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Das Stadtmagazin für lesbische Frauen in Bielefeld |

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Lesbisch sein in …
Hannover Anja | Frauenlesbenwerkstatt Die Distel e.V. Interview.
weird: Wie bist du 1992 zur Distel gekommen?
Anja: Meine damalige Freundin (Tischlerin) erzählte mir von einer Frau aus der Distel Bildungsinitiative, die Frauen sucht, um eine Werkstatt nur für Frauen zu gründen. Die Bildungsinitiative hatte bis dahin nur ein Büro und organisierte handwerkliche Kurse in gemieteten Räumen, was organisatorisch sehr aufwändig war. Als Druckerin und begeisterte Handwerkerin war ich sofort Feuer und Flamme und zusammen haben wir dann noch 13 Gleichgesinnte gefunden und das Projekt gestartet. Den Raum fanden wir in einer besetzten ehemaligen Bettfedernfabrik, schrieben die Satzung um, stellten Förderanträge, bekamen die Finanzierung bewilligt und gaben dann in einer Woche zwischen Weihnachten und Silvester 1992 über 20.000 DM für die Werkstatteinrichtung aus. Da wir zu ¾ (politische) Lesben waren, nannten wir das Projekt „FrauenLesbenWerkstatt“ und feierten im April 1993 die Eröffnung. Meine eigene Motivation bestand ganz klar darin, endlich einen Raum bzw. eine Werkstatt von Frauen für Frauen zu schaffen und die Klischees der Männerdomänen Handwerk und Technik ad absurdum zu führen.
weird: Du bist heute das einzig verbliebene Gründungsmitglied. Was war deine Motivation über all die Jahre?
Anja: Meine Motivation war und ist die Förderung von Frauen, die handwerklich arbeiten wollen, egal ob beruflich oder nur zum Spaß. Es ist der Kampf gegen Diskriminierung und für ein gesundes Selbstbewusstsein in einer immer noch männlich geprägten Welt. Alle Frauen müssen die Freiheit haben, das zu tun, was sie tun möchten, unabhängig von einer von der Gesellschaft vermeintlich als akzeptabel vorgegebenen Verhaltensweise.
weird: Es gab Höhen und Tiefen der Distel, das bleibt nicht aus. Was und wann war denn der schlimmste Tiefpunkt?
Anja: Der schlimmste Tiefpunkt kam schon knapp eineinhalb Jahre nach dem Start, als die schon angesprochene Besetzung der Fabrik zu scheitern drohte und diese kurz vor dem Abverkauf stand. Wir waren damals bereits ca. 20 Vereine, die sich in der Fabrik angesiedelt hatten mit einem Dachverein „Faust“ (jetzt Kulturzentrum) und standen in Verhandlung mit Banken und Stadt zur Übernahme des Geländes. Der Insolvenzverwalter legte die Räumungsklage auf den Tisch und wir lebten wochenlang in der Ungewissheit, ob wir bleiben können. Die Suche nach Alternativräumen war erfolglos und wir schliefen in der Werkstatt, um einer evtl. anrückenden Staatsmacht Paroli zu bieten und den Raum nicht kampflos herzugeben. Schließlich gaben Stadt, Bank und Insolvenzverwalter nach und wir konnten bleiben.
Darüber hinaus gab es einige finanzielle Tiefpunkte, da wir als autonomes Projekt von öffentlichen Zuschüssen unabhängig sein wollten und uns nur über Beiträge und Spenden finanzierten. Wenn Teamfrauen gingen oder Kurse ausfielen, fehlten uns die Einnahmen und wir hatten immer wieder Probleme, die Miete zu zahlen. Mit Benefizpartys, Werkstattbasaren und kreativen Werbemaßnahmen haben wir es aber bis heute immer wieder geschafft. |
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weird: Und der Höhepunkt?
Anja: Ein Höhepunkt war natürlich 2003 die Party zu unserem 10-jährigen Jubiläum, von dem wir so manches Mal dachten, es nicht erreichen zu können. Ein weiterer Höhepunkt war eindeutig auch der erste „Markt der Kunsthandwerkerinnen“ 2004, den wir in unserem und angrenzenden Räumen mit über 20 Kunsthandwerkerinnen aus Hannover und Umland veranstalteten. Dieses Jahr fand der „Markt“ bereits zum vierten Mal statt und es kamen über 1500 Besucherinnen und Besucher. Na ja, und 2013 könnten wir unser 20-jähriges Bestehen feiern. Wir werden sehen.
weird: Wie würdest du die Situation der Distel heute beschreiben?
