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weird

Asexuell sein in …

 

 

 

Luxemburg

 

Julia Maria Zimmermann

 

 

 

 

 

 

 

weird: Was ist Asexualität?

 

Julia Maria: Asexualität bezeichnet in ihrer grundsätzlichsten Form (die ich bevorzuge, da sie auch die inklusivste ist) eine sexuelle Orientierung, die dadurch gekennzeichnet ist, dass keine (regelmäßige) sexuelle Anziehung gegenüber einer Person bzw. einem Geschlecht besteht. Asexualität liegt, wie viele andere sexuelle Orientierungen auch, auf einem Spektrum, das heißt, die Übergänge zwischen Asexualität und Allosexualität (ein Sammelbegriff für alle nicht-asexuellen Orientierungen) sind fließend. So gehören auch Formen wie Demisexualität (sexuelle Anziehung wird erst erlebt, wenn z. B. eine emotionale Nähe besteht, die allerdings zunächst überhaupt nicht sexuell ist) oder Greyasexualitäten (sexuelle Anziehung wird sehr selten oder nur sehr schwach erlebt, oder möchte nicht ausgelebt werden) zum asexuellen Spektrum. Asexualität bedeutet nicht, dass eine Person keine Libido hat oder nicht sexuell erregbar ist. Zwar berichten viele Asexuelle, dass ihr Sexualtrieb nicht sehr ausgeprägt ist, aber es besteht kein kausaler Zusammenhang und ist auch nicht allgemein, immerhin können auch Personen, die regelmäßig sexuelle Anziehung verspüren, eine (zeitweise) schwache Libido haben. Abgesehen davon reagieren asexuelle Personen auf physikalische Reize, und sexuelle Erregung ist ja zunächst nichts anderes, durchaus in ähnlicher Weise wie allo-sexuelle Personen. Asexualität hat auch nichts mit Abstinenz zu tun. Abstinenz bezeichnet ein bestimmtes sexuelles Verhalten (nämlich keine sexuelle Aktivität), zu dem sich auch allosexuelle Personen z. B. aus religiösen Gründen entscheiden können. Zwar leben eine Reihe von Asexuelle abstinent, aber viele sind auch sexuell aktiv, entweder in einer Partner_innenschaft oder allein, und das aus den unterschiedlichsten Gründen, wie allosexuelle Leute auch.

Gegenwärtig geht man, im Anschluss an diverse Studien, davon aus, dass ca. 1 % der Bevölkerung asexuell ist; allerdings ist diese Zahl etwas mit Vorsicht zu genießen, da noch nicht ganz klar ist, wie man Asexualität sinnvoll operationalisieren, d. h. wissenschaftlich erfragbar, machen kann. Sowohl Selbstbezeichnungen als auch Messungen des Sexualtriebs sind schwierig. Abgesehen davon wurde meines Wissens das asexuelle Spektrum nicht erfasst: das 1 % setzt sich zusammen aus Leuten, die angaben „niemals sexuelles Begehren gegenüber jemandem“ empfunden zu haben, was auf Grey- und Demisexuelle z. B. nicht zutreffen muss.

 

Asexualtität kann ganz unterschiedlich sein und gelebt werden. Kannst du erzählen wie genau und warum es wichtig ist, auch hier möglichst zu differenzieren?

Aus der Differenzierung zwischen Asexualität als sexueller Orientierung und der körperlichen Ebene der Libido auf der einen sowie der Verhaltensebene in Bezug auf Sexualität auf der anderen Seite ergibt sich bereits ein vielfältiges Bild asexueller Lebensweisen. Dazu kommt noch die Ebene der romantischen Anziehung, die ebenfalls vielfältig ist. Üblicherweise gehen wir davon aus, dass sexuelle und romantische Orientierung in Eins fallen, dass also homosexuelle Menschen auch homoromantisch sind, heterosexuelle heteroromantisch, pansexuelle panromantisch usw. In vielen Fällen trifft das auch zu. Es stimmt allerdings nicht, dass asexuelle Personen auch zwangsläufig aromantisch wären. Hier zeigt sich, dass sexuelle und romantische Orientierung unterschieden werden müssen. Nicht-repräsentative Umfragen in asexuellen Foren legen nahe, dass Asexuelle heteroromantisch, homoromantisch, biromantisch, panromantisch und aromantisch sind, und zwar jeweils zu großen Teilen. Viele Asexuelle sehnen sich nach romantischen Beziehungen, manche nach Hochzeit und sogar nach Kindern. Andere nicht.

Allerdings gibt es bisweilen Auseinandersetzungen zwischen Personen, für die Asexualität gleichbedeutend mit einer nichtvorhandenen Libido und/oder der absoluten Abwesenheit jeglicher Sexualität ist. Sie wehren sich teilweise gegen die eher inklusive Definition, die ich hier vorgeschlagen habe, und zu der der Trend auch geht.

Zusammengefasst, sind Asexuelle in ihrem Liebesleben genauso vielfältig wie alle anderen Menschen auch. Manche haben Sex mit Partner_innen, manche mit sich selbst, manche gar nicht, manche leben in romantischen Zweierbeziehungen, andere in Polybeziehungen, die dritten in ganz anderen Beziehungformen und wieder andere alleine. Manche Asexuelle verändern ihre romantische oder asexuelle Orientierung im Laufe ihres Lebens, andere nicht. Aufgrund der Vielfältigkeit der Lebensformen sind viele Asexuelle und deren Umkreise verwirrt, ob sie überhaupt „das Recht“ haben, sich asexuell zu nennen, wenn sie z. B. Sex mögen, Pornos schauen, schon viele sexuelle Beziehungen hatten usw. Meistens ist die Antwort: Wenn du dich mit dem Begriff „Asexualität“ identifizieren kannst, wenn er etwas in deinem Erleben anrührt, dann hast du „das Recht“ ihn für dich zu verwenden!

