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Vita

weird

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Was es ohne mich

nicht gegeben hätte

 

 

 

 

 

 

 

 

 E-Mail-Interview mit

Kassandra Ruhm

 Fotos: Virginie Kamche

 

 

 

 

 

 

 

 

weird: Als Aktivistin setzt du dich für Frauenrechte ein, für LGBTI* und Menschen mit Behinderung. Wann hast du begonnen aktivistisch tätig zu werden?

 

Kassandra Ruhm: Oh, das ist lange her. Mitte der 80er Jahre, schon als Teenager.

 

 

 

weird: Was war dein Antrieb und wie genau sieht deine Arbeit aus?

 

Kassandra Ruhm: Meine Arbeit hat sich über die letzten 30 Jahre verändert. In den letzten Jahren habe ich angefangen zu lernen, selbst Kurzfilme zu machen, davor ein Tanzprojekt mit dem Namen „bunter umso schöner tanzen“ gegründet, Aktionen auf Demos gemacht und Flugblätter gebastelt. Über die Jahre habe ich viele Texte zum Zusammenleben von behinderten und nichtbehinderten Menschen geschrieben. Ich habe eine Reihe von Vorträgen gehalten und Workshops gegeben. Außerdem habe ich mehrere feministische oder behindertenpolitische Ausstellungen entwickelt, zwei davon Wanderausstellungen. Und dies und das mehr.

 

„Daneben“ arbeite ich mittlerweile als Psychologin in einer Beratungsstelle. Erst in einem Frauentherapiezentrum, jetzt seit 13 Jahren auf einer vollen Stelle an der Uni. Das macht Spaß.

 

Auch wenn sich meine Arbeit über die Jahre verändert hat, ist der Antrieb derselbe geblieben. Einerseits ist mein Antrieb das Gefühl, dass es schön ist, etwas tun zu können. Wenn ich etwas schlecht finde, brauche ich nicht nur unglücklich sein und klagen. Natürlich gibt es unglaublich viel auf der Welt, das schlecht ist. Und oft rennt man sich an Wänden den Kopf ein. Aber manchmal kann man einfach etwas tun. Obwohl es, das Große und Ganze betrachtet, natürlich nicht stimmt, hatte ich oft das Gefühl, dass ich die Welt verändere, wenn ich etwas mache, was es ohne mich nicht gegeben hätte. Das ist ein schönes Gefühl. Der andere Teil meines Antriebs ist, dass ich mich immer wieder über Dinge ärgere, die ich unglaublich oder ungerecht finde.

 

 

 

weird: Seit über 20 Jahren machst du Fotografien, Kurzfilme und Texte – von Gedichten und Prosa über Kolumnen und Demonstrationsreden bis zur Informationsbroschüre (in Teilen nachzulesen und -sehen auf deiner Website www.kassandra-ruhm.de). Wie wichtig war und ist das Künstlerische, das Mediale, das sich Ausdrücken wollen/müssen für dein Leben damals wie heute?

 

Kassandra Ruhm: Sehr.

 

 

 

weird: Kunst und Aktivismus. Wie siehst du in deiner Arbeit und im Allgemeinen das Zusammenspiel?

 

Kassandra Ruhm: Ich persönlich setze politische Inhalte gerne mit künstlerischen Mitteln um. Aber das kann jede_r halten, wie sie will. Kunst ohne inhaltliche Aussagen zu machen, würde mir selbst nicht so viel Spaß bereiten. Aktivismus ohne Kunst wiederum macht mir auch weniger Spaß, als wenn beides zusammen kommt. Wenn ich da an die vielen sachlichen Beschwerdebriefe wegen zugestellten Behindertentoiletten und anderen offiziell nicht vorhandenen Barrieren denke …

 

Die Beschwerdebriefe sind notwendig, aber sie sind keine Kunst. Und sie haben einen außergewöhnlich geringen Spaßfaktor. ;-)

 

 

 

weird: Neben Texten, Fotografien und Filmen spielt für dich als Tänzerin und Tanzlehrerin der Tanz eine wichtige Rolle in deinem Leben. Was bedeutet Tanz für dich?

 

Kassandra Ruhm: Ich schätze, meine Antwort ist anders, als man erwarten würde. Tanz bedeutet für mich, oft unangenehm beguckt worden zu sein. Weil mein Körper und der von vielen anderen behinderten Menschen in dieser Gesellschaft als schlechter, hässlicher, unbeweglicher und weniger attraktiv angesehen wird, als der von Nichtbehinderten. Blicke sind oft von diesem Bild geprägt.

