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Lesbisch sein in …

 

 

Kehl

 

Fabienne Vesper

 

Interview.

 

 

 

 

 

weird: Als Kandidatin der SPD-Bundesliste zur Europawahl, wie war die Arbeit für deine erste Kandidatur?

 

Fabienne Vesper: Es war eine anstrengende und wundervolle Zeit. Ich habe in meiner Partei für diese Kandidatur kämpfen müssen, dann aber fast überall großartige Unterstützung erfahren. Konkret bin ich die letzten vier Wochen von morgens bis abends im Südwesten Deutschlands getourt auf Marktplätzen, bei Gewerkschaften, in Schulen, bei Podiumsdiskussionen, Festen, Stadtrundgängen und großen Kundgebungen mit Martin Schulz in Offenburg und Sigmar Gabriel in Stuttgart.

 

 

weird: Du bist Europawissenschaftlerin und derzeit stellv. Kreisvorsitzende der SPD im Ortenaukreis. Wie unterschiedlich empfindest du politische Kreisarbeit und europäische Arbeit?

 

Fabienne Vesper: Beruflich arbeite ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin für eine Bundestagsabgeordnete, das klingt schon sehr politisch, aber da bin ich vor allem im Hintergrund tätig, organisiere viel, schreibe viel. Auch in meinem Ehrenamt als stellv. Kreisvorsitzende bin ich vor allem parteiintern aktiv. Bei der Europakandidatur ist das anders. Da hänge ich plötzlich als Plakat in der ganzen Region, beantworte Presseanfragen, die von hunderttausenden Menschen gelesen werden. Für mich als eher schüchternem Menschen ist das mit Ängsten verbunden. Ich sehe es aber als Chance, Vielfalt zu zeigen, Botschaften zu setzen und öffentlichen Raum einzunehmen, der ansonsten vor allem von konservativ eingestellten Herren besetzt wird.

 

 

weird: Als Deutsch-Französin mit zwei Pässen bist du in Straßburg geboren und in Straßburg und Kehl aufgewachsen, hast in Straßburg und Berlin studiert. Du arbeitest in der SPD, bist zugleich noch in der französischen PS aktiv. Was bedeuten für dich Grenzen?

 

Fabienne Vesper: Die deutsch-französische Grenze habe ich erst kaum wahrgenommen. Es fühlte sich ganz selbstverständlich an, jeden Tag über den Rhein hinweg grenzüberschreitend zu leben. Selbstverständlich ist das aber nicht. Hier haben Menschen aufeinander geschossen, davon zeugen heute noch alte Befestigungen, Bunker, Einschusslöcher und Gedenksteine. Es ist die Erfolgsgeschichte der europäischen Integration, dass Menschen hier im Frieden zusammen gebracht wurden. Gleichzeitig ist es ein großes Versagen Europas, dass heute an unseren Außengrenzen Menschen ums Leben kommen, die zu uns fliehen.

 

 

weird: In Frankreich ist die Ehe seit 2013 offen. In Deutschland scheinen wir davon noch weit entfernt. Der Europäische Gerichtshof stellte 2010 fest, dass es kein Grundrecht auf Anerkennung der Ehe für Homosexuelle gebe und diese kein Menschenrecht sei und somit ein Verbot zulässig. Im Dezember 2013 entschied der EuGH zuletzt, dass Arbeitgeber_innen schwulen und lesbischen Paaren in Eingetragenen Lebenspartnerschaften die gleichen Vergünstigungen gewähren müssen wie Ehepaaren. Auch hier nur eine Annäherung an die Öffnung der Ehe Stück für Stück. Könnte ein klares Urteil des EuGH eine Wende in Europa bringen und was müsste dazu passieren?

