Mitte         Gesellschaft und Kultur

 

 

 

 

 

In den gesellschaftlichen Blickwinkel eingreifen

 

Yori Gagarim. Künstler_in

Interview

 

 

 

 

weird: Im November 2014 erschien dein Buch „Let Them Talk! What Genitals Have To Say About Gender“. Wie ist das Buch entstanden?

 

Yori Gagarim: Ich bin morgens mit dieser Idee aufgewacht und habe mir die meisten Sprüche, die dann später auch Verwendung fanden, sofort notiert. Dann habe ich mit ein paar Leuten über die Idee gesprochen, weil sie mich nicht mehr losgelassen hat, die Meisten waren begeistert, und ich habe schließlich alles gezeichnet und in Form gebracht. Das fertige Ding habe ich dann an ein paar Verlage geschickt, weil es mir sehr gut gefiel und ich die Zeit reif fand, aus meiner subkulturellen Einbindung mit einem Buch herauszutreten, um im gröszeren Maße in den gesellschaftlichen Blickwinkel auf Geschlecht und Genitalen einzugreifen. Hätte kein Verlag zugesagt, hätte ich es als ein weiteres Zine herausgegeben. Glücklicherweise hat mit Edition Assemblage sofort ein Verlag zugesagt, und so konnten wir im Laufe eines Jahres das kleine Buch druckfertig machen. In Zukunft sind auch Ausstellungen der Zeichnungen geplant, da sich Lesungen leider eher weniger eignen.

 

 

weird: Misgendering ist eines deiner zentralen Themen. U. a. auch auf „# when people misgender me“ (mis-gender.tumblr.com). Wenn du gefragt wirst, gibst du u. a. Tipps* im zwischenmenschlichen Umgang abseits binärer Geschlechterkonstruktionen. Was ist dir dabei besonders wichtig?

 

Yori Gagarim: (Fehl-)Zuschreibungen bezüglich eines vermuteten Geschlechtes sind in weißen europäischen und US-amerikanischen Kulturen mit eine der ersten, die gemacht werden. Viele Menschen haben ein Bedürfnis, sowohl sich als auch andere Menschen irgendwie (geschlechtlich) „einordnen“ zu wollen und tun dies dann auch meist. Leider oft ohne zu berücksichtigen, dass weder alle Menschen eins und_oder nur ein Geschlecht haben_sind oder diese/s sichtbar ist/sind. Dann passieren ganz viele Zuschreibungen, die auf vielmals nicht zutreffenden Stereotypen beruhen. Mir ist wichtig, genau darauf aufmerksam zu machen und mögliche Denkfehler sichtbar und bemerkbar zu machen. Z. B., dass Geschlecht weder binär noch an sich gegeben ist. Bei binären Konstruktionen wird oft vergessen, dass Menschen sich nicht nur an beiden Enden befinden können, sondern auch dazwischen und außerhalb. Und_oder auch an mehreren Punkten gleichzeitig und nichts davon muss über die Zeit stabil oder dauerhaft sein. Meistens sagen (Fehl-)Zuschreibungen mehr über die Person aus, die sie trifft, als die Person, die es betrifft.

 

 

weird: Du definierst dich selbst als trans* (korrigier‘ mich gerne). Was bedeutet Identität für dich?

 

Yori Gagarim: Neben vielen anderen Dingen bezeichne ich mich oft als trans*. In Bezug auf Gender ist Agender bzw. Neutrois allerdings die zutreffendere aber leider (noch) sehr unbekannte Bezeichnung, deswegen greife ich oft der Einfachheit halber auf „trans*“ zurück. Ich finde aber beide wichtig und benutze auch beide für mich, um mich notwendiger weise positionieren zu können. Identität begreife ich als das Sammelsurium meiner Erfahrungen, aus denen ich heraus Ein- und Ausblicke auf die unterschiedlichsten Dinge mache. Ich finde es wichtig, sich positionieren zu können, insbesondere wenn es um diskriminierende und_oder privilegierende (kollektive) Erfahrungen und Strukturen geht. Allerdings haben diese Dinge / Positionierungen eh unweigerlich Einfluss auf mein Leben und meinen Erfahrungshorizont, dazu muss ich mich nicht mit ihnen identifizieren. Darüber hinaus finde ich es wichtig, dass ich über meine eigene Identität hinaus gehe, also mich auch verhalte. Ich kann mich als vieles identifizieren, wie ich (in einer bestimmten Situation) handeln kann (aber) davon abweichen oder dem sogar widersprechen.

 

Identität ist für mich eine Mischung aus Erfahrungen, Positionierungen, Einstellungen, Handlungen, Utopien und Wünschen.

