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Lesbisch sein in …           

 

 

Gütersloh

 

Familie Sandra und Yvonne Schulze

 

 

 

 

 

 

 

 

 

weird: Bezeichnet ihr euch selbst als Regenbogenfamilie?

 

Sandra: Wir können uns mit dem Begriff identifizieren, benutzen ihn aber im Alltag kaum. Nach unserem Empfinden können die wenigsten Heterosexuellen mit dem Begriff etwas anfangen und wir bezeichnen uns einfach als Familie.

 

 

 

weird: Lebt ihr in einer Eingetragenen Lebenspartnerschaft und was sind eure Gründe?

 

Yvonne: Ja, wir sind seit 2009 verpartnert (als verheiratet darf man uns laut Gesetz nicht bezeichnen). Ich habe Sandras Nachnamen angenommen, weil es uns wichtig war einen gemeinsamen Familiennamen zu haben.

 

Sandra: Hauptgrund war meine 1. Schwangerschaft. Nur wenn man verpartnert ist, darf man in Deutschland im Zuge der Stiefkindadoption das leibliche Kind der Partnerin voll adoptieren. Ohne die Stiefkindadoption hat die nicht leibliche Mutter kaum Rechte in Bezug auf das Kind. Ohne Adoption dürfte Yvonne nicht mal zum Kinderarzt oder ein Konto für die Kinder eröffnen. Im Gegensatz dazu ist in heterosexuellen Ehen der Ehemann automatisch der Vater, auch wenn er nicht der biologische Vater ist.

 

Yvonne: Aber nicht nur wegen der deutschen Bürokratie haben wir geheiratet … wir mögen uns auch so ein bisschen (grinst).

 

 

 

weird: Ihr habt zwei Töchter im Alter von 10 Wochen und von 3 Jahren. Wie habt ihr entschieden, wer von euch die Kinder bekommt?

 

Sandra: Die Frage stellte sich gar nicht erst. Es war klar, dass ich gerne schwanger werden wollte und Yvonne sich das für sich nicht vorstellen konnte/kann.

 

 

 

weird: Für welchen Weg, schwanger zu werden, habt ihr euch entschieden?

 

Sandra: Für uns war und ist es wichtig, dass unsere Töchter die Chance haben ihre biologischen Wurzeln kennen zu lernen. Wir haben das Glück einen guten Freund zu haben, der uns dies auch ermöglicht hat. Sowohl unsere als auch seine Familie und Freunde wissen um diese besondere Konstellation. Wir gehen damit ganz offen um. Er hat keine väterliche Rolle.

 

 

 

weird: Welche Schwierigkeiten aufgrund von Diskriminierung bzw. diskriminierender Gesetze gab es?

 

Yvonne: Wie bereits kurz erwähnt, ist das ganze Prozedere mit der Stiefkindadoption relativ kompliziert. Ich musste viele Nachweise wie Führungszeugnis, ärztliches Attest und Gehaltsabrechnungen erbringen. Ein Hausbesuch vom Jugendamt und eine Anhörung vor der Familienrichterin und zahlreiche Besuche beim Notar gehörten zum Verfahren der Stiefkindadoption.

 

Derselbe Aufwand steht uns bei unserer zweiten Tochter wieder bevor. Die Anträge zur Stiefkindadoption können wir frühestens in einem halben Jahr stellen, weil sich laut Jugendamt erst eine Beziehung entwickeln muss … obwohl beide Kinder Wunschkinder sind.

 

Sandra: Ich empfinde das als sehr diskriminierend.

 

Yvonne: Wir fanden es sehr schwierig, von den beteiligten Behörden gesicherte Informationen zu bekommen. Viele die unseren „Fall“ bearbeitet haben, waren wenig sachlich und haben ihre persönlichen Bedenken zu „so einer ungewöhnlichen Konstellation“ zum Ausdruck gebracht.

 

 

 

weird: Wie lange hat es von der „Planung“ bis zur Geburt eures ersten Kindes gebraucht?

 

Sandra: Nachdem wir uns gemeinsam für ein Kind entschieden hatten, haben wir über Monate viele Gespräche mit unserem Freund geführt. In den Gesprächen haben wir unsere Vorstellungen, Erwartungen aneinander und Ängste offen angesprochen und geklärt. Dann ging es ganz schnell und problemlos mit der sog. Bechermethode.

 

 

 

weird: Möchtet ihr weitere Kinder?

 

Sandra: Nein, zwei sind genug.

 

Yvonne: Noch mehr schlaflose Nächte? Nein, Danke. (grinst)

 

 

 

weird: Wie habt ihr euch kennen gelernt?

 

Sandra: Wir haben uns 2002 auf einer AIDS-Hhilfe-Party im Forum in Bielefeld kennen gelernt.

 

Yvonne: Ach, das weißt du noch? Ich hatte die Ehre, dich total betrunken nach Hause zu fahren. (grinst)

 

 

 

weird: Habt ihr beide, jede für sich, schon „immer“ den Wunsch nach einer Familie mit Kindern gehabt oder war das vielleicht ein Prozess innerhalb der Beziehung oder wie war das für euch?

 

Sandra: Ich hatte schon „immer“ den Wunsch Kinder zu bekommen. Yvonne hatte den Wunsch lange nicht so stark. Er hat sich im Laufe der Beziehung entwickelt.

 

 

 

weird: Was war euer größtes „Bedenken“, bei der Entscheidung Kinder zu haben?

 

Yvonne: Meine größte Sorge war, ob ich der Verantwortung gewachsen bin, Kinder groß zu ziehen.

 

Sandra: Natürlich mache ich mir Gedanken, ob unsere Kinder in der Zukunft diskriminiert werden, weil sie zwei Mütter haben. Aber durch unseren offenen Umgang z. B. in der KiTa versuchen wir dem entgegen zu wirken.

