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Lesbisch sein in …           

 

Los Angeles

 

 

 

 

 

Interview mit

Amy York Rubin

Macherin der lesbischen Webserie „Little Horribles“

 

 

 

 

 

 

 

weird: Was hat dich auf die Idee zur lesbischen Webserie „Little Horribles“ gebracht?

 

Amy York Rubin: Ich wollte etwas machen, das nur meines war. Ich mache viel Arbeit für Kund_innen – ich habe halt Rechnungen zu bezahlen! Kreativ gesehen, wurde ich jedoch immer frustrierter, weil ich nicht das machen oder schreiben konnte, was ich machen oder schreiben wollte. „Little Horribles“ war ein Instrument, das mir geholfen hat, meine Stimme wiederzufinden. Es war ein Weg etwas zu schaffen, das ganz nah an mir war. Etwas, das die Kerngefühle und Metaphern, die ich erfahre, aber niemals außerhalb meines Kopfes vollständig ausdrücke, reflektierte.

 

 

weird: Wie arbeitest du an der Serie? Du scheinst eine gute Beobachtungsgabe zu haben, besonders was das Zwischenmenschliche betrifft!? Wie transferierst du das in die einzelnen Episoden?

 

Amy York Rubin: Ich bin eine ziemlich intensive Menschenbeobachterin. Das war ich schon immer. Ich habe noch nie jemanden getroffen, der mit so viel Spaß Leute länger beobachten kann als ich - gruselig. Ich mache mir über den Tag viele Notizen und schreibe mir vieles für mich auf. Dann sitze ich mit den Notizen vielleicht eine Woche später oder so da und fange an sie in größere Ideen und Umrisse zu formen. Ich mache das so eine ganze Weile für ein paar ganz unterschiedliche Ideen. Viele Dinge, die ich beobachte oder Ideen, die ich habe, verwerfe ich ziemlich schnell wieder – sie werden zu einer Dialogzeile statt einer ganzen Episode. Und dann, wenn ich einen Plan für ein ganzes Bündel Ideen habe, fange ich an zu schreiben. Die jeweilige Episode zu schreiben ist der einfachste Teil, irgendwie. Der schwerste Teil für mich ist die Überarbeitung. Sobald ich einen Entwurf habe, zeige ich ihn ein paar verschiedenen Leuten – ich habe gern eine angemessene Anzahl an Meinungen von einer unterschiedlichen Gruppe von Leuten, Menschen mit unterschiedlichen Stärken als Schreiber_innen oder Comedians oder einfach nur Leute wie meine Schwester oder jemand, von dem ich denke, dass er bzw. sie einen toughen Humor hat. Das ist das Schwierigste. Zu entscheiden, auf wen ich höre und wen ich ignoriere. Denn Meinungen sind wie Arschlöcher, jede_r hat eine_s. Wenn ich eine Version habe, bin ich ziemlich glücklich damit und wir beginnen sofort zu drehen. Über das Casting, die Locations und den Produktionskram denke ich zur selben Zeit nach, in der ich das Skript entwickele. Ich will immer ziemlich schnell in die Produktion gehen, so dass die Ideen immer frisch in meinem Kopf sind und wir uns nicht in ewigen Überarbeitungen verlieren.

 

 

weird: Und wie hast du die ja doch recht bekannten Schauspielerinnen für jede Episode an Board bekommen?

 

Amy York Rubin: Alle, die ich kontaktierte, haben mich unglaublich unterstützt und ermutigt. Ich bin so ein großer Fan, von allen, die ich gecastet habe: Ann Carr, Jen Bartels, Echo Kellum, Ilana Glazer, Cynthia Stevenson. Es war die effektivste positive Verstärkung Menschen wie sie zu haben, die zusagten, Teil dieses Projektes zu sein. Viele von ihnen sind Comedians von Upright Citizens oder The Second City in Los Angeles und New York. Sie sind also Teil einer Community, bei der ich einen Fuß in der Tür habe. Ich denke, das war auch hilfreich.

 

 

weird: Episode 4. Masturbieren im Feierabendverkehrsstau (grinst). Eine feministische Antwort auf Sexismus?

