Das Stadtmagazin für lesbische Frauen in Bielefeld

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Ausgabe Nr. 31

Mai 2010

Lesbisch sein in …           

 

Skala Eressos auf

Lesbos

Ein Urlaubsportrait.

 

 

 

Griechenland steckt zurzeit in einer tiefen wirtschaftlichen Krise. Eines der Schlusslichter der Euro-Länder ist das strenggläubige Land auch in Sachen Homosexualität. Auch wenn es in Athen inzwischen einen Gay Pride gibt und Anfang Juni 2008, dank eines findigen Bürgermeisters, die erste homosexuelle Hochzeit auf griechischem Boden der Insel Tilos stattfand, steht Griechenland im europäischen Vergleich in Sachen Gleichstellung und Akzeptanz hinten an. Wer jedoch nach Griechenland fährt, mag das kaum glauben. Man erlebt die Griechen als äußerst gastfreundlich, zurückhaltend, tolerant und freundlich. Und während so auf der kleinen Insel Mykonos die Schwulen ihre sommerlichen Partys feiern können, ist auch in einem kleinen Ort auf Lesbos alles ein bisschen anders. In Skala Eressos.

 

Wenn es Mai wird, dann kommen die ersten Touristen auf die Insel. Etwa 100000 im Jahr. Bei 100000 Einwohnern ist das nicht viel. Andere griechische Inseln verzeichnen solche Zahlen in einem Monat. Vielleicht ein Grund mehr, der die Insel Lesbos so sympathisch macht. Hat man den Flughafen und die lebendige Hauptstadt Mytilini hinter sich gelassen, wird es ruhig. Es dauert nicht lange und schon fährt man allein auf der steilen, kurvigen Straße durch die immer karger werdenden Berge Richtung Westen. Die Sonne brennt schon seit den frühen Morgenstunden. Schatten ist auf Lesbos Luxus, der selten zu finden ist. Und so hat der Taxifahrer am Ende der gut zweistündigen Fahrt vom Flughafen nach Skala Eressos eine Verbrennung geschätzten zweiten Grades auf seinem linken Arm. Die Schmerzen müssen furchtbar sein. Er nimmt es mit Humor und bekommt von seinen drei lesbischen Fahrgästen auf den Fahrpreis von rund 70 Euro ein großzügiges Trinkgeld, oder sollte man besser sagen Schmerzensgeld.

 

In Skala Eressos angekommen, wird dem Besucher schnell klar, wie klein der Ort ist. Schnell hat man die sauberen schmalen Straßen und Gassen erkundet, die einem immer wieder den Blick aufs Meer eröffnen; hat man die lustige Pensionswirtin und das freundliche Bäckerehepaar am Dorfausgang und ihre über und über mit Torten und Plätzchen gefüllten Kühlschränke und Regale ins Herz geschlossen, gelernt, Toilettenpapier niemals ins Klo zu werfen und auch bald schon die ersten lesbischen Touristinnen entdeckt, die einem fortan tagtäglich immer wieder, oft mehrmals am Tag, begegnen werden. Man kennt sich nicht, aber „erkennt“ sich und grüßt sich zuweilen. „Welcome to Lesbos!“, ruft eine Griechin, die vor einer Grillstube in einer vom Meer abgewandten Gasse sitzt. Es ist die lesbische Besitzerin eines ortsansässigen Frauenhotels, wie sich später herausstellen wird als es in der Lesbenbar Agua am Abend zu einem Billardduell kommt. Der Billardtisch steht hier im kleinen Innenhof unter freiem Himmel. Das Spielen ist kostenlos. Eine gerade für den Sommer aus Wien eingetroffene lesbische DJane legt im Innenraum Musik auf. Dazu werden Cocktails oder auch etwas kleines zu Essen serviert. Der Sieg ging übrigens ganz nebenbei nach Bielefeld.