 

 

weird: Neben Asexualtität gibt es u. a. auch Aromantik und Aplatonik. Es wird deswegen auch von A* gesprochen, um alle „Kategorien“ zu greifen. Kannst du die Bedeutung kurz erklären?

 

Julia Maria: Asexualität ist eine sexuelle Orientierung, Aromantik eine romantische Orientierung für Personen, die keine romantische Anziehung zu anderen Personen verspüren, unter Umständen aber platonische oder emotionale/ästhetische/sensuelle usw. Anziehung, und Aplatonik ist eine Selbstbezeichnung von Menschen, die keine platonische, also im weitesten Sinne freundschaftliche, Anziehung zu anderen Personen verspüren. Aplatonisch heißt also nicht „nicht-platonisch und damit wieder sexuell“, sondern bezieht sich auf eine freundschaftliche/platonische Orientierung. Allen Begriffen ist gemeinsam, dass sie eine Anziehung zu anderen Menschen (bzw. deren Fehlen) beschreiben. Viele Menschen differenzieren nicht zwischen den Ebenen der Anziehung, die sie zu einer oder mehreren Personen verspüren, und dass es Unterschiede gibt, merkt man oft dann, wenn die eine oder andere Anziehungsebene wegfällt. Aus diesem A*-Spektrum ist die Vervielfältigung der Kategorien entstanden. Ich finde es aber nicht passend, diese Personen in einem „A*-Komplex“ zusammenzufassen, denn jede Anziehungsform kann unabhängig von jeder anderen bestehen. Asexuelle sind eben nicht notwendigerweise aromantisch oder aplatonisch, Aromantiker_innen nicht notwendigerweise asexuell (tatsächlich werden allosexuelle Aromantiker_innen sehr, sehr häufig unsichtbar gemacht!) oder aplatonisch, und Aplatoniker_innen nicht notwendigerweise asexuell oder aromantisch. Dasselbe trifft natürlich auch auf alle anderen Orientierungen zu, allerdings wird dort meist noch sehr viel weniger unterschieden als in den jeweiligen A*-Communities, was zu Unsichtbarkeiten und Marginalisierungen oder regelrechten Diskriminierungen führen kann.

 

 

weird: Wie definierst du dich hinsichtlich deiner sexuellen Orientierung und geschlechtlichen Identität und mit deinem asexuell sein selbst?

 

Julia Maria: Ich definiere mich als asexuell und aromantisch, ggf. noch als pan-emotional/platonisch. Meine Geschlechtsidentität hat das aber nicht beeinflusst. Natürlich ist das schwer zu sagen, denn ich weiß ja nicht, wie mein Genderbewusstsein wäre, wenn ich nicht asexuell-aromantisch wäre. Ich kann aber sagen, dass es sich nicht geändert hat dadurch, dass ich mich irgendwann als asexuell identifiziert habe. Man hat mir als Kind gesagt, dass ich ein Mädchen wäre, und das habe ich mehr kognitiv als emotional so angenommen. Ich habe nie das Gefühl gehabt, deswegen irgendetwas machen zu müssen oder nicht machen zu dürfen, wozu auch meine Eltern beigetragen haben, etwa meine Mutter, die meinen Feminismus schon früh gefördert hat. Ich mag es allerdings nicht, mich gezwungenermaßen als „weiblich“ oder besonders als „Frau“ einordnen zu müssen, ich bin in erster Linie ein Mensch und ein Individuum, dann viele, viele andere Dinge, und irgendwann dann vielleicht weiblich. Das ist sicherlich auch ein cis-Privileg, immerhin musste ich meine Geschlechtsidentität weder verteidigen noch ostentativ zur Schau stellen. Immerhin: diese Genderindifferenz sowie mein mangelndes Interesse an „Männern“ (warum nicht Frauen?!) hat eine Psychologin mal zu der „Einsicht“ veranlasst, dass ich „ein Problem mit meiner Weiblichkeit“ haben und mehr oder weniger darunter leiden müsse. Das ist aber gar nicht der Fall. Äußerlich wirke ich, glaube ich, ziemlich „typisch“ mädchenhaft, man sollte sich aber hüten, daraus Schlüsse zu ziehen!

 

 

weird: Wann hast du gemerkt, dass du asexuell bist und was kam danach?

 

Julia Maria: Ich habe mit etwa 25 Jahren angefangen, mich als asexuell-aromantisch zu identifizieren, also erst vor ein paar Jahren. Rückblickend betrachtet, hätte ich natürlich auch früher darauf kommen können, angefangen mit einem Unverständnis und Abscheu im Sexualkundeunterricht (natürlich heteronormativ), über meine Idee mit 17 oder 18, in ein Kloster einzutreten, obwohl ich überhaupt nicht katholisch getauft und Atheistin bin, um dem Druck zu entkommen, ein sexuelles Wesen sein zu müssen, bis hin zu dem simplen Fakt, dass ich niemals das Bedürfnis nach einer sexuellen und romantischen Beziehung verspürt habe. Meine älteste Freundin hat sogar mal vermutet, dass ich asexuell sein könne, aber ich wollte eigentlich nur „normal“ sein, weshalb ich mich dann irgendwann auch auf eine heterosexuelle Liebesbeziehung eingelassen habe mit einem Mann, dem ich mich emotional sehr nahe gefühlt habe, und den ich unbedingt in meinem Leben haben wollte, nur eben nicht sexuell und nicht romantisch. Entsprechend turbulent und von Unsicherheit geprägt war auch die Beziehung, und ich war erleichtert, als es vorbei war, trotz der Trauer darüber, auch meinen engsten Freund verloren zu haben. Ziemlich bald darauf habe ich mich mit einer anderen Person angefreundet, und ein Freund fragte mich, was ich denn von ihr wolle, und vermutete, ich wolle ja schon Sex, oder? Das war der Moment, wo ich realisiert habe, dass ich genau das überhaupt nicht will, und dass das niemals meine Motivation war, einen Menschen kennenlernen zu wollen (eher schon ein Hindernis). Danach ist eigentlich nicht so viel passiert, ich habe es einigen Bekannten, Freund_innen und Familienmitgliedern erzählt, aber die Reaktionen waren eher gleichgültig, entweder weil sie sich so etwas schon gedacht haben oder weil sie sich sagten, das sei halt mein neuester Spleen und nicht so ernst zu nehmen. Anderen Bekannten, Freund_innen und Familienmitgliedern habe ich es nicht gesagt, hauptsächlich, weil (unsere) Sexualität in unseren Unterhaltungen ohnehin nie eine Rolle gespielt hat. Es ist schon nicht immer leicht, asexuell und aromantisch zu sein, wenn manche Familienmitglieder sich mehr für die Familiengründung als den Beruf im Leben ihrer Verwandten interessieren. Dass ich ja durchaus gerne eine enge Bindung zu anderen Menschen haben möchte, viele darunter aber meist eine romantische und/oder sexuelle Beziehung verstehen, macht die Sache auch nicht leichter. Allerdings fühle ich mich nicht mehr „gestört“ oder beziehungsunfähig, und das ist schon eine große Erleichterung.

