Gipfelstürmerin

 

 

 

Interview

 

Kordula Völker

 

 

 

 

weird: Was hat dich von der „Kabarettmetropole“ Oberhausen an den Rand des Geschehens nach Dinslaken verschlagen?

 

Kordula Völker: Ich bin mit meiner Liebe zusammengezogen. Wir wollten beide ins Grüne, aber nicht zu weit weg aus dem Ruhrpott, und sind dann nach Dinslaken an den Grüngürtel gezogen.

 

 

weird: Das Ruhrgebiet als Europas Kulturhauptstadt 2010. Bekommen da auch Kabarettistinnen aus Dinslaken ein Stück des Kuchens?

 

Kordula Völker: Nö. Kleinkunst kriegt nirgendwo ein Stück vom Kuchen ab, auch nicht in den anderen Städten. Es hat wohl eine Nacht mit Dinslakener KabarettistInnen gegeben, die dann wieder so aussah, dass jede(r) nur etwa eine Viertelstunde auftreten durfte. Bei solchen Sachen beteilige ich mich eher ungern.

 

 

weird: Tangiert das Kulturhauptstadt-Ding in irgendeiner Weise die lesbische Szene? Passiert da 2010 gezielt etwas?

 

Kordula Völker: Nicht das ich wüsste. Soweit ich das in Dinslaken, Oberhausen, Mühlheim, Essen mitbekomme, gibt es wenig Lesben, die sich innerhalb der Kultur auch tatsächlich in die Kulturkreise einmischen. Aber genau dort werden solche Programme geschmiedet oder Kontakte zum Kulturamt geknüpft. Dadurch, dass ich als Kabarettistin bundesweit arbeite, bin ich hier in Dinslaken oder Oberhausen so gut wie gar nicht vertreten. Je weiter ich wegkomme, um so größer ist mein Publikum.

 

 

weird: Du kommst gebürtig aus Oberhausen. Wie die Missfits. Waren die beiden Damen Vorbild für dich als Kabarettistin?

 

Kordula Völker: Vorbild waren sie nicht, weil sie für mich zu unpolitisch waren. Ich habe in Altenberg in Oberhausen damals mit Gerburg Jahnke und Stefanie Überall, später als Missfits bekannt, in einer Theatergruppe zusammengespielt. Wir sind eine Altersklasse. Die beiden haben als Improvisationfrauentheatergruppe angefangen und ich bin mit dazu gestoßen. Insgesamt waren wir sieben Frauen. Ich hatte dann aber nach dem Studium einen festen Arbeitsplatz und nicht mehr genug Zeit als die Gruppe u. a. nach Italien wollte, um dort Straßentheater zu machen. Außerdem bin ich in die politische Richtung gegangen und als Liedermacherin mit eigenem Programm aufgetreten. Damals war ich 20. Zu Gerburg habe ich noch gelegentlich Kontakt, weil wir uns auf verschiedenen Veranstaltungen immer mal wieder sehen.

 

 

weird: Dein vorletztes explizit lesbisches Soloprogramm „Damenwahl“ ist von 2002. Das letzte „Heimatmelodien“ von 2008. Dein aktuelles Programm für „alle“ heißt „Ich hatte doch nur Heintje“. Wann wird es etwas Neues geben?

 

Kordula Völker: 2010. Ich mache so alle zwei, drei Jahre ein neues Programm. Zum Teil sind schon ein paar neue Songs geschrieben, und ich schätze, ich werde im Sommer dann das neue Programm erarbeiten. So ist es geplant.

 

 

weird: Mit 20 politische Liedermacherin, mit 35 auf die Kabarettbühne. Was liegt dazwischen?

 

Kordula Völker: Ich habe vorher viele Jahre als Hörfunkjournalistin gearbeitet, davor als Sozialpädagogin. Das waren Fulltimejobs. Als Liedermacherin mit der Gitarre bin ich nebenbei aufgetreten. Ich war bei Antenne Ruhr und habe dort die Kabarettfigur Erna Coslowski erfunden, die ich dann später als Autorin zum WDR mitnahm. Über diese Arbeit beim Rundfunk kamen Anfragen für Auftritte. Und daraus wurde dann mehr. Da das politische Liedermacherdasein eh nicht mehr zeitgemäß und angesagt war, habe ich dann 1994, mit 35, mein erstes Kabarettprogramm erarbeitet.

 

 

weird: Was ist das Schwierige für (lesbische) Frauen in der Kabarettszene? Was war das Schwierigste für dich?

 

Kordula Völker: Es gibt immer noch wenig Frauen im Kabarett. In der Comedyszene kommen sie jetzt mehr. Das liegt vor allem daran, dass Kabarett immer sehr politisch war, und politisches Kabarett war von jeher männerbesetzt. Mein politisches Programm ist auch nicht parteien-, sondern eher sozialpolitisch. Von Frauen wird auf der Bühne erwartet, dass sie sich verkleiden. Meistens spielen die Frauen ‘ne Omma, ‘ne Putzfrau oder verkleiden sich als eine andere Figur. Die Herren stehen viel öfter in Pullover und Anzug auf der Bühne und sind sie selbst. Das Schwierigste für mich persönlich aber war, dass die Lesben nicht zu meinem politischen Programm gekommen sind, und wenn ich im politischen Programm lesbische Anteile hatte, das Publikum damit nicht klargekommen ist. Das hat nicht funktioniert. Das finde ich schade. Der konsequente Schritt daraus war, dass ich seit 2002 ein reines Lesbenprogramm und ein politisches Programm spiele.

