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Lesbisch sein in …           

 

Chicago

 

 

 

 

    Die Unfug-

    Architektinnen

Julie Keck & Jessica King | King Is A Fink

Interview.

 

 

 

 

 

 

weird: Eure neue Webserie „The Throwaways“ (auf Deutsch: Die Weggeworfenen) ist ab August 2012 im Internet zu sehen. Könnt ihr schon etwas mehr über die neue lesbische Serie erzählen?

 

Jessica: „The Throwaways“ handelt von Teenager Olivia, die gerade ihr Coming-out hatte und von zu Hause weggelaufen ist. Sie gerät in den Sog einer Gruppe lesbischer Mädchen, die von zu Hause rausgeschmissen wurden oder abgehauen sind aufgrund ihrer Sexualität. Unsere Serie ist nicht voll von Klischees: Unsere Charaktere und ihr Leben ähneln dem Leben der realen Mädchen, die wir kennen. Das macht die Serie besonders kraftvoll und ergreifend.

 

Julie: Es ist kein After-School-Special mit einem HappyEnd für alle. Es ist auch keine moralisierende Geschichte, in der die „bösen Leute“ das kriegen, was sie verdienen. Alles und alle fallen irgendwo in die graue, graue Mitte - so wie im richtigen Leben.

 

 

weird: Ihr habt in San Francisco vor Ort recherchiert. Wie war die Erfahrung?

 

Jessica: Ich habe einen Freund, der für eine Organisation arbeitet, die sich um obdachlose LGBT Jugendliche in San Francisco kümmert. San Francisco ist immer noch ein lesbisch-schwules Mekka für Jugendliche aus dem ganzen Land, die dorthin strömen, weil sie von ihren Gemeinden und Familien abgelehnt werden. Daraus resultiert eine sehr große LGBT Community von Obdachlosen. Mein Freund gewährte mir Einblick in das Leben der Straßenkids, wie sie ihre Zeit verbringen, wo sie schlafen etc. Weil sie jung sind, zum Beispiel, schaffen es viele der Kids eine Platz zu finden, wo sie eine Weile bleiben können, so dass sie im Vergleich zu erwachsenen Obdachlosen weniger Zeit auf der Straße selbst verbringen.

 

Der andere große Weg der Recherche führte eigentlich über meine Arbeit als High School-Lehrerin. Jeden Tag sehe ich direkt, was junge lesbisch-schwule Kinder durchmachen. Eines meiner Ziele, die ich mit der Serie erreichen wollte, war ihre Erfahrungen anzuerkennen und Ehre zu erweisen.

 

 

weird: Was war für euch völlig neu in Bezug auf die Erfahrung mit den obdachlosen Mädchen?

 

Jessica: Am meisten schockiert hat uns wirklich die große Anzahl von ihnen. Wir hören immer von Eltern und Familien, die komisch auf das Coming-out ihrer Kinder reagieren. Aber die Tatsache zu erfahren, dass ein Drittel aller Jugendlichen, die sich outen, mit direkter physischer Strafe konfrontiert sind, sexuelle Übergriffe eingeschlossen, ist wirklich erschütternd. Ich denke, die Leute verstehen nicht, dass diesen Kinder nicht mal eben nur die kalte Schulter gezeigt wird und sie ein paar gemeine Kommentare über sich ergehen lassen müssen. Stattdessen versuchen die Menschen, die ihnen am nächsten stehen, es aus ihnen rauszuprügeln und zu ficken … das ist mehr als verstörend.

 

 

weird: Ihr beide seid für einen witzigen Humor in eurer Arbeit bekannt. Wie witzig ist diese Serie?

 

Julie: Der Dialog ist von einer brillanten Intelligenz. Es gibt außerdem einen richtig makaberen Humor (unsere Spezialität). Selbst in den schlimmsten Situationen, machen unsere Charaktere noch Witze. Aber es ist definitiv von dem Kontext, in dem sie sich bewegen, gefärbt. So wie bei realen Personen. Wir hören doch nicht auf, wir zu sein, wenn das Schicksal zuschlägt. Stattdessen werden wir zu unseren essentiellen Ichs. Das Gleiche gilt für diese Mädchen. Sie sind intelligent, sie sind jung, sie sind witzig. Auch wenn sie die schwierigste Zeit ihres Lebens durchmachen, ändert sich daran nichts.