Die Legende sagt: Die griechische Dichterin Sappho soll sich rund 600 Jahre vor Christus in der Bucht von Skala Eressos von einem Felsen ins Meer in den Tod gestürzt haben. Obwohl eine unglückliche Liebe zu einem Mann Auslöser der Tragödie gewesen sein soll, gilt Sappho seit alters her durch ihre Werke als Symbol für die Liebe zwischen Frauen. Plato nannte sie hochachtungsvoll ‚die zehnte Muse‘. Auf Lesbos geboren, soll sie hier, einzigartig im antiken Griechenland, eine autarke Gemeinschaft von und für Mädchen und Frauen geleitet haben. Und während sich im Norden der Insel in der kleinen Stadt Petra 1983 Griechenlands erste Frauenkooperative gründete, die maßgeblich am Aufbau des Tourismus beteiligt war und der bis heute inselweit vier weitere Kooperativen folgten, entdeckten ebenfalls Anfang der 1980er Jahre die ersten auswärtigen Lesben den Ort Skala Eressos für sich. Es war wie ein Wallfahrtsort für alle Frauen, die auf den Spuren Sapphos wandelten. Damals waren es nur wenige Häuser, die sich vor allem am Berghang oberhalb der winzigen Hafenanlage erstreckten. Der eigentliche Hauptort Eressos liegt etwa vier Kilometer entfernt, piratensicher im Landesinneren. In den letzten zwanzig Jahren hat sich der „Sommerort“ Skala Eressos mit seinen kleinen weißen Häusern und bunten Fenstern zu einem zwar immer noch kleinen, aber feinen Ferienort mit ganz besonderem, weil auch lesbischem Flair entwickelt. An vielen Stellen weht die Regenbogenflagge, haben Lesben Pensionen, ein Internetcafé, Kunsthandwerksläden, eine Reiseagentur oder Bars eröffnet. Einzigartig in der Welt. Gäste sind hier neben lesbischen Frauen um die 30, 40 vor allem junge heterosexuelle Pärchen, Surfer, ältere Ehepaare und junge Familien. Darunter immer wieder Deutsche, Österreicher und Briten. Und viele von ihnen kommen immer wieder. Manche sogar schon seit 30 Jahren.

 

Segeln, Surfen, Wasserski, Kanu fahren, Reiten, Beachvolleyball, für Leute mit Bewegungsdrang gibt es auch nach 30 Jahren noch genug zu tun. Und auch am Strand liegen kann durchaus eine anstrengende Betätigung sein. Immerhin muss man sich hin und wieder mal umdrehen, sich mit Sonnenmilch eincremen, sich auf dem angenehm warmen, tragenden Meer bis zur fünfzehn Meter vom Ufer entfernten Sandbank treiben lassen - oder sich an den für etwa 9 Euro vor Ort gekauften Sonnenschirm klammern, der unter dem tageweise recht kräftigen Wind immer wieder die Segel zu streichen droht. Wandern und Fahrrad fahren scheint ebenso reizvoll, aber von Mai bis August wegen der hohen Temperaturen, des fehlenden Schattens und der schwierigen Strecken auch ebenso beschwerlich. Wenige, vereinzelte Radfahrer, denen man doch hin und wieder begegnet, wie sie sich mit staubig rotem Gesicht über die steilen Straßen durch die Mittagssonne quälen, werden von Einheimischen wie Touristen mitleidig bestaunt. Einige der Radler sind auf der Durchreise und bleiben vielleicht eine Nacht. In Skala Eressos gibt es insgesamt 2500 Betten. Vom Massen- und Pauschaltourismus ist das mehr als weit entfernt. Die meisten der kleinen Pensionen und Hotels finden sich auf der „Meer abgewandten“, anderen Seite der beschaulichen kleinen „Hauptstraße“. Doch egal wo man wohnt, der Weg zum Strand und in den Ortskern ist nie länger als ein paar urlaubslässig geschlenderte Minuten. Direkt zum Strand hin erstrecken sich die zahlreichen, zum Teil sehr unterschiedlichen Bars, Cafés und Restaurants. Eines haben sie jedoch alle gemeinsam: auf Holzpfählen haben sie ihre für den Ort typischen überdachten Strandterrassen zum Meer ausgerichtet, diese mit moderner Bestuhlung und lounchigen Sofas bestückt. Den ganzen Tag über findet sich hier immer ein schattiges, luftiges Plätzchen.