 

 

weird: Wann und wie hast du begonnen dich mit deiner eigenen sexuellen Identität und Orientierung auseinander zu setzen? Hilft dir deine Kunst ggf. heute noch dabei?

 

Yori Gagarim: Ich kann und will das alles nicht voneinander trennen. Das ist für mich künstlich Grenzen da zu ziehen, wo Menschen nicht hindenken können_wollen. Genauso kann ich auch keinen Anfang von Auseinandersetzungen setzten, denn dann müsste ich auch irgendwann auch an einen Endpunkt kommen. Und das ist von mir nicht gewollt, denn ich lerne und arbeite ständig mit und durch Auseinandersetzung, Nachdenken, Veränderung, Übung und Reflektion. Mir werden Sachen durch Reibungspunkte bewusst - wenn etwas wehtut, versuche ich hinzuschauen, wenn mich etwas überrascht, sagt das was über meine Erfahrungen, Einstellungen und Erwartungen aus.

 

 

weird: Comics, Zeichnungen, Grafiken, Kunst – wie bezeichnest du selbst deine Arbeiten bzw. würdest du dich überhaupt einem Genre* zuordnen?

 

Yori Gagarim: Am liebsten: Nein. Warum? Ich mach unterschiedliche Dinge. Ich habe auch schon geschrieben und habe Installationen im öffentlichen Raum gemacht.

 

Und die Wahl des Mediums hängt meist auch vom Inhalt und einer eventuellen Zielgruppe ab.

 

 

weird: Warum hast du Englisch als deine Kunstsprache gewählt?

 

Yori Gagarim: In Bezug auf Gender ist das die Sprache, in der ich mich mittlerweile hauptsächlich darüber auseinandersetze. Deutschsprachige Auseinandersetzungen hängen da meiner Meinung nach sehr hinter den Englischsprachigen hinterher. Dazu habe ich viel englischsprachigen Kontakt, sowohl privat als auch so. Aber ich arbeite auch auf Deutsch, meist ergibt sich die Sprache mit der Sache und_oder dem Thema.

 

 

weird: Wie entstehen deine Ideen für neue Arbeiten, Motive, Projekte?

 

Yori Gagarim: Wenn ich das wüsste … Meist spontan. Oft durch aktuelle Auseinandersetzungen. Viel durch eine Kombination aus Zufall, Zeit und Energie. Manchmal bekomme ich auch Anfragen. Abgabetermine sind z. B. meist stressig aber oft einfach auch sehr produktiv.

 

 

weird: Du lebst in Berlin. Kommst du aus Berlin? Wenn nein, wie, wann und warum bist du nach Berlin gekommen? Was macht Berlin für dich besonders?

 

Yori Gagarim: Nein, ich bin seit 2001 in Berlin. Als ich das erste Mal in Berlin war, habe ich mich das erste Mal in meinem Leben relativ entspannt bewegen und entfalten können. Das ist geblieben, deswegen bin ich hergezogen. Und da ich seitdem auch nicht mehr umgezogen bin, kann ich mir mittlerweile auch weder eine andere Stadt noch eine andere Wohnung innerhalb Berlins leisten. Dazu gibt es in Berlin eine riesige Anzahl von Subkulturen. Und Subkulturen innerhalb von Subkulturen. Und Touristen. So sehr ich sie oft verfluche, so sehr kaufen sie auch meine Sachen. Über eine Verbreitung meiner Sachen über den Globus kann ich mich also nicht beklagen. Aber das Besondere und was mich in Berlin hält, sind die wenigen nahen Menschen um mich rum.

 

 

weird: Yori Gagarim „Off The Rokket“ – wie entstand der Name?

 

Yori Gagarim: Yori Gagarim ist mein Name. OFF-THE-ROKKET ist der Name für die Pin-Ups, die ich hauptsächlich für die Anschläge zeichne. Ich mag wenn Namen für Projekte gut für mich klingen, aussagekräftig und wiedererkennbar sind. OFF-THE-ROKKET bezieht sich darauf, dass Pin-Ups ursprünglich viel auf Kriegs-Flugzeuge gemalt wurden um Soldaten zu motivieren. Wegen der möglichen weiteren Assoziationen dazu habe ich mich aber für "rocket" entschieden, es wegen der Wiedererkennung und Eindeutigkeit mit doppeltem „K“ geschrieben und ein „OFF-THE-“ dazu gesetzt, um mich genau von dieser Geschichte abzugrenzen. Zudem bezeichnet ein „OFF“ oft eine Gegenkultur und_oder etwas „Fragwürdiges“, „Schräges“, „nicht ganz Einordbares“ und_oder „Abweichendes“, das finde ich sehr attraktiv insbesondere in diesem Zusammenhang.