 

 

weird: Verfolgt ihr mit der Serie „The Throwaways“ auch einen gesellschafts-politischen Anspruch?

 

Jessica: Die Serie findet sicherlich ihren Höhepunkt in der Tatsache, dass wir trotz der Phrasendrescherei der politischen Spitze queere Kids fallenlassen und missbrauchen, weil wir als die Gesellschaft eigentlich niemals je erfasst haben, was es heißt, Menschen nicht aufgrund ihrer sexuellen Orientierung zu diskriminieren.

 

Julie: Diese Serie zu schreiben, hat uns definitiv zum Nachdenken gebracht, darüber, was unsere Verantwortung als lesbische Erwachsene sein könnte. Wir haben keine Kinder, deshalb klinken wir uns nicht bei der Kindererziehung anderer ein. Dennoch wird der Großteil aller lesbisch-schwulen Kinder von heterosexuellen Eltern geboren. Uns vor unserer Eltern zu outen, heißt auch, dass sich ihre Sichtweise auf uns für immer verändert. Wir ziehen die Idee in Betracht, dass lesbisch-schwule Erwachsene möglicherweise eine Verantwortung dahin gehend haben könnten, dass sie Unterstützung und Quelle für lesbische und schwule Kids und ihre Familien sind, um ihnen zu helfen, Erfahrung des Coming-out einfacher werden zu lassen.

 

 

weird: „The Throwaways“ ist nach „I Hate Tommy Finch“ eure zweite lesbische Webserie. Außerdem habt ihr den lesbischen Spielfilm „Baker‘s Dozen“ gedreht. Ihr macht aber auch „nicht-lesbische“ Filmprojekte. Würdet ihr sagen, dass eure Arbeit für lesbische Projekte sich von der für nicht-lesbische Projekte in irgendeiner Weise unterscheidet?

 

Julie: Wenn es um lesbische vs. nicht-lesbische Projekte geht, ist unsere Empfindung immer die gleiche. Wir sind queer und daraus resultiert, dass wir die Welt in einer anderen Weise sehen. Deshalb sind selbst die Storys mit heterosexuellen Personen, die wir schreiben, mit dieser Weltsichtweise und Empfindung durchtränkt.

 

Wir verwenden gerne das Wort „queer“, um unsere Arbeit und auch unsere Freunde zu beschreiben. Wenn wir queer sagen, reden wir nicht nur von schwul, lesbisch, bi etc. Wir reden über eine offene Ansicht was Sexualität angeht, Akzeptanz des anderen, Respekt für verschiedene Form von Liebe und Lust und eine Seltsamkeit, wonach man sich richtet oder nicht richtet. Einige unsere heterosexuellen Freund_innen sind die queersten Menschen, die wir kennen und wir lieben sie.

 

 

weird: Worauf fokussiert ihr euch am meisten, wenn ihr lesbisch Serien bzw. Filme macht?

 

Jessica: Ich konzentriere mich immer auf Authentizität und Qualität. Wenn ich - wie bei den beiden Webserien - mit Christin Mell, Produzentin und Gründerin von tellofilms.com, arbeite, muss ich zudem sicherstellen, dass ich unserem lesbischen Publikum gebe, was es will. Christin ist immer die Erste, die klar macht, dass wir mehr lesbische Berührungen und Küsse brauchen. Und ich weiß Christin hat recht. Nicht weil lesbische Arbeit übersexualisiert sein muss, sondern weil wir die Verantwortung haben, authentische lesbische Intimität zu zeigen, um die vermeintlich lesbischen Fake-Ideen, die von Pornos oder Fernsehen gezeigt und verbreitet werden, zu bekämpfen.

 

 

weird: In wie weit sonst seid ihr bei der lesbischen Produktionsfirma und Internetplattform tellofilms involviert?

 

Julie: Jess und ich haben angefangen mit Christin zu arbeiten, nachdem wir gegenseitige Fans auf Twitter waren. Wir haben ein Treatment für eine Webserie geschrieben, die aber niemals produziert wurde. Aber während der Arbeit haben wir festgestellt, das Christins und unsere Arbeitsweisen und Ästhetik gut zusammenpassen. Etwas später in dem Jahr als Christin mit Elizabeth Keener aus The L Word für eine Live-Quiz-Show namens „Who Knows Her Better?“ arbeitete, kam es dazu, dass wir die Show geschrieben und designed haben. Die Erfahrung hat gezeigt, dass wir wirklich gut zusammenarbeiten können. Kurz darauf haben wir die von tello produzierte lesbische Webserie „I Hate Tommy Finch“ (s. auch Regelmäßige Termine).