 

 

weird: Wie lebst du heute?

 

Julia Maria: Derzeit lebe und promoviere ich in Luxemburg, im Süden des Landes. Ich habe eine gemütliche Wohnung voller Blumen und Bücher für mich alleine. Manche finden es traurig, alleine zu leben und abends in eine leere Wohnung zurückzukehren, aber ich genieße das sehr. Ich sage immer, wenn man etwas nicht auch allein machen kann, macht es ohnehin keinen Spaß, und gehe in Kinofilme, Konzerte und Vorträge, die mich interessieren, ohne von anderen abhängig zu sein. Allerdings bin ich auch nicht immer eine Eigenbrötlerin und möchte schon soziale Kontakte haben. Da ich ziemlich schüchtern und introvertiert bin, war das in einem Land, in dem ich noch niemanden kannte, nicht einfach. Aber mittlerweile habe ich ein paar Bekannte, Kolleg_innen und Freund_innen, die ich sehr mag und regelmäßig treffe. Manchmal bekomme ich für ein Wochenende Besuch von meiner Familie oder meinen Schulfreundinnen (ich bin eine sehr loyale Freundin), und ich besuche oft meine Familie in Deutschland und bleibe dort ein paar Tage. Durch meine Arbeit besuche ich manchmal Konferenzen in verschiedenen Städten in Europa, und nutze die Gelegenheit, die Gegend und Museen zu erkunden.

 

 

weird: Wie, wo, warum und seit wann engagierst du dich für das Thema Asexualtität? Würdest du dich als Aktivist*in bezeichnen?

 

Julia Maria: In der letzten Zeit bin ich tatsächlich ziemlich aktiv in Sachen „Asexualität“, ich habe schon zu meiner Mutter gesagt: „Sieht so aus, als wäre ich jetzt Aktivistin“, und sie antwortete: „Das bist du doch immer!“ Für die Sichtbarkeit von Asexualität setze ich mich eigentlich ein, seit ich mich damit identifiziere, allerdings nicht systematisch. Lange Zeit habe ich überhaupt nichts gemacht, war auch nicht in Foren aktiv. Durch meine Arbeit – ich promoviere in Gender Studies – bin ich allerdings zunehmend über die konzeptionelle Sex-Normativität und Unsichtbarkeit von Asexualität in den Queer Studies und auch in der LGBTIQ+-Community gestolpert und habe begonnen, stärker als zuvor, dieses Thema hervorzuheben, anzusprechen, und vor allem Emails zu schreiben. Mein Großvater hatte die Angewohnheit, Briefe an Politiker_innen zu schreiben, wenn er sich über sie ärgerte. Meistens waren sie schrecklich konservativ und frauenfeindlich, aber den Impuls zur Einmischung habe ich mir zu Eigen gemacht. Als Aktivistin würde ich mich aber nicht bezeichnen. Es gibt viele Personen, die eine Menge Energie und Herzblut in die Sichtbarkeit und Akzeptanz von Asexualität setzen, die Webseiten und Foren gründen und pflegen, Vernetzungen herstellen, Treffen veranstalten, Öffentlichkeitsarbeit organisieren usw. Das sind in meinen Augen Aktivist_innen, während ich mich eher als Akademikerin betrachte und dort mein Feld sehe.

 

Fortsetzung oben

Ausgabe Nr. 99

Januar 2016

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Name: Julia Maria Zimmermann

Alter: 29 Jahre

Beruf: Soziologin

Wohnort: Esch-sur-Alzette in Luxemburg

Ich verwende in Bezug auf mich

folgende Pronomen: sie, ihr;

im Englischen zusätzlich: they, them; their.

 

 

 

Julia Maria promoviert in Gender Studies und definiert sich selbst als asexuell-aromantisch. Gegenüber weird gab sie ausführliche Antworten zu Asexualität, Begriffen und Diskursen.

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weird: LGBT war der „Ausgangsterm“ als internationale Bezeichnung, wenn von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Trans* gesprochen wird. Heute wird dieser längst erweitert, vielfach um ein I für Inter*. Aber auch um weitere wie u. a. Q für Queers und A für Asexuelle und a* Menschen. Warum ist es für dich wichtig (oder nicht?), dass das A in LGBTIAQ+ steht?

