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weird

Ausgabe Nr. 33

Juli 2010

Lesbisch sein in …

 

München

Ein lesbisches Paar mit Kinderwunsch

Portrait.

 

 

 

 

 

 

 

Tina und Janine sind verheiratet. Die beiden lesbischen Frauen wünschen sich Kinder. Zwei. Bei Mehrlingsgeburten auch mehr. Die Ältere von beiden soll das erste Kind bekommen. Die Entscheidung ist schnell getroffen. Tina ist 29, Bankkauffrau. Janine ist 26 Jahre alt und arbeitet im Einzelhandel. Gemeinsam leben sie in München. Vor dem Entschluss selbst schwanger zu werden, stand der Versuch Pflegekinder anzunehmen. „Die Stadt hat uns, wie sollen wir es sagen, in diesem Thema nicht gerade sehr unterstützt“, erinnern sich Tina und Janine. Das Thema Freund, ein schwules Paar oder Bekannte, stand ebenfalls im Raum. „Das wäre auch bestimmt leichter und einfacher gewesen“, sind sich die beiden sicher. „Aber nach einiger Zeit haben wir uns beide dafür entschieden, dass WIR eine Familie gründen und nicht noch jemanden anderen als unsere Familie mit einschließen möchten. Wir hätten es auch nicht geschafft, dem Kind zu verheimlichen, wer der Vater ist.“

 

So wie Tina und Janine haben immer mehr lesbische Paare in Deutschland einen Kinderwunsch. Doch lesbische Mutter zu werden ist hierzulande gar nicht so einfach. Erst 2010 wurde das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare als verfassungswidrig erklärt. Eine Insemination, künstliche Befruchtung, ist bis heute für lesbische Paare offiziell nicht möglich. Dabei hat eine amerikanische Langzeitstudie gerade erst im Juni 2010 gezeigt, dass Kinder von lesbischen Eltern sich besser entwickeln als andere Kinder.

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„Wir haben uns nach der Entscheidung ziemlich schnell um alles gekümmert, Arztbesuch, Klinik usw. Wir wollten nicht auf rechtliche Änderungen warten“, erzählen Tina und Janine. „Wir wussten, dass es in Deutschland nicht möglich ist und haben uns daher fürs Ausland entschieden“, so Tina und Janine. Die beiden hatten sich zunächst in Deutschland informiert. Ihre Anfragen wurden zum Teil sehr negativ aufgenommen, erinnern sie sich, u. a. auch mit dem direkten Verweis nach Holland. Für Tina und Janine hingegen war Holland nie ein Thema, sagen sie. Sie holten sich stattdessen Angebot aus Spanien, Tschechien und sahen sich im spanischen Barcelona und in Dänemark schließlich entsprechende Kliniken an. In beiden Ländern ist die Insemination für lesbische Paare erlaubt. Die beiden Länder werben sogar damit. Tina und Janine haben sich schließlich für eine Klinik in Dänemark entschieden. Wichtig war ihnen, dass sie sich dort gut aufgehoben, wohl und sicher fühlten. Und sie haben ihre Entscheidung nie bereut. „Wir haben nur sehr gute Erfahrungen gemacht“, berichten Tina und Janine. „Gut ist, dass dort auch Deutsch gesprochen wird und wir keinerlei Sprachschwierigkeiten haben. Alle waren sehr freundlich und kommunikativ. Mittlerweile haben wir schon einige Lieblinge dort gefunden, mit denen man sich nur noch mit dem Vornamen anspricht.“

 

Geboren und aufgewachsen in Rosenheim bzw. Hoyerswerda verschlug es Tina und Janine aus beruflichen Gründen bzw. dem Wunsch nach Großstadt nach München. „Als lesbisches Paar können wir uns hier leichter zeigen“, sind sich Tina und Janine einig. „Und uns ist bewusst, dass wir hier für uns und das Kind mehr Perspektiven haben werden. Außerdem wird das Kind in München sozial besser aufgefangen als in einem kleineren Dorf, wo sich das Kind bei zwei Müttern ziemlich durchsetzen muss.“ Leider zeige sich die Stadt München selbst zu dem Thema gar nicht offen, mussten Tina und Janine erleben. Von Verwaltungsseite habe man hier wenige Unterstützung zu erwarten. Auch sonst sind Tina und Janine mit der Thematik eher auf sich allein gestellt. Andere Regenbogenfamilien oder lesbische Paare mit Kinderwunsch haben sie noch nicht in ihrem Bekanntenkreis. Um so wichtiger, dass Freunde und Familie den beiden zur Seite stehen. „Unser Umfeld freut und leidet mit uns. Wir erhalten sehr viel Familienunterstützung, und jeder freut sich schon Babysitten zu dürfen. Auch unsere Arbeitgeber wissen Bescheid und haben sehr gut darauf reagiert. Wir haben keine Einschränkungen erlebt.“, erzählen Tina und Janine.

