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Ausgabe Nr. 110

Dezember 2016

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Unterhaltungen führen

 

 

 

 

 

 

Interview

 

Shirlette Ammons

 

 

 

 

 

 

 

 

weird: Seit 2015 betreibst du gemeinsam mit deiner Zwillingsschwester euer eigenes Plattenlabel SugarQube Records. Du hast darauf im Februar 2016 dein zweites Album „Language Barriere“ veröffentlicht. Was hat sich für dich mit dem Label seit deinem Solodebut 2012 verändert?

 

Shirlette Ammons: Ich denke, es hat sich alles verändert, denn Dinge ändern sich die ganze Zeit! Ganz speziell aber habe ich das Gefühl, dass „Language Barriere“ und SugarQube einen neuen Inbegriff repräsentieren hinsichtlich meiner Bestrebungen, meine Stimme und meine Kreativität dafür zu nutzen zu hinterfragen, wer und wie wir sind; in einer Art und Weise, die sehr reflektiert und nach innen gerichtet ist, aber auch ein politisches Statement zum Weltgeschehen im Allgemeinen. Ich versuche stetig Wege zu finden, meine Kunst so einzusetzen, dass die Ideen von Normalität, Eigentum, Zugehörigkeit zerlegt und dekonstruiert werden. Dieses Streben wird oftmals eingerahmt von einer „von innen nach außen blickenden“ Perspektive. „Language Barrier“ und SugarQube Records sind die Erweiterung dieses Bestrebens.

 

Das nächste Projekt wird die Veröffentlichung eines Mixtapes mit dem Titel „The Next Level Mixtape: A Family Affair“ sein, featuring MCs und Produzent_innen aus der ganzen Welt. Zu reisen hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, eine weltweite Community von Künstler_innen und Aktivist_innen zu schaffen, und ich hoffe, dass ich das weiter tun werde.

 

 

weird: Auf deinem aktuellen Album hast du u. a. mit dem lesbischen Duo Indigo Girls (weird-Interview s. Archiv Ausgabe Nr. 48), Meshell Ndegeocello und vielen anderen (out) Künstler_innen zusammen gearbeitet. Wie hast du die Künstler_inen, mit denen du arbeiten wolltest, ausgewählt – oder haben sie dich ausgewählt?

 

Shirlette Ammons: Nun, wenn wir metaphorisch sprechen, dann muss ich sagen, dass sie mich ausgewählt haben. Jede_r Künstler_in auf dem Album hat meine Arbeit in irgendeiner Weise beeinflusst und ist ein Mensch, den ich sehr respektiere. Die Indigo Girls und Meshell Ndegeocello (besonders Meshell!) wählten mich als ich mit Anfang 20 eine angehende Musikerin war, die sich selbst gerade als queere Frau entdeckte und verzweifelt nach Stimmen suchte, die mit mir, der Musik, die ich kreieren und die Geschichten, die ich erzählen wollte, harmonierten. Seitdem toure ich mit den Indigo Girls, und sie sind was ihren politischen Aktivismus betrifft genauso stark wie in ihrer Musik. Aktuell nutzen sie ihre Plattform, um den Sioux Tribe zu unterstützen, der gegen den Bau der Dakota Access Pipeline auf heiligem Land kämpft, u. a. weil durch den Bau der Zugang zu sauberem Wasser im Standing Rock (Reservat) in North Dakota verhindert wird. Das ist nur eine von vielen Aktionen, die sie unterstützen. Meshell hat ein neues Musik/Performance-Stück konzipiert um James Baldwins Klassiker „The Fire Next Time“. Diese verbindende Art, ihre Arbeit mit dem größeren Bedürfnis nach Mitgefühl, Bewusstsein und dem Willen zu kämpfen und gehört zu werden zu verschmelzen, hat mich immer inspiriert. Ich habe sie gefragt, ob sie mir ihr Talent auf „Language Barrier“ zur Verfügung stellt und ich bin auf ewig dankbar, dass sie ja gesagt haben.

 

 

weird: Sookee ist ebenfalls auf dem Album. Vor ein paar Jahren hast du schon mal mit der queeren Rapperin aus Berlin gearbeitet. Ihr habt damals 2012 als dein Solodebut erschien mit Springstoff dasselbe Plattenlabel geteilt. Wie und wann hast du Sookee kennen gelernt und angefangen mit ihr zusammenzuarbeiten?