 

Vom sagenumwobenen Felsen im Westen zieht sich der gut zwei Kilometer lange, Stein durchzogene Sandstrand des Ortes mit Surf- und Segelrevier, lesbischer Strandbar, FKK-Strand, Sonnenliegenvermietung sowie den Strandterrassen des Ortes bis nicht ganz zur anderen Seite der Bucht, in der eine kleine Einfahrt für Boote vorgelagert ist. Sappho Statuen an der östlichen Uferpromenade säumen den Weg dorthin. Sappho ist in Skala Eressos natürlich allgegenwärtig. Auch auf dem kleinen „Dorfplatz“ des Ortes wacht Sappho engelsgleich über das Geschehen. Am späten Abend treffen sich hier auf dem Platz Touristen und Einheimische in den Restaurants und Bars, mischt sich die Musik der Läden mit dem Murmeln der Menschen, dem Rauschen des Meeres und dem Geschrei und Gelächter spielender Kinder. Die recht stylischen „Lesbenläden“ The Tenth Muse (Bar, Club), der älteste vor Ort, und das Aubergine (Restaurant) mit ihren großen Außenterrassen liegen hier vis-à-vis, Meerblick inklusive. In der „Muse“ spricht man Deutsch und Englisch, und vermutlich gibt es hier den besten, „nicht griechischen“ Kaffee der Insel. Günstig ist allerdings was anderes. Dafür entschädigt aber u. a. der supernette Service. Und wenn der Sommer seinen Höhepunkt erreicht, gibt es hier wie in allen anderen Lesbenlokalitäten ab dem späten Abend auch gut und gerne ausschweifendere Partys mit wechselnden DJanes, Konzerte oder Karaoke. Wo, wann, was los ist, kann man hier nicht verpassen.

 

In Skala Eressos ist es, als seien die Menschen noch etwas entspannter, freundlicher und toleranter als ohnehin schon auf Lesbos. „Wieso?“, sagt ein älterer griechischer Herr. „Wieso sollten wir hier anders sein? Wir haben eine Nase wie alle anderen auch.“ Er macht nur Spaß. Und den hat und versteht man hier überall. Die Verständigung ist sehr freundlich und einfach. Viele, auch ältere Einheimische sprechen zum Teil sehr gutes Englisch. Noch mehr freuen sie sich, wenn man ihnen dabei mit ein paar griechischen Worten wie jassas (höfliches Hallo und Tschüss), kalimera (Guten Morgen!) oder efcharisto (Danke) entgegenkommt. Und die gehen einem hier wie selbstverständlich über die Lippen. Etwa 100000 Einwohner leben auf der dünn besiedelten Insel. 50 Menschen kommen etwa auf einen Quadratkilometer. Lesbos, im Nordosten der Ägäis vor der türkischen Küste gelegen, ist immerhin die drittgrößte griechische Insel. Doch besonders im Westteil kann man lange Zeit auf einer der nur wenigen Inselstraßen durch bizarre Bergformationen fahren ohne auch nur einem Haus, einer Ziege, geschweige denn einem Menschen zu begegnen. Je nach Strecke und Tageszeit steuert man im kurvenreichen Gelände zuweilen auch das einzige Auto weit und breit. Immer wieder ändert sich das Landschaftsbild von schroffen Felsen in samtig begrünte Berghänge und Täler bis zu fast dicht bewachsenen Wäldern im Osten. Und ist auch nur etwas Wasser in den schon im Mai nahezu ausgetrockneten Flüssen, blüht im angrenzenden Gebiet oasengleich eine üppig grüne und bunte Vegetation.

 

Will man von Skala Eressos aus die Insel in ihrer Schönheit erkunden, ist man in der Regel auf einen Mietwagen angewiesen. Ein Bus von und nach Skala Eressos fährt nur dreimal täglich. Obwohl preiswert, sind die Verbindungen für Touristen alles andere als günstig. Einfacher wird es, wenn Übernachtungen eingeplant sind. Denn Bus fahren ist trotz mangelnder Verbindungen durchaus auch auf Lesbos ein probates Mittel um zu reisen. Der 90 Kilometer lange, dreistündige Rückweg von Skala Eressos nach Mytilini in dem für die schmalen Straßen scheinbar viel zu großen, überlangen und am Ende vollbesetzten Reisebus erwies sich auf jeden Fall als sehr angenehm. Mit den Lesbos typischen Spezialitäten wie Honig, Olivenöl und Wein in biologischer Qualität im Gepäck fährt man die letzten fünf bis zehn Minuten zum Flughafen aus der Stadt ganz einfach mit dem Taxi. Kosten für Bus und Taxi zusammen: etwa 13 Euro pro Person. Außerdem angenehm, besonders für alle, die nicht ganz kurvenfest und schwindelfrei sind: Die Taxi- und Busfahrer begegnen den besonderen Straßenverhältnissen in der Regel sehr angemessen. Dazu begleiten einen leichte Klänge griechischer Folklore. Sei denn man hat einen Taxifahrer, der zu lauter Heavy Metal-Musik und mit geschätzten 120 Sachen jede Kurve gerade sein lässt … Wie man hörte und staunte, soll es selbst das geben.