 

Amy York Rubin: Das ist eine interessante Leseweise dieser Episode! Um völlig ehrlich zu sein, habe ich nicht mal an Feminismus oder das Konzept der Masturbation als etwas, das ein Tabu ist, gedacht. Ich tendiere dazu, über fast alles angenehm zu reden und nehme daher an, dass andere das auch tun. Ich denke, diese Art Gemütsverfassung ermöglicht mir, potentielle soziopolitische Themen anzusprechen ohne sie zu politisieren. Ich meine, Masturbation ist einfach ein Teil des Lebens und etwas, das jede_r tut – und viele Menschen sollten es wahrscheinlich viel häufiger machen. Deshalb scheint es offensichtlich, dass es letztendlich in einer Episode vorkommen würde.

 

 

weird: „Little Horribles“, du und deine Arbeit werden mit der Serie „Girls“ von und mit Lena Dunham verglichen. Was sagst du?

 

Amy York Rubin: Ich denke, diese Art Vergleich ist ein Zeichen der Zeit. Ich bin ein großer Fan von Lena Dunham und „Girls“, aber ich denke auch, dass es ein Zeichen ist, dass es da draußen nicht genug Vielfalt gibt im Sinne von Inhalten und Macherinnen, die Aufmerksamkeit bekommen. Wenn es mehr junge Frauen mit allen möglichen verschiedenen Backgrounds, Körperformen, sexueller Orientierung gäbe, die tonnenweise Aufmerksamkeit und Unterstützung für ihre Arbeit bekämen, dann würde „Little Horribles“ wahrscheinlich nicht als „Das lesbische Girls“ bezeichnet, sondern wäre bloß eine weitere Show mit weiblichen Hauptrollen von vielen. Ich denke, wir nähern uns dieser Zeit mehr und mehr, dem Moment, wenn es eine Fülle an Shows mit weiblichen Hauptrollen mit unterschiedlichsten Hintergründe und Orientierungen geben wird. Doch bis es soweit ist, müssen die Leute die wenigen Shows, die es gibt, vergleichen, um das Genre identifizieren zu können. Manchmal frage ich mich allerdings trotzdem, ob ich nicht nur mit „Girls“ verglichen werde, aufgrund der bloßen Tatsache, dass weder die eine noch die andere Dame in der Hauptrolle, wie meine Mutter sagen würde, „grazil“ ist.

 

 

weird: Es gibt in den letzten paar Jahren mehr und mehr lesbische Webserien und lesbische Filmemacherinnen, die wie du ihr eigenes Filmunternehmen gründen. Vor allem in den USA. Andere Länder folgen langsam. Was denkst du über diese neue Independent-Entwicklung außerhalb des Mainstream-Film- und Fernsehgeschäftes?

 

Amy York Rubin: Es ist großartig, dass so viele Leute ihr eigenes Zeug machen, und es ist besonders schön mehr LGBT-Charaktere und Handlungsstränge zu sehen. Ich weiß, dass es keine Webserie ist, aber Jenji Kohans „Orange Is The New Black“ ist so gut, und es ist so erfrischend diese Charaktere zu sehen. Ich meine, wo sonst bekommen wir sie zu sehen? Nie und nirgends. Besonders nicht in dieser nuancierten und komplexen Weise. Die Art wie sie Rollen wie „Crayz Eyes/Suzanne“ oder „Piper Chapman“ schrieb, ist sehr bezeichnend dafür, wohin der Weg der Gesellschaft gehen wird und wohin, so hoffe ich, auch mehr Fernsehsendungen und Filme gehen werden. Diese Charaktere sind repräsentativ für fließende und komplizierte Identitäten. Und das ist eines der größten Resultate daraus, dass mehr Shows von einem unterschiedlichen Spektrum von Leuten kreiert werden: es gibt mehr interessante Charaktere, die uns dazu zwingen über die Binariäten, die wir gewohnt sind, hinaus zu denken.

 

 

weird: Nahezu jede der lesbischen Webserien weltweit ist eine Comedyserie. Auch deine. Was bedeutet Comdey für dich?

 

Amy York Rubin: Ich stehe hinter der Idee, dass das Leben absurd ist und dass du deshalb fähig sein solltest, über alles zu lachen. Mir gefällt auch die Idee, dass alles Lustige auf der Wahrheit basiert. Ich hasse Witze, die nicht wirklich in der Realität wurzeln. Für mich ist Comedy ein Weg, auf Dinge zu schauen und mit ihnen umzugehen. Ich hatte einen wirklich Scheiß-Englisch-Lehrer an meiner Senior High School und er hat mich eines Tages wegen etwas völlig Lächerlichem angebrüllt – er war einfach ein böses Arschloch – und ich konnte nicht anders als zu lachen. Er wurde böser und sagte, es sei ein Zeichen von Unreife über etwas Ernstes zu lachen. Ich habe immer gefühlt, dass an dieser Aussage etwas grundlegend falsch ist.