 

Julia Maria: Zunächst sollte vielleicht mal geklärt werden, wofür das „A“ in LGBTIAQ+ steht. Momentan können sich dort Asexuelle, Aromantiker_innen, andere A*s, Agender und sogar „Allies“, also Verbündete aus dem Cis-Hetero-Spektrum, angesprochen fühlen. Sie alle unter einem Buchstaben zusammenzufassen, halte ich für gefährlich, denn es öffnet Unsichtbarkeiten und Vereinnahmungen Tor und Tür. Und, mal ganz polemisch: die Homosexuellen bekommen jeweils einen Buchstaben für Schwule/Gays und Lesben, und ganz vielfältige Leute im Bereich sexuelle Orientierung oder romantische Orientierung oder Geschlechtsidentität oder auch nur einer halbwegs nicht-menschenfeindlichen Weltanschauung ohne spezifische Diskriminierungserfahrung sollen sich ein „A“ teilen?!

Ich habe am Rande mitbekommen, dass es in den USA einen großen Widerstand seitens der LGBTIQ+-Community gibt, Asexualität in das Akronym einzubeziehen, insbesondere heteroromantische und cis-geschlechtliche Asexuelle („cishet aces“), da diese ja überhaupt nicht im Sinne von LGBTIQ+ diskriminiert seien. Zwar wir anerkannt, dass Asexuelle Diskriminierung erfahren, aber eher in der Form, wie sie auch z. B. von Frauen erfahren wird. Meiner Ansicht nach hinkt der Vergleich etwas, immerhin wird (cis-)Frauen selten entgegengebracht, dass ihr Frausein auf eine psychische Krankheit oder ein Trauma zurückzuführen sein könnte ... – Insbesondere die Frage, ob Asexuelle „queer“ seien, wird anscheinend heiß diskutiert. Es wird kolportiert, dass Queerness an sich schon immer mit Sexualität und dem Recht auf Sexualität verknüpft ist, und manche Leute fragen sich, was Personen, die von sich behaupten, keine Sexualität zu haben (was eine grobe Vereinfachung der Bedeutung von Asexualität ist), da überhaupt zu suchen haben. In einem Artikel von 2013 (http://www.vice.com/de/read/wer-assexuell-ist-will-auch-offiziell-ein-bisschen-) habe ich auch gelesen, dass „LGBTs sich nun [ärgern], dass sich die Asexuellen jetzt auch queer nennen wollen. Ganz besonders deswegen, weil die Asexuellen eigentlich nie für ihre Rechte gekämpft haben, sondern lieber unter dem Radar blieben.“ Ich muss gestehen, ich bin etwas verwirrt davon: den Terminus „Asexualität“ gibt es zwar schon seit Hirschfeld (dort in Verbindung mit Transsexualität), und er wurde auch in den 1970er Jahren in einer Studie auf Frauen angewendet, die kein Interesse an Geschlechtsverkehr haben. Aber als Begriff für eine sexuelle Orientierung ist „Asexualität“ frühestens seit den 1990ern, im Grunde aber erst seit der Gründung von AVEN 2001 gebräuchlich – und seit dem „kämpfen“ Asexuelle sehr wohl für ihre Interessen. Als ich vor Jahren einmal Expertin in einem Informationsworkshop für eine LGBTIQ*-Aktivist_innengruppe (ausschließlich Schwule und Lesben, übrigens) über Asexualität  war, habe ich meinen Ohren nicht getraut, als plötzlich darüber diskutiert wurde, ob man Schulkinder auch über Asexualität aufklären solle, da Asexuelle gar nicht bzw. nicht in der gleichen Weise wie LG/B/T/I-Personen diskriminiert würden (als würden diese Personen alle in der selben Weise diskriminiert!). Ich habe mir das so erklärt, dass einige Menschen (natürlich nicht nur aus dem LGBTIQ+-Spektrum) der Ansicht sind, dass wir in einer grundsätzlich sexuell repressiven Gesellschaft leben, und dass Asexuelle da eigentlich ganz gut reinpassen, und zwar als Verbündete der cis-heteronormativen Mehrheitsgesellschaft. Dass tatsächlich einige Leute im LGBTIQ+-Spektrum so denken, ist bereits anderen aufgefallen. Auch der Glaube, dass Asexuelle gar nicht existieren, sondern verkappte Homosexuelle oder ganz repressive Menschen seien, ist unter LGBTIQ-Leuten und darüber hinaus, verbreitet. Mittlerweile denke ich aber auch, dass es eigentlich gar nicht um Asexualität geht, sondern dass dort Schließungsprozesse am Werke sind, mit der einige Personen versuchen, ihre privilegierten Positionen zu sichern. Einige Gruppen des LGBTIQ+-Spektrums sind mittlerweile ziemlich sichtbar, und haben vielfach auch gar kein Problem damit, Gruppen zu vertreten und unter den queeren Schirm zu nehmen, zu denen sie eigentlich gar nicht gehören. Im Falle der Kolonialisierung von Transbelangen durch Gays wurde das schon moniert. Die Gefahr dabei ist, dass die Interessen innerhalb der Community ein bisschen homogenisiert werden, gerade so, als hätten Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transpersonen, Intersexleute usw. dieselben Interessen und Ziele. Das ist natürlich überhaupt nicht der Fall, trotzdem wirkt es, insbesondere bei den ganz einflussreichen LGBTIQ-Institutionen, so. Die Gruppen, die an den Schaltstellen des Einflusses und der Sichtbarkeit stehen, haben möglicherweise die Sorge, dass durch die Präsenz von Asexuellen, aber auch Pansexuellen und Skoliosexuellen, sowie diverser Gender, die Homogenisierung der Community, die in der politischen Aktion ja durchaus sinnvoll sein kann, nicht mehr möglich ist und/oder nicht mehr wie bisher organisiert werden kann, und suchen nun nach Vorwänden, neuen Aspirant_innen, wie den Asexuellen, die Tür vor der Nase zuzumachen.

