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Lesbisch sein in …           

 

 

 

 

Münster

 

Josefine Paul. Interview

 

 

 

 

 

 

 

 

weird: Münstersche Arbeitsgemeinschaft Lesben MAG. Wie kam es zur Gründung?

 

Josefine Paul: Vor drei Jahren wollte die Stadtverwaltung die städtischen Zuschüsse für den Verein LIVAS e.V. (Münsters Verein für Lesben jeden Alters) kürzen. Es ist uns damals mit den vereinten Kräften der lesbischen Community gelungen, diese Kürzungen abzuwenden. Daraufhin haben einige Frauen beschlossen, dass wir diese Erfahrung, dass wir gemeinsam etwas schaffen können, doch verstetigen sollten. Deshalb sind wir auf die Idee gekommen, unsere politischen Kräfte zu bündeln und alle Organisationen, die sich (auch) mit lesbischen Interesse beschäftigen, an einen Tisch zu holen.

 

 

weird: Welche Frauen/Organisationen/Vereine sind in der MAG vertreten?

 

Josefine Paul: Neben dem Verein LIVAS e.V., sind das Lesbenreferat der Uni, das Magazin Lexplosiv, das Projekt „Wir lieben“, das Queerreferat der FH, der CSD-Verein und noch ein paar Einzelpersonen dabei.

 

 

weird: Wie vertrittst du als Schirmherrin die MAG nach außen?

 

Josefine Paul: Ich verstehe mich nicht nur als Vertreterin nach außen, sondern arbeite auch ansonsten bei der Vorbereitung von Aktionen und Veranstaltungen mit. Es macht mir sehr viel Spaß, mit den vielen engagierten Frauen in Münster etwas für mehr lesbische Sichtbarkeit zu tun. Wenn ich das durch meine Rolle als Landtagsabgeordnete öffentlich unterstützen kann und mit meiner öffentlichen Präsenz einen Beitrag zu mehr lesbischer Sichtbarkeit leisten kann, freut mich das umso mehr.

 

 

weird: Die MAG will die Interessen lesbischer Frauen in Münster sichtbarer machen. Welche Interessen sind das und welche stehen in Münster/für Münster spezifisch ganz konkret auf dem Programm?

 

Josefine Paul: Wir haben im letzten Jahr zum CSD einen offenen Brief an unseren Oberbürgermeister geschrieben und ihn aufgefordert, sich im Austausch mit unserer russischen Partnerstadt Rjasan für die Belange von LSBTIQ* einzusetzen. Den Brief haben wir erst auf der Demo verlesen und haben ihn dann beim Straßenfest persönlich an Oberbürgermeister Markus Lewe übergeben. Als Schirmherr des CSD Münster werden wir ihn natürlich in diesem Jahr fragen, inwieweit unsere Anliegen in den Austausch mit Rjasan eingeflossen sind.

 

Zum Internationalen Frauentag am 8. März haben wir in diesem Jahr eine Lesben-Demo organisiert. Etwa 80 Frauen marschierten mit Plakaten und Trommelmusik unter dem Motto „Münsters Lesben zeigen sich“ durch die „gute Stube“ Münsters und haben deutlich gemacht, dass lesbische Frauen und lesbisches Leben ein Teil unserer Stadt und unserer Stadtgesellschaft sind.

 

 

weird: Stichwort Netzwerk. Wie sah das Netzwerk lesbischer Organisationen/Arbeit in Münster bislang aus und was will die MAG verändern?

 

Josefine Paul: Leider ist es noch immer so, dass lesbische Frauen und ihre speziellen Interessen zwischen einer schwul-dominierten LSBTIQ-Community und den Frauenorganisationen oftmals in den Hintergrund treten. Wir wollen lesbischen Interessen mehr Sichtbarkeit verleihen und dazu beitragen, dass unsere Forderungen nicht mehr überhört werden. Wir wollen aber keinesfalls in Konkurrenz zu den anderen Gruppen treten, sondern sehen uns als Ergänzung.

 

 

weird: In Münster gibt es wie in einigen anderen Städten im März den „1000 Kreuze für das Leben“-Marsch von Christ_innen, die sich u. a. auch offen gegen LGBTIQ* richten. Es gibt alljährlich in Münster eine queer-feministische Gegendemonstration (gegen1000kreuze.blogsport.de) dazu. In wie weit seid ihr involviert bzw. beteiligt ihr euch?

 

Josefine Paul: Ich finde es gut, wie bunt und vielfältig die Gegendemo in jedem Jahr ist. Münster ist eine offene und bunte Stadt und hat schon oft gezeigt, dass Intoleranz und Ausgrenzung keinen Platz in unserer Stadt haben. Ob bei Nazi-Aufmärschen oder eben auch bei den sog. 1000-Kreuze-Märschen, Münster hat eine aktive Stadtgesellschaft, die sich für ein buntes Miteinander und gegen Diskriminierung einsetzt. Bislang haben wir uns noch nicht als MAG Lesben an der Gegendemo beteiligt. Allerdings gibt es natürlich gewisse personelle Überschneidungen. Ich finde, da passt die MAG Lesben gut dazu!