 

 

weird: Es gibt bereits Filmevents, bei denen die einzelnen Folgen einer Webserie hintereinander gezeigt werden, so dass etwas Ähnliches wie ein Spielfilm daraus entsteht. Ist das etwas, was du dir auch für die eher in sich abgeschlossenen Episoden von „Little Horribles“ vorstellen kannst?

 

Amy York Rubin: Ja! Ich habe gerade angefangen darüber nachzudenken, denn es scheint eine gute Möglichkeit zu sein, eine Webserie zu entdecken. Wir gucken sie immer nur für uns in unserer kleinen privaten Welt. Ich denke daher, dass es wirklich cool wäre, „Little Horribles“ in einem öffentlichen Raum zu zeigen, irgendwo, wo wir sehen können, was funktioniert und was nicht, und was besser in einer Gruppe ankommt im Vergleich zum Alleingucken. Wir haben am Set viel improvisiert und eine Reihe verschiedener Cuts jeder Episode. Die Idee, etwas ein bisschen länger zu schneiden und sogar ein oder zwei Folgen als Kurzfilm für ein Filmfestival zusammenzufügen, ist eine sehr verlockende Idee.

 

 

weird: Wie glaubst du sieht das Fernseh- und Filmgeschäft die unabhängige Entwicklung der neuen lesbischen Webserien? Wie werden sie darauf reagieren? Oder wie sollten sie reagieren?

 

Amy York Rubin: Ich denke, einige in der Industrie werden das mit Sicherheit beobachten. Agenten und Produzenten sind immer auf der Suche nach frischen Stimmen und allem, was schon Emotionen um sich rum schaffen konnte. Sie sehen Online-Inhalte verstärkt als Entwicklungsplattform – einen Ort, um neue Ideen und Konzepte mit wenig Risiko zu testen. Das verstehe ich. Das macht Sinn. Dennoch denke ich, einfach bloß seinen Zeh in neue Ideen zu tippen, ist nicht immer der beste Weg, denn ohne echtes Budget und ohne Rückendeckung ist es nicht immer ein korrekter Test, was die Stärke und potentielle Wirkung einer Idee betrifft.

 

 

weird: Du bist in Virginia aufgewachsen. Warst im Staate New York auf dem College. Heute lebst und arbeitest du in Los Angeles. Kannst du etwas über dein lesbisches Leben hier und da erzählen?

 

Amy York Rubin: Also, ich war auf dem Vassar College in New York. Das hat den Ruf ziemlich lesbisch zu sein. Es war bis 1969 ein reines Mädchencollege und aus der Zeit ist noch etwas hängengeblieben. Ich kann mir nicht vorstellen wie es gewesen wäre, auf eine andere Schule gegangen zu sein. Vassar war großartig. Es war viel einfacher „sexuell fließend“ zu sein als irgendwo sonst. Fast jede hatte Judith Butler gelesen und verstand die Idee der „performance identity“. Es war toll. Auf der High School, in Northern Virginia, war es definitiv eine andere Situation. Ich kannte niemanden, die oder der offen gewesen wäre, was total verrückt ist! Und die Leute fühlten sich ganz offenbar wohl dabei, Lesben und Schwule und alle, von denen sie dachten, dass sie lesbisch oder schwul wären, herabzuwürdigen. Es war jetzt nicht, als hätte ich im Jahre 1950 in Mississippi gelebt, aber es war auch nicht schön. Ich habe lange gebraucht, mich von der verinnerlichten Scham und den schrecklichen Vorstellungen, was es heißt alles zu sein außer hetero, frei zu machen. L.A. ist eine ganz andere Szene. Es geht nicht so akademisch zu wie es in einigen queeren Communities in New York der Fall ist, aber es ist hier wahrscheinlich spaßiger und vielfältiger.

 

 

weird: Während der US-Wahlen 2008 hast du Wähler_innen und Kandidat_innen im ganzen Land gefilmt. Die Gesellschaft, und das nicht nur in den USA, scheint tief geteilt zu sein, in die, die LGBT unterstützen und die, die es nicht tun, ja LGBT-Menschen sogar hassen, und das variiert auch von Gegend zu Gegend. Wie ist deine Erfahrung und deine Antwort mit und auf Homophobie im alltäglichen Leben?