 

Oder wir werden exotisiert und für ganz selbstverständliche Dinge wie Tanzen „bewundert“. In beiden Varianten gehört man nicht dazu, sondern es gibt statt Nähe und Zugehörigkeit Distanz zu uns. Davon hatte ich irgendwann die Schnauze voll. Ich habe mir gedacht: „Dann gehe ich eben auf die Bühne oder gebe selbst Tanz-Workshops. Dann sollen sie mich angucken, bis sie satt sind. Wenn du auf der Bühne steht, ist klar, dass das, was du machst, richtig so ist. Das mache ich so lange, bis ich irgendwann zu gemischten Tanzveranstaltungen gehen kann, ohne dass es zu viele unangenehme Blicke gibt.“

 

Ich glaube, das Ziel habe ich noch nicht erreicht. ;-) 2011 habe ich ein inklusives Tanzprojekt gegründet, das „bunter umso schöner tanzen“ heißt. Weil ich glaube, dass es besser ist, unterschiedlich zu sein, als sich an Normen anzupassen. Einen winzigen Ausschnitt von dem, was möglich ist und von dem, was wir im Projekt gemacht haben, kann man in den Tanzfilmen auf meiner Homepage sehen.

 

 

 

weird: Text, Fotografie, Film, nicht selten kommt alles in deinen Arbeiten zusammen. Ist das eher eine „zufällige“ Entwicklung oder ein bewusster Einsatz deiner Mittel?

 

Kassandra Ruhm: Meine Projekte entstehen meist aus einer Art „inneren Notwendigkeit“ heraus. Entweder, weil ich nicht schlafen kann und mir eine gute Idee im Kopf herum geht. Oder weil mich Missstände oder Vorurteile so sehr ärgern, dass ich nicht anders kann, als etwas dagegen zu tun. Welche Mittel ich wähle, ergibt sich von selbst, aus der Idee heraus. Und aus der Überlegung, wie ich bestimmte Inhalte am besten vermitteln kann.

 

Bei meiner neuesten Projekt-Idee kommen auch wieder alle 3 Richtungen zusammen, die Du erwähnt hast. Unter dem Arbeitstitel „bunt ist schöner“ wird es jede Woche ein neues „Poster der Woche“ geben, dass man sich -fertig zum Ausdrucken- von meiner Homepage herunterladen und vor Ort drucken lassen kann. Hier in Bremen werden die wechselnden Poster im DIN A2-Format an verschiedenen öffentlichen Orten aushängen. Auf den Postern sind Menschen zu sehen und zu lesen, die etwas zu sagen haben, was in der Standard-Gesellschaft noch nicht oft genug gehört worden ist. Manche Modelle sind lesbisch oder queer, manche schwarz, manche behindert oder muslimisch. Oder mehreres gleichzeitig. Das Projekt geht wahrscheinlich Mai 2017 online und läuft dann ein Jahr lang. Als kurzen Film soll es die Aussagen der Poster später auch noch geben.

 

 

 

weird: Im Mai 2016 hast du einen neuen Kurzfilm veröffentlicht. „Herzlich Willkommen“ (s. unteres Video rechts) ist 6 Minuten lang und behandelt intersektional Vorurteile nicht-behinderter Menschen gegenüber Frauen mit Behinderung, die ein gegenseitiges persönliches Kennenlernen behindern. Kannst du etwas zu der Idee zum Film und zur Umsetzung erzählen?

 

Kassandra Ruhm: Ich glaube, man guckt ihn sich am besten einfach an. (http://kassandra.erinatranslations.de/index.php?section=videos) Er erklärt sich besser und schöner selbst, als ich das hier mit Worten könnte.

 

Das einzige, was mir einfällt und was nicht im Film selbst zu sehen ist: Die wichtigsten Bestandteile der Filmidee hatte ich am Freitag, 12.2.16, von 21 bis 23 Uhr, plötzlich und unerwartet. In der Woche um den Europäischen Protesttag für die Gleichstellung behinderter Menschen am 5. Mai herum war der Stummfilm schon fertig und ist gleichzeitig an 17 öffentlichen Orten über ganz Bremen verteilt gelaufen und ich war sehr stolz. J An so vielen Orten gleichzeitig, weil ich symbolisieren wollte, dass behinderte Menschen überall hingehören, nicht nur in spezielle Treffpunkte für behinderte Menschen. Ursprünglich hatte ich ihn nämlich nur für das Schaufenster eines behindertenpolitischen Projekts entwickelt.

 

Wer den Film bei sich vor Ort verwenden möchte, kann gerne mit mir Kontakt aufnehmen.
Es geht ganz einfach: Entweder mit einem Fernseher und Datenstick oder DVD-Player oder mit einem alten Computer und Monitor in ein gut einsehbares Fenster stellen oder an einen anderen öffentlichen Ort. Film starten, Dauerschleife anstellen, fertig.