 

Fabienne Vesper: Die Verantwortung für gesellschaftlichen Fortschritt liegt nicht bei den Gerichten, sondern bei der Politik. Und so wie das derzeit läuft, müssen wir offensichtlich selbst nachhelfen. Mein politisches Engagement in der SPD ist keine Belohnung für eine Partei, die alles macht wie ich es will. Dann wäre mein Engagement ja überflüssig. Ich engagiere mich gerade, weil mir vieles nicht passt. Wer meint, Selbstbestimmung und gesellschaftlichen Fortschritt bequemerweise von anderen auf einem Silbertablett serviert zu bekommen, muss leider umdenken. Wir müssen selbst darum kämpfen. Es hat seine Gründe, dass reaktionäre Kräfte sich auf das Europäische Parlament stürzen: Gestärkt durch die Charta das Grundrechte der EU hat es das Potential in allen 28 Staaten auf einmal deutliche Fortschritte zu erreichen. Dazu gehören eine gegenseitige Anerkennung von Heiratsurkunden, Geburtsurkunden, Personenstandsänderungen, eine Strafgesetzgebung gegen Hassverbrechen, eine umfassende Antidiskriminierungsrichtlinie, Schulungen und Maßnahmen im Bereich der Polizei, der Gesundheitsversorgung, der Bildung …

 

 

weird: In Deutschland protestieren Menschen gegen Bildungspläne zur Aufklärung über sexuelle und geschlechtliche Vielfalt an Schulen. Wie erklärst du dir diese starke, nennen wir sie konservative, Entwicklung?

 

Fabienne Vesper: Ich bin mir nicht sicher, ob der rechte Rand unserer Gesellschaft tatsächlich stärker geworden ist. Ich halte das für eine kleine Minderheit, die umso lauter schreit. Gefährlich wird es dann, wenn konservative Parteien meinen diesen Extremisten nach dem Mund reden zu müssen und sie damit erst hoffähig machen. Als ein paar Hundert hasserfüllte Menschen in Stuttgart gegen den Bildungsplan protestierten, wurde diese Aktion von CDU und FDP mit Grußworten bestärkt. Jetzt wundern sie sich, dass sie in Umfragen keine Mehrheit mehr haben, weil die A f D in den Landtag einziehen würde. Irgendwo muss auch eine Partei wie die CDU die Selbstachtung aufbringen, sich vom rechten Rand abzugrenzen, wenn sie Bestand haben will.

 

 

weird: Als Politikerin war dein Ziel das europäische Parlament. Dein zentrales Thema ist „selbstbestimmtes Leben und Lieben in Europa“. Was bedeutet für dich „selbstbestimmt“?

 

Fabienne Vesper: Selbstbestimmtes Leben bedeutet mir zum Beispiel meine Geschlechtsidentität selbst zu definieren, anstatt den Staat darüber entscheiden zu lassen. Selbstbestimmung bedeutet, dass ich Frauen liebe und diese Liebe respektiert wird, ich heiraten darf, Kinder bekommen darf, keine Ungleichbehandlung stattfindet, die mich davon abbringen soll Frauen zu lieben. Es bedeutet, dass ich mich in der Öffentlichkeit frei bewegen kann ohne Angst haben zu müssen, verbale oder körperliche Gewalt zu erfahren. Selbstbestimmt leben bedeutet aber auch ein sicheres Einkommen zu haben, über meine Daten im Netz selbst zu bestimmen und vieles, vieles mehr...

 

 

weird: Wie ist dein politischer Ansatz, um diese Ziele umzusetzen?

 

Fabienne Vesper: Bisher habe ich das Gefühl, Parteien versuchen Mehrheiten zu organisieren mit Themen, die möglichst viele, möglichst alle Menschen betreffen. Dann geht es eben oft um Dinge wie den Zustand deutscher Straßen. Ich finde das nicht so prickelnd. Mein Gedanke ist es, eine politische Mehrheit zu bilden, die so vielfältig ist wie die Gesellschaft, die der Vielfalt der Alltagserfahrungen und Lebensrealitäten Rechnung trägt. Diese Mehrheit ist jünger, weiblicher, bunter, queerer als die in den Parlamenten. Vielleicht gelingt es diese Mehrheit hinter einer Politik für selbstbestimmtes Leben zu versammeln, um die vielfältigen Ziele dann gemeinsam durchzusetzen.

 

 

weird: Was kommt für dich nach der Europawahl?