 

Irgendwann habe ich tellos Social Media-Maßnahmen übernommen und wir wurden offiziell Mitglieder des tello Teams. Wir führen nicht nur Regie und schreiben, sondern helfen Christin auch den weiteren Weg von tello zu gestalten und neue Projekte zu entwickeln. Wir fühlen uns geehrt ein Teil von tellofilms.com sein zu dürfen.

 

 

weird: Eure eigene Filmproduktionsfirma heißt King Is A Fink. Warum ist Jessica King „a fink“, also ein Spitzel?

 

Jessica: Also, lass mal sehen. In der High School hatte ich eine puritanische, neckische Freundin, die Mormonin war und genau wusste, dass sie irgendwann mal eine große Familie mit vielen Kindern und einem perfekten Garten haben würde. Ich wusste, dass ich nichts davon haben würde. Als sie mal wieder über ihre Zukunft redete, ärgerte ich sie und sagte, dass ich auch Kinder haben werde, nur um bei ihr später neben an zu wohnen. Dann würde ich meinen Rasen wild wachsen lassen und meine Kinder würden ihre Kinder verderben. Diese ständigen Scherzereien gipfelten in vielen absurden Szenarien. Meine Freundin fing schließlich an, mich einen Spitzel (im Amerikanischen: fink) zu nennen. Ich habe immer noch eine Zeichnung, die sie von mir gemacht hat. Unterschrift: King is a Fink. Das ist bis heute geblieben. Es ist witzig und beinhaltet eine gewisse Art von verspielter Ungezogenheit, die Julie und ich in alles, was wir machen, einfließen lassen.

 

 

weird: Ihr beide seid nicht nur seit vielen Jahren ein Paar, ihr seid auch beste Freundinnen und Arbeitskolleginnen. Julie, was gefällt dir an Jessica und ihrer Arbeit am besten?

 

Julie: Oooh, ich mag das! Wir SIND beste Freundinnen.  Hmmm … Ich denke, dass mir am besten daran gefällt, dass Jessica extrem fokussiert ist, wenn wir zusammen an einem Projekt arbeiten, egal ob sie schreibt, Regie führt oder redigiert. Als Ergebnis daraus, hat alles, was sie macht eine hohe Qualität. Jess hat zudem sehr hohe Ansprüche was all unsere Projekte angeht. Ihr Feedback meine Arbeit betreffend ist sehr hilfreich. Die Leute sagen, ich selbst wäre nicht gerade meine schärfste Kritikerin. Jess ist es. Und so pusht sie mich dazu, die beste Arbeit zu machen, die ich machen kann. Jess gibt aber nicht nur eine ehrliche Rückmeldung, sie gibt außerdem noch ehrlich gemeintes Lob. Wenn sie mir etwas sagt, dann meint sie es auch so, und das ist unglaublich wertvoll. Es gibt keine halbherzigen Sachen mit uns. Wir hängen uns in jedes Projekt, an dem wir arbeiten voll rein.

 

 

weird: Jessica, was ist Julies besondere Fähigkeit?

 

Jessica: Julie ist großartig darin, verrückte und doch glaubhafte Charaktere zu kreieren. Außerdem schreibt sie die umwerfendsten Dialoge, die ich je gelesen habe. Kurz und gut, sie ist eine fantastische Autorin.

 

 

weird: Was bewegt euch als Drehbuchautorinnen und Filmemacherinnen?

 

Jessica: Ich bin am meisten an den Lügen interessiert, an den Dingen, für die wir uns schämen und die meistens ein Fenster zu den wahrsten Dingen über uns selbst sind. Ich möchte diese Dinge herausstellen und zeigen, dass die Dinge, vor deren Enthüllung wir uns so sehr fürchten, nicht schlecht sind und dass die meisten von uns dasselbe Geheimnis in sich tragen.