Es ist richtig, dass es homo-, bi-, pansexuelle, sowie trans- und intergeschlechtliche Asexuelle gibt. Zu sagen, dass diese sich dann aber bitte unter den jeweiligen vorhandenen Kürzeln einzuordnen haben, delegitimiert völlig die spezifische Diskriminierungserfahrung dieser Personen als Asexuelle, ebenso wie homo-, bi- oder pansexuelle Transpersonen sowohl aufgrund ihrer Geschlechtsidentität als auch ihrer sexuellen Orientierung, und intergeschlechtliche Personen unter Umständen aufgrund aller drei Merkmale in unterschiedlicher Weise diskriminiert, marginalisiert und verletzt werden. Aus diesem Grund gibt es mit gutem Recht jeweils ein eigenes Kürzel. Insgesamt gesehen, sehe ich also keinen Grund, warum man Asexuelle, aber auch Agender, nicht in das LGBTIQ+-Spektrum aufnehmen sollte. Allerdings mag ich den Term generell nicht. Und übrigens sehen sich längst nicht alle Asexuelle als „queer“ oder als Bestandteil der LGBTIQ+-Community. Gerade die Vorurteile, dir dort wie überall gegenüber Asexuellen herrschen, aber auch die Sex-Positivität bzw. Sex-Normativität, die dort weit verbreitet ist, schreckt einige ab. Letztlich würde ich sagen, gibt es weder gute Gründe, Asexuelle auszuschließen, noch, um jeden Preis dazuzugehören. Es sollte den individuellen Personen überlassen bleiben, inwiefern sie sich als LGBTIQA+ betrachten oder nicht. Übrigens bin ich selber nicht einmal sicher, ob ich mich als zugehörig betrachten würde; Ally bin ich auf jeden Fall, Mitarbeiterin war ich auch schon oft, aufgrund der Sex-Positivität fühle ich mich aber tatsächlich manchmal nicht ganz am rechten Platz.

(Siggy hat auf dem Blog „The Asexual Agenda“ einen treffenden satirischen Kommentar verfasst: https://asexualagenda.wordpress.com/2015/09/02/gay-people-are-queer-too/)

 

 

weird: Wie siehst du grundsätzlich den Term LGBTIAQ bzw. welche Kritik hast du daran?

 

Julia Maria: Dem Akronym LGBTIAQ stehe ich sehr kritisch gegenüber. Zum einen läuft er Gefahr, schlicht und einfach unanwendbar zu werden. Ursprünglich umfasste er lediglich Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transpersonen. Das allein ist schon problematisch. Aber im Zuge der „Explosion“ an sexuellen Orientierungen und Geschlechtsidentitäten, sowie anderen marginalisierten Orientierungen, etwa romantischer Art, müsste man, will man dem Anspruch gerecht werden, alle marginalisierten Orientierungen und Geschlechtsidentitäten abzubilden, erstens alle sexuellen Orientierungen doppeln oder verdreifachen (romantische und andere Orientierungen), ihn um Pan*- und Skolio*-Orientierungen erweitern, sowie eine Vielzahl nicht-binärer Gender hinzufügen. Das macht ihn überaus unpraktikabel und unüberschaubar lang.

Ein weiteres Problem, viel grundsätzlicherer Natur, ist, dass dort ganz wahllos verschiedene Dinge zusammengefasst werden. Sexuelle Orientierung (LGBA+) ist eben nicht dasselbe wie Geschlechtsidentität (T+), und Intersex ist wieder etwas anderes. Zwischen jeder Gruppe, und auch innerhalb der Gruppe, gibt es große Unterschiede hinsichtlich der Diskriminierungserfahrungen und der politischen Forderungen und Bedürfnisse. Derzeit finden leider viele Übergriffe von einigen Gruppen auf die Interessen anderer Gruppen im LGBTIAQ+-Spektrum statt,  Schwule stellen Lesben ins Abseits, Homosexuelle kolonialisieren Transleute, Intersex-Leute wehren sich gegen Übernahmen aus dem Trans-Spektrum, und Bisexuelle bleiben meist völlig außen vor. Das ist möglich, weil viele Leute entweder nicht wissen oder nicht berücksichtigen, dass es dort Unterschiede gibt, und zum Beispiel einfach behaupten, Transsexualität sei eine sexuelle Orientierung. Der Einfachheit halber plädiere ich darum für einen neuen Begriff, der diesen Differenzen zumindest sprachlich gerecht wird.

 

 

weird: Weniger bekannt ist die Abkürzung MOGAI vor allem hier in Deutschland, die für marginalisierte Orientierungen, Genderidentitäten und Inter* steht. Sie ersetzt den Terminus LGBTIAQ+. Welche Bezeichnung nutzt du persönlich und warum (s. auch Frage vorher, also vielleicht hast du hier ja noch eine andere Antwort darauf)?

 

Julia Maria: Ich habe den Begriff MOGAI kürzlich entdeckt und nutze ihn seither. Obwohl auch hier letztlich eine Reihe verschiedener Phänomene und Erfahrungen zusammengefasst werden, hat er meines Erachtens zwei bis zweieinhalb Vorzüge gegenüber LGBTIAQ+. Der halbe Vorzug ist, dass er kürzer und leichter zu gebrauchen ist. Daneben trennt er analytisch zwischen Orientierungen, Geschlechtsidentitäten und Intersex und würfelt sie nicht in dem Maße durcheinander wie LGBTIAQ+. Und schließlich halte ich ihn für relativ inklusiv. MO steht für „marginalized orientations“, worunter alle nicht-heteronormativen sexuellen, romantischen, sensuellen, ästhetischen und platonischen Orientierungen verstanden werden können. Er ist also offen nicht nur für die verschiedenen Richtungen der Orientierung, sondern auch für die Qualität der Orientierung. GA bedeutet „gender alignment“. Hier wurde versucht, die Selbstkompetenz der Subjekte ernst zu nehmen. Über die Geschlechtsidentität entscheiden also nicht der Pass oder die Medizin, sondern das Individuum. Dadurch entfällt auch der medizinische Begriff der Transgeschlechtlichkeit, bzw. macht einer größere Bandbreite von Selbstbezeichnungen Raum. I, für Intersex, wird sowohl von den Orientierungen als auch der Geschlechtsidentität getrennt, und somit als eigenständige Erlebensweise ernst genommen. Die Bezeichnung ist sicherlich nicht perfekt, vor allem, wenn man bedenkt, dass innerhalb der bezeichneten Gruppen große Macht- und Sichtbarkeitsasymmetrien bestehen. Die weniger sichtbaren Gruppen, z.B. Asexuelle, aber auch die nicht-sexuellen Orientierungen, und nicht als „trans“ fassbare Geschlechtsidentifizierungen, würden auch hier unsichtbar bleiben, und das vielleicht sogar noch mehr, als mit einem Buchstaben in LGBTIAQ+++++.