 

Ansonsten haben Frauen auf Lesbos keinerlei Belästigungen zu befürchten. Wie gesagt, die Griechen sind sehr gastfreundlich. Aufdringlichkeit ist nicht ihr Stil. Wer in Skala Eressos wissen will, was wie wann geht, ein Bus, die Post, der kann hier jeden Fragen. Freundliche, hilfreiche Antworten lassen nie lange auf sich warten. Zentrale Anlaufstation für viele Lesben ist Sappho Travel im Herzen des Ortes. Die kleine Agentur die von zwei jungen Frauen mit viel Herz und Humor geführt wird, hilft in allen Fragen weiter, vermietet Autos und Zimmer, auch von Deutschland. Die Damen hier sind darüber hinaus Veranstalterinnen des International Women‘s Festival in Skala Eressos, zu dem alljährlich im September zwischen 500 und gefühlten 1000 Lesben aus der ganzen Welt anreisen. Gemeinsam mit den lesbischen Ladenbesitzerinnen des Ortes organisieren sie Jahr für Jahr ein zweiwöchiges Festival mit zahlreichen kulturellen Veranstaltungen und Partys (www.womensfestival.eu). Im Internet finden sich inzwischen auch eine Handvoll deutsche Anbieterinnen mit Reisen speziell für Lesben, die Flüge und Unterkünfte nach und in Skala Eressos vermitteln und u. a. auch mit der Agentur vor Ort zusammenarbeiten.

 

Ab 2010 soll die Saison in Skala Eressos nun neuerdings mit einem weiteren Festival, dem Internationalen Sappho Frühlingsfestival, eingeläutet werden. Dies findet zum ersten Mal vom 13. bis 28.5.2010 statt. Mehr Infos gibt es auf www.sappho-festival.com. Mit den Sommermonaten wird es zunehmend heiß. Unabhängig von Festivals suchen hier Lesben aus aller Welt Sonne, Strand, Erholung und Party. Und wenn dann wieder das längst etablierte Women‘s Festival in Skala Eressos im September zu Ende geht, dann neigt sich auch die Saison dem Ende und die Strände, Pensionen, Bars und Restaurants werden leerer. Bald schließen sie ganz, kehren Touristen, ausländische Servicekräfte und Ladenbesitzerinnen und viele Einheimische zurück in ihre fernen und nahen Heimatorte. Im Winter fällt Skala Eressos in eine Art Dornröschenschlaf und wartet darauf, mit den ersten Sonnenstrahlen des Frühlings im Namen Sapphos, der zehnten Muse, wieder wach geküsst zu werden.

 

 

Text & Fotos: Christine Stonat (2008/2010)

 

Portrait-Steckbrief:

 

Name: Skala Eressos (Skala Eressou)

Insel: Lesbos (Lesvos)

Land: Griechenland

Reisezeit: April/Mai - September/Oktober

Luft: 30/35° C und mehr

Wasser: 22° C und mehr

Das Besondere: kleiner, individueller Urlaubsort mit lesbischem Flair

 

„Welcome to Lesbos!“

Die Bucht von Skala Eressos

Eine der Sappho-Skulpturen in der Skala Eressos Bucht.

Am Eingang zu „Sapphos Garden Of The Arts“: eine der lesbischen Lokalitäten im Ort mit kulturellen Angeboten. Die Betreiberinnen sind u. a. auch Organisatorinnen des Internationalen Sappho Frühlingsfestivals, das 2010 zum ersten Mal vom 13. bis 28.5. stattfindet.

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