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Vita

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Ich muss mich nicht beeilen

 

 

 

 

Interview

Liv Solveig

A queer perspective on women in pop culture

Ausgabe Nr. 158

Mai 2021

Interview: Christine Stonat (4/2021)

Foto: Jak ob Til lmann

 

 

 

weird-Interview-Steckbrief:

(in eigenen Worten)

 

Name: Liv Solveig Wagner

Alter: -

Pronomen: she / her

Beruf: Musikerin

Wohnort: Berlin

Meine weirdeste Eigenschaft: ich lache extrem laut,

so laut, dass es sogar meinen Ohren manchmal weh tut (hihi)

 

 

Debutalbum

Liv Solveig

„Slow Travels“ (Revolver/Cargo)

Out: 14.5.21

Single: „Why Were You Smiling“

 

 

 

Die queere deutsch-norwegische Indie-Sängerin, Songschreiberin, Gitarristin, Violinistin und Pianistin Liv Solveig wuchs in Süddeutschland und Norwegen auf und lebt heute in Berlin. Sie studierte Violine in Karlsruhe, machte ihren Master in Jazzgesang in New York und verbrachte viele Jahre auf Sofas von Freund_innen in der ganzen Welt. Zwischen einsamem Wald und Fjord und pulsierender Großstadt, Liv Solveig wandelt musikalisch wie im Leben zwischen den vermeintlichen Gegensätzen. Ihr Debutalbum „Slow Travels“, das am 14.5.21 erscheint, ist ebenso komplex arrangiert. Scandinavian Symphonic Indie, so nennt Liv Solveig ihren Sound zwischen leise, laut, langsam, schnell, ruhig, treibend, schwer, leicht, einstimmig, choral, klassisch, modern. Ihr Debutalbum sei eine Ode an die Entschleunigung, sagt sie selbst. Die mit Streichern unterlegte Single „Why Were You Smiling“ verkörpert all das recht gut, und sie ist zugleich ein queeres Statement. So wie das ganze Album. Liv Solveig ist wie sie ist und vermittelt auch anderen das sein zu können. weird sprach im aktuellen Interview mit Liv Solveig über ihr Debutalbum, über queer sein, über Reisen, räumliches und musikalisches Zuhause und mehr.

 

Online: www.livsolveig.com

 

 

 

 

 

 

 

 

weird: Am 14.5.21 erscheint dein Debutalbum „Slow Travels“. 2017 hast du bereits gedacht, es sei fertig. Aber das war es für dich dann doch nicht. Was hat sich an dem Album in den vier Jahren verändert?

 

Liv Solveig: Eigentlich hat der ganze Aufnahmeprozess des Albums nicht 4 Jahre, sondern ungefähr 2 Jahre gedauert. Bis es dann „ready“ war, kam auf einmal die Pandemie und ich habe dann erst einmal abgewartet, was sich auch voll gelohnt hat. 2020 war nicht gerade ein leichtes Jahr, um ein Album zu veröffentlichen, vor allem für NewcomerInnen. Nach der eigentlichen Produktion 2017 habe ich gemerkt, dass sich das Ganze noch nicht so stimmig für mich anfühlt hat. Ich habe mir dann vom Produzenten alle Spuren geben lassen, mir ein Homestudio gebaut und eine E-Gitarre gekauft und dann ganz kompromisslos losgelegt mit meinem eigenen Re-Make von „Slow Travels“. Ich habe viele Spuren rausgeschmissen, die Lieder teilweise gekürzt, neue Spuren eingespielt und fast alle Lieder noch einmal eingesungen. Das war ein total schöner und spielerischer Prozess, weil ich mir alle Zeit der Welt dafür gelassen habe. Ich habe in dem Moment aufgehört, daran zu werkeln, als ich wirklich mit allen Liedern total zufrieden war. Das war für mich sehr befreiend und jetzt fühlt es sich total gut an, meine Songs rauszubringen.

 

 

 

 

weird: Wie hast du dich und auch gemeinsam mit dem Album verändert?