 

Fortsetzung oben

weird: Welche Vorurteile und Diskriminierungen erfahren asexuelle Menschen von nicht-asexuellen Menschen außerhalb und innerhalb der LGTBIQ Community und worin siehst du das größte Problem?

 

Julia Maria: Ein Vorurteil gegenüber Asexuellen, nämlich dass sie nicht diskriminiert werden, habe ich bereits genannt. Tatsächlich wüsste ich nicht, dass es ein Gesetz gibt, das Asexualität verbietet, anders als z. B. gleichgeschlechtliche Beziehungen in vielen Ländern. Die rechtliche Situation von Asexuellen sieht also ganz gut aus. Auch Gewalt gegen Asexuelle ist meines Wissens kein großes Thema, wenngleich einige von Bedrohungen durch corrective rape berichten. Problematisch wird es aber, wenn man die Formen offener Diskriminierung verlässt und in die Niederungen wohlmeinender Normativität hinabsteigt. Hier verschwimmen dann auch die Grenzen zwischen der LGBTIQ Community und der cis-heteronormativen Gesellschaft vielfach. Als drei große Problematiken für Asexuelle heute würde ich die diskursive Auslöschung von Asexualität, die Entwertung oder gar Pathologisierung asexuellen Erlebens sowie die Prekarisierung asexueller Identität bezeichnen.

In einer 2012 ausgestrahlten Folge der Arztserie „Dr. House“ stellt sich ein heteroromantisches Paar vor, das angibt, asexuell zu leben. Die Partner_innen sind gesund und glücklich, die Ärzt_innen sind ratlos. Schließlich aber entdeckt Dr. House, dass der Mann „natürlich“ nicht asexuell ist (das wäre auch zu unrealistisch!), sondern dass ein seltener Tumor an der Hypophyse seine sexuelle Unlust hervorgerufen hat, während seine Frau die Asexualität vorgetäuscht hat, um die Ehe nicht zu gefährden. In asexuellen Foren hat diese Folge verständlicherweise für Empörung gesorgt. Nicht nur wird Asexualität indirekt pathologisiert, sie wird in ihrer Existenz gänzlich ausgelöscht: Asexualität, so lautet das Fazit, gibt es gar nicht, sie kommt lediglich als Symptom einer Erkrankung vor und kann entsprechend ausradiert, vulgo: „geheilt“ werden (einmal ganz abgesehen davon, dass ein nicht vorhandener Sexualtrieb bzw. freiwillige Abstinenz keinesfalls gleichbedeutend mit Asexualität sind). Dieses Beispiel von asexual erasure ist extrem. Es zeugt aber von der Selbstverständlichkeit, mit der wir (auch asexuelle Leute) davon ausgehen, dass zunächst einmal alle Menschen sexuell begehren. Sex-Normativität macht uns glauben, dass dieses sexuelle Begehren das Normale ist, so wie Heteronormativität uns glauben macht, dass, „wenn nichts dazwischenkommt“, Männer Frauen begehren und Frauen Männer, und so wie bis heute unterschwellig das „Wissen“ weiterlebt, dass die menschliche Standardeinstellung männlich ist. Zwar wissen wir, dass es neben Männern noch mehr Geschlechter, neben Heterosexualität andere Orientierungen, und sogar, dass es so etwas wie Asexualität gibt. Dieses Wissen ist aber oftmals sekundär, das heißt, es bedarf einer aktiven Denkleistung, es abzurufen, während die „normativen“ Wissensbestände unmittelbar, „automatisch“ bereitstehen. Dazu kommt, dass sie auch noch unaufhörlich reproduziert werden, zunächst in der Schule, im Sexualkundeunterricht oder in Ethik (man hat Glück, wenn man dort etwas über gleichgeschlechtliche romantische Beziehungen erfährt, queerer wird es aber selten), und auch in den Medien, in Filmen, Serien, Büchern, Liedern. Es ist schon schwer genug, schwule, lesbische oder polysexuelle Protagonist_innen zu finden, aber asexuelle ...? Selbst eine asexuell-aromantische Ikone wie Sheldon Cooper aus Big Bang Theory steuert seit einigen Staffeln in den sicheren Hafen der heteronormativen Liebesbeziehung, und es ist ja klar, dass richtige Beziehungen teleologisch sexuell sind, gell?! Jenseits der Amatonormativität, die in der Regel auch eine Sex-Normativität ist, fallen Kulturschaffenden offenbar keine guten Geschichten ein, was eigentlich ziemlich traurig ist ...

