Seite 1

Vita

weird

© 2007-2018 weird

 

 

 

 

 

 

 

 

Wir können laut aussprechen, was andere nicht können

 

 

 

 

 

 

 

Interview mit

Selly | Arsen

 

 

 

Interview: Christine Stonat (9/2018)

Fotos: Nane Moore

 

 

 

 

 

 

weird: Euer neues drittes Album „Susma“ (White Lake City Roxx) erschien im März 2018. Ein musikalisch wie inhaltlich sehr kraftvolles Album mit klaren politischen Statements gegen Rassismus und LGBTIQ-Feindlichkeit. Kannst du etwas zur Entstehung erzählen?

 

Selly | Arsen: Wenn wir neue Songs schreiben dann komponieren wir als erstes den instrumentalen Part. Das heißt, jemand kommt mit einer Idee an, das kann ein Gitarrenriff sein oder eine Melodie auf dem Keyboard, auf der alle andern Instrumente dann aufbauen. Dabei berücksichtigen wir den Gesang und schaffen ausreichend Platz. Der Feinschliff kommt dann ganz zum Schluss, wenn der Text fertig geschrieben ist. Alle Alben wurden auf diese Weise geschrieben. Nachdem der Song instrumental fertig ist, machen wir uns Gedanken worüber wir den Text schreiben könnten.

 

Seit einigen Jahren geht es in Deutschland politisch sehr turbulent zu. Vor allem wegen der Flüchtlingssituation und den Ausschreitungen der Neonazis. Da kann man einfach nicht schweigen, also habe wir es bei SUSMA thematisiert und unsere Meinung dazu kundgegeben. Zum Leben gehört ja nicht nur Liebe oder Party machen. Das was in der Gesellschaft und der Welt passiert gehört auch dazu und beeinflusst unser Leben und unsere Emotionen. Es gibt viel Gutes zu berichten aber eben auch viel über das was nicht gut läuft. Viele Menschen empfinden es ähnlich wie wir, so können wir laut aussprechen, was andere nicht können oder sich nicht trauen.

 

 

 

weird: Eure Musik hat einen sehr eigenen Charakter und einen hohen Wiedererkennungswert, auch durch dich als Sängerin und eure deutschen Texte. Das ist ein Geschenk und natürlich ein großes Talent, das da hinter steckt, oder!?

 

Selly | Arsen: Meiner Meinung nach gibt es Menschen, die mit einem besonderen Talent auf die Welt kommen und dies auch sofort umsetzen können. In meinem Fall war das eher durch learning by doing und es wurde von Jahr zu Jahr besser. Von Album zu Album wurde unsere Musik ein Stück anspruchsvoller und somit konnte ich meinen Gesang schulen bis ich so singen konnte wie jetzt. Es gibt noch viel Verbesserungspotenzial und daran werde ich noch definitiv weiter arbeiten.

 

 

 

weird: Ihr nennt eure Musik selbst Power Rock, andere nennen es Metal. Support habt ihr u. a. für Punkbands wie Die Toten Hosen oder Dritte Wahl gespielt. Wie wichtig sind dir solche Einordnungen in Genres?

 

Selly | Arsen: Unsere Musik ist sehr facettenreich. Wir bedienen Rock und Punk Elemente und haben auch viele heavy Parts in unseren Songs. Letztere äußern sich oft durch die double base Parts des Schlagzeugs oder den Gitarrenriffs. Daher kommen wahrscheinlich die unterschiedlichen Genre-Einordnungen. Für den Erfolg einer Band ist es doch vermeintlich wichtig, sich in ein Genre einzuordnen, um eine bestimmte Zielgruppe zu erreichen und Reichweite zu gewinnen. Deshalb haben wir uns für ein festes Genre entschieden. Wir nennen es melodischer Power-Rock, denn es passt am besten zu unserem Stil.

 

Das ist wie so eine Vorgabe an Merkmalen, an die wir uns halten müssen. Das erleichtert den Kompositionsprozess und verursacht weniger Diskussionen.

 

 

 

weird: Ist es mit der Musik für dich wie mit dem Leben generell, wenn du sagst, es ist für dich wichtig die Freiheit zu haben, so zu leben und sich zu zeigen wie man ist?

 

Selly | Arsen: Ich glaube, es ist nicht nur mein Wunsch, sondern jeder Mensch strebt danach ein Leben in Freiheit zu genießen, um sich entfalten zu können und zu zeigen wie er wirklich ist. Ein Mensch der frei ist, ist nicht gezwungen eine Maske zu tragen, sich vor der „normalen“ Gesellschaft zu verstecken oder ihren Ansprüchen gerecht zu werden. Jeder Mensch ist individuell und verdient frei zu sein.