 

Liv Solveig: Wow! Gute Frage! Ich bin die letzten 3-4 Jahre durch ziemlich viele Täler gegangen. Nachdem ich mein Album erst einmal für eine Zeit lang weggelegt habe, hatte ich das Gefühl, dass ich mich selbst erst einmal neu finden muss. Ich hatte irgendwie mich selbst ein wenig verloren. Ich bin dann parallel zum Album Re-Make in einen intensiven Prozess der Selbstfindung gegangen, war wöchentlich in Therapie und habe regelmäßig wieder Gesangsunterricht genommen. In diesem Prozess habe ich vieles in Frage gestellt, mich selbst, mein Künstlerinnendasein, meine Zukunft. Das alles war am Ende echt ein guter Prozess für mich. Ich fühle mich heute sehr stark und befreit von vielen Ängsten.

 

 

 

 

weird: Das Debutalbum „Slow Travels“, der Name spiegelt es wider, sei eine Ode an die Entschleunigung, sagst du selbst. Wann ist dir bewusst aufgefallen, dass vieles zu schnell, zu viel, zu laut (für dich) ist und wie bist du damit umgegangen?

 

Liv Solveig: Schon lange merke ich, dass mir persönlich vieles zu schnell geht. Ich brauche Zeit für mich, Freundschaften, Erholung, auch Zeit für die Entscheidungen, die ich jeden Tag treffen muss. Ich finde krass, dass es in unserer Gesellschaft soviel um die Leistung geht, und am besten soll alles möglichst schnell und effizient funktionieren. Irgendwie hat diese ganze Leistungsgesellschaft auch etwas Unmenschliches. Der Körper, die Psyche der Menschen braucht Zeit. Früher, ohne die Digitalisierung, hatten wir mehr Zeit für andere Menschen - in real, nicht nur übers Handy. Die Zeiten haben sich die letzten 10-15 Jahre unglaublich gewandelt. Mein Album ist gewissermaßen auch ein Statement dafür, dass es okay ist, sich für die Dinge, die man tut, Zeit zu lassen, dass okay ist, Umwege zu gehen. Ich möchte mit meinen Liedern die Menschen vom Alltag ablenken und sie für einen Moment in eine fiktive Welt locken, voller Sounds und Geschichten. Wie ich selbst mit dieser Schnelllebigkeit umgehe? Indem ich mir jeden Tag sage, dass ich mich nicht beeilen muss :-)

 

 

 

 

weird: Liest man deine Biographie, so scheint dein Leben eine stetige „Reise“ zu sein, und du ständig hier und da. Ist das so und ist der Albumtitel „Slow Travels“ auch damit verbunden?

 

Liv Solveig: Ja klar, das Reisen ist für mich essentiell. Das fing schon in meiner Kindheit an. Meine Eltern haben nie lange an einem Ort gewohnt. Für mich gibt es nicht diesen einen Heimatort, sondern die Heimatorte sind überall in der Welt verstreut. Ein wichtiger Ankerpunkt ist das Herkunftsland meiner Mutter Norwegen. Dort bin ich seit meiner Kindheit mehrmals im Jahr. Wenn ich dorthin nicht reisen kann - so wie jetzt in der Pandemie – dann fehlt mir total was. Unterwegssein inspiriert mich und auch neue Menschen zu treffen, inspiriert mich. Viele meiner Begegnungen habe ich in meinen Liedern thematisiert, z.B. in den Songs YOU, Why Were You Smiling oder How Far.

 

 

 

 

weird: Songs wie „Heartbeat Of Shibuya“ und „One Morning In Harlem“ erzählen von Eindrücken, die du in Tokio und New York, zwei von deinen vielen weltweiten Aufenthalten, gesammelt hast!? Bist du jemand, die gezielt raus geht und die Umgebung für die musikalische Inspiration nutzt, oder verarbeitest du eher die im Leben irgendwann passierten Eindrücke nach oder …?

