Das Stadtmagazin für lesbische Frauen in Bielefeld

Lesbisch sein in …           

 

Frankfurt

Konny Gerhard. Portrait

 

 

 

Mit 660.000 Einwohnern ist Frankfurt zwar nur die fünft größte Stadt in Deutschland, dafür hat sie die höchsten Gebäude Europas. Ihre einzigartige Skyline ist geprägt von den Bürotürmen ihres berühmten Bankenviertels. Das brachte der hessischen Metropole den Namen Mainhattan ein und verleiht der heimlichen hessischen Hauptstadt echten Großstadtcharakter. Abseits von Bankenviertel und Skyline hat die Stadt Frankfurt am Main in punkto Lebensqualität allerdings einen eher schlechten Ruf. Doch die Stadt sei besser als ihr Ruf als Geldstadt mit einer hohen Kriminalitätsrate, meint Konny Gerhard. Sie ist in Frankfurt geboren und lebt dort seit 46 Jahren.

 

 

 

Fast ist man versucht zu sagen, sie sei Frankfurts Vorzeige-Lesbe. „Nein, nicht unbedingt“, lacht Konny. „Aber ich verstecke mich nicht, und wenn es etwas zu besprechen gibt, dann stehe ich zur Verfügung.“ Seit zwanzig Jahren lebt sie offen als Lesbe und hat sich in all den Jahren in ihrer Stadt und für das Land Hessen für eine Vielzahl von lesbischen Projekten und Organisationen engagiert. Hauptberuflich ist sie seit knapp fünfzehn Jahren als selbständige EDV-Fachfrau tätig. Im Stadtteil Bockenheim arbeitet sie in einer Bürogemeinschaft. „Ich bin tagsüber in der EDV-Beratung unterwegs. Mit Lesbisch sein verdienst du ja kein Geld“, sagt die 46-Jährige und lacht. Und Geld spielt nun einmal gerade in Frankfurt eine wichtige Rolle. „Es ist viel Geld in der Stadt, viel Geld zu verdienen, und ich partizipiere daran“, so Konny. „Ich finde, hier lebt es sich wunderbar. … wegen des vielen Geldes!“, sagt sie ganz absichtlich etwas provokativ. Aber auch in Frankfurt sei es so, dass in der lesbisch-schwulen Community vor allem die schwulen Männer das meiste Geld, gerade in den Banken, machten. „Die Lesben sind die Krankenschwestern“, so Konny zynisch. „Ich bin da eher atypisch. Ich arbeite in einem Männerberuf. Und ich bin die einzige EDV-Lesbe in Frankfurt und dadurch konkurrenzlos.“ Ihre Jobs kämen zu 80 Prozent aus der Community oder von Frauen allgemein. Ein Frauenprojekt oder ein Frauenhaus wolle eben keinen Kerl haben, der die Computer wartet.

 

„Frankfurt ist wirklich ein schöne Stadt“, meint Konny, obwohl sie selbst in einem, wie sie sagt, eher „heruntergekommenem“ Stadtteil lebt. Dort sei es aber jedem egal, wie der andere lebe. „Frankfurt ist eine Kulturstadt. Da bekommst du automatisch viel mit, wenn du hier lebst. Das finde ich klasse“, schwärmt sie von den angenehmen Seiten der Stadt. „Es gibt zum Beispiel das Museumsufer, da kommt ein Museum nach dem anderen, u. a. auch das Liebieghaus mit dem schönsten Café Frankfurts. Das ist einfach total schön.“ Auch neben ihren vielen Aufgaben in der lesbischen Community, der Arbeit und der Beziehung zu ihrer Freundin in Kiel, bleibe für sie Zeit, um sich mit ihren homo- wie heterosexuellen Freundinnen und Freunden zu treffen, um ins Kino zu gehen, zum Nordic Walking oder zum Schwimmen. „Außerdem gibt es in Frankfurt einen der letzten wenigen Lesbensubs. Alles, was du an Klischees jemals gehört hast, so eine Kneipe ist das. Da gehe ich ab und an mal hin.“

 

 

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weirdFrankfurt Skyline Winter, Foto: Stephan Wolfram/wikimedia commons