 

 

 

weird: Sprache hat Macht. „Behindert“ oder „Kampf/Scheißlesbe“ etc. werden nach wie vor als gängige Schimpfwörter im alltäglichen Sprachgebrach verwendet. Auch Redewendungen wie „Sie ist an den Rollstuhl gefesselt“ oder „Trotz ihrer Behinderung“ oder Wörter wie „Schwulenhochzeit“ etc. sind immer noch in vielen Beiträgen zu lesen und zu hören. Du selbst setzt dem Sprache und auch Bilder entgegen. Wie, denkst du, können Marginalisierte an Macht gewinnen?

 

Kassandra Ruhm: Indem wir uns nicht mehr schämen dafür, dass wir anders sind als das, was gemeinhin als „normal“ und richtig dargestellt wird. Wir gewinnen an Macht, indem wir nicht mehr versuchen, das Thema zu vermeiden oder für „normal“ gehalten zu werden, sondern offen, freudig und selbstbewusst dazu stehen, was wir sind.

 

Vor ein paar Jahren hat ein Teenager zu mir gesagt: „Bist Du lesbisch?“ Es war negativ gemeint. Ich habe sie einfach angestrahlt und geantwortet: „Ja. Toll, nicht?“. Damit hatte ich gewonnen. Natürlich war das für mich als Erwachsene leichter, als wenn das Mädchen meine Klassenkameradin gewesen wäre und ich in der Schule schon x-mal „schwul“ als Schimpfwort gehört hätte. Deshalb finde ich wichtig, dass sich Lehrer_innen sehr gut überlegen, ob sie nicht doch offen mit ihrer Lebensform umgehen können. Selbst wenn es zu Gerede kommen kann, finde ich meist besser, mutig zu sein und freundlich, aber klar Position zu beziehen. Das macht das Leben für Schüler_innen so viel leichter.

 

Gute, geoutete Vorbilder als Lehrer_innen nutzen nicht nur den LGBTI Schüler_innen (LGBTI bedeutet lesbisch, schwul (gay), bisexuell, transgender und intersexuell), sondern auf Dauer der ganzen Gesellschaft. Denn fast alle Menschen sind zur Schule gegangen, bevor sie erwachsen wurden. Dazu können übrigens auch heterosexuelle Lehrer_innen beitragen, indem sie immer mal wieder auf positive und selbstverständliche Weise über LGBTI-Menschen reden.

 

Falls hier Lehrer_innen mitlesen: „Was ist eigentlich eine Familie?“ ist ein Kurzfilm über unterschiedliche Familienformen, den ich 2015 gedreht habe. (Link: http://kassandra.erinatranslations.de/index.php?section=videos) Das Landesinstitut für Schule des Landes Bremen hat ihn ganz offiziell in seinen Medienverleih aufgenommen und empfiehlt ihn zur Verwendung im Schulunterricht ab der 4./5. Klasse. Man kann den Film auch außerhalb Bremens einfach einsetzen, er steht zur freien Nutzung online. Das ist ein kleiner Anfang.

 

Wir brauchen möglichst viele lgbti, behinderte, schwarze, jüdische oder muslimische Lehrer_innen oder Mitarbeiter_innen in der Jugendarbeit, die offen damit umgehen. Und wir brauchen Menschen, die nicht selbst von Marginalisierung betroffen sind, aber trotzdem oder gerade darum etwas dazu sagen.

 

In dem wir nicht mehr wünschen oder versuchen, anders zu sein, als wir sind, gewinnen wir an Macht.

 

Es gibt zu viele behinderte Menschen, die verinnerlicht haben, nichtbehindert zu sein, wäre wertvoller und die weniger gern mit anderen behinderten Menschen zu tun haben, als mit Nichtbehinderten. Etliche behinderte Menschen und ihre Familien haben Probleme mit Hilfsmitteln, die nützlich sind, aber eine Behinderung offensichtlich machen. Ich glaube, vielen ist gar nicht klar, dass durch solche Haltungen eine negative Bewertung von behinderten Menschen weitergetragen wird.

 

Statt dem Wunsch, von Vertreter_innen der Mehrheitsgesellschaft anerkannt zu werden, brauchen wir Solidarität miteinander. Natürlich kann sich auch auf politischem Weg oder über die Medien die Situation von marginalisierten Menschen prima verbessern.

 

 

 

weird: Viele Betroffene sagen: „Ich bin nicht behindert, ich werde behindert.“ Behinderung selbst ist also an sich eigentlich für viele auch schon kein wirklich gutes Wort. Warum?

 

Kassandra Ruhm: Die Bezeichnung „Behinderte“ bezieht sich nur auf unsere Einschränkungen. Das, was wir können, vielleicht auch sehr gut können, wird außer Acht gelassen. Auch dass es gar nicht unbedingt schlechter ist, wenn man etwas anders macht oder anders aussieht als die Mehrheit, ist nicht im Blick.

