Lesbisch sein in …

 

M a i n z

 

Stephanie Mayfield. Portrait.

 

 

 

Mit knapp 200000 Einwohnern ist Mainz Landeshauptstadt und zugleich größte Stadt von Rheinland-Pfalz. Der Rhein trennt Mainz von Hessen und der nahegelegenen Metropole Frankfurt. Doch warum in die auch noch so nahe Ferne schweifen, wenn auch Mainz eine Menge zu bieten hat. Und seitdem Stephanie Mayfield hier lebt, studiert und arbeitet hat die lesbische und feministische Szene eine wichtige Unterstützung mehr: 1,90 m geballte feministische Energie, die kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn es um die Rechte der Frauen geht. Ihr persönliches Ziel: „In einer Welt leben, die mir gefällt.“

 

 

Stephanie Mayfield, Jahrgang 1986, bezeichnet sich selbst als Feministin, Aktivistin und Unternehmerin. Sie lebt ebenso offen wie offensiv. „‚Feminismus ist mein Schild und mein Schwert.’ Das hat eine amerikanische Bloggerin auf shakespearessister.blogspot.com geschrieben. Dem kann ich mich unumwunden anschließen“, sagt sie. „Irgendwann konnte ich einfach nicht mehr aufhören Feministin zu sein – zu viel alltäglicher sexistischer Scheißdreck. So entwickelte sich Feminismus nicht nur zu meinem Schutz immer in die gleichen Fallen zu gehen, als auch zu meinem gesellschaftlichen ‚kriegerischen’ Auftrag.“ Stephanie Mayfield lebt offen lesbisch. Sie hielt die Laudatio für Mirjam Müntefering bei der ersten Verleihung des lesbischen Augspurg-Heymann-Preises 2009. Sie ist Vorstand des Frauenzentrum Mainz und koordiniert dort u. a. das neue Junglesbenportal gorizi.de. Sie ist Hauptamtliche der Frauenbibliothek Mainz und Initiatorin der Feministischen Einzelkämpferinnen Gruppe. Mitte Januar 2010 eröffnet sie das virtuelle feministische Zentrum auf www.feministisches-zentrum.de. Sie betreibt das Unternehmen Lila Box für lesbische bzw. frauenspezifische Werbung, moderiert seit März 2010 das lesbische Erzählcafé Eva in Frankfurt, bloggt für die „Mädchenmannschaft“ und studiert Kulturanthropologie und Philosophie an der Mainzer Universität. „Lesben und Feminismus sollten eine lebenslange Einheit bilden“, ist Steffi überzeugt. „Lesbischer Feminismus unterscheidet sich in gewisser Weise von heterosexuellem Feminismus. Ich will schon seit längerem darüber bloggen – noch fehlen mir die passenden Worte.“

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weird

Ausgabe Nr. 30

April 2010

„Ich würde gerne in einer Welt leben, die mir gefällt.“

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Vorbilder für ihr Engagement „die Welt zu verändern“ sieht Steffi u. a. in Anke Schäfer. Die 71-jährige lesbisch-feministische Aktivistin aus Berlin hatte in Gütersloh ihre erste Stelle als Buchhändlerin bei Bertelsmann in der Werbeabteilung. „Ich finde es schade, dass es in Deutschland sehr schwierig ist, Aktivistin zu werden“, sagt Steffi hinsichtlich ihrer eigenen beruflichen Karriere. „Es wäre ein Traum, weiterhin meine ganzen Projekte stemmen zu können und so Stück für Stück eine feministische Welt zu erschaffen. Aber wer bezahlt schon einen Lohn dafür, dass ich mir Gedanken mache und kleine und große ‚gemeinnützige’ Projekte realisiere und unterstütze? Stattdessen suche ich nach Wegen Einnahmen und Aktivismus zu verbinden – also Dinge zu finden, die einen persönlichen Mehrwert bieten, für den Menschen bereit sind zu bezahlen. Mit Lila Box habe ich einen guten Anfang: Ich kann sowohl Gelder für feministische und lesbische Projekte über Werbung akquirieren, als auch meinen eigenen Lebensunterhalt bezuschussen. Mit fairen Preisen wiederum kann ich feministische und lesbische Unternehmen unterstützen, denn auch diese werden darüber nicht reich.“ Und wie sieht sie das Engagement anderer Frauen und Lesben in ihrem Alter? „Ich kenne viele Frauen, die ihrem privaten Umfeld viele Kämpfe ausfechten, und würde das durchaus als feministisches Engagement werten, schließlich ist es einfacher sich dem Umfeld anzupassen, als das Umfeld an sich anzupassen“, so Steffi. „Aber es wäre toll, wenn all diese Frauen bei bestimmten Gelegenheiten die Öffentlichkeit suchen würden – z. B. bei Demos, Petitionen, Flashmobs usw. Es gibt durchaus zu wenig öffentlich Aktive – es fehlt das ‚Personal’ auf Seiten der Aktivistinnen und Denkerinnen, um eine 3. Frauenbewegung auf solide Füße zu stellen.“

 

