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Lesbisch sein in …           

 

 

 

Baden-Württemberg

 

 

Zur aktuellen Anti-LGBTI-Petition „Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens“.

 

 

 

Eine persönliche Bestandsaufnahme

von Nele Tabler.

 

 

 

 

 

Hätte man mich vor einem Monat gefragt: „Wie ist das denn so, als Lesbe in Baden-Württemberg zu leben?“, wäre meine Antwort vollkommen anders ausgefallen als heute. Es gibt das Leben vor dem 16. Dezember 2013 und eines danach. Bis zu diesem Tag habe ich mich in unserem Bundesland sehr wohl gefühlt. Seit dem überraschenden Regierungswechsel 2011 schien es in Sachen Gleichstellung und Toleranz wirklich voranzugehen. Verpartnerungswillige Lesben und Schwule werden nicht mehr zur Kfz-Meldestelle geschickt, sondern dürfen sich wie die Heten auf dem Standesamt das Jawort geben. Der Ministerpräsident wurde 2011 Schirmherr beim CSD Karlsruhe und im Stuttgarter Landtag gab es anlässlich des Christopher Street Days 2013 sogar einen Empfang. In einem groß angelegten Beteiligungsprojekt wird der Aktionsplan „Für Akzeptanz und gleiche Rechte“ ausgearbeitet, dessen Ergebnisse auch in der Bildungsplanreform 2015 eingearbeitet werden sollen.

 

Vielleicht hätte ich, hätten wir alle ahnen sollen, dieser Sprung aus der gesellschaftspolitischen Steinzeit ins 21. Jahrhundert würde nicht ohne Widerspruch hingenommen werden. All die Konservativen, die Homohasser_innen, die christlichen Fundamentalist_innen hatten sich ja nicht von einem Tag auf den anderen um 180° gedreht oder waren von der Bildfläche verschwunden. Sie brauchten nur etwas Zeit, bis sie sich von dem Schock erholt hatten, dass ihr Weltbild nun nicht mehr mit Klauen und Zähnen von Politik und Landesregierung gegen den Rest der Bundesrepublik und die EU verteidigt wurde. Danach bereiteten sie sich zum Angriff vor, heimlich und leise.

 

Am Morgen des 16. Dezember 2013 bekam ich von einer Lehrerin eine Mail. Ob ich nicht mal auf meinem Blog über die Petition „Zukunft – Verantwortung – Lernen: Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens“ schreiben könnte? Derartige Hinweise, Fragen, Bitten rund um LSBTTIQ Themen sind nichts Ungewöhnliches. Als eine der ganz wenigen „öffentlichen“ Lesben in unserer Region, die auch noch leicht übers Internet kontaktiert werden kann, werde ich häufiger als vermeintlich kompetente Ansprechpartnerin angesehen.

 

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich von der Petition noch nichts gehört oder gelesen, obwohl sie bereits seit ungefähr drei Wochen lief und schon von mehr als 16.000 Menschen unterzeichnet worden war. Auch die Google-Suche brachte mich nicht weiter, es gab nur Treffer bei „christlichen“ und rechten Webseiten, auf denen für Unterschriften geworben wurde. Aus der „Regenbogenlobby“ (Petitionsjargon) schien sich noch keine_r des Themas angenommen zu haben, noch nicht einmal das „Landesnetzwerk LSBTTIQ“ oder der LSVD Baden-Württemberg.