 

Beim vierten Anlauf hat es dann geklappt. Tina wurde schwanger. „Wir müssen aber dazu sagen, dass wir nach der dritten erfolglosen Befruchtung eine Eileiterdurchgängigkeitsüberprüfungs-OP gemacht haben und bei mir festgestellt wurde, dass beide Eileiter verklebt waren. Aus diesem Grund konnten die Spermien bei den ersten drei Versuchen nicht zum Ei gelangen. Nach der OP, also beim vierten Versuch, hat es sofort geklappt. Ich kann nur jeder diese OP empfehlen“, ist Tina überzeugt. Für Tina und Janine war es ein langer und steiniger Weg vom Kinderwunsch bis zur Schwangerschaft. Auf diesem Weg wurden Tina und Janine von einem Kamerateam des ZDF begleitet. „Wir wurden von unserer Klinik in Dänemark darauf angesprochen, dass das ZDF bei ihnen angefragt hat und eine deutsche Frau sucht, die sich ihren Kinderwunsch erfüllen lassen möchte. Und wir wären ja gleich zwei Frauen und wir sollten uns doch mal dort melden. Das haben wir dann auch getan. Und so sind wird zum ZDF gekommen“, erzählen Tina und Janine. „Warum wir uns entschieden haben dies zu machen, war, dass wir erstens der Welt zeigen wollten, dass es für ein lesbisches Paar nicht so einfach ist Kinder zu kriegen, und zweitens war es uns wichtig, dass das Kind mal weiß, wie und wo es herkommt.“ Es sei jedoch ein komisches Gefühl gewesen, rund um die Uhr von der Kamera begleitet zu werden. „Es ist schwer zu beschreiben. Das Kamerateam wurde im Laufe der Zeit langsam zu Freunden, und dann fiel es nicht mehr so schwer“, erinnern sich die beiden. „Bei den Befruchtungen selbst war es uns egal, ob sie da waren, für uns war wichtig, was in diesem Moment passiert.“ Dennoch gab es Momente, in denen die Kamera doch mehr Fluch als Segen war. „Wir können uns gut daran erinnern. Es gab zwei Momente, wo wir sie zum Teufel gewünscht haben. Einmal, als wir nach dem dritten Versuch ein negatives Ergebnis erhalten haben und dann beim Abgang des Kindes.“ Tina und Janine haben ihr Kind in der 7. Schwangerschaftswoche verloren. Doch Tina und Janine haben ihre Kraft und Hoffnung nicht verloren und wollen es weiter versuchen. Einen Namen für ihr erstes Kind haben sie schon, einen Doppelnamen - einen deutschen und einen dänischen.

 

 

Am 13. Juli 2010 zeigt das ZDF in der Reihe „37 Grad“ um 22.15 Uhr die Geschichte von Tina und Janine in der Reportage mit dem Thema „Kind ohne Mann - Künstliche Befruchtung im Ausland“.

 

 

 

 

 

 

Text: Christine Stonat (6/2010)

Fotos: Christine Stonat (München), privat (Portrait)

 

„Als lesbisches Paar können wir uns in München leichter zeigen. Wir haben hier für uns und unser Kind mehr Perspektiven.“

„Wir wollen der Welt zeigen, dass es für ein lesbisches Paar nicht so einfach ist Kinder zu kriegen.“

„Die Stadt hat uns nicht gerade unterstützt.“

Name: Tina & Janine

Alter: 29 | 26

Beruf: Bankkauffrau | Einzelhandel

Wohnort: München

TV: „37 Grad. Thema: Kind ohne Mann - Künstliche Befruchtung im Ausland“, 13.7.10, 22.15 Uhr, ZDF

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