 

Shirlette Ammons: Ich habe Sookee online kennengelernt, als ich meine Managerin bat, mir ein paar internationale HipHop-Künstlerinnen vorzustellen. Sie schickte mir einen Link zu einem von Sookees Videos – entweder „Pro-Homo“ oder „DRAG“ – und ich war sehr aufgeregt, ihre Musik gefunden zu haben. I bat meine Managerin Sookee zu kontaktieren, um sie nach einem Remix des Songs „Eating Out“ von meinem Album „Twilight For Glady Bentley“ zu fragen und Sookee sagte ja. Dann haben wir uns darauf geeinigt, gemeinsam hier in den USA auf Tour zu gehen. Es war ihr erster Besuch in den Staaten und das erste Mal, dass wir uns überhaupt face-to-face trafen. Das war 2013 und wir nannten es die „The Pretty Precious Cargo Tour“. Unser erstes Konzert war in Durham, North Carolina, wo ich lebe und es war unvergesslich! Sookees Auftritt war so energiegeladen und anmutig und voller Dankbarkeit, und obwohl weniger als 1 % des Publikums Deutsch sprach, spürte jede_r ihren Spirit und die Bedeutung ihrer Worte und ihre Authentizität. Diese Tour war der Beginn unserer Freundschaft. Ich betrachte sie als liebe Freundin.

 

 

weird: Während dieser Zusammenarbeit und späterer Tourneen warst du u. a. auch in Bielefeld. Wie erinnerst du dich an Bielefeld und die Show mit Sookee und Lex LaFoy am 6. Juni 2014 im AJZ und generell an deine Zeit in Deutschland?

 

Shirlette Ammons: Ich bin bis jetzt dreimal durch Deutschland getourt und jede Erfahrung genauso wie jeder Veranstaltungsort war einzigartig und besonders. Wenn ich mich zurückentsinne, hatte das AJZ einen Basketballkorb und wir haben ein paar Körbe geworfen als wir eintrafen. Das hat Spaß gemacht und entspannt. Viele der Locations in Deutschland aus der Hausbesetzungszeit sind erfüllt von Graffiti und dem Spirit von Punk und HipHop, sodass sie das in meiner Erinnerung alle zusammenschweißt. Ich liebe es, wie Graffitikunst Veranstaltungsorte einverleibt – Orte, die in mehreren Schichten voller Aufkleber und bemalt sind und so das Vermächtnis derer, die dort auftraten und zu Besuch waren, erhalten. Ich denke, das hat sehr viel Kraft und ist eine andere Art Geschichten zu konservieren. Ich wünschte, mehr Orte in den USA würden Graffiti in ihren Veranstaltungsprozess mit einbeziehen.

 

 

weird: Du bist Rapperin, aber du bist auch Poetin und Autorin. Was bedeuten Worte und Schreiben für dich?

 

Shirlette Ammons: Worte – manchmal mit Musik und manchmal ohne – waren immer das Medium, mit dem ich meine Kunst kommuniziere. Ich komme aus dem Osten von North Carolina und wir haben dort einen sehr stilisierten Dialekt. Ich denke außerdem, dass unsere Sprache mit viel Vernunft und Verstand verschmilzt, und ich versuche diese Wahrheiten mittels meiner Arbeit zu teilen. Schwarze haben eine lange und reiche Tradition von Griots und Geschichtenerzähler_innen, die sich in andere Ausdrucksformen wandelten, darunter musikalische Formen wie Blues, Soul und HipHop. Und ich liebe es, dass der Ausdruck „Rap“ ein Schwarzer Slangbegriff für einfach eine Unterhaltung mit jemandem haben war. So, letztendlich nutze ich meine Arbeit als Poetin, Autorin oder Musikerin, um Unterhaltungen mit Leuten zu führen, in einer Sprache, die meine Leute und das Wissen, das sie mir überliefert haben, repräsentiert.

 

 

 

weird: Was empfindest du als kraftvoller für dich, schreiben oder vorlesen oder Worte zur Musik rauszurappen?