 

Amy York Rubin: Wow! Eine schwere Frage. Die Arbeit, die ich während der Wahl 2008 gemacht habe, war toll. Ich mochte die politische D.C.-Welt nicht, aber die Zeit, die ich unterwegs verbracht habe, um Menschen zu interviewen, hatte am Ende eine wirklich große Auswirkung auf mich und mein Verständnis von Politik in unserem Land. Oftmals gab es Leute, die schlimme Dinge über Lesben bzw. Schwule und Jüd_innen sagten, wenn ich mit ihnen sprach, ohne dass sie ahnten, dass ich beides bin. Ich habe mich immer schwer damit getan, wie ich darauf reagieren sollte. Manchmal war ich nicht sicher genug, um überhaupt etwas zu sagen. Dann habe ich Abstand genommen und bin so schnell es ging weitergefahren. Andere Male habe ich versucht tiefer in eine Unterhaltung einzusteigen, ohne meinen persönlichen Hintergrund mit einzubringen. Wenn du einmal gesagt hast: „Als lesbische Person … oder als Jüdin … oder als was auch immer“ nehmen Menschen einfach schnell eine Abwehrhaltung ein und es macht es schwer sich objektiv zu engagieren, besonders dann, wenn die Konversation schon polarisierend verlief. Ich stelle gerne viele Fragen und versuche herauszufinden, woher dieser Glaube kommt. Mehr als häufig stammt er von Angst und Unsicherheit. Angst, die Idee von Freiheit oder Autonomie oder Privileg zu verlieren. Ich kenne keinen wirklich anderen Weg mit homophoben oder sexistischen Menschen zu interagieren als ihnen viele Fragen zu stellen, um festzustellen, warum sie solche entsetzlichen Ansichten haben. Oder ich schreie sie an und gehe weg. Ich versuche eine Balance zwischen beidem zu finden. Ich denke, der beste Weg, diese Spaltung in der Gesellschaft zu bekämpfen, ist es aus unserer homogenen und isolierten Welt auszubrechen. Viele Menschen sagen das seit Jahren, aber je mehr wir mit den Menschen, gegenüber denen wir Vorurteile haben, befreundet sind, umso weniger wahrscheinlich ist es, dass wir an diesen Vorurteile festhalten.

 

 

 

 

 

Interview: Christine Stonat (7/2013)

Fotos: Barnacle Studios

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Ausgabe Nr. 70

August 2013

Die US-Amerikanerin Amy York Rubin ist Filmemacherin, Autorin, Journalistin und Produzentin. Zur Präsidentschaftswahl 2008 reiste sie u. a. durch die gesamte USA, um Wähler_innen und Kanditat_innen zu filmen. Aufgewachsen in Virginia, hat sie im Staate New York ein Elitecollege absolviert und heute mit den Barnacle Studios ihr eigenes kleines Filmunternehmen in Los Angeles. Amy York Rubin ist offen lesbisch. Seit Ende Mai 2013 läuft ihre erste Webserie „Little Horribles“. Eine episodenhafte lesbische Comedyserie von und mit Amy York Rubin. Amy York Rubin spielt darin Amy. Die ist wie sie selbst um die 30 und laviert sich so durch den alltäglichen Wahnsinn ihres Lebens. Mal glaubt sie die Mutter ihrer Kinder getroffen zu haben. Mal entlarvt sie die Intransparenz der virtuellen Kommunikation. Überaus smart sticht sie dabei all die kleinen schmerzhaften, unbequemen, dunklen zwischenmenschlichen Momente an, die alle Menschen gerne vergessen würden, und die uns doch so sehr verfolgen. Im aktuellen weird-Interview sprach Amy York Rubin über Masturbation, ihr lesbisches Leben an einem Elitecollege, Judith Butler, Lena Dunham, die Wichtigkeit von Serien wie „Orange Is The New Black“ und darüber, warum man im Leben besser über alles lachen können sollte.

 

 

Online: http://littlehorribles.com

http://amyyorkrubin.com

Interview-Steckbrief

- in eigenen Worten -

 

Name: Amy York Rubin

Alter: 30

Beruf: Autorin, Regisseurin, Produzentin

Wohnort: Los Angeles, CA

Meine weirdeste Eigenschaft: Ich habe keinen Filter

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