 

Im Laufe des Vormittags war ich damit beschäftigt, die Texte der Petition zu lesen, sowohl den ursprünglichen, der von der Plattform openPetition wegen Verstoßes gegen die Nutzungsbedingungen abgelehnt worden, als auch den aktuellen. Mir fiel es schwer, zu begreifen, weshalb der eine diskriminierend sein sollte und der andere nicht. Beide strotzen nur so von Vorurteilen und Fehlinformationen, der einzige Unterschied besteht in geschönten Formulierungen. Wo es vorher – salopp ausgedrückt – hieß: „Homosexuelle sind abscheulich“, steht in der überarbeiteten Version: „Homosexuelle sind abscheulich, aber natürlich darf kein Mensch diskriminiert werden.“

 

Die Kommentare der Unterzeichner_innen ließen mir die Haare zu Berge stehen und bereiteten mir Übelkeit. Noch nicht einmal auf dem inzwischen geschlossenen Portal kreuz.dingenskirchen hatte es soviel Hass in geballter Form gegeben. Anscheinend hatten sich nur die Wenigsten tatsächlich mit der Bildungsplanreform beschäftigt, sondern glaub(t)en unbesehen das, was ihnen, von wem auch immer, erzählt worden war: Schulkinder sollen künftig auf schwul umprogrammiert und sexuell missbraucht werden. Von einer Homosexualisierung der Bildung ist die Rede, von Gehirnwäsche und totalitärer Umerziehung. Von Perversen, die Kinder zum Sex mit Tieren zwingen wollen, einer Verschwörung der Homolobby, um die Heterosexualität auszurotten und und und … Natürlich gibt es zwischendurch auch immer wieder weniger hasserfüllte Stimmen. Da wird dann betont, Gott liebe alle Menschen, und Schwule und Lesben könnten ja nichts für ihre Veranlagung, aber in der Schule habe das Thema nichts zu suchen.

 

Unter den 16000 Menschen, die bis zu diesem Morgen die Petition unterschrieben hatten, fand ich beim ersten flüchtigen Durchsehen bekannte Namen: eine Cousine, meinen Internisten, den Trauzeugen eines Verwandten, einen Mann, der als Kind einmal mein Nachhilfeschüler gewesen war. Einen Mediziner, der ein paar Dörfer weiter gerade ein Ärztehaus errichtet, einen Gemeindepfarrer. Von zwei weiteren Lehrerinnen erfuhr ich, was gerade in einigen Schulen in unserer Gegend passierte: In Kollegien und auf Elternabenden wurden Unterschriftlisten herumgereicht und Druck ausgeübt.

 

Diese Geschichte hatte mich kalt erwischt, weshalb ich anfangs auch ziemlich wirr und planlos reagierte. Mir war vollkommen unverständlich, weshalb in den hiesigen Zeitungen über die Petition noch kein Wort gestanden hatte und warum es weder von Seiten der Politik noch von den beiden evangelischen Landeskirchen eine Stellungnahme gab. Ich twitterte, schrieb auf meinem Blog darüber, verlinkte auf facebook und google+. Sprach Portale wie zum Beispiel queer.de direkt an und war fassungslos über die Antworten der Landtagsfraktion der Grünen und der Landesregierung, die klangen, als seien sie von einem Wahlkampfsprüchegenerator (Zitat einer Twittererin) ausgespuckt worden.

 

Die württembergische Landeskirche teilte einer Mitstreiterin mit, man werde sich zwar erst im Januar 2014 genauer mit der Petition beschäftigen, fände das Anliegen an sich aber gut. „Meine“ badische Landeskirche veröffentliche nach mehrmaligen Nachfragen einen Text, der mit der Phrase begann „kein Mensch dürfe wegen seiner sexuellen Orientierung diskriminiert und die Würde jedes Einzelnen müsse geachtet werden“ und lieferte anschließend den Anhänger_innen der Petition Argumente gegen die Bildungsplanreform. Kein Wort zu den Hasstiraden und mehr oder weniger verklausulierten Drohungen der Kommentator_innen, keine eindeutige Erklärung in Richtung, dass ich mich als Lesbe in meiner Kirche vor diesem Hass geschützt fühlen kann.