Das Angebot für Lesben sei in Frankfurt sogar durchaus größer als in Berlin, ist Konny überzeugt. „Es lebt sich als Lesbe in Frankfurt sehr gut, und ich mache viel draus“, sagt sie bestimmt. Das lesbisch-schwule Kulturhaus, die Lesbeninformations- und -beratungsstelle, die einzige in Hessen, und das Lesben- und Schwulenreferat in Wiesbaden, sind nur drei von vielen Einrichtungen für Lesben in und um Frankfurt. Einige der großen Unternehmen haben eigene Netzwerke für lesbische und schwule MitarbeiterInnen mit rund 2000 Mitgliedern bundesweit eingerichtet. So etwas sei nur in Frankfurt möglich, meint Konny. „Es gibt außerdem einen lesbischen Sportverein, es gibt einen lesbisch-schwulen Sportverein, einmal mit 400 und einmal mit 700 Mitgliedern. Das ist natürlich eine Riesengemeinschaft“, zählt sie weiter auf. „Es gibt einen Riesen-CSD, es gibt eine lesbisch-schwule Buchhandlung, und es gibt das sogenannte Bermuda-Dreieck, wo zwar überwiegend schwule Kneipen sind, aber wo man sich auch als Lesbe ganz gut amüsieren kann. Es gibt dort regelmäßige lesbische Filmveranstaltungen in einem kleinen Independent-Kino und es gibt einmal im Jahr ‚Verzaubert‘. Frankfurt ist einfach die Mitte der Republik, egal, wo du hin willst, es ist nicht weit.“

 

Das Internationale Queer Filmfestival „Verzaubert“, das Konny meint, findet nach einer kreativen Pause 2007 übrigens das nächste Mal im April 2008 statt (9.-16.4.08 in Frankfurt + Köln, 2.-9.4.08 in München, 16.-23.4.08 in Berlin).

 

 

„In jedem (lesbischen) Leben ist es so: es ist genauso viel los, wie du selbst daraus machst. Das gilt einmal quer durch die Republik, egal wo du bist“, sagt Konny. „Eine meiner Freundinnen kommt zum Beispiel aus Bielefeld, deswegen war ich ein paar mal in Bielefeld und kenne das Frauenkulturzentrum, das Lesbenarchiv usw. Und das fand ich für so eine kleine Provinzstadt ganz gut. Das Problem ist, das da angeblich immer die gleichen Frauen hinkommen. Das ist hier in Frankfurt aber genauso. Wenn es dann aber z. B. eine Lesung mit Mirjam Müntefering gibt, was so ein Zugpferd ist, dann kommen die Frauen aus ihren letzten Löchern gekrabbelt. Ich bin dann immer ganz entsetzt, dass die sich sonst nirgendwo blicken lassen. Und das ist das, weshalb nichts los ist. Nicht, weil nichts geboten wird, sondern weil die Lesben es einfach nicht nutzen. Das liegt u. a. daran, dass die Frauen, zumindest die in meinem Alter und älter, immer noch zu 70 Prozent ‚im Schrank’ leben“, meint Konny. „Davon bin ich fest überzeugt. Je älter sie werden, umso schrankiger“, lacht sie. Dabei muss man sich in Frankfurt nicht verstecken. Die Stadt tut gezielt etwas für Lesben und Schwule. Frankfurt ist eine der wenigen deutschen Städte, die auf der offiziellen Homepage der Stadt eine eigene Rubrik sowohl für Frauen als auch für Lesben und Schwule führt. Darin betont die Stadtverwaltung ausdrücklich, dass sie ihren Beitrag dazu leisten will, dass Lesben und Schwule sich in Frankfurt wohl fühlen und wirbt darüber hinaus mit dem hohen Anteil von Lesben und Schwulen in der Stadt. Der liegt mit geschätzten 7,5 % über dem statistisch angenommenen Wert von 5 % Homosexuellen in der Bevölkerung.

 