Anja: Es gibt zwei Betrachtungsweisen. Aus finanzieller Sicht geht es uns zur Zeit verhältnismäßig gut, da wir durch gutes Wirtschaften, erfolgreiche Veranstaltungen und die neue Zusammenarbeit mit dem Gleichstellungsbüro der hiesigen Uni (Schweißkurse für Maschinenbaustudentinnen) alle unsere Ausgaben tragen können und ein kleines Polster für Notfälle haben. Aus personeller Sicht stagnieren wir leider. Unser Team schrumpft langsam, da wir nur wenige neue Frauen gewinnen konnten und die Arbeitsverteilung auf immer weniger Schultern lastet. Jede von uns „alten“ brauchte in den letzten Jahren mal eine Auszeit wegen Überlastung und manchmal hilft nur noch der Idealismus, um weiter zu machen.
weird: Woher kommt der Name „Distel“?
Anja: Die Distel ist eine stachelige, mit Dornen versehene Pflanze, die sehr widerstandsfähig ist und sich zu wehren weiß – genau wie wir!
weird: Arbeitet das Team komplett ehrenamtlich?
Anja: Ja. Nur die Kursleiterinnen erhalten ein kleines Honorar von der Volkshochschule, mit der wir die Kurse veranstalten.
weird: Wie viele Frauen der Distel sind denn heute lesbisch?
Anja: Oh, eine delikate Frage im Zeitalter der Queer- und GenderCommunity. Die meisten im Team sind tatsächlich lesbisch und deren Besucherinnen in der Mehrzahl auch. Zwei lassen sich nicht festlegen und eine hat früher mit Frauen gelebt und ist jetzt schon seit Jahren mit einem Mann zusammen. Um das klar zu stellen: Die Lebensweise ist natürlich kein Aufnahmekriterium und wir fragen auch nicht danach. Die Kursteilnehmerinnen sind überwiegend Heteras. Das bekommen wir so durch Gespräche mit und ich finde das super, weil viele von ihnen den Frauenraum als Alternative bewusst wählen.
weird: Wie viel Gewicht hat das Lesbisch sein bei eurer Arbeit?
Anja: Schwierige Frage. Eigentlich keins und doch ganz viel. Die Arbeit mit den Frauen konzentriert sich auf Handwerk und Kreativität, was erst mal gar nichts mit einer Lebensweise zu tun hat und die dabei auch keine Rolle spielt. Die Vermittlung von Stolz und Selbstbewusstsein dagegen basiert natürlich bei den meisten von uns auf dem jahrelangen Kampf um Rechte und Akzeptanz. Die sogenannte „harte Schule“ eben.
weird: Ihr macht Workshops für Frauen, aber auch für Mädchen, d. h. ihr habt mit der Distel auch einen pädagogischen Auftrag, oder!?
Anja: Ja. Wir arbeiten mit Schulen und Mädchenzentren zusammen. Es gibt kaum ein motivierenderes Bild als das einer selbstbewussten 12-Jährigen mit Säge, Flex oder Schweißgerät in der Hand. Wir sind der Meinung, dass eine freie Entscheidung nur möglich ist, wenn alle Optionen bekannt und alle Möglichkeiten offen sind. Wenn sie sich danach für den Beruf der Friseurin oder Bankkauffrau entscheidet, dann hat sie das bewusst getan und nicht aus dem Glauben heraus, als Mädchen nichts anderes „werden“ zu können (oder dürfen).
weird: Frauen und Mädchen im Handwerk 1980er/1990er Jahre im Vergleich zu heute 2011. Was hat sich nach deiner Meinung verändert?
Anja: Die Quote der handwerkenden Frauen und Mädchen hat sich sicherlich erhöht, wenn auch noch nicht in dem Maße, in dem ich das gerne sehen würde. Sichtbarkeit und Akzeptanz haben zugenommen, fordern aber nach wie vor viel Durchhaltevermögen. Viele Frauen gehen selbstverständlicher mit ihren Fähigkeiten um und auch mehr Männer sind heute „neutraler“ sozialisiert.
weird: Bleiben Handwerk und Technik weiterhin eine Männerdomäne?