 

Liv Solveig: Mal nach Tokyo zu reisen, ist ein großer Traum von mir! Ich war noch nie dort, habe mir in „Heartbeat Of Shibuya“ einfach eine Phantasiewelt zusammengereimt und über diese Stadt so geschrieben, als würde ich gerade durch diese Metropole ziehen. Mit New York war das anders. Die Stadt hat mich richtig geflashed. Die Eindrücke waren so krass stark, dass ich nicht anders konnte, als das Ganze aufzuschreiben. Manchmal war ich nächtelang wach und habe nur geschrieben. Eines Morgens wachte ich auf, und der Vierzeiler von „One Morning In Harlem“ war sofort in meinem Kopf: das Bild, wie ich mit den Geräuschen der aufwachenden Stadt einschlafe, nach einer schlaflosen Nacht. Ein wichtiger Punkt war auch für mich, einfach weit weg von meinen alltäglichen Strukturen zu sein. Es hat mich beruhigt, weit weg zu sein, auf mich alleine gestellt zu sein. Das Songschreiben in dieser Umgebung hatte für mich eine ganz besondere Ruhe (ja, trotz dieser lauten Stadt!) und Zeitlosigkeit.

 

 

 

 

weird: Du hast einen Master in Jazzgesang. Kannst du etwas speziell zu deiner Studienzeit in New York erzählen? Wie musikalisch und auch sonst prägend war sie und wie viel Jazz ist in deiner Musik heute?

 

Liv Solveig: Nach meinem Geigenstudium fand ich es super erfrischend, Jazz zu studieren. Die musikalische Freiheit, die man in dieser Musik kreieren kann, hat mich komplett fasziniert. Ich war 2 Jahre in einem totalen Glückszustand. Die Kurse fingen immer erst um 16 Uhr nachmittags an. Das war genial, weil ich dann jeden Abend in Jazzclubs gehen konnte, um mir Konzerte anzuschauen, ohne früh morgens aufstehen zu müssen. Ich habe das auch wirklich ausgenutzt. Ich war z.B. sehr oft in der 55 Bar, wo ich mir für ein Bier und ein paar Dollars für ´s Trinkgeld wirklich tolle SängerInnen anhören konnte. Gretchen Parlato ist hier z.B. oft aufgetreten damals.

Mich hat es letztendlich total geprägt, wie wenig bewertend (im Vergleich zur Klassik) die Jazz Community dort ist. Jede/r bringt mit was sie kann und dann wird Musik gemacht. Es hat sich wie eine große Familie angefühlt. Ich wurde oft eingeladen für kurze Gastauftritte, oft auch spontan. Jazzmusik hat sich für mich als eine sehr lebendige Musikform gezeigt. Ein großes Erlebnis.

Das was für meine eigene Musik geblieben ist, ist das Wissen und die völlig Freiheit, die ich einem Song geben kann. Bei YOU z.B, gibt es nur wenig Text, aber am Ende des Songs öffnet sich eine 3 minütige instrumentale Soundlandschaft, die wie ein großes Orchester klingt.

 

 

 

 

weird: Was treibt dich immer wieder an andere Orte?

 

Liv Solveig: Vor allem meine ganz starke Sehnsucht nach Natur treibt mich an Orte, an denen ich mal „runterkommen“ kann von dem Wahnsinn des Alltags. Ich liebe die Einsamkeit und Stille der Natur. Hier tanke ich auf. Dann kann ich mich auch wieder auf die Stadt freuen, in diesem Fall Berlin. In Berlin fühle ich mich zu Hause, aber ich muss spätestens nach ein paar Wochen einfach mal raus. Gewisse Orte in Norwegen sind für mich da ein wichtiger Anker.

 

 

 

 

weird: Was und wo ist bzw. bedeutet für dich „Zuhause“?

 

Liv Solveig: Im weitesten Sinne bedeutet für mich „Zuhause“ der Ort, wo ich mich wohl und geborgen fühle, das kann bei Freunden sein, in der Natur oder einfach auch in meiner Wohnung in Berlin Neukölln. Wenn ich einen bestimmten Ort nennen müsste, würde ich Stuttgart sagen, wo meine Eltern in einem Vorort leben. Ich bin im Schwabenland aufgewachsen, kann mir aber momentan gar nicht vorstellen, dort wieder zurückzukehren. Mein momentane Heimat ist Berlin.