Bereits mit 9 Jahren habe sie beschlossen Feministin zu werden. 1986 in den USA geboren, kam sie mit neun Monaten nach Deutschland. Seit einigen Jahren lebt Steffi in Mainz. „Ich habe Mainz sehr bewusst ausgesucht“, erklärt sie. „Als ich mit meinem politischen Engagement anfing, war ich auf Landesebene aktiv und so häufig in Mainz. Daher hatte ich bei meinem Umzug bereits ein soziales Umfeld. Außerdem hat Mainz eine recht große Campus-Uni, die mir wichtig war, da ich einerseits die Pausen zwischen Seminaren nicht mit herumfahren verbringen wollte und andererseits durch die vielen Fachbereiche, gute Möglichkeiten hatte, meine Studienfächer zu wechseln und auszuprobieren.“ Steffi gefällt die Stadt, denn „Mainz hat für mich genau die richtige Größe“, sagt sie. „Ich brauche auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln nie länger als eine halbe Stunde um zum Mainz-internen Ziel zu kommen, ich verlaufe mich mit meinem schlechten Orientierungssinn nur selten, und ich mag den abgewrackten Großstadtcharme der Bahnhofsgegend und die verschiedenen Stadtteile, mit dem jeweils ihnen eigenen Stil.“ Außerdem könne hier am Rhein nicht im Sandkasten gebuddelt werden ohne historische Überreste zu finden. Genau deshalb sei es am Rhein eben so schön …

 

Dennoch zieht es Steffi als junge Frau natürlich auch immer mal wieder von Mainz am Rhein in die gut dreimal größere Mainmetropole Frankfurt. „Ich fahre ab und zu ins Eva, zu den Denkräumen und dem Dialog der Generationen. Dann natürlich ins La Gata (Lesbenclub, Anmerk. d. Red.), einfach weil’s so schön ist“, erzählt Steffi. Aber sie sei nicht unbedingt ein Partymensch. „Wenn Party, dann möglichst nur Frauen“, sagt sie. „Schwule Männer sind leider auch nicht besser als Heteros und gehen mir mit ihrem ‚2/3 der Tanzfläche gehören mir’ einfach auf den Keks. Ich schätze gemütliche, diskussionsreiche Abende in einer Kneipe mehr.“ Und dazu bewegt sie sich überwiegend in Mainz. „Die (schwul-)lesbische Infrastruktur reicht für meine Bedürfnisse aus“, erklärt sie. „Zwei Lokale, das Frauenzentrum, eine auch lesbisch gut ausgerüstete Frauenbibliothek, alle zwei Wochen Party, das Autonome AStA Frauenreferat macht unregelmäßig Frauenpartys und Vorträge. Außerdem gibt’s in Mainz so viele Lesben, dass ich immer wieder Lesben treffe, die ich noch nicht kannte. Wie ich eine Szene finde, in der ich mich wohlfühle, habe ich erst in Mainz kapiert.“

 

Zu ihrem Geburtsland USA bleibt ihre Verbindung bis heute allein auf Urlaube beschränkt. Leben wolle sie dort nicht. „Ich habe zu den USA eher eine romantische als eine realistische Beziehung“, so Steffi. „Klar, ich bin da geboren, habe dort jedoch nie gelebt. Wenn ich die USA besuche, stoße ich auf kulturelle Missverständnisse – weil ich eben ziemlich deutsch bin. Dafür nehme ich 5.000 kg zu, weil ich das Essen so liebe und mich nicht bewege, weil ich durch die Drive-Through Supermärkte und Fastfoodketten fahre usw. Ich liebe die Supersize-Kultur und freue mich bereits auf dem Highway weg vom Flughafen über die riesigen Werbetafeln. Politisch und so ist das eher fragwürdig ...“ Steffi sieht die Staaten eher als eine Art Sicherheitsnetz. „Wenn Deutschland den Bach runtergehen sollte und ich beschließen muss zu fliehen, gibt es mir ein sicheres Gefühl, dass die USA mich nehmen muss.“ Mit dem Wort Heimat verbinde sie viel mehr den mütterlichen „Stammsitz“ ihrer Familie. Und der ist in Meppen. „Ich habe zwar auch dort nie gelebt, aber es war immer ein fester Bezugspunkt – trotz recht vieler Umzüge. Bis heute feiern wir in der Großfamilie dort jedes Jahr Weihnachten.“ Mit 15 ungefähr, sagt Steffi, hatte sie innerhalb ihrer Familie ihr Coming-out. „Meine Mutter fragte mich, als ich gerade auf dem Weg durchs Haus war, wann ich denn meinen nächsten Freund haben würde und ich antwortete: ‚Die nächste wird ’ne Frau’ und ging normal weiter.“

 

 

 

 

Update: Stephanie Mayfield lebt seit Sommer 2015 in Bielefeld.

 

 

 

Text: Christine Stonat

 

„In Deutschland ist es sehr schwierig Aktivistin zu werden.“

„Mainz hat für mich genau die richtige Größe. Ich verlaufe mich mit meinem schlechten Orientierungssinn nur selten.“

„Wie ich eine Szene finde, in der ich mich wohlfühle, habe ich erst in Mainz kapiert.“

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