Anja: Ich fürchte, dass es immer noch so ist und ich hoffe weiterhin, dass es nicht so bleibt. Ein Lichtblick ist sicherlich das Holzhandwerk, in dem es heute weit mehr Tischlerinnen und Zimmerfrauen gibt als noch vor 20 Jahren. Auch in Mechanik oder Maschinenbau steigt der Frauenanteil, wie ich das an der Uni sehe. Nach meiner Erfahrung trauen sich heute ca. 50% mehr Frauen und Mädchen zu, Maschinen zu bedienen und Werkzeug zu benutzen. Als Grundlage von Veränderungen ist das schon mal nicht schlecht.
weird: Was ist für dich die größte Herausforderung als (lesbische) Frau im Handwerk?
Anja: Das klingt jetzt vielleicht komisch, aber die größte Herausforderung für mich persönlich ist, einen Mann um Hilfe zu bitten, wenn keine Frau da ist und ich nicht weiter weiß. Das kostet mich richtig Überwindung und ist der letzte Ausweg. In Bezug auf mein Lesbisch sein begegnet mir immer wieder die Annahme, dass ich so gerne handwerklich arbeite, weil ich lesbisch bin und nicht, weil es mir Spaß macht. Sehr paradox.
weird: Wann und wie hast du dein handwerkliches Geschick erkannt?
Anja: Kann ich nicht genau sagen, aber ich wollte schon als kleines Mädchen einfach wissen, wie dieses oder jenes funktioniert. Und dafür musste ich halt alles auseinander nehmen und wieder zusammen bauen. Und ich wollte das immer selbst machen. Meine Eltern haben mich da nie eingeschränkt (auch wenn das Radio hinterher nicht mehr ging J) und dafür bin ich ihnen sehr dankbar. Aus dem Grund habe ich mich dann auch bei der Frage, ob ich Schriftsetzerin oder Druckerin werden wollte, für die Druckerin entschieden. Maschinen sind halt so viel spannender.
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Name: Anja Klink Alter: 44 Beruf: Druckerin und IT-Systemkaufftrau Wohnort: Hannover Online: www.frauenlesbenwerkstatt.de |
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„Die größte Herausforderung ist, einen Mann um Hilfe zu bitten.“ |
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„Lesbisch sein hat kein Gewicht und doch ganz viel.“ |
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„Alle Frauen müssen die Freiheit haben, das zu tun, was sie tun möchten.“ |
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© 2007-2012 TS |
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Ausgabe Nr. 51 Januar 2012 |

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Zu L-Themen dieser Ausgabe, die das YouTube-Logo tragen, findet ihr Videofeatures auf weirds YouTube-Kanal PLAYLIST „1/2012 Artefakt …“ |
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weird: Bist du auf Diskriminierung gestoßen?
Anja: Ja sicher. Anfang 20, in meiner persönlichen und beruflichen Emanzipation, war die Frauen- und Lesbenbewegung sehr aktiv und die Männer haben richtig Angst bekommen. Da war viel Aggressivität und Abneigung bis Hass zu spüren. Meine Lehrer in der Berufsschule haben schnell gemerkt, dass sie mich nicht einschüchtern konnten und die Jungs hatten keine Chance, weil ich besser war als sie. Wenn du Anfeindungen mit innerer Sicherheit entgegen trittst, dann haben sie kaum Angriffsfläche und du hast immer genug Kraft, dagegen an zu kämpfen.
weird: Heute arbeitest du ja als IT-Kauffrau in der Universität Hannover, aber würdest du dennoch sagen, einmal Handwerkerin immer Handwerkerin (grinst)?
Anja: Auf jeden Fall! Ich mache nach wie vor ganz viel selbst, und jetzt schraube ich eben auch noch alle Rechner auseinander und (hoffentlich richtig) wieder zusammen. In der Werkstatt baue ich Fußbänke, bringe Leisten an und repariere Treppen. Ich gebe meine Kurse in Werkzeug- und Maschinenkunde und Fahrradreparatur. Alles wie gehabt. Handwerken ist eben auch eine Einstellung und die geht nicht verloren, nur weil ich tagsüber einen anderen Beruf ausübe.
weird: Welche Angebote hat Hannover für lesbische Frauen außer der Distel?
Anja: Es gibt einige Beratungsstellen und Treffpunkte, z. B. Nevermind e.V., vor allem für junge Lesben. Das Lesbenzentrum e.V. befindet sich gerade in Neugründung. Dann sind da natürlich etliche Lokalitäten, in denen Partys statt finden, die allerdings inzwischen nur noch queer (schwul-lesbisch) sind. Eine reine FrauenLesbenparty gibt es, soweit mir bekannt, nur noch im Ferry (Freizeitheim Linden) am letzten Samstag im Monat.
weird: Was ist denn eigentlich aus der Frauenkultparty im „Bad“ geworden?