 

In den letzten Jahren habe ich in der „Community“ immer wieder um Verständnis geworben, wenn um die Segnung homosexuelle Paare oder das Wohnen von verpartnerten Gemeindepfarrer_innen in Pfarrhäusern ging und um Geduld gebeten. Vor dem 16. Dezember 2013 hätte ich nicht für möglich gehalten, von meiner Kirche einmal so im Stich gelassen zu werden. Heute bin ich ausgetreten.

 

Auf Twitter bat mich Volker Beck, offen schwuler Sprecher für Innenpolitik und Sprecher für Religionspolitik Bündnis 90/Die Grünen, um mehr Informationen über die Vorgänge an den Schulen. Ich habe ihm einiges dazu gemailt und mehr der Form halber erwähnt, was eigentlich hätte klar sein sollen: Bei der momentanen aufgeheizten Stimmung wird kaum ein_e Lehrer_in bereit sein, öffentlich darüber zu sprechen oder gar eine schriftliche Erklärung abzugeben. Eine Antwort habe ich leider nicht bekommen und meines Wissens hat Volker Beck bis heute kein Wort über die Petition verloren. Dafür hat allerdings der Realschullehrerverband Baden-Württembergs indirekt meine Informationen bestätigt, indem er sich auf seiner Webseite energisch dagegen verwahrte, Unterstützer oder gar Mitinitiator der Petition zu sein.

 

Nach und nach entdeckten endlich auch andere das Thema. Am 17. Dezember 2013 gab das LSBTTIQ Baden-Württemberg eine Stellungnahme ab, der LSVD äußerte sich und einen Tag später forderte ATME e.V. (Aktion Transsexualität und Menschenrecht) die Suspendierung des Initiators der Petition, Gabriel Stängle, vom Schuldienst. Von der grünen Jugend und den Piraten kamen deutliche Presseerklärungen und nach Weihnachten distanzierte sich auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft GEW von der Petition.

 

Währenddessen stieg und steigt die Zahl der Unterzeichner_innen minütlich an, jeden Tag unterschreiben bis zu 1000 Mensch neu und einige von ihnen hinterlassen auch Kommentare. Was ich als Hasstiraden/hate speech empfinde und mich teilweise beinah zur Verzweiflung bringt, wird von den Betreiber_innen der Plattform openPetition als „Unwissen“ und zulässig im Rahmen der Meinungsfreiheit bezeichnet. Man tut so, als sei die Moderation der Kommentare Sache der Menschen, die sich davon verletzt und angegriffen fühlen. Während wir Blogger_innen für jede einzelne Silbe verantwortlich sind, die auf unseren Blogs steht, wird bei der Petition selbst der Wunsch, Homosexuelle töten zu dürfen, erst nach 24 Stunden und unzähligen Aufforderungen entfernt. Die Bitte der Betreiber, über „betterplace“ für die Plattform zu spenden, empfinde ich als Lesbe inzwischen als reinen Zynismus.

 

Gestern surfte die Liebste mal wieder in Online-Shops für Regenbogenkrimskrams herum und entdeckte einen tollen Aufkleber. Spontan wollte sie ihn bestellen, dachte dann kurz nach und entschied sich dagegen. Stattdessen ging sie nach draußen und entfernte am Auto den Aufkleber „Lesbisch aus Leidenschaft“. Seit unserem Outing vor Urzeiten scheint es zum ersten Mal nicht mehr angebracht, uns immer und überall offen als Lesben zu zeigen. Auf Twitter brachte es eine Frau auf den Punkt: Die Unterschriftenlisten ausdrucken und von Fall zu Fall erst mal nachsehen, ob ein Arzt, eine Apothekerin, ein Rechtsanwalt, eine Klempnerin nicht dort auftaucht.

 

Aller Voraussicht nach wird die Petition heute (Stand: 2.1.14) die 40.000 Marke überspringen und sie wird noch 26 Tage online sein. Politiker_innen und unsere Landesregierung scheint das immer noch nicht zu interessieren und außerhalb Baden-Württembergs wird so getan, als ginge es um ein paar „durchgeknallte christliche Waldschrate“, so der Kommentar eines Menschen aus Berlin, die nicht ernst genommen werden müssen. Sie scheinen alle einen besonders guten Schlaf zu haben.