Diese Frankfurter Offenheit liegt u. a. auch an der politischen Frauenpräsenz. Seit 1995 wird die Stadt von einer Frau regiert. Petra Roth (CDU) war die erste Oberbürgermeisterin in der Geschichte Frankfurts. Bis heute konnte sie ihre Position behaupten. Und auch das Bürgermeisteramt bekleidet eine Frau. Jutta Ebeling, vom Koalitionspartner Bündnis 90/Die Grünen, ist seit Mai 2006 im Amt. Und: in der nahe gelegenen hessischen Hauptstadt Wiesbaden sitzt die lesbische Kultusministerin Karin Wolff (CDU). Die hatte übrigens schon vor Anne Will ihr öffentliches Coming-out in der Bild-Zeitung. „In Frankfurt gab es zwei Jahre lang einen runden Tisch der Lesben- und Schwulengruppen unter der Leitung von Jutta Ebeling, zusammen mit den Stadtverordneten und Dezernaten. Und die haben relativ viel für Frankfurt durchgesetzt“, ist Konny mit dem Engagement seitens der Stadt zufrieden. „Petra Roth kommt zum CSD. Im letzten Jahr war die Bürgermeisterin da. Lesbisch sein in Frankfurt ist völlig normal“, so Konny weiter. „Wir werden außerdem 2010 das Lesbenfrühlingstreffen nach Frankfurt holen. Wir werden seitens der Stadt, seitens der Kommune und seitens des Landes auf der Suche nach Räumlichkeiten und auf der Suche nach Geld sehr unterstützt. Parallel wird es daher auch eine große Kunstausstellung zum Lesbenfrühlingstreffen hier in Frankfurt geben.“

 

Konny Gerhard ist scheint‘s rund um die Uhr engagiert und durch ihr Engagement auch vielen bekannt. Sie ist externe Beraterin im hessischen Lesben- und Schwulenreferat in Wiesbaden - Schwerpunkt Jugend, Familie und Kirche, Mit-Betreiberin von L-forum - das Forum für Lesben ab 40, Mitfrau im Lesbenring und bei dem Verein LLL -Lebendiges Lesben Leben in Frankfurt, Mitgestalterin des CSD und Macherin der bundesweit bekannten Lesbenseite www.lesben.org aka www.konnys-lesbenseiten.de. „Ich bin total out“, lacht Konny. „Du kannst meinen Vornamen bei Google eingeben, das reicht um mich zu finden. In Frankfurt kennen mich sehr viele. Hier kann ich mich ganz normal bewegen, das ist überhaupt kein Thema. Aber, wenn ich irgendwo in einem Zusammenhang bin, wo sie mich noch nicht kennen und dann raffen, wer ich bin, dann habe ich einen Haufen Fans um mich.“ Auf der etwa 700 Lesben starken Release-Party im November 2007 in Berlin zu dem Buch „In Bewegung bleiben. 100 Jahre Politik, Kultur und Geschichte von Lesben“ (erschienen im Querverlag), in dem Konny einen Beitrag verfasst hat, musste sie nach eigenen Angaben sogar das erste Mal Autogramme geben. „In dem Lesben- und Schwulenreferat bin ich angestellt worden, weil ich so lesbisch out bin“, sagt Konny. „Während die anderen Lesben, mit denen ich so rede, mir immer sagen, sie hätten Angst ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Ich habe eine andere Grundhaltung, und das macht das Leben sehr viel einfacher für mich.“ Sie selbst habe im Leben aber auch schon oft vor Situationen gestanden, die nicht wirklich fassbar waren. Sie sei dadurch gegangen und habe versucht, das Beste daraus zu machen. „Das kann ich nicht immer“, sagt sie, „aber ich glaube, ich habe ziemlich viel gewonnen.“

 

Ein Gewinn, wenn man so will, war für sie als sozialisierte Katholikin auch der Austritt aus der katholischen Kirche. Heute arbeitet sie für die andere Seite, die evangelische Kirche. „Es gibt in Frankfurt ein evangelisches Frauenbegegnungszentrum. Dort allein gibt es drei oder vier verschiedene Veranstaltungsreihen nur für Lesben. Die Leiterin ist eine offene Lesbe. Außerdem gibt es eine Gruppe von lesbischen Pfarrerinnen und schwulen Pfarrern, die bieten Segnungen für lesbische und schwule Paare an. Das finde ich ganz klasse. Und es gibt auch eine offene Lesbe, die in der EK relativ weit oben ist. Mit denen kann man wirklich leben und arbeiten. Diskriminierungsfreie Zone, würde ich sagen.“

 

 

 

Text: Christine Stonat

 

Fotos Frankfurt: dontworry/Wikimedia Commons

Portrait-Steckbrief:

 

Name:  Konstanze „Konny“ Gerhard

Alter:    46

Beruf:   selbständige EDV-Fachfrau

Wohnort: Frankfurt

Online: www.lesben.org   /

             www.konnys-lesbenseiten.de

 

 

„Mit Lesbisch sein verdienst du kein Geld.“

 

„Ich bin total out.“

Ausgabe Nr. 3

Januar 2008

„Je älter umso schrankiger.“

„Es ist genauso viel los, wie du selbst daraus machst.“

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Januar 2008

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