Anja: Tja, gibt’s auch nicht mehr. Die letzte fand, glaube ich, 2009 statt. Kult trifft es aber. Ich bin mit der Bad-Party groß geworden, da war ich süße 19. Ein paar Jahre später habe ich, wie der Zufall es wollte, dort sogar für einige Jahre gearbeitet und die Frauenpartys mit organisiert - ich saß dann immer an der Kasse (lacht). War eine tolle Zeit und das Bad war nahezu in Lesbenhand, schwelg!
weird: Kommst du gebürtig aus Hannover?
Anja: Nein, 50 km südlich aus einem 900-Seelen-Dorf, aber wir waren drei Lesben, ha! Zu viert sind wir dann ab 1986 jeden Monat nach Hannover ins Bad zur Party gefahren. 1991 bin ich dann wegen Job und Freundin hierher gezogen. Job und Freundin haben gewechselt, aber die Stadt ist geblieben.
weird: Wann hattest du dein Coming-out?
Anja: Mein persönliches Coming-out im Sinne von „so bin ich, das fühlt sich richtig an“ hatte ich mit 16. Die erste Liebe, die dann in einer Tragödie endete mit Unterlassungsverfügung, Gerichtsbeschluss und der brutalen Trennung von meiner Liebsten (ihre Mutter war in einer Sekte). Ich könnte ein Buch darüber schreiben. Dann folgten drei Jahre totale Dunkelheit, ein Hetero-Intermezzo ohne Bewusstsein und dann bin ich wieder aufgetaucht in meiner richtigen Welt, hab mich neu verliebt und das wahre Leben begann. Meine Mutter musste hart kämpfen (und ich auch), als sie realisierte, dass das nicht nur „eine Phase“ war, aber sie hat es geschafft und heut ist sie Zucker. Mein Vater hatte nie ein Problem damit.
weird: Was gefällt dir an Hannover?
Anja: Hannover ist groß, aber überschaubar und so wunderbar grün mit viel Wasser. Ich komme mit dem Fahrrad schnell überall hin und die meisten Menschen sind angenehm distanziert, ohne abweisend zu sein.
weird: Und was nicht?
Anja: Fällt mir gar nichts ein so spontan. Vielleicht der Irrglaube, dass die Innenstadt durch noch mehr monströse Glasbauten attraktiver wird.
weird: Wie gefällt dir Hannovers Angebot für Lesben? Was würdest du dir ggf. wünschen?
Anja: So richtig gefallen tut mir das nicht mehr, da die kulturellen und praktischen Angebote immer mehr abnehmen und die reinen Party- und Konsumangebote zunehmen. Ich bemerke seit einigen Jahren einen Rückgang der politisch motivierten Aktionen im, wie ich finde, trügerischen Glauben, wir hätten jetzt schon alles erreicht und die Gesellschaft akzeptiert uns ohne Vorbehalte und Einschränkungen. Lesben meinen, sie müssten jetzt nicht mehr für ihre Rechte kämpfen, also kämpfen sie auch nicht mehr für die Rechte von Frauen – und da ist noch so viel im Argen.
weird: Gibt es für das neue Jahr 2012 schon Termine?
Anja:
Unsere vhs-Kurse sind
Fahrradpflege und -reparatur Sa 17. März 2012, 11 – 19 Uhr
Schweißkurs Sa/So 24. und 25. März 2012, je 11 – 17 Uhr
Restaurationskurs Sa/So 28. und 29. April 2012, je 11 – 17 Uhr Vorbesprechung Mo 23. April 2012
Werkzeug- und Maschinenkunde Sa 23. Juni 2012, 11 – 19 Uhr
Unsere Werkstatt ist jeden Freitag (außer an Feiertagen) von 16 bis 20 Uhr für alle Frauen und Mädchen geöffnet. Zum Bauen, Reparieren, Fragen oder nur Kaffee trinken und klönen.
Online: www.frauenlesbenwerkstatt.de
Interview: Christine Stonat (12/2011) Fotos: JuergenG/GNU/Creative Commons (unten), Die Distel e.V. (Mitte links), privat (Mitte rechts)
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Ausgabe Nr. 51 Januar 2012 |
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