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weird

Lesbisch sein in …           

 

                 … Wien

 

 

 

 

 

 

 

Zeitweise wahnsinnig

 

 

 

 

Interview mit

 

Clara Luzia

 

 

 

 

 

weird: Du hast einen sehr erlesenen Indie-Musik-Geschmack und postest zum Jahreswechsel gerne deine persönlichen Lieblingsalben des vergangenen Jahres. Wie wichtig ist Musik anderer für dich und dein Leben, neben dem Machen deiner eigenen Musik?

 

Clara Luzia: Natürlich ist Musik anderer für mich wichtig, ich kann ja nicht nur in meiner eigenen Suppe schwimmen. Ich bin eine schlechte Konzertgeherin, das ist nicht so mein Ding, aber Plattenhören gehört seit meiner Kindheit zu meinem Alltag.

 

 

weird: Würdest du sagen, dass neue Hörer_innen, die dich noch nicht kennen, dich und deine Musik anhand deiner Playlists musikalisch „verorten“ können?

 

Clara Luzia: Diese Frage müsste man an die HörerInnen richten. Ich möchte mit den Playlists primär auf Musik aufmerksam machen, die ich toll finde und der ich noch weitere Verbreitung wünsche. Aber natürlich sagt das, was man gerne hört, auch viel über die eigene Persönlichkeit aus – zuviel würde ich aber auch wieder nicht hineininterpretieren (grinst).

 

 

weird: Dein neues Album „We Are Fish“ ist bereits dein fünftes Soloalbum, seit deinem Solodebut 2006. Bekannter wurdest du durch dein drittes Album „The Ground Below“ 2009, das sogar in den österreichischen Albumcharts war. Ebenso wie dein letztes Album „Falling Into Place“. Was hat sich für dich musikalisch verändert, wenn du deinen Start als Solokünstlerin 2006 mit der Zeit ab 2009 vergleichen solltest?

 

Clara Luzia: Das war ein kontinuierliches Wachstum, es kam ja nicht über Nacht auf einmal zu erhöhter Aufmerksamkeit mir / uns gegenüber. Insofern kann ich auch keine einschneidenden Veränderungen nennen. Grundsätzlich hat sich das ganze Projekt „Clara Luzia“ einfach vergrößert, professionalisiert, es steckt mehr Arbeit dahinter, mehr Geld ist im Spiel, mehr Leute hängen mit drin. Die Basis ist aber immer noch genau dieselbe wie 2006: Ich schreibe Lieder in meinem Zimmer.

 

 

weird: Kannst du etwas zum Albumtitel bzw. zum Titelsong „We Are Fish“ sagen? In den Lyrics heißt es „We are orphans, we are fish … Everybody‘s lonesome here ...” Und das Cello, das Walgesang ähnlich den Song untermalt …!?

 

Clara Luzia: Der Titel bezieht sich auf die Evolutionsgeschichte, dass alles Leben letztendlich aus dem Meer kommt – daher der Fisch. Und soll deutlich machen, dass diese Trennung und Hierarchisierung von Leben in meinen Augen absurd ist und uns Menschen nur erleichtern soll, dass wir andere Lebewesen zu unseren Gunsten ausbeuten. Ein klares Statement also gegen „Macht Euch die Erde untertan“ – denn wir sind alle Teil davon.

 

 

weird: Dein neues Album klingt - so finde ich - etwas „düsterer“ als die anderen, vor allem der Vorgänger, etwas rauer. Weniger verspielt und poppig und folkig. Wie bist du an die neuen Songs zum Album herangegangen?

 

Clara Luzia: Das ist interessant, denn hier in Österreich höre ich in den Interviews ständig, dass das neue Album viel fröhlicher klinge als die Vorgänger. Ich hatte wie immer keinen speziellen Plan. Ich hatte einen Schwung an Liedern, die ich aufnehmen wollte, um ein Album zu veröffentlichen. Keine Strategie, kein größeres Konzept. Die Lieder hatten wir fast alle schon längere Zeit im Live-Programm, daher waren sie fix und fertig arrangiert und ich wusste genau, wie sie klingen sollen. Dass sie teilweise wesentlich druckvoller ausgefallen sind als „altes“ Material lag einfach daran, dass die Lieder es zuließen, sie energetischer zu arrangieren. Ich wollte immer schon eher lautere Musik machen und nicht so sehr diese Folk-Ding, aber das, was ich produziert habe, war eben immer ungeeignet für stampfende Arrangements. So was lässt sich eben nicht erzwingen. Wenn es kommt, dann kommt es. Nun ist es da.

 

 

weird: Deine Texte hingegen waren unabhängig von jedweder Melodie schon immer eher tief, nachdenklich und melancholisch. „The Menace Is My Head“, so heißt dann ja auch – vielleicht bezeichnender Weise!? – ein Song auf dem neuen Album. Dein „Kopf-Ding-Inneres“ scheint sich ja durch die Texte all deiner Alben zu ziehen …!? Wie ist das so in deinem Kopf, wenn du ihn als „Bedrohung/Gefahr“ empfindest, wenn er dich fehlleitet oder auch einfach nur Chaos herrscht?

 

Clara Luzia: „The Menace is my head“ – ja, das ist durchaus ein Stehsatz meines Lebens. Ich habe einen sehr großen, alles überlagernden Kopf, der ständig am Rattern ist und mich zeitweise wahnsinnig macht. Dieser Wahnsinn ist aber eben letztendlich oft nur hausgemacht. Das Gehirn ist ein mächtiges Ding und kann sich sehr vieles zurecht- oder kaputt-argumentieren.

