie sind ein Paar“ zu Anne Wills öffentlichem Coming-out. 2011 soll es jetzt ganz neue Songs geben. Was genau sie heute so alles treibt, wie kommunikativ Lesben sind, was junge und alte Lesben bewegt und was so gar nicht lesbisch an ihr ist, darüber und mehr sprach Carolina Brauckmann mit weird im aktuellen Interview.

 

 

Carolina Brauckmann live in Bielefeld

 

13.5.11, Neues Rathaus (Großer Saal), Bielefeld.

Moderation der Fachtagung von Wildwasser e.V. zum Thema „Traumatisierung durch sexuelle Gewalt“ unter besonderer Berücksichtigung der Lebenskontexte von alten Frauen und Frauen mit Beeinträchtigungen.

 

Online: www.carolinabrauckmann.de

 

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Vita

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Interview-Steckbrief

- in eigenen Worten -

 

 

Name: Carolina Brauckmann

Alter: 56

Beruf: Singer/Songwriter, Kommunikationstrainerin, von Haus aus Historikerin

Wohnort: Köln

Meine weirdeste Eigenschaft: kreativ, anhänglich

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