 

Es gibt immer wieder Versuche, nicht-diskriminierende Bezeichnungen für behinderte Menschen zu finden. Mittlerweile glaube ich aber, dass das nicht viel bringt, weil alle Bezeichnungen für behinderte Menschen schnell zu Schimpfworten werden, solange die gesellschaftliche Vorstellung ist, dass behinderte Menschen, drastisch ausgedrückt, minderwertig, schlechter, unangenehm oder peinlich wären.

 

Der Satz „Ich bin nicht behindert, ich werde behindert.“ sagt aber auch, dass das Problem oft nicht die körperlichen oder anderen Einschränkungen sind, die eine Person hat, sondern die gesellschaftliche Benachteiligungen, denen sie ausgesetzt ist. Wenn Gebärdensprache selbstverständlich ist, sind Taube nicht behindert.

 

 

 

Du bist seit deinem 22. Lebensjahr, also seit 23 Jahren Rollstuhlfahrerin. Wie viel hat sich in der Zeit nach deiner Erfahrung in Sachen Barrierefreiheit für Rollstuhlfaher_innen getan?

 

Kassandra Ruhm: Zu wenig. Aber ich hoffe noch auf die nächsten 23 Jahre!

 

Gut ist, dass Busse und Bahnen über die 2 Jahrzehnte besser nutzbar geworden sind. Allerdings längst noch nicht so, wie es für Nichtbehinderte selbstverständlich ist.

 

Neue Kneipen und Restaurants werden jetzt öfter mit Rampe und Behindertentoilette ausgestattet als früher. Aber die meisten Behindertentoiletten in Gastronomien, die ich kenne, werden als Abstellraum missbraucht und sind nur noch für Fußgänger_innen gut nutzbar. Das könnt Ihr leicht kontrollieren und Euch gegebenenfalls beschweren: Vor der WC-Schüssel und vor dem Waschbecken muss eine Wendefläche von 1,5 x 1,5 m frei sein und rechts und links neben der WC-Schüssel je 90 cm breit. Wenn auf diesen Flächen Regale für Reinigungsmittel eingebaut wurden oder die Kinderstühle oder Weinvorräte gelagert werden, ist das ein Problem.

 

Der Standard-Spruch, den ich bei nett gemeinten Hinweisen zu hören bekomme, ist: „Alle anderen Rollstuhlfahrer_innen sind gut damit zurecht gekommen.“ Mit einem entsprechendem Blick auf mich. Klar, ich persönlich bin eine zu schlechte Rollstuhlfahrer_in und einfach unfähig. Sonst würde es problemlos funktionieren.

 

In Wirklichkeit hatten die anderen vielleicht nur keine Lust auf unangenehme Reaktionen gegen ihre Person, wenn sie sich beschweren. Da kann die Mithilfe von Menschen, die nicht selbst auf Barrierefreiheit angewiesen sind, gut nutzen!

 

Außerdem ist rollstuhlgerechter Wohnraum immer noch Mangelware. Oft wird mit „Barrierefreiheit“ bei Neubauwohnungen geworben. Doch wenn man genauer hinguckt, sind selbst diese teuren Wohnungen häufig nur für Menschen mit Krücken barrierefrei bewohnbar, aber nicht für Rollstuhlfahrer_innen. Man kommt zwar in die Wohnung herein, kann sie aber nicht so nutzen, wie es normal wäre.

 

Viele queere oder anderweitig politische Projekte sind nicht barrierefrei zugänglich. Für andere Gruppen von behinderten Menschen sieht es in politischen Szenen und in Subkulturen oft nicht besser aus: Gebärdensprachdolmetscher_innen sind nur selten vor Ort, …

 

Das was sich wirklich verändert hat, ist die Darstellung. Heute wird sehr häufig von Barrierefreiheit geredet und so getan, als ob sie wichtig genommen und umgesetzt würde und es „Inklusion“ an allen Ecken und Enden gäbe. Das glauben viele, die nicht selbst betroffen sind. Aber oft existiert diese Barrierefreiheit und „Inklusion“ nur in den schönen Worten und nicht in der Wirklichkeit.

 

 

 

weird: Ob zum Thema Barrierefreiheit, Inklusion oder Teilhabegesetz, Nicht-Betroffene reden und entscheiden in der Regel für und über Betroffene. Betroffene werden nicht gehört. Wie sehr spürst du das selbst?

 

Kassandra Ruhm: Bei manchen Themen kann ich das zwar politisch verurteilen, aber ansonsten recht gut an mir abgleiten lassen.