Wenn Menschen berichten, dass sie keine sexuelle Anziehung zu anderen Menschen verspüren, wird dieses Erleben sehr häufig entwertet, geleugnet oder sogar pathologisiert. Es wird – durchaus vom vermeintlich wohlmeinenden Umkreis – versucht, den „Schaden“, keine sexuelle Anziehung zu verspüren, zu begrenzen und zu normalisieren. Asexuelle hören daher häufig solche Vermutungen wie: „Vielleicht bist du schwul/lesbisch, traust dich aber nicht, es dir einzugestehen?“ (Wenn schon nicht „richtig“ heterosexuell, dann sollte mensch also tunlichst auf eine andere halbwegs akzeptierte Begehrensform ausweichen.) „Hast du schlechte Erfahrungen gemacht?“, oder sehr heikel: „Bist du (als Kind) missbraucht worden?“ „Aber sexuelle Gefühle machen uns doch menschlich!“ „Vielleicht hast du Depressionen/ eine soziale Phobie/ eine Schilddrüsenfehlfunktion/ einen Hormonmangel?“ Solche Reaktionen unterstellen, dass das geschilderte Erleben nicht real ist, sondern lediglich das Symptom eines zugrundeliegenden Problems, das behoben werden kann. Eine mögliche Pathologisierung deutet sich hier schon an, die in manchen Fällen (gerne auch mit ärztlicher/psychiatrischer „Expertise“) manifest wird: „Wenn Sie kein Begehren empfinden, müssen Sie psychisch gehemmt sein und entsprechend therapiert werden.“ „Sie haben möglicherweise eine Gender/Körper Dysphorie.“ Selbst die Abwesenheit jeglichen Leidens rettet Asexuelle nicht vor der Therapie, diese ist dann im Zweifel Bestandteil der Störung und muss therapeutisch hervorgerufen werden. Bislang gibt es auch noch die Diagnose der Hyposexuellen Störung, die wie ein Damoklesschwert auf vielen Asexuellen hängt. Im neuen DSM-Manual wird diese Störung durch eine ähnliche Diagnose (interessanterweise aufgespalten in eine weibliche und eine männliche Diagnose, da dasselbe Leiden offenbar einen unterschiedlichen pathologischen Status je nach binärem Geschlecht hat, während nicht-binäre Personen nach wie vor keine sexuellen Wesen sein dürfen) ersetzt, allerdings mit dem Hinweis versehen, dass auch eine asexuelle Orientierung vorliegen könnte, die dann keinen Krankheitswert besitzt. Man darf gespannt sein, was das für die psychiatrische Praxis bedeutet, die sich bislang noch sehr dadurch auszeichnet, dass das asexuelle Erleben von Personen schlicht negiert wird. In diversen Therapiestunden wurde ich etwa von Psycholog_innen aufgefordert, über meine Sexualität, meinen Körper und andere intime Fragen zu reden und entsprechende Übungen zu machen, obwohl ich deutlich gemacht hatte, dass ich das nicht möchte. Schließlich musste ich laut werden, was perfiderweise wiederum als „Abwehr“ pathologisch gedeutet werden kann.

Neben der Anerkennung der Existenz von Asexualität und des Empfindens von Asexualität kann es für Asexuelle wichtig sein, dass eine asexuelle Identität ermöglicht und anerkannt wird. Damit meine ich, dass asexuelles Erleben und die Selbstbeschreibung als Asexuelle_r über einen längeren Zeitraum hinweg ernst genommen und nicht in Frage gestellt wird, selbst wenn sie nicht beständig performativ aufrecht erhalten bzw. bestätigt wird. Meiner Erfahrung nach ist asexuelle Identität aber oftmals prekär. So hören junge Asexuelle nicht selten, dass sie „nur“ Spätzünder_innen seien, später heißt es dann „wenn der_die Richtige kommt ...“ Dadurch wird die Selbstpositionierung als asexuelle Person mit einem intrinsischen Ablaufdatum versehen, dass es erlaubt, die asexuelle Identität nicht anerkennen zu müssen: eine Person mag sich zwar „im Augenblick“ als asexuell bezeichnen, aber diese Identität wird durch die Perspektive eines möglichen „Korrektivs“ von vorneherein prekär. Natürlich ist es immer möglich, dass eine asexuelle Person sexuelles Begehren entwickelt, genauso wie eine heterosexuelle Person ihre Homosexualität entdecken kann usw. Ungeachtet der Wahrscheinlichkeit, mit der das passiert, bedeutet diese eingebaute Möglichkeit aber zunächst einmal, dass die Identität als Asexuelle_r verneint wird. Neben dieser biographischen Relativierung, die viele Asexuelle erleben, gibt es aber auch, wie bei vielen anderen marginalisierten Orientierungen und Geschlechtsidentitäten, eine intersektionale Komponente. So wird Asexualität bestimmten Gruppen eher „geglaubt“, während andere Gruppen größere Schwierigkeiten haben, als asexuell anerkannt zu werden. So berichten Männer, dass sie eher für schwul als für asexuell gehalten werden (tatsächlich gibt es auch in der asexuellen Community die Überzeugung, Männer seien grundsätzlich triebgesteuert und hypersexuell), während Frauen eher als asexuell gelten (selbst dann, wenn sie z. B. lesbisch sind, und überdies gerne diffamierend als „frigide“ oder sonstwie pathologisch). Personen, die sich gar nicht als (ausschließlich) männlich oder weiblich identifizieren, oder Transpersonen, können wiederum spezifische Entwertungen erfahren, usw. Das alles ist allerdings auch wieder abhängig von anderen Strukturmerkmalen: männliche Akademiker, besonders in den Naturwissenschaften, stellen oftmals das oft reproduzierte asexuelle Stereotyp dar. Ebenso intersegieren Ethnizität (die sex machine of colour vs. den asexuellen Ostasiaten), Klasse und Bildung („Dumm fickt gut.“), Alter, Ability usw. mit der (Un-)Möglichkeit asexueller Identität.

Hier ist ein Link zu einer Sammlung von Artikeln über die Intersektion von Asexualität und Ethnizität: http://queerascat.tumblr.com/post/131701352451/asexual-poc-links-masterpost

 

 

weird: Was muss/kann die Gesellschaft und die Community tun, um mehr Bewusstsein zu schaffen, Ausschlüsse und Diskriminierungen von a* Menschen zu verhindern?

