Das Stadtmagazin für lesbische Frauen in Bielefeld

Lesbisch sein in …

 

 

Kopenhagen

Part I

 

Cris Nyegaard LGBT Denmark. Portrait

 

 

 

Kopenhagen ist die lebendige Hauptstadt Dänemarks. Hier pulsiert das Leben. Und diese häufig benutzte Formulierung ist nicht nur so daher gesagt, sie trifft in Kopenhagen einfach die Sache auf den Punkt. Jung, aktiv, lässig, charmant, touristisch, mit viel Seen und Kanälen und dem Meer vor der Tür ist in Kopenhagen immer und für jeden etwas los. Es gibt zahlreiche Sehenswürdigkeiten sowie eine ausgeprägte Café-, Bar- und Kulturszene. Absoluter Großstadtflair mit coolen Naherholungsspots. Das perfekte Pflaster für Touristen und zum Leben.

 

 

Das findet auch Cris Nyegaard. Die 29-Jährige lebt seit 2006 in Kopenhagen und studiert hier Medizin. Gemeinsam mit ihrer dänischen Frau wohnt sie im alternativen, jungen wie multikulturellen Stadtteil Nørrebro und führt hier ein völlig offenes, freies lesbisches Leben, wie sie sagt. Für Cris nicht selbstverständlich. Cris ist Rumänin. Geboren wurde sie in Timisoara und folgte in ihrer Kindheit ihren Ingenieurseltern durchs ganze Land. „Ich würde gerne für den Rest meines Lebens hier in Kopenhagen leben“, sagt Cris. „Ich habe 25 Jahre in Rumänien gelebt und niemals meine Heimat gefunden. Doch seit ich hier in Kopenhagen ankam, fühlte ich mich zum ersten Mal zuhause.“ Allenfalls nach Kanada würde sie noch einmal umziehen wollen, aber auch nur falls sie aus irgend einem Grund Kopenhagen verlassen müsste, vielleicht wegen einer Klimakatastrophe, lacht sie. Kopenhagen ist Cris‘ Heimat geworden. Sie fühlt sich bestens integriert und hat von Beginn an viele dänische Freunde gefunden, fühlte sich niemals von den Locals diskriminiert oder anders behandelt. „Ich habe, dadurch, dass ich hier bin, viele Chancen bekommen. Ich kann hier studieren und bekomme dieselbe Unterstützung wie die dänischen Studierenden. Es gibt zwischen uns keinen Unterschied“, erklärt Cris. „Natürlich ist man aber auch nicht gleich mit jedem Dänen, den man trifft, befreundet. Manche finden es schwer, mir dieses Mehr an Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, wenn ich Dänisch spreche oder werden müde, mich zu fragen, ob ich noch mal wiederholen kann, was ich gerade gesagt habe, weil sie mich nicht verstanden haben. Ich finde es besonders schwierig mit jungen Dänen in Kontakt zu kommen. Ich denke, dass das auch mit der rechtsgerichteten Regierung zu tun hat, die gerade die jungen Leute mental zu beeinflussen versucht.“

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weird

Ausgabe Nr. 26

Dezember 2009

Der wichtigste Schritt zur Integration sei die Sprache zu lernen, so Cris. „Man muss offen sein für die dänische Kultur und die Dänen. Sie haben andere Aspekte in ihrer Kultur und Gesellschaft, die einem fremd und seltsam vorkommen und schwer zu verstehen scheinen. Aber, wenn du offen bist und auch keine Angst hast zu fragen, dann erklären sie dir alles. Wir haben Angst vor Dingen, die wir nicht kennen. Diese Angst verschwindet, wenn die Ignoranz verschwindet. Wir Menschen haben grundsätzlich viel mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede.“

 

Diskriminierung von Seiten der Dänen hat sie so zwar bislang noch nicht erfahren, aber dafür schon viel Negatives und Diskriminierungen durch andere Migranten erlebt. „Wenn jemand aus Westeuropa hörte, dass ich aus Rumänien bin, war seine Haltung mir gegenüber gleich sehr herablassend.“ Ausländerin und Lesbe zu sein, sei zudem sicherlich doppelt schwierig in einem fremden Land, auch wenn es direkt, so findet sie, nicht für sie gelte. Die Probleme in ihrer Heimat Rumänien wären so oder so jedoch ungleich größer. Dort müsse sie vorsichtig sein, sagt sie und sorgt sich dabei auch um ihre Mutter, die sich bei einem öffentlichen Coming-out mit viel Gerede, Gerüchten und Ablehnung konfrontiert sähe. Deshalb besuche die Mutter mittlerweile öfter auch Cris und deren Frau in Kopenhagen. „Hier in Dänemark kann man erwarten, dass vielleicht 1 von 100 negativ darauf reagiert, wenn ich mit meiner Frau auf der Straße Hand in Hand gehe. In Rumänien wären es 95 von 100“, sagt Cris. „Als offene Lesbe würde ich in Rumänien niemals einen Job finden, egal was für eine gute Ärztin ich auch werde.“ In Dänemark hingegen fühle sie sich