 

 

 

weird: Was wünscht ihr euch für eure Kinder im Hinblick auf den Umgang mit „Regenbogenfamilien“ in unserer Gesellschaft?

 

Sandra: Normalität. Keine Berührungsängste. Bei dem Begriff „Familie“ nicht nur ausschließlich an Vater, Mutter, Kind zu denken, sondern Familie in ihrer Pluralität wahrzunehmen wie Patchworkfamilien, Alleinerziehende und Regenbogenfamilien.

 

 

 

weird: Was wünscht ihr euch von der Gesellschaft und der Politik?

 

Yvonne: Gleichstellung aller Formen von Familie. Es fängt bei offiziellen Formularen an und endet beim Steuerrecht bzw. der nicht Gleichwertigkeit von Ehe und Lebenspartnerschaft.

 

 

 

weird: Wie wohl fühlt ihr euch in eurer Nachbarschaft bzw. in Gütersloh?

 

Sandra: Wir fühlen uns sehr wohl, auch wenn wir eigentlich immer die Vorreiterinnen in Gütersloh sind. Wir sind vor kurzem umgezogen und wurden sehr herzlich in der Nachbarschaft empfangen.

 

 

 

weird: Habt ihr euch den Wohnort „speziell“ im Hinblick auf die Kinder ausgewählt?

 

Yvonne: Wir sind wegen der geplanten Kinder nach Gütersloh gezogen. Uns war es wichtig, dass die Kinder in familiärer Nähe aufwachsen und wir Unterstützung im Alltag haben. Sandras Familie wohnt in Gütersloh.

 

 

 

weird: Wie geht ihr mit Face-to-Face-Diskriminierung im Alltag (Straße, Arbeit, Kindergarten etc.) um?

 

Sandra: Das erleben wir eigentlich nie. Aber hinter unserem Rücken wird bestimmt nicht immer nur positiv von uns geredet.

 

 

 

weird: Wie erklärt ihr euren Kindern (bzw. werdet es ihnen erklären), wenn sie fragen, warum sie zwei Mütter haben?

 

Sandra: Wir erklären ihnen, dass es verschiedene Formen von Familie gibt. Wir lieben uns und haben uns Kinder gewünscht.

 

 

 

weird: Gerne, oder besser gesagt leider, tauchen auch immer wieder Fragen auf wie „Wer ist denn bei euch der Mann/der Vater?“ Was entgegnet ihr dem?

 

Yvonne: Wir haben beide Brüste und keinen Penis, bei uns gibt es keinen Mann oder bin ich gleich der Mann, nur weil ich einen Nagel in die Wand schlagen kann??

 

Sandra: Wir werden eher mit der Frage konfrontiert, ob wir Schwestern seien, wegen des gleichen Nachnamens und der Kinder.

 

 

 

weird: Was bedeutet für euch der Begriff Familie?

 

Sandra: Zusammenhalt, Geborgenheit, Sicherheit, Liebe.

 

 

 

weird: Was bedeutet euch eure eigene Familie (gemeint Partnerin und Kinder)?

 

Sandra: Alles! Die Verwirklichung von persönlichen Wünschen und Träumen. Sich nicht abschrecken zu lassen von eigenen Ängsten und gesellschaftlichen Hindernissen.

 

 

 

weird: Wie ist eure Familie (die Verwandten, Eltern etc.) damit umgegangen, dass ihr lesbisch seid, dass ihr ein Paar seid, dass ihr Kinder großzieht?

 

Sandra: Beim Coming-out mit 15 Jahren hätte ich mir mehr Unterstützung gewünscht, aber im Laufe der Jahre sind meine Eltern mit gewachsen und heute stolz auf ihre Schwiegertochter und tollen Enkel.

 

Yvonne: Ich komme aus einer norddeutschen Kleinstadt, in der Homosexualität kein Thema war und es keine Vorbilder oder Bekannte gab. Es hat lange gedauert bis meine Eltern meine Beziehung zu Sandra voll akzeptiert haben. Als sie von Sandras Schwangerschaft erfahren haben, mussten sie sich erstmal an den Gedanken gewöhnen. Aber seit der Geburt von unserer 1. Tochter gehen sie ganz in ihrer Großelternrolle auf und sie unterstützen uns.

 

 

 

weird: Seid ihr mit anderen lesbischen Paaren mit Kindern „vernetzt“ (im Internet, Stammtisch etc.)?

 

Sandra: Ja, wir sind befreundet mit anderen Regenbogenfamilien und nehmen an den regelmäßigen Treffen der lesbischen Mütter mit Kids im Fraze (Frauenkulturzentrum www.fraze.de Anm. d. Red.) in Bielefeld teil.

 

 

 

weird: Was hat sich seit der Geburt eures ersten Kindes für euch verändert?

 

Sandra: Alles! Nein, im Ernst der Alltag ist ein ganz anderer mit Kindern als ohne. Wir gehen weniger aus und haben mehr mit Familien mit Kindern zu tun. Unser lesbischer Freundeskreis hat sich deshalb verändert, wir unternehmen jetzt mehr mit Heteros.

 

Yvonne: Die Wichtigkeit von vielen hat sich verändert. Heute verbringe ich lieber meine Zeit mit meiner Frau und meinen Kindern als auf Partys oder auf dem Fußballplatz.

 

 

 

 

 

Interview: Christine Stonat (6/2013)

Foto: privat

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Name: Yvonne Schulze

Alter: 36 Jahre

Beruf: Physiotherapeutin

Wohnort: Gütersloh

 

Name: Sandra Schulze

Alter: 33 Jahre

Beruf: Diplom Pädagogin / Schulsozialpädagogin

Wohnort: Gütersloh

 

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