 

 

weird: Hilft bzw. wie hilft dir die Musik dabei das Chaos zu bewältigen?

 

Clara Luzia: Ja, die Musik hilft mir durchaus, das Chaos zu ordnen – oder zumindest kann ich mit Hilfe der Musik den Versuch einer Ordnung antreten. Sie lässt mich auch zu mir kommen, mich ident mit mir fühlen – ein Zustand, den ich durch kaum etwas anderes erreichen kann.

 

 

weird: Bist du jemand, die zuerst die Texte für einen neuen Song schreibt oder die erst eine Melodie oder eine Idee für die Musik hat und dann den Text schreibt?

 

Clara Luzia: Text und Musik kommen immer synchron. Oft habe ich das Gefühl, die Gitarre singt es mir vor, ich muss nur genau zuhören, dann schält sich der Text automatisch heraus.

 

 

weird: Deine Band, die dich auf deinen Alben und live unterstützt, besteht zum Großteil aus Frauen. Empfindest du die Zusammenarbeit mit Frauen anders als mit männlichen Musikern?

 

Clara Luzia: Das kann ich nicht beurteilen, da ich nie in einer Band mit Männer-Überhang gespielt habe. Ich könnte mir durchaus vorstellen, in einer reinen Frauenband zu spielen, reine Männerband mit mir als einziger Frau hingegen nicht – aber weniger aus persönlichen, denn aus politischen Gründen.

 

 

weird: Du hast für die Veröffentlichung deiner Alben 2006 dein eigenes Label namens Asinella Records gegründet. Mittlerweile hast du neben deinen Veröffentlichungen noch fünf weitere Acts, vier davon weiblich. War das eher „Zufall“ oder liegt dir die Förderung von Frauen in der Musik besonders am Herzen?

 

Clara Luzia: Sowohl als auch. Aber an sich war es so, dass diese Künstlerinnen mir eben gefallen haben, da war nicht die Frage, welches Geschlecht sie haben. Ich war auch immer wieder mit Bands mit reiner Männerbesetzung im Gespräch, aber das hat dann aus den verschiedensten Gründen nicht geklappt. Ich wollte nie ein reines „Frauenlabel“ betreiben, das wäre unsinnig und kontraproduktive Gettoisierung, aber dass sich bei mir mehr Frauen als Männer tummeln, war mir schon wichtig, da ich gerade bei Labels immer wieder sehe, dass viele Roster AUSSCHLIEßLICH männlich sind, was im 21. Jahrhundert doch erstaunlich ist, dass man das zusammenbringt.

 

 

weird: Du bist lesbisch. Wie sehr, denkst du, ist das Lesbisch sein Teil deiner Musik und deiner Arbeit mit und für die Musik bzw. dein Plattenlabel?

 

Clara Luzia: Das ist ein winzig kleiner Teil meiner Identität und für mich nicht wichtiger als dass ich z. B. auch Fahrradfahrerin bin. Beides ist mir politisch zwar ein Anliegen, beschäftigt mich aber privat im Alltag nicht sehr.

 

 

 

 

Interview: Christine Stonat (3/2013)

Fotos: Sarah Haas

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Ausgabe Nr. 66

April 2013

Interview-Steckbrief

- in eigenen Worten -

 

Name: Clara Luzia

Alter: 34

Beruf: Musikerin

Wohnort: Wien

Meine weirdeste Eigenschaft: -

„Ich schreibe Lieder in meinem Zimmer“, sagt Clara Luzia (34). Die Indie-Musikerin aus Wien veröffentlichte im März 2013 ihr fünftes Soloalbum „We Are Fish“ auf ihrem eigenen Label Asinella Records. Dieses gründete sie 2006. Damals erschien zugleich ihr Solodebut namens „Railroad Tracks“. 2009 schaffte ihr drittes Album „The Ground Below“ den ersten Einstieg in die österreichischen Charts und zugleich internationale Beachtung. Chaos im Kopf und ein Gespür für den Song macht Clara Luzia als Sängerin, Songschreiberin und Gitarristin Musik zwischen harmonischem Pop und sprödem Low-Fi, verspieltem Folk und schronzigem Rock. Musikalisch wird sie auf ihrem aktuellen Album und auch live von ihrer Band Heidi Dokalik (Cello, Backing Vocals), Ines Perschy (Drums, Backing Vocals), Max Hauer (Piano, Bass, Gitarre) und PauT (Klarinette, Bass) unterstützt.

 

Ab April 2013 ist Clara Luzia auf Tour - im Mai auch für eine Handvoll Termine live in Deutschland. Warum sie lieber mit Frauen Musik macht, reine Frauenlabels unsinnig findet und was genau so in ihrem Kopf los ist, das und mehr verriet Clara Luzia weird im aktuellen Interview.

 

 

Clara Luzia live:

7.5.13 Freising, Uferlos Festival

8.5.13 Dresden, Beatpol

9.5.13 Berlin, Festsaal Kreuzberg

10.5.13 Leipzig, Werk 2

30.5.13 München, Atomic Café

 

 

Clara Luzia

„We Are Fish“ (Asinella Rec./Broken Silence)

Out: 29.3.13

Single: „No One’s Watching“

 

www.claraluzia.com

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