 

Fabienne Vesper: Erst mal etwas Ruhe und Zeit mit meinen Freundinnen. Danach werde ich sehen. Politik ist anstrengend. Aber die Wahlergebnisse sind sehr ermutigend und ich bekomme viel Zuspruch. Vor meinem Coming-out hatte ich keine Ahnung, ob ich überhaupt noch weiter Politik machen könnte oder mich dann fast alle doof finden. Jetzt habe ich bei der Europawahl in meiner Stadt weit über dem Bundesdurchschnitt ein Plus von 10,22 % für die SPD erreicht und die CDU überholt. Das ist schon eine Bestätigung und irgendwie wäre es schade jetzt aufzuhören. Aber es gibt eben auch andere wichtige Dinge im Leben. Mal sehen.

 

 

weird: Du bist transgeschlechtlich und lesbisch. Wie sehr bist du von den Protesten und offenen Anfeindungen der protestierenden Menschen, die es in Sozialen Netzwerken im Internet und vor Ort in den baden-württembergischen Gemeinden, Schulen etc. gibt, betroffen – privat und auch als Politikerin?

 

Fabienne Vesper: Das ist gar nicht so klar wie es auf den erstem Blick scheinen mag. Hier in Baden-Württemberg fühle ich mich gerade im ländlichen Raum viel sicherer vor Übergriffen als etwa in großen Städten, wo ich schon eher beleidigt oder begrapscht werde. Dann ist es auch so, dass ich politisch mit offenen, unpersönlichen Anfeindungen eher umgehen kann. Schwieriger ist, wenn Homophobie und Transphobie verdeckt daher kommen, von Menschen im eigenen Umfeld, die sich für besonders fortschrittlich halten. Mein Erfahrung ist, dass Linkssein nicht davor schützt etwa die Ausgrenzung transgeschlechtlicher Menschen im öffentlichen Leben in Kauf zu nehmen. Die einzigen offenen Angriffe auf meine Identität kamen im Wahlkampf nicht etwa von Rechtsextremen sondern von der örtlichen Linksjugend in Form von genitalistischen Aufklebern auf meinen Plakaten.

 

 

weird: U. a. bist du auch fest mit dem Queer-Feminismus verbunden. Würdest du dich selbst als Aktivistin bezeichnen und worin liegen hier deine Schwerpunkte außerhalb deiner politischen Arbeit?

 

Fabienne Vesper: Mein queer*feministisches Engagement im Netz sehe ich als Teil meiner politischen Arbeit. Die vielen tollen Menschen, die ich da kennen gelernt habe (oder auch nicht), sind eine große Unterstützung und Inspiration. Die Tweets und Blogs geben mir Orientierung für eine bessere Politik, die sich stärker an der Realität orientiert und sich sehr wichtigen Fragen zuwendet. So liegt mir viel daran, das Bewusstsein für Intersektionalität und für die Vielfalt der Alltagserfahrungen zu stärken. Ich will auch mit dabei helfen, den Widerstand von #aufschrei oder #yesallwomen gegen sexistische Gewaltstrukturen in die Politik hinein zu tragen.

 

 

weird: Wofür nimmst du dir neben der Politik am liebsten Zeit?

 

Fabienne Vesper: Am liebsten gucke ich mit Freundinnen tolle Serien (zum Beispiel Borgen, Orphan Black, Orange Is The New Black) und bereite dabei leckere Guacamole zu!

 

 

 

 

 

 

 

Interview: Christine Stonat (29.5.2014)

Ausgabe Nr. 80

Juni 2014

Name: Fabienne Vesper

Alter: 34

Wohnort: Kehl am Rhein

Beruf: Wissenschaftliche Mitarbeiterin

Meine weirdeste Eigenschaft: Mein Humor

 

Fabienne Vesper (34) wurde in Straßburg geboren und wuchs in Frankreich und in Deutschland im grenznahen baden-württembergischen Ort Kehl auf. Hier lebt und arbeitet Fabienne Vesper heute als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Politikerin. Fabienne Vesper kandidierte bei der Europawahl 2014 (25. Mai) für die SPD. Auch, wenn sie die Wahl ins Europäische Parlament nicht schaffte, mit ihrer Partei in ihrem Heimatort Kehl war sie die stärkste Partei. Fabienne Vesper ist offen lesbisch und transgeschlechtlich und engagiert sich innerhalb ihrer politischen Arbeit mit ihrem Blog sowie auf Twitter und Facebook u. a. auch queer-feministisch.

 

Online: www.vesper.eu

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