 

Ärgern tun mich persönlich am meisten diese beiden Bereiche:

 

Wenn ich widerrechtliche Barrieren bei den zuständigen Stellen melde, die aber nicht reagieren. Mal abgesehen davon, dass die meisten Barrieren rechtlich legal oder zumindest nicht verfolgbar sind und es deshalb sowieso wenig Handhabe dagegen gibt.

 

Wenn es mal nach viel langwierigem Aufwand zur Beseitigung einer Barriere kommt, ist das schon viel. Sanktionen gegen diejenigen, die die Barrieren verursacht und nicht zeitnah behoben haben, kommen in Bremen so gut wie nicht vor. Von mir jedoch wird erwartet, eine große Menge an Kraft und Freizeit zu investieren – obwohl das nicht meine Aufgabe sein sollte. Die Zeche zahlen also vorwiegend ich oder andere behinderte Menschen, die sich nicht freundlich lächelnd arrangieren, sondern eine Einhaltung der Gesetze erreichen wollen.

 

Besonders heikel finde ich auch, wenn Kunst-, Kultur- oder Freizeit-Projekte, die sich „inklusiv“ nennen oder die extra für behinderte Menschen sind und dafür finanziert werden, unter fast vollständig nichtbehinderter Leitung stehen. Oder wenn 90 - 100 % der bezahlten Arbeitsstellen mit Nichtbehinderten besetzt sind. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie oft das der Fall ist.

 

Wenn man sich das auf LGBTI- oder feministische Projekte übertragen vorstellt, merkt man noch deutlicher, wie absurd und un-gleichberechtigt das ist. Feministische Projekte, deren Machtpositionen fast ausschließlich in der Hand von Menschen sind, die alle Privilegien der männlichen Rolle genießen? LGBTI-Angebote, deren bezahlte Arbeitsstellen zu 90 % von Heterosexuellen besetzt werden? Undenkbar. Bei vielen Angeboten für behinderte Menschen völlig normal.

 

Sehr unangenehm ist außerdem, wenn Sonder-Einrichtungen, die getrennte Angebote für behinderte Menschen machen und davon leben, sich mit dem Label „Inklusion“ schmücken. Inklusion bedeutet, dass Menschen mit unterschiedlichen Zugangsbedingungen, wie zum Beispiel unterschiedlichen körperlichen oder geistigen Möglichkeiten, trotzdem auf chancengleicher Basis etwas zusammen tun. Wenn Nichtbehinderte im Rahmen ihres Studiums oder gegen Bezahlung etwas machen, bei dem behinderte Menschen als Teilnehmer_innen dabei sein dürfen, ist das nicht Inklusion. Inklusion heißt nicht „Für Behinderte“. Inklusion heißt „Für alle Menschen gleichberechtigt zusammen“.

 

Ein ähnliches Thema ist es mit der „Eingliederungshilfe“. Das ist ein richtig großer Betrag von öffentlichen Geldern, der allerdings zum allergrößten Teil statt „einzugliedern“ an Sonder-Einrichtungen geht, in denen behinderte Menschen getrennt von der restlichen Gesellschaft lernen, arbeiten oder leben.

 

Welche Angebote es in diesen Einrichtungen gibt und wie es dort vor sich geht, scheint oft mehr danach ausgerichtet zu sein, wie es der Organisation und den nichtbehinderten Anbietern nutzt, als den behinderten Menschen, für die das viele Geld eigentlich gezahlt wird.

 

Gleichzeitig haben erstaunlich viele der nichtbehinderten Mitarbeiter_innen dieser Einrichtungen kaum gleichberechtigte Kontakte mit behinderten Menschen. Das heißt, sie haben nur bezahlt mit behinderten Menschen zu tun. Sie sind nicht privat mit anderen behinderten Menschen befreundet oder in Liebesbeziehungen etc. Nicht dass ich missverständlich bin: Ich meine mit meinen Aussagen nicht verallgemeinert alle einzelnen Mitarbeiter_innen von Sonder-Einrichtungen. Manche schätze ich natürlich für ihren Charakter und für ihre Arbeit. Es geht mir um ein strukturelles Problem.

 

Diese Beispiele haben etwas davon, als ob behinderte Menschen dafür da wären, dass Nichtbehinderte ihren Lebensunterhalt mit ihnen finanzieren können. Statt dass umgekehrt unsere eigenen Bedürfnisse bei der Verwendung der Gelder und der Besetzung von Stellen im Vordergrund ständen. Nicht ohne Grund ist in der Behindertenbewegung der Begriff der „Wohltätermafia“ entstanden.

 

 

 

weird: Stichwort Intersektionalität, sprich Mehrfachdiskriminierung. Wie erlebst du als lesbische Frau mit Rollstuhl persönlich die einzelnen Formen der Diskriminierung und ihr Zusammenwirken?