 

Julie: Ich mag Bücher und Filme, die mich umhauen und in Richtungen gehen, die ich nicht vorhersehen konnte. Ich langweile mich, wenn ich den Verlauf einer Geschichte antizipieren kann, und das ist häufig der Fall. Aber, wenn Charaktere versteckte Schichten offenbaren und Autor_innen und Filmemacher_innen hin- und herspringen und eintauchen, das verschlägt mir den Atem. Es begeistert mich und inspiriert mich eine bessere Autorin zu sein.

 

 

weird: Worin liegt für euch der Vorteil, in Chicago zu leben und zu arbeiten?

 

Jessica & Julie: Zweifellos, dass wir die Möglichkeit haben, Teilhaberinnen von Christin Mell und tellofilms zu sein.

 

 

weird: Wie lesbenfreundlich ist die Stadt Chicago?

 

Julie: Chicago ist so wie die meisten Großstädte. Es hängt davon ab, wo man hingeht. Es gibt Ecken von Chicago, wo wir hingehen und wir selbst sein können, vielleicht Hand in Hand gehen oder auch laut aussprechen können, dass wir ein Paar sind. Aber wir tun das nicht überall. Ich weiß nicht mal so genau, ob die „sicheren“ Gegenden wirklich immer sicher sind. Es hat mehr mit den Leuten zu tun, mit denen du dich umgibst.

 

Jessica: Chicago hat eine lesbische Community, die sich gegenseitig sehr unterstützt. Es gibt viele starke, kompetente und professionell arbeitende Lesben, die einen guten Job machen, ebenso wie offene, witzige und funky Lesben, die tolle Musik und Kunst machen. Und da Lesben ja nun mal immer nur einen kleinen Teil der Gesellschaft ausmachen, kennen sie sich häufig untereinander, was zu aufregenden Projekten, Partner- und Freundschaften führt.

 

 

 

 

 

 

Interview: Christine Stonat (6/2012)

Foto Portrait: King Is A Fink

 

Jessica King und Julie Keck sind Drehbuchautorinnen und Filmemacherinnen. Die beiden sind seit vielen Jahren ein Paar und leben und arbeiten offen lesbisch in Chicago. Gemeinsam betreiben sie dort mit viel ihre eigene Filmproduktionsfirma „King Is A Fink“. Auf ihrer Website bezeichnen sie sich selbst als „Autorinnen | Filmemacherinnen | Unfug-Architektinnen“. Die neue lesbische Webserie „The Throwaways“, die im August 2012 bei tellofilms.com startet, ist nach „I Hate Tommy Finch“ (s. Regelmäßige Termine) die zweite lesbische Webserie der beiden Frauen. Neben vielen DIY-Projekten haben sie u. a. den lesbischen Spielfilm „Baker‘s Dozen“ gedreht. Ihr aktueller „nicht-lesbischer“ Thriller „Tilt“, für den sie das Drehbuch geschrieben haben und der sich derzeit in Post-Produktion befindet, soll im Herbst 2012 in den US-Kinos anlaufen. weird sprach mit Jessica King und Julie Keck über Chicago, über die gesellschaftliche Verantwortung lesbisch-schwuler Erwachsener, über ihre neue Webserie, die von einer Gruppe obdachloser lesbischer Teenager handelt, und darüber, warum in keiner ihrer Produktionen ein Schuss Unartigkeit und böser Humor fehlen darf.

 

 

Online: http://kingisafink.com

 

 

 

 

The Throwaways

(King Is A Fink/tellofilms)

Lesbische Webserie von Julie Keck & Jessica King

Out: August 2012

Trailer featured auf weirds YouTube-Kanal Playlist „7/2012 Artefakt …“

 

 

 

 

Update 31.8.15: Jessica King und Julie Keck gaben bekannt, dass sie nicht länger mit tello films zusammenarbeiten, sondern allein weitermachen.

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Name: Jessica King

Alter: 39

Beruf: Filmemacherin, Pädagogin

Wohnort: Chicago

Meine weirdeste Eigenschaft: Es gibt nur einen Löffel (ein extra winziger), den ich benutze, um den einzigen Joghurt, den ich mag (einen extra cremigen), zu essen.

 

Ausgabe Nr. 57

Juli 2012

Name: Julie Keck

Alter: 37

Beruf: Autorin, Social Media-Strategin

Wohnort: Chicago

Meine weirdeste Eigenschaft: Mir fällt keine ein, was wahrscheinlich schon weird ist.

 

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