 

Es gibt übrigens durchaus einige, auch bekannte, lesbische Frauen im Kabarett, aber die geben sich nicht zu erkennen.

 

 

weird: Zum Beispiel?

 

Kordula Völker: (Lacht) Da werde ich jetzt keine outen. Das müssen die Damen schon selbst tun … Bei mir ist das anders. Mein Mittel ist, mich persönlich sichtbar zu machen. Das ist das, was ich tun kann. In meinen ersten drei Programmen bin ich auf Kleinkunstbühnen als Lesbe aufgetreten, mein erster Fernsehauftritt war als Lesbe. Ich habe immer öffentlich gelebt, sowohl auf der Bühne als auch privat. Jeder, der auf der Bühne steht, verarbeitet immer auch ein Stück seiner eigenen Lebensrealität. Das führt zu einem ganz anderen Punkt. Über lesbische Themen können Heterosexuelle daher einfach auch nicht immer lachen, da sie eine andere Lebensrealität haben und den Gag dahinter vielleicht gar nicht verstehen, nicht verstehen können. Kabarett funktioniert nur, wenn das Publikum die gleichen Bilder im Kopf hat wie der auf der Bühne und umgekehrt. Deshalb sind so viele erfolgreiche Kabarettfrauen dazu über gegangen nur noch Mann-Frau-Themen wie Liebe, Sex und Beziehungen zu thematisieren. Die Themen sind universal.

 

 

weird: Du bist aber nicht nur offen lesbische Kabarettistin, du bist u. a. auch Theaterregisseurin, Autorin, Journalistin und Moderatorin. U. a. hast du den Augspurg-Heymann-Preis, den 1. lesbischen Preis 2009 der LAG in NRW, der an Mirjam Müntefering ging, moderiert. Wie gefällt dir die Idee des Preises?

 

Kordula Völker: Ich finde es gut, dass honoriert wird, dass die Frauen, die den Preis bekommen, den Schritt in die Öffentlichkeit gegangen sind. Sie bekommen den Preis dafür, dass sie damit anderen Mut machen und Vorbild sind. Wenn ich allerdings einen Preis vergeben sollte, dann würde ich ihn an Lesben vergeben, die sich im Rahmen ihres Berufes, Alltags oder im Rahmen von Schule outen. Der Fokus liegt immer nur auf unseren Berühmtheiten, und den Künstlerinnen, die sowieso präsent sind. Ich würde gerne einen Preis für die Alltagsheldinnen schaffen.

 

 

weird: Schließt die Moderation der Veranstaltung aus, dass du den Preis vielleicht auch selbst einmal verliehen bekommst?

 

Kordula Völker: Keine Ahnung. (Lacht.) Da musst du die Macherinnen fragen. Vielleicht, bekomme ich, wenn ich lange genug die Moderation durchhalte, den Dutzend-Bambi oder so.

 

 

weird: Ein Soloprogramm, ein Theaterstück über dein Leben, was hätte das für einen Titel?

 

Kordula Völker: Die Gipfelstürmerin.

 

 

 

 

 

Interview: Christine Stonat (2/2010)

 

Das Ruhrgebiet ist Europas Kulturhauptstadt 2010. Die offen lesbische Kabarettistin Kordula Völker kommt aus Oberhausen und ist Ruhrgebietlerin durch und durch. Heute lebt die 51-Jährige am Rande des Geschehens in Dinslaken. Ihre Satirefigur Erna Coslowski hat Kultstatus. Ihre Geschichten liefen seit den späten 1990er Jahren beim WDR 2 und WDR 5 und sind später auch als Buch verlegt worden. 2010 moderiert sie zum zweiten Mal die Verleihung des 2009 initiierten lesbischen Augspurg-Heymann-Preises. Kordula Völker ist vielseitig. Mit 20 Jahren startete sie ihre Karriere als politische Liedermacherin, die nicht nur zum Internationalen Tag der Frau am 8. März mit ihrer Gitarre durch die Lande zog. Jahre später ist sie Kabarettistin, Moderatorin, Autorin, Theaterregisseurin, Journalistin, gibt Seminare und noch einiges mehr. Vor allem ist sie offen lesbisch – auf der Bühne, privat, in all ihren Jobs und sonst auch. Wieso die Kulturhauptstadt Ruhr an Dinslaken vorbei geht, wann es etwas Neues von ihr geben wird und warum Heterosexuelle nicht immer über lesbische Themen lachen können, das und vieles mehr verriet Kordula Völker weird jetzt in einem exklusiven Interview.

 

 

Online: www.voelker-kabarett.de

Ausgabe Nr. 29

März 2010

Seite 1

Vita

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Interview-Steckbrief

 

Name: Kordula Völker

Alter: 51

Beruf: Kabarettistin u. a.

Wohnort: Dinslaken

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Ausgabe Nr. 29

März 2010

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