 

 

 

 

 

Text: Nele Tabler (2.1.2014)

Fotos: Nele Tabler www.karnele.de

Nele Tabler ist Autorin und Bloggerin. Sie lebt mit ihrer Frau in einem kleinen Ort im Neckar-Odenwald-Kreis in Baden-Württemberg. Auf ihrem lesbischen Blog www.karnele.de befasst sich Nele Tabler derzeit ausführlich mit der aktuellen Petition „Zukunft - Verantwortung - Lernen: Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens“. Diese richtet sich gegen die in der vom Land Baden-Württemberg geplanten Bildungsplanreform für 2015 verankerte Akzeptanz sexueller Vielfalt. In der Petition wird u. a. „ein klares Zeichen der Bildungsplankommission zu einer verantwortungsbewussten Sexualpädagogik und ein ‚Nein‘ zur Überbetonung einzelner Gruppen und ihrer Interessen“ gefordert. Als Begründung heißt es u. a.: Die lesbischen-schwulen-bi-transsexuellen-transgender-intersexuellen-queeren, kurz LSBTTIQ-Gruppen „propagieren die Thematisierung verschiedener Sexualpraktiken in der Schule als neue Normalität und stehen damit in einem krassen Gegensatz zur bisherigen Gesundheitserziehung“. Es fehle „komplett die ethische Reflexion der negativen Begleiterscheinungen eines LSBTTIQ-Lebensstils“. Die Petition läuft seit Ende November 2013 und noch bis Ende Januar 2014. Unterzeichnet haben bisher über 40600 Menschen (Stand: 3.1.14).

 

Gegen den Initiator der Petition, Gabriel Stängle - zuständig im Realschullehrerverband Baden-Württemberg für das Referat Erziehung, Bildung, Schulpolitik -, wurde mittlerweile eine Dienstaufsichtsbeschwerde beim Regierungspräsidium Karlsruhe erhoben. Das Kultusministerium Baden-Württemberg bezeichnete die Petition als diskriminierend.

 

Über ihren Twitter-Account veröffentlichte die lesbische Autorin und Bloggerin Nele Tabler unter dem Hashtag #idpet und mit Triggerwarnungen versehen zahlreiche der homo- und transphoben Petitions-Kommentare von Unterzeichner_innen. Im ländlichen Baden-Württemberg wohnend, trifft sie die Petition ganz direkt. Unter den Unterzeichner_innen sind auch Namen ihr bekannter Menschen, darunter eine Verwandte und einer ihrer Ärzte. Für weird macht Nele Tabler eine persönliche Bestandsaufnahme.

 

 

Petition, Infos und Links: http://www.karnele.de

 

Update 12.1.14: Die Namen der bis heute über 100000 Unterzeichner_innen der Anti-LGBTI-Petition sind z. T. - in welchem Umfang ist noch nicht bekannt - gefakt. Dies stellten Nele Tabler und weitere Internetnutzer_innen jetzt fest. http://www.karnele.de/missbrauch-personenbezogener-daten-fake-unterschrift-unterzeichnet-idpet/

Auch die vielen Hasskommentare sind z. T. ähnlich bis identisch, ja weisen sogar dieselben Rechtschreibfehler auf, wie Nele Tabler im aktuellen Interview mit dem feministischen Missy Magazine erzählt. www.missy-magazine.de

Unterdessen wurde heute eine weitere Anti-LGBTI-Bildungsplan-Petition mit ähnlichem Inhalt und ähnlichen Hasskommentaren auf der Plattform OpenPetition eröffnet. Diesmal für Nordrhein-Westfalen.

Ausgabe Nr. 75

Januar 2014

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