 

Shirlette Ammons: Das hängt von der Situation ab. Ich denke, alle Formen haben gleich viel Kraft, wenn sie zur richtigen Zeit eingesetzt werden.

 

 

weird: Im Hinblick auf deine Musik ist es so, dass du die Texte schreibst und rappst und die Musik von jemand anderen komponiert wird, in diesem Fall Daniel Hart, der u. a. mit out St. Vincent gearbeitet hat. Wie groß ist dein Einfluss auf die Musik und wie arbeitest du mit Daniel zusammen, so dass am Ende der Sound herauskommt wie du ihn dir vorgestellt hast?

 

Shirlette Ammons: Bei „Language Barrier“ hat Daniel mir die kompletten Tracks geschickt. Jeder einzelne war üppig und voller Strings und eine echte Herausforderung für mich als Songschreiberin, weil ich es gewohnt bin zu „Beats“ zu schreiben, die zwar genauso interessant sind, aber weniger wallend und wogend. Nachdem ich alle anfänglichen Songs geschrieben hatte, fühlte es sich für mich so an, als sei das Album immer noch nicht fertig. Und so fragte ich ihn, ob er basierend auf jedem Song „Segues“ (Übergänge) kreieren könne. Hauptsächlich hat er die Originalkompositionen gesampelt, um 2 Minuten lange Interludes zu schaffen. Das war für mich wirklich wichtig, weil ich fühlte, dass er bereits eine sehr intime Beziehung zu der Musik hatte. Ich kenne Daniel schon seit einer ganzen Zeit. Wir haben zusammen an früheren Projekten gearbeitet – er fügte einem Song, den ich für das Projekt „And Lovers Like“ mit The Dynamite Brothers gemacht habe, etwas Violine hinzu. Ich liebe seine Liebenswürdigkeit und wie roh und voll seine Kompositionen klingen.

 

 

weird: Queer sein, Feministin sein, Schwarz sein sind wichtige Themen in deiner Musik und in deinen geschriebenen Werken. Würdest du persönlich eine Linie zwischen Kunst und Aktivismus ziehen?

 

Shirlette Ammons: Oftmals wundere ich mich als Künstlerin, die ihre Arbeit als Form von Aktivismus betrachtet, und denke „Was ist genug? Was ist meine Kapazität? Ist meine Arbeit als Musikerin genug?” Ich habe immer noch keine Antwort auf diese Fragen gefunden, aber ich weiß, dass ich nicht alles vollkommen oder „gut“ machen kann, wenn ich mich nicht selbst überfordern will. Also versuche ich mir in dieser Zeit hinsichtlich dessen bewusst zu sein und mich mehr von meinen Intentionen leiten zu lassen.

 

 

weird: Du hast eine sehr coolen Modestil. Wie wählst du deine Klamotten und Accessoires, die du trägst, aus und was inspiriert deinen Look?

 

Shirlette Ammons: Hm, die Frage ist schwer zu beantworten! An dem momentanen Punkt in meinem Leben gehört mein Style zu dem, wer ich bin, dazu. Ich denke (fast) nicht viel darüber nach. Ich mag es auf jeden Fall Gender mit meiner Auswahl von Mode etwas Queeres zu geben. Ich denke, es zu schaffen sich in dem, was du selbst trägst, wohl zu fühlen, ist eine Form von Widerstand, deshalb suche ich Kleidung und Accessoires aus, in denen ich mich wohlfühle, besonders auf der Bühne. Ich liebe T-Shirts, die eine Aussage haben, einen gut sitzenden Blazer und ein Paar ass-kicker Boots!

 

 

weird: Siehst du deinen Modestil als politisches Statement?

 

Shirlette Ammons: Klar. Ich denke, viele Künstler_innen, mit denen ich mich verbunden fühle, haben ihren eigenen Anspruch an Stil, und sie gehen durch die Welt und machen deutliche Modestatements, die ihren rebellischen Geist untermauern. Außerdem sehen sie extrem „fly“ aus!

 

 

weird: Abschließend. Wie hast du die Wahl 2016 erlebt?

 

Shirlette Ammons: Ich habe die Wahl wie viele meiner Kamerad_innen und Lieben erlebt.