 

 

 

 

weird: Du bist Sängerin, Multiinstrumentalistin, hast viele musikalische Einflüsse. Gibt es etwas wie ein musikalisches „Zuhause“ für dich?

 

Liv Solveig: Als Pfarrerstochter und Tochter einer Kirchenmusikerin fühle ich mich tatsächlich in der Kirchenmusik sehr verankert. Dieses Choralartige in den Kirchenliedern hat für mich etwas ganz Erhabenes. Die Choräle von Johann Sebastian Bach wurde bei uns zu Hause sehr oft gespielt und gesungen. Das prägt natürlich. Genauso fühle ich mich im Jazz und in der Klassik zu Hause. Irgendwie ist es wie mit den Orten, ich kann nicht einen Stil alleine nennen. Ich denke, das ist es auch, was man in meiner Musik dann auch hört. Den Einfluss verschiedener Stilrichtungen.

 

 

 

 

weird: Du hast dein Debutalbum selbst eingespielt und arrangiert. In all seiner Komplexität. Was war für dich die größte Herausforderung?

 

Liv Solveig: Ich habe alle Nylongitarren und ganz viele E-Gitarren Spuren und Geigenstimmen eingespielt, aber nicht den Bass, die Drums, Synthies und das Piano. Ich finde es total wichtig, dass da noch eine anderer Vibe von anderen MusikerInnen reinkommt. Die ganzen Arrangements und Akkorde und die Form der Stücke kommen aber von mir. Für mich war es am Ende die größte Herausforderung, die ganze Produktion nicht statisch klingen zu lassen, sondern lebendig und spannend. Wir haben nämlich nicht gleichzeitig die Musik eingespielt, sondern alle nacheinander. Es ist uns am Ende finde ich, echt gut gelungen!

 

 

 

 

weird: Vor allem deine Single „Why Were You Smiling” hat auch eine queere „Note“. Positionierst du dich mit deinem Debutalbum bewusst auch als queere Musikerin, z. B. um ein Zeichen zu setzen, sichtbar zu sein, anderen den Weg zu ebnen, zu empowern, Identifikationsmöglichkeit zu schaffen?

 

Liv Solveig: Absolut! Mir ist es wichtig, mich nicht verstecken zu müssen. Sondern offen zu zeigen: ich bin wie ich bin! Queer zu sein ist doch das Normalste der Welt! Das kann thematisiert werden, muss aber auch nicht. Hören wir doch auf, das Ganze so zu einem großen Thema zu machen. Ich wünsche mir, dass irgendwann niemand mehr darüber nachdenken muss oder sich bei diesem Thema komisch fühlt. Damit fühle ich schon, dass ich für andere ein Vorbild sein kann, das wünsche ich mir zumindest.

 

 

 

 

weird: Für den 15.5.21 um 20 Uhr ist ein Release-Konzert deines Debutalbums im Kesselhaus der Kulturbrauerei in Berlin angesetzt, das live auf Facebook gestreamt wird, richtig!? Was hast du für den Abend geplant, wie wird das Konzert über die Bühne gehen?

 

Liv Solveig: Wir haben diese Woche entschieden, dass wir lieber live spielen wollen und haben das Releasekonzert auf den 21.09.21 verschoben. Ich glaube, das ist die richtige Entscheidung. Im Mai haben wir schon über ein Jahr Live-Stream Konzerte hinter uns. Wer hat jetzt noch Lust, sich abends einen Live Stream anzuschauen? Zudem sind die Leute im Mai lieber draußen als vor den Bildschirmen. Ich freue mich wahnsinnig darauf, mit meiner Band live zu spielen und kann es kaum erwarten! Endlich!

 

 

 

 

 

Interview: Christine Stonat (4/2021)

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