 

Julia Maria: Strenggenommen, gehe ich ja mehr oder minder immer von meiner Position aus, von meinen Bedürfnissen usw. Die Ausschlüsse und das Unsichtbarsein, das ich erlebe, muss also nicht von anderen Asexuellen geteilt werden, zumal ich in verschiedener Hinsicht privilegiert bin. Das macht es etwas schwierig, anzugeben, was zu tun notwendig wäre. Ich bin geneigt, zu sagen, dass Sichtbarkeit ein wichtiges Ziel sei, dass also der Asexualität als Orientierung, ebenso wie den davon abweichenden romantischen, platonischen usw. Orientierungen, und den Personen, die sich damit identifizieren, ein Forum bereitgestellt wird. Auf der anderen Seite weiß ich aber, dass nicht alle Asexuelle sichtbar sein möchten, und Sichtbarkeit geht leider oft mit einer Verpflichtung zum Coming-out einher, wozu meines Erachtens keinerlei Druck ausgeübt werden sollte. Unsichtbarkeit ist auch ein Recht. Anstatt also die Sichtbarkeit in der Form von Individuen zu vergrößern, könnte es auch sinnvoll sein, die Denkweise zu verändern, die uns dazu verleitet, zu glauben, dass alle Menschen sich nichts Tolleres vorstellen können, als Sex zu haben, und dass alle Menschen sich eigentlich nur nach der großen Liebe sehnen, oder wenigstens nach Freundschaft (überhaupt, Freundschaft als weniger wert anzusehen als romantische Liebe ist schon ziemlich amatonormativ) ... Ich überspitze hier natürlich ein wenig, die scheinbare Allgegenwart von Sex und Romantik kann aber durchaus stark als Druck ausübende Norm empfunden werden für Personen, die zu beidem keine Neigung verspüren. Naiverweise gehe ich mal davon aus, dass das Leiden an Normen eine Erfahrung sein dürfte, die alle Personen im MOGAI-Spektrum vereint, sodass es nicht schwierig sein dürfte, zu verstehen, dass eben auch Leute unter einer Norm leiden können, die anderen als Erfüllung ihres Lebens erscheint. Die Änderung von Denkweisen kann schon sehr früh einsetzen, etwa im Rahmen schulischer Aufklärung. Allerdings bin ich etwas skeptisch gegenüber solchen Initiativen von queeren Vereinigungen, die in die Klassen gehen, um Kindern etwas über alternative sexuelle und geschlechtliche Identitäten zu erzählen. Das ist zwar sehr gut gemeint, erscheint aber oftmals als außerhalb des Lehrplans stehend und darum „fremd“ oder fakultativ: es gehört eben nicht zu dem offiziellen schulischen Kanon, der das eigentliche, „richtige“ Wissen darstellt. Meines Erachtens führt kein Weg an einer Modernisierung der Lehrpläne im Bereich des Sexualkundeunterrichts, des Ethikunterrichts usw. vorbei, und da sollte Asexualität auch eine Rolle spielen. Wichtig ist es auch, den Lehrenden zu verdeutlichen, dass „Witze“ über marginalisierte Identitäten, welche es auch immer seien, überaus unangebracht sind und mehr schaden als sie es vielleicht vermuten. Meines Erachtens wäre diese Art der Aufklärung – die nicht auf eine vage Toleranz abzielt, sondern auf eine Neufassung von „Normalität“ – unmittelbar angebracht. Das scheint mir zum gegenwärtigen Zeitpunkt jedenfalls die am ehesten durchführbare Maßnahme zu sein, das Bewusstsein zu verändern, und damit auch Zug um Zug die Ausschlüsse von marginalisierten Personen abzubauen.

 

 

 

Interview: Christine Stonat (12/2015)

Foto: privat

„Ca. 1 % der Bevölkerung ist asexuell.“

„Asexuelle Personen sind nicht zwangsläufig aromantisch. Hier zeigt sich, dass sexuelle und romantische Orientierung unterschieden werden müssen.“

„Ich wüsste kein Gesetz, das Asexualtität verbietet.“

„Sex-Normativität macht uns glauben,

dass sexuelles Begehren das Normale ist.“

„Wenn Menschen berichten, dass sie keine

sexuelle Anziehung zu anderen Menschen

verspüren, wird dieses Erleben sehr häufig

entwertet, geleugnet oder pathologisiert.“

„Neben der biographischen Relativierung, die viele Asexuelle erleben, gibt es, wie bei vielen anderen marginalisierten Orientierungen und Geschlechtsidentitäten, eine intersektionale Komponente. So wird Asexualität bestimmten Gruppen eher „geglaubt“, während andere Gruppen größere Schwierigkeiten haben, als asexuell anerkannt zu werden.“

„Wenn Menschen berichten, dass sie keine

sexuelle Anziehung zu anderen Menschen

verspüren, wird dieses Erleben sehr häufig

entwertet, geleugnet oder pathologisiert.“

„Asexualtität, Aromantik, Aplatonik. Allen Begriffen ist gemeinsam, dass sie eine Anziehung zu anderen Menschen (bzw. deren Fehlen) beschreiben.“

„Äußerlich wirke ziemlich „typisch“ mädchenhaft, man sollte sich aber hüten, daraus Schlüsse zu ziehen!“

„Mit 17 oder 18 hatte ich die Idee in ein Kloster einzutreten, um dem Druck zu entkommen, ein sexuelles Wesen sein zu müssen … Ich wollte eigentlich nur ‚normal‘ sein.“

„Durch meine Arbeit – ich promoviere in Gender Studies – bin ich zunehmend über die konzeptionelle Sex-Normativität und Unsichtbarkeit von Asexualität in den Queer Studies und auch in der LGBTIQ+-Community gestolpert und habe begonnen, stärker als zuvor, dieses Thema hervorzuheben.“

„Auf der anderen Seite weiß ich aber,

dass nicht alle Asexuelle sichtbar sein möchten,

und Sichtbarkeit geht leider oft mit einer Verpflichtung

zum Coming-out einher, wozu meines Erachtens

keinerlei Druck ausgeübt werden sollte.

Unsichtbarkeit ist auch ein Recht.“

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