Donald T rump als gewählter Präsident ist ein deprimierendes und beängstigendes Resultat, aber es sagt auch viel aus. Es befördert den Rassismus, den Sexismus, die Islamfeindlichkeit und die Homofeindlichkeit, der bzw. die so sicher eingebettet ist in den Kern des westlichen/amerikanischen Kapitalismus und Imperialismus, in die vorderste Reihe. Ich bin nicht geschockt, dass Amerika rassistisch, sexistisch und all die anderen -istischs ist. Diese Wahrheiten wurden genährt und unterstützt seit der Gründung Amerikas und sitzen tief. Weiße Privilegien wurden herausgefordert und werden nicht ohne einen Kampf aufgegeben werden. Sie fuchteln herum und tragen Handschuhe der Verzweiflung und Angst.

 

Toni Morrison hat es am besten zusammengefasst: „Die Wahl weißer Männer, die bereit sind aus Angst vor schwarzen Männern und Frauen ihre Humanität abzuschaffen, weisen auf den wahren Horror des verlorenen Status‘ hin.“ Weiße, die nicht mal daran glauben, dass T rump qualifiziert ist, Präsident zu sein, haben ihn gewählt, weil er im Grunde geschworen hat, der fasch istische Führer ihrer Träume zu sein und ihr falsches Verständnis von Reinheit und Macht zu beschützen. Es gibt außerdem viel zu Klasse und Anpassung von armen Weißen an diesen „Amerikanischen Traum“ zu sagen – etwas, was sie nie erreichen werden. Er ist eingeweicht in Rassismus und ein spalterisches und krankes verbreitetes Musterbeispiel von Wohlstand, das auf einer Klasse von arbeitenden Armen gedeiht, die ihr ganzes Leben dafür einsetzen, diesen „Traum“ zu verwirklichen. Um Morrison zu umschreiben: wenn es nicht so schlimm und böse wäre, wäre es bedauernswert und ausgesprochen traurig. Ich hoffe, die von uns, die nach Gerechtigkeit streben und nach einem Abbau struktureller Gewalt (Rassismus, Sexismus, Armut und Homophobie sind Formen struktureller Gewalt), finden die Stärke tüchtig, gewissenhaft, motiviert und educated zu bleiben. Es ist nicht einfach, aber es ist notwendig.

 

 

 

 

 

 

Interview: Christine Stonat (11/2016)

Fotos: Sandra Katharine Davidson, Elle Butt, Tim Walter

Interview-Steckbrief

- in eigenen Worten -

 

 

Name: Shirlette Ammons

Alter: 42

Beruf: Poetin, Musikerin

Wohnort: DURM, NC

Meine weirdeste Eigenschaft: Wenn ich Auto fahre und mich in Gedanken verliere, höre ich wortwörtlich auf zu fahren. Meine Partnerin regt das unheimlich auf!

 

Die queere Schwarze US-Rapperin, Musikerin, Poetin und Autorin Shirlette Ammons kommt aus Durham in North Carolina. Im Februar 2016 erschien ihr zweites Album „Language Barrier“ auf ihrem eigenen Label SugarQube, das sie seit 2015 gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester betreibt. Auf dem Album sind zahlreiche illustre (queere) Gastmusiker_innen, darunter ihre „liebe Freundin“ Sookee aus Berlin, das lesbische US-Kultduo Indigo Girls und die queere Schwarze US-Rapperin Meshell Ndegeocello aus Berlin. weird sprach mit Shirlette Ammons im aktuellen Interview über ihr aktuelles Album, über die Kraft der Worte, über ihre Freundinnenschaft zu Sookee und ihre Erinnerung an den gemeinsamen Auftritt 2014 in Bielefeld, über das Zusammenspiel von Kunst und Aktivismus, die Dekonstruktion der Normalität, Mode als politisches Statement, die US- Wahl, das Ergebnis und wie es dazu kam und vieles mehr.

 

Online: www.shirletteammons.com

 

 

 

 

Shirlette Ammons

„Language Barrier“ (Churchkey/SugarQube)

Out: seit Februar 2016

Foto: Tim Walter

Foto: Sandra Katharine Davidson

Foto: Elle Butt

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