 

Kassandra Ruhm: Das hat mehrere Seiten. Damit meine Antwort nicht viel zu lang wird, beschreibe ich nur 3 davon.

 

Behinderte Frauen werden oft eher als sexuelle Neutren angesehen. Das führt dazu, dass ich viel weniger negative Reaktionen auf meine lesbische Lebensform erlebt habe, als es ohne sichtbare Behinderung der Fall gewesen wäre. Ob es eine Art von „Narrenfreiheit“ ist, ein Nicht-Ernstnehmen, ein Verleugnen der Sexualität behinderter Frauen oder der unzutreffende Gedanke, ich hätte „keinen Mann abgekriegt“ und lesbisch zu sein wäre eine gute Notlösung, die man mir deshalb gerne zugesteht – die negativen Vorurteile laufen darauf hinaus, dass ich weniger Nachteile hatte.

 

Andererseits habe ich innerhalb der Lesben-Szene immer wieder die Erfahrung gemacht, als nicht dazugehörig, sonders als „anders“ behandelt zu werden. Ich gehörte für die meisten anscheinend zu „den Behinderten“, nicht zu ihnen, den Lesben. Vor ein paar Jahren habe ich aufgegeben. Wer mich kennenlernen möchte, muss das nun außerhalb der Lesben-Szene tun. Das geht ja auch, ich bin gut übers Internet zu finden und zu erreichen. Es ist erstaunlich: An wenigen Orten habe ich so viel Auf-Distanz-gehen erlebt, wie unter Lesben. Normalerweise muss ich übrigens nur in den Aufzug oder die Straßenbahn steigen, schon gibt es eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass ich mit jemandem ins Gespräch komme.

 

In lesbischen Zusammenhängen schien es manchmal, als ob einzelne Frauen vor „Zeugen“ nett mit mir geredet haben, um zu zeigen, wie politisch korrekt sie wären. Aber zu einem privaten Kontakt, z. B. ganz normal zusammen Kaffee zu trinken, kam es mit ihnen normalerweise nicht. Lesben, mit denen ich privat zu tun hatte, habe ich meistens außerhalb der Szene kennen gelernt. Was natürlich schwieriger ist.

 

Ob es aufgrund von Berührungsängsten war, von falschem Wertigkeitsdenken (z. B. „Behinderte sind minderwertig“ – auch wenn man das nach außen nicht sagt) oder aufgrund der Sorge, sie müssten mir helfen oder sich zu viel um mich kümmern, weil behinderte Menschen laut Vorurteil hilflos sind, kann man spekulieren. Aber wenn man lesbisch ist und das ein grundlegender Teil der eigenen Identität ist, ist es sehr unschön, innerhalb der Gemeinschaft lesbischer Frauen als nicht zugehörig behandelt zu werden.

 

Wenn ich mich in Organisationen von behinderten Menschen bewege, kann es je nach Gruppe sein, dass ich mich an klassischen Geschlechterstereotypen abarbeiten muss. Zum Beispiel daran, dass meinen Worten weniger Gewicht gegeben wird, weil sie von einer Frau kommen und nicht von einem Mann. Manchmal habe ich mit männlichen Freunden eine Verabredung gehabt. Wenn auf einen Vorschlag von mir nicht angemessen eingegangen wurde, haben sie ein paar Minuten später noch einmal dasselbe gesagt wie ich. Das hat jedes Mal dazu geführt, dass meine Ideen mit Interesse aufgenommen wurden. ;-)

 

Sie mussten nur von einem Mann kommen, um gehört zu werden. Da ich nicht nur behindert, sondern auch Feministin bin, gab es wenig Orte, an die ich ganz zu passen schien.

 

(Die gute Wendung der Geschichte kommt noch weiter unten.)

 

 

 

weird: Wann hast du das gemerkt, dass du lesbisch bist?

 

Kassandra Ruhm: Puh, das ist schwer zu sagen. In der Grundschule habe ich immer wieder meine Freundin geheiratet. Aber ich bin nicht auf die Idee gekommen, dass das unüblich sein könnte.

 

Als Teenager hatte ich viele Männerbeziehungen. Weil ich überhaupt nicht wusste, dass es so etwas wie „lesbisch“ gibt, was es bedeutet und wie ich Freundinnen finden könnte. Bei einzelnen „besonderen“ Kontakten mit Freundinnen habe ich unser Verhältnis, rückblickend betrachtet, nicht richtig gedeutet.