 

 

 

weird: Ihr seht euch als politische Band vor allem gegen Rassismus und LGBTIQ-Feindlichkeit und steht ganz klar für ein multikulturelles Miteinander, wollt Veränderungen anstoßen. Euer erstes Album 2013 hieß bereits „Worte gegen Krieg“. Wie erlebst du als deutsch-türkische lesbische Frau Rassismus, Sexismus und Homophobie in diesen Tagen?

 

Selly | Arsen: Vielleicht werden sich jetzt viele wundern, wie es sein kann, dass eine deutsch-türkische Frau bisher keine großen Schwierigkeiten hatte sich auszuleben, aber ich hatte tatsächlich bis jetzt keine negativen Erlebnisse, die der Rede wert sind. Klar gab es Tage, wo ich paar dumme Sprüche kassiert habe, aber das war eher Kindergarten-Niveau. Ich bin da sicherlich eine Ausnahme, denn ich habe öfters miterlebt, wie Menschen wegen ihrer Lebensart beleidigt oder diskriminiert worden sind, und das teils auch durch die eigene Familie. In meinem Fall war das vielleicht einfach nur ein bisschen Glück. Rassismus und Homophobie wird aber immer existieren und durch die jüngsten Ereignisse ist das Feuer wieder entfacht, aber wir lassen das nicht durchgehen.

 

 

 

weird: Der Name eures neuen Albums „Susma“ ist Türkisch und heißt „Schweige nicht!“. Ihr versteht das als Kampfansage gegen rechts. Du selbst siehst dich in der „Pflicht“ offen politisch im Rahmen deiner Musik zu agieren. Sind Musiker_innen – siehe auch #wirsindmehr – heute mehr denn je gefragt, ihre Reichweite zu nutzen und ganz klar offene politische Haltung zu zeigen, auch, wenn ihre Texte im Gegensatz zu euren, erst mal nicht politisch sind – viele tun das ja bereits?

 

Selly | Arsen: Diese Entscheidung hat jeder selber in der Hand, ob sie ihre Reichweite ausnutzen um ihre politische Haltung kundzutun oder nicht. Kein Musiker ist im Grunde gezwungen das zu tun. Jeder Mensch, egal ob Musiker oder nicht, kann dafür sorgen, dass in seiner eigenen kleinen Welt alles etwas besser läuft. Werdet bessere Menschen und ihr bekommt eine bessere Welt.

 

Wichtig ist meiner Meinung nach, dass man sich insbesondere den intoleranten Deppen nicht geschlagen gibt und jeden Tag zeigt das ein buntes, tolerantes Leben möglich und die weit bessere Alternative ist.

 

 

 

weird: Wie gerne wärst du bei #wirsindmehr dabei gewesen und wie siehst du die Aktion?

 

Selly | Arsen: Solche Aktion beobachten wir mit der ganzen Band und freuen uns, dass es so was gibt. Klar wären wir gerne dabei gewesen.

 

Einige in der Presse kritisieren natürlich immer, dass solche Sachen schlussendlich auch zum Profit der auftretenden Künstler dienen. Klar, das stimmt, ist aber meiner Meinung nach ein völlig legitimer Preis dafür, den braunen Deppen den Mittelfinger zu zeigen. Wir haben schon oft in Chemnitz gespielt und wissen, dass es dort sehr viele sehr gute Leute gibt. Es ist uns sehr wichtig, das immer wieder zu sagen.

 

 

 

weird: Wie hast du angefangen Musik zu machen?

 

Selly | Arsen: Ich wollte mit 18 unbedingt eine Akustikgitarre haben und Gitarre spielen lernen. Als ich es einigermaßen konnte, habe ich meine Lieblingssongs gecovert und angefangen zu singen. Danach lernte ich meinen Kumpel Koray kennen, der E-Gitarre gespielt hat. Mit ihm haben ich eine Band gegründet und haben eine Weile Songs gecovert. Nach einigen Monaten haben wir uns aufgelöst, da uns weitere Musiker gefehlt hatten. Kurze Zeit später landete ich bei Arsen und Dinge nahmen ihren Lauf. :)

 

 

 

weird: Und wann war für dich klar, dass du dich mit deiner Musik politisch äußern willst/musst?

 

Selly | Arsen: Da gab es eigentlich gar keinen klaren Zeitpunkt oder ein spezielles Ereignis. Das Leben und die Welt in der wir Leben ist für mich und auch die gesamte Band die Inspiration, daher kommt es ganz von selbst, dass es in vielen Songs politisch und kritisch wird. Trotzdem ist es wichtig den Spaß am Leben nicht zu verlieren und das hört man hoffentlich auch in unseren Songs.