 

 

weird: Bei der ersten öffentlichen Demonstration für lesbische Sichtbarkeit am 8. März 2014 in Münster, initiiert von der MAG, gab es einen tätlichen Übergriff auf eine eurer Organisatorinnen. Durch eine Frau. Auch bei anderen LGBTIQ*-Demonstrationen gab es zuletzt Übergriffe (Beispiel: der Buttersäureangriff auf Ulrike Lunacek bei der Regenbogenparade 2014 in Wien). Die Ablehnung von LGBTIQ* wird immer sichtbarer. Also mit Sichtbarkeit von Lesben gegen die Sichtbarkeit von Diskriminierung!?

 

Josefine Paul: Es scheint so, als lichtete sich momentan eine Art Vorhang der eingeübten politischen Korrektheit und gäbe wieder den Blick frei auf die tiefsitzenden Vorurteile in der Gesellschaft. Frei nach dem Motto „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“, habe ich das Gefühl, dass Vorurteile gegenüber unterschiedlichen Minderheiten wieder salonfähig werden. Leider erleben wir nicht nur, dass Homophobie offensichtlich noch eine legitime politische Meinung zu sein scheint, sondern wir müssen aktuell auch feststellen, dass Rassismus und Antisemitismus ebenfalls noch sehr tief in der Mitte der Gesellschaft verankert sind.

 

 

weird: Du bist Sprecherin für Queerpolitik der Grünen Landtagsfraktion. Was bedeutet Queerpolitik für dich?

 

Josefine Paul: Ich verstehe Queerpolitik einerseits als Sammelbegriff für all die Gruppen, die sich auch hinter dem Kürzel LSBTIQ „verbergen“. Mir ist wichtig, eine Balance zu schaffen zwischen der Sichtbarmachung all dieser unterschiedlichen Gruppen, mit all ihren unterschiedlichen Interessen, einerseits. Andererseits ist es mir aber auch wichtig herauszustellen, dass wir nur dann wirklich diskriminierungsfrei in der Gesellschaft zusammenleben können, wenn die sexuelle und/oder geschlechtliche Identität nicht mehr die prägendste Rolle in der Gesellschaft spielen. Die Sichtbarkeit lesbischen Lebens ist mir dabei ein besonderes Anliegen.

 

 

weird: Was ist dein Themenschwerpunkt innerhalb der Queerpolitik?

 

Josefine Paul: Queerpolitik ist für mich Querschnittsaufgabe, denn ich will, dass LSBTIQ* in allen Gesellschaftsbereichen mitgedacht wird. Wir haben zwar in NRW eine sehr gut und professionell aufgestellte Community, die es auch weiterhin zu stärken gilt. Gleichzeitig müssen wir LSBTIQ*-Themen aber auch außerhalb der Community in alle Gesellschaftsbereiche tragen, vom gesamten Bildungsbereich über die Arbeitswelt bis in den Bereich von Freizeit und Zivilgesellschaft.

 

 

weird: Du gehörst zu einer der wenigen offen lesbischen Politikerinnen in Deutschland. Auch hier ist Sichtbarkeit gefragt, werden lesbische Frauen weniger wahrgenommen. Beispiel Barbara Hendricks. Sie ist Bundesumweltministerin und offen lesbisch. Ein strukturelles gesellschaftliches Problem. Wie erlebst du in der Politik, unter Politiker_innen, wie damit umgegangen wird?

 

Josefine Paul: Ich habe das Gefühl, dass viele, insbesondere prominente, Frauen ihre sexuelle Identität nicht so sehr in den Vordergrund stellen wollen, aus Angst auf ihr Lesbisch-Sein „reduziert“ zu werden. Dabei brauchen junge Lesben auch Vorbilder, die vorleben, wie unterschiedlich lesbische Identitäten (lebbar) sind. Auch für die Gesamtgesellschaft ist es wichtig, dass nicht nur von Vielfalt geredet wird, sondern dass sie auch sichtbar gelebt wird.´

 

Einer der zentralen Punkte, warum ich in die Politik gegangen bin, war und ist der Kampf gegen Diskriminierung und für Gleichberechtigung. Deshalb bin ich mit meinem Lesbisch-Sein auch immer offen umgegangen.

 

 

weird musste feststellen, dass im Wikipedia-Eintrag zum Wort „schwul“ noch im Juli 2014 stand, schwul sei per Wortdefinition ein Synonym für homosexuell (Anmerkung: Es wurde jetzt auf unsere Initiative etwas abgeändert, ist aber unserer Ansicht nach immer noch nicht richtig formuliert). Da wundert die mediale Berichterstattung, die genau das immer wieder aufgreift, nicht, oder?