 

Später hatte ich als Feministin eine Reihe von Kritikpunkten an Geschlechterrollen und an „typisch männlichem“ (Beziehungs-)Verhalten. Ich fand, dass Frauenbeziehungen eine gute Alternative wären. Aber auch da noch war es schwierig, genug andere Lesben zu finden. Obwohl ich mit 20 schon gesagt habe, dass ich lesbisch bin, bin ich deshalb trotzdem noch einmal eine Männerbeziehung eingegangen. Ein paar Jahre später war mir klar, dass ich auch unabhängig vom Feminismus, in einer Welt ohne ungleiche Genderrollenzuschreibungen, Frauen lieben würde und nicht Männer. Aber das kam nicht plötzlich, sondern allmählich.

 

Ich finde großartig, wie viel sich in den letzten 30 Jahren geändert hat. Wie viel bekannter und leichter zu leben lesbische Lebensformen sind. Wie viel mehr Informationen wir haben.  Klar, es gibt noch immer Diskriminierungen und Vorurteile. Aber ich hätte mir damals nicht träumen lassen, dass wir je soweit kommen, wie wir heute schon sind.

 

 

 

weird: Du bist Diplom-Psychologin und arbeitest als betriebliche Sozialberaterin an der Universität Bremen. Ein Coming-out am Arbeitsplatz ist heute immer noch nicht für alle möglich. Dein Rollstuhl ist sichtbar, dein Lesbisch-Sein nicht. Welche Erfahrung machst du als lesbische Frau mit Rollstuhl an deiner Arbeitsstelle?

 

Kassandra Ruhm: Mir ist seit langem wichtig, mich an möglichst vielen Orten als lesbisch zu outen. Ich glaube, dass es für die jungen Generationen umso leichter wurde und wird, desto mehr Menschen sich geoutet haben und zeigen, dass sie glücklich ihre Lebensform leben und dazu stehen.

 

Klar, einfach nichts zu sagen und sich nicht dem Risiko von Diskriminierungen auszusetzen, ist manchmal leichter. Aber wenn ich sehe, wie viel sich für Lesben und Schwule in den letzten 30 Jahren durch den Mut von Einzelnen und durch politische Bewegungen verbessert hat, bin ich gerne bereit, weiter zu machen.

 

In meinem Beruf unterstütze ich die 3.500 Wissenschaftler_innen, Verwaltungsmitarbeiter_innen und Techniker_innen, die an der Uni Bremen arbeiten, bei Bedarf bei (fast) allen Arten von Problemen.

 

An meinem Arbeitsplatz habe ich keine direkten negativen Reaktionen auf mein Lesbisch-Sein bekommen. Bei den seltenen Äußerungen gegen andere konnte ich etwas sagen und mich klar positionieren. Manchmal war ein Witz die beste Möglichkeit, zu zeigen, wie lächerlich eine homophobe Äußerung eigentlich war. ;-)

 

Ich glaube, dass mir geholfen hat, dass ich sehr offen und selbstverständlich mit meinem Lesbisch-Sein umgehe und anderen dadurch wenig Chancen für unpassende Reaktionen gebe. Dazu kommt natürlich, dass es heute und an einer Universität in einer Großstadt weniger angesagt ist, homophobe Äußerungen zu machen, als an vielen anderen Orten. Trotzdem weiß ich eine Reihe von Kolleg_innen, die sich aus Angst vor Nachteilen nicht oder nur wenigen gegenüber outen.

 

Als Rollstuhlfahrerin werde ich bei meiner Arbeit deutlich fairer und wertschätzender behandelt als an den meisten anderen Orten. Zumindest, wenn ich die für „Diversity“ und ähnliche Themen offiziell Zuständigen meide. ;-)

 

Außer mit einer korrekteren Einstellung von verschiedenen Uni-Mitarbeiter_innen, kann es damit zusammen hängen, dass ich in meiner beruflichen Rolle diejenige bin, von der man sich Hilfe wünscht und die man als klug und kompetent ansieht. Das stellt ein Gegengewicht zum üblichen Vorurteil über behinderte Menschen dar, wir wären hilfebedürftig, weniger intelligent, interessant und leistungsfähig und weniger ernst zu nehmen als Nichtbehinderte.

 

Insgesamt bin ich bei meiner Arbeit sehr glücklich. Das Gefühl, einerseits etwas Sinnvolles tun und etwas verändern zu können und andererseits als Mensch mit verschiedenen Eigenschaften gesehen zu werden und oft auf Interesse an meiner Person zu stoßen, statt, wie in der Frauenszene, in der Schublade „behindert“ zu verschwinden, sind wichtige Gründe, aus denen ich so gerne bei meiner Arbeit bin.

 

Eigentlich seltsam: Früher habe ich mich am liebsten in verschiedenen politischen Bewegungen aufgehalten, in denen man versuchte, gute und gesellschaftskritische Aussagen über behinderte Menschen zu machen. Trotzdem war es oft sehr schwer, mit einer sichtbaren Behinderung dabei sein zu können und nicht außen vor zu stehen. Heute mache ich gerade da, wo keine großen politischen Statements geäußert werden, immer wieder gute Erfahrungen.