 

Wenn die Welt irgendwann einfach nur noch gut ist und es nichts mehr zu kritisieren gibt, singe ich wahrscheinlich über Friede, Freude, Eierkuchen, freier Liebe und Party machen, haha. Solange das nicht der Fall ist, beziehen wir immer wieder klar Stellung und ich äußere meine Meinung.

 

 

 

weird: Wie war dein musikalisches lesbisches Coming-out?

 

Selly | Arsen: Es war jedes Mal eigentlich nichts Besonderes. Die Leute akzeptierten mich sowie ich bin, die ich durch Arsen und auf Tour kennengelernt habe.

 

 

 

weird: Im August 2018 habt ihr euer neues Video “Über alle Meere” veröffentlicht. Im September 2018 ein Live-Video zu eurem Coversong „Dein ist mein ganzes Herz“, das ganz besonders an eure Fans gerichtet ist. Wie ist euer Verhältnis zu euren Fans? Was macht Arsen Fans besonders für dich?

 

Selly | Arsen: Viele sind so oft dabei und unterstützen uns bei so vielen Aktionen, wie z. B. unserem eigenen Festival, auf Tour usw. Es gibt mittlerweile einen sehr harten Kern, der die eigene kleine Arsen Familie bildet.

 

Egal wo wir sind, das Schönste ist, zu sehen wie unsere Spielfreude auf die Fans überspringt und schlussendlich der Abend in einer großen Party endet.

 

 

 

weird: Am 3.10.18 spielt ihr auf eurer Clubtour im Extra, Bielefeld. Ein sehr kleiner traditionsreicher Bluesclub hier in Bielefeld. Worin unterscheidet sich euer Set bei so kleinen Clubs von großen Clubs und Festivals bzw. gibt es da für dich Unterschiede (mal abgesehen davon, dass die Akustik vermutlich eine ganz andere ist)?

 

Selly | Arsen: Die Sets sind länger und man ist näher an den Leuten dran, was total schön ist. Sowohl Festivals als auch Clubgigs haben ihren eigenen Reiz. Schlussendlich ist aber jeder Gig gut, wenn die Leute mitmachen. Wo wir dann spielen, ist dabei gar nicht so wichtig.

 

 

 

weird: Warst du schon mal in Bielefeld, verbindet dich etwas mit der Stadt?

 

Selly | Arsen: Ich war noch nie in Bielefeld und ich bin sehr gespannt ob es die Stadt wirklich gibt. ;)

 

 

 

 

 

 

Interview: Christine Stonat (9/2018)

Fotos: Nane Moore

Selime „Selly“ Sahin ist Sängerin und Frontfrau der Band Arsen aus Berlin und offen lesbisch. Am 3.10.18 ist die 31-Jährige mit ihrer Band im Rahmen ihrer Clubtour im Extra in Bielefeld um ihr neues drittes Album „Susma“ live vorzustellen. Susma ist Türkisch und bedeutet „Schweige nicht“ und gibt die musikalische und politische Richtung der deutsch-türkischen Musikerin und ihrer Band vor. Musikalisch wie inhaltlich stehen Selly und Arsen für kraftvolle Songs mit klaren politischen Statements gegen Rassismus und LGBTIQ-Feindlichkeit, für offene Grenzen. Ihr roher Sound mit Sellys deutschsprachigem „Sprechgesang“ liegt dabei irgendwo zwischen Metal und Rock. Gerade erschienen sind ihre neuen Videos zu den Songs „Über alle Meere“ und dem Heinz-Rudolf-Kunze-Cover „Dein ist mein ganzes Herz“. Mehr zum neuen Album, das im März 2018 veröffentlicht wurde, zu ihrer politische Haltung, zu #wirsindmehr, über sich selbst, ihre Fans und ihren kommenden Auftritt in Bielefeld erzählt Selly im aktuellen weird-Interview.

 

Online: www.arsen-band.de

 

 

 

Arsen

„Susma“ (White Lake City Roxx)

Out: Seit März 2018

Single: „Über alle Meere“ (out seit 16.8.18)

 

Live:

3.10.18, Extra, Bielefeld, 21 Uhr, feat. Dünamit

Interview-Steckbrief

- in eigenen Worten -

 

Name: Selime Sahin

Alter: 31

Beruf: Automatenfachfrau

Wohnort: Berlin

Meine weirdeste Eigenschaft: Ohne meine Fusselrolle gehe ich nicht auf Tour

Über weird | Archiv

Ausgabe Nr. 130

Oktober 2018

Foto: Nane Moore

Foto: Nane Moore

Foto: Nane Moore

Foto: Nane Moore

weird

RSS News Feed

weird

YouTube-Kanal

weird

auf Facebook

Ihr befindet euch im Archivbereich:

 

Ausgabe Nr. 130

Oktober 2018

Archiv