 

Josefine Paul: Mir scheint, dass das Wort „lesbisch“ irgendwie noch immer eher ein Synonym für „unsexy“ benutzt wird. Schaut man sich die mediale Wahrnehmung von Lesben und Schwulen an, dann fällt auf, dass nicht nur mehr Männer gezeigt werden, es werden auch so gut wie nie die Worte „Lesbe“ oder „lesbisch“ verwandt. Und auch bei Berichten über Regenbogenfamilien wird darauf geachtet, dass Männer und Frauen gezeigt werden – und das obwohl etwa 90 % der Regenbogenfamilien Frauenpaare mit Kindern sind. So viel Geschlechterausgewogenheit würde ich mir auch in anderen Bereichen der Berichterstattung über LSBTIQ wünschen.

 

 

weird: Lesbisch sein in Münster 2014. Wie ist das?

 

Münster ist eine sehr lebenswerte Stadt, die viele unterschiedliche Facetten zu bieten und zu entdecken hat. Trotzdem ist Münster eine „kleine Großstadt“. Ich finde allerdings, dass sich in den letzten Jahren viel im Bereich lesbische Sichtbarkeit getan hat. Die Gründung der MAG Lesben ist da  ein wichtiges Beispiel.

 

Trotzdem gibt es auch immer wieder Anlässe, bei denen ich merke, dass es auch 2014 noch nicht selbstverständlich ist, dass die Begleitung einer weiblichen Abgeordneten eben auch eine Frau sein kann. Leicht verwirrte Gesichter sind da keine Seltenheit…

 

 

weird: In Münster gibt es seit ein paar Jahren einen CSD. Der ist in kürzester Zeit von einem kleinen Straßenfest zu einem Pride (16.-31.8.14) mit Demonstration (30.8.14) gewachsen. War die MAG Münster auf dem CSD vertreten und wenn ja, wie?

 

Josefine Paul: In diesem Jahr sind wir erstmals mit einem eigenen Stand vertreten (gewesen). Auch hier ist unser Motto natürlich lesbische Sichtbarkeit. Mit einem Foto-Projekt wollen wir Münsters Lesben ein Gesicht geben. Darüber hinaus sind natürlich auch die einzelnen Mitgliedsgruppen mit eigenen Ständen vertreten.

 

Der CSD-Verein hat in den letzten Jahren einiges auf die Beine gestellt. Nicht nur, dass es mittlerweile auch wieder eine Parade gibt, der CSD findet nun zum zweiten Mal wieder im Rathausinnenhof statt. Das ist ein wichtiges Zeichen dafür, dass LSBTIQ in Münster einfach mittendrin leben. Und die Pride Weeks zeigen mit einem vielfältigen zweiwöchigen Programm, dass in Münster auch kulturell einiges los ist.

 

 

weird: Im Juli 2014 gab es (erstmals) ein queerfeministisches Sommerfest in Münster, es gibt seit vielen Jahren die DIN-A-Queer-Partys, das Lesbenmagazin Lexplosiv, den Verein LIVAS. Wie hat sich LFTIQ* in Münster über die letzten Jahre verändert und welche Entwicklung für die kommenden Jahre würdest du dir wünschen?

 

Josefine Paul: Münster hat eine vielfältige Szene und ganz unterschiedlichen Angeboten von Partys über kulturelle Angebote, verschiedene Gruppen und politische Aktivitäten. Der jährlich wachsende CSD zeigt, dass die Community sich aktiv in die Stadtgesellschaft einbringt und Teil von Münster ist.

 

Als Lesbe wünsche ich mir natürlich, dass wir mit der MAG Lesben auch weiterhin zu mehr Sichtbarkeit lesbischen Interessen und lesbischen Lebens in Münster beitragen können. Ich wünsche mir aber auch, dass allgemein die Vielfalt der Community noch sichtbarer wird.

 

 

 

 

 

Interview: Christine Stonat (8/2014)

Ausgabe Nr. 83

September 2014

2012 gründete sich die Münstersche Arbeitsgemeinschaft Lesben (MAG Lesben) mit dem Ziel, Interessen lesbischer Frauen in Münster sichtbarer zu machen und sich besser zu vernetzen. Schirmherrin der MAG Lesben ist Josefine Paul. Die 32-jährige offen lesbische Politikerin aus Münster ist Landtagsabgeordnete und frauen- und queerpolitische Sprecherin sowie Sprecherin für Sportpolitik der Grünen Landtagsfraktion. Auf dem CSD Münster 2014 am 30.8.14 war die MAG Lesben erstmals mit eigenem Stand vertreten. Im weird-Interview sprach Josefine Paul vorab über die MAG Lesben, darüber, was Queerpolitik für sie bedeutet, über lesbische Sichtbarkeit und eine neue salonfähige Diskriminierung aus der Mitte der Gesellschaft.

 

Online: www.josefine-paul.de

 

Name: Josefine Paul

Alter: 32

Beruf: Landtagsabgeordnete

(frauen- und queerpolitische Sprecherin,

Sprecherin für Sportpolitik)

Wohnort: Münster

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