 

Eine Freundin von mir, die ich ursprünglich über meine Arbeit kennengelernt habe, hat mittlerweile bei der Kripo Karriere gemacht. Wenn ich aus Sorge um Klient_innen oder aus anderen Gründen anrufe, steht sie mir sofort mit Rat und Tat zur Seite. Das ist sehr praktisch. Früher war ich als links-politischer Mensch gewohnt, die Polizei als bedrohlich wahrzunehmen. Jetzt, mit meiner Zugehörigkeit zu mehreren „Minderheiten“ gleichzeitig, bin ich mit den Jahren dazu übergegangen, mein Haus bunter zusammen zu setzen, aus Bausteinen, von denen ich vorher nicht gedacht hätte, dass sie zusammen passen.

 

 

 

weird: Vom Bundesteilhabegesetz Betroffene demonstrieren seit Wochen auf der Straße, vor Ort in der Politik und im Internet gegen das neue geplante Gesetz. Welche sind deine wichtigsten Kritikpunkte an dem Gesetzentwurf?

 

Kassandra Ruhm: Die sind auf der Internetseite von #NichtMeinGesetz gut zusammengestellt (http://nichtmeingesetz.de/2016/05/10/die-10-groessten-maengel-des-entwurfs-zum-bundesteilhabegesetz/). Ausnahmsweise mal etwas, das ich nicht selbst geschrieben habe.

 

Ich verstehe nicht, wie man ein neues Gesetz beschließen kann, das so wenig mit der UN-Behindertenrechtskonvention vereinbar ist, die seit 2009 in Deutschland gültiges Recht ist und angeblich Stück für Stück umgesetzt wird.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Interview: Christine Stonat + Kassandra Ruhm (7/2016)

Fotos: Virginie Kamche

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Die lesbische, feministische Diplom-Psychologin und Behindertenrechtsaktivistin Kassandra Ruhm (45) macht seit über 20 Jahren Fotografien, Ausstellungen, Kurzfilme und Texte - von Prosa über Kolumnen und Demonstrationsreden bis zu Informationsbroschüren. Sie ist Tanzlehrerin, lebt in Bremen und arbeitet seit 13 Jahren als betriebliche Sozialberaterin der dortigen Universität. Seit 23 Jahren ist sie Rollstuhlfahrerin. Im aktuellen weird-Interview erzählt Kassandra Ruhm von ihrer Kunst, ihrem Aktivismus, Feminismus, gesellschaftlich Behindert werden, Inklusion, Lesbisch sein, Mehrfachdiskriminierung und warum sie manchmal das Gefühl hatte, die Welt zu verändern.

 

Online: www.kassandra-ruhm.de

 

Ausgabe Nr. 106

August 2016

Interview-Steckbrief

- in eigenen Worten -

 

 

Name: Kassandra Ruhm

Alter: 45

Beruf: Diplom-Psychologin

Wohnort: Bremen

 

 

„Ich glaube, dass es besser ist, unterschiedlich zu sein, als sich an Normen anzupassen.“ Kassandra Ruhm

„Wir gewinnen an Macht, indem wir nicht mehr versuchen, das Thema zu vermeiden oder für ‚normal‘ gehalten zu werden, sondern offen, freudig und selbstbewusst dazu stehen, was wir sind.“ Kassandra Ruhm

„Statt dem Wunsch, von Vertreter_innen der Mehrheitsgesellschaft anerkannt zu werden, brauchen wir Solidarität miteinander.“ Kassandra Ruhm

„Rollstuhlgerechter Wohnraum ist immer noch Mangelware.“ Kassandra Ruhm

„Oft existiert Barrierefreiheit und ‚Inklusion‘ nur in den schönen Worten und nicht in der Wirklichkeit.“ Kassandra Ruhm

„Es geht mir um ein strukturelles Problem.“ Kassandra Ruhm

„Da ich nicht nur behindert, sondern auch Feministin bin, gab es wenig Orte, an die ich ganz zu passen schien.“ Kassandra Ruhm

„Mir ist seit langem wichtig, mich an möglichst vielen Orten als lesbisch zu outen.“ Kassandra Ruhm

„Ich verstehe nicht, wie man ein neues Gesetz (Bundesteilhabegesetz) beschließen kann, das so wenig mit der UN-Behindertenrechtskonvention vereinbar ist, die seit 2009 in Deutschland gültiges Recht ist und angeblich Stück für Stück umgesetzt wird.“ Kassandra Ruhm

„Inklusion heißt nicht ‚Für Behinderte‘. Inklusion heißt ‚Für alle Menschen gleichberechtigt zusammen‘.“ Kassandra Ruhm