 

 

weird: Es gibt in Deutschland einige queere Zeichner_innen. Es gibt Zines, Projekte. Auch der neue Monatskalender 2015 des queeren Hamburger Magazins Hugs And Kisses stellt einige, darunter dich, vor. Wie gut bist du vernetzt?

 

Yori Gagarim: Da ich bereits seit langem das mache, was ich mache, sehr neugierig und interessiert bin, und auch phasenweise viel unterwegs bin, schätze ich mich als sehr gut vernetzt ein. Wie es anderen geht, kann ich nicht einschätzen.

 

 

 

Interview: Christine Stonat/Yori Gagarim 12/2014

Fotos: Yori Gagarim

 

 

 

 

 

 

 

 

Notizen aus Gesellschaft und Kultur

 

 

Weltklasse 2015 in Bielefeld

35. Internationales Frauen-Hallenfußball-Turnier

 

Nach einer Pause 2014 findet das traditionelle neujährliche Internationale Frauen-Hallenfußball-Turnier 2015 wieder statt. In der Sporthalle der Realschule Jöllenbeck in Bielefeld spielen einmal mehr Weltklassespielerinnen und ihre Teams am 10. und 11.1.15 um den Pokal der Sparkasse Bielefeld. Bestätigt haben die Damen von Fortuna Hjørring aus Dänemark, Arna-Bjørnar Bergen aus Norwegen sowie die deutschen Clubs 1. FFC Turbine Potsdam, SGS Essen, Bayer 04 Leverkusen und Herforder SV.

 

Online: www.frauenturnier.com

 

 

 

Am 10.1.15 findet die jährliche Benefiz-Frauenparty von und für Wildwasser Bielefeld, dem Verein für Frauen mit sexualisierter Gewalterfahrung in Kindheit und Jugend statt. DJs sind The Ninette und Prinz Anna von Queers And Guitar. Gefeiert wird ab 21.30 Uhr im Falkendom Bielefeld. Mehr zu Wildwasser Bielefeld s. Archiv Ausgabe Nr. 47 September 2011 „Mitte“

 

Online: www.wildwasser-bielefeld.de

 

 

 

Am 17.1.15, ab 23 Uhr, findet zum ersten Mal die queere Queer Division Party im Ostbahnhof Bielefeld statt. Mit Pop & Wave, Indie, Postpunk mit DJ Dejan.

Seite 4

weird

  zurückblättern                                                               vorblättern 

Anzeigen

gayPARSHIP.com - Finde die Liebe Deines Lebens
Share |
Singlebörse neu.de - Hier fängt es an...

Ausgabe Nr. 87

Januar 2015

Name: Yori Gagarim

Alter: 39

Beruf: Künstler_in

Wohnort: Berlin

Meine weirdeste Eigenschaft: Für andere: Definitiv.

 

 

 

 

Yori Gagarim ist Grafik-Künstler_in aus Berlin. Sie macht Arbeiten für verschiedene queere Zines und Magazine, darunter das renommierte feministische Wiener Magazin an.schläge. Er stellt in Ausstellungen aus und verkauft mit seinen Grafikmotiven selbstbedruckte Shirts, Buttons und Aufnäher. Yori Gagarim widmet sich in ihren Arbeiten vor allem queeren und trans* Themen, Misgendering und Lookism. „Let Them Talk! What Genitals Have To Say About Gender“ (Edition Assemblage) ist sein erstes Buch, das im September 2014 erschien. Eine Grafikstudie, in der Genitalien eine Sprache verleiht bekommen. Ausgangspunkt hierfür ist die Annahme, dass, wenn Menschen, wenn sie über Geschlecht sprechen, häufig Genitalien meinen. Dabei handelt es sich jedoch um Vermutungen und Zuschreibungen und nicht um die wahren Genitalien einer Person.

 

Online: www.yori-gagarim.com

http://off-the-rokket.tumblr.com

 

 

Yori Gagarim

„Let Them Talk! What Genitals Have To Say About Gender“

(Edition Assemblage)

Graphic Studie, 64 S., broschiert

Out: seit September 2014

Archiv

gayPARSHIP.com - Finde die Liebe Deines Lebens

Anzeige

weird

RSS News Feed

weird

YouTube-Kanal

weird

auf Facebook

Share |

Ihr befindet euch im Archivbereich:

 

Ausgabe Nr. 87

Januar 2015

© 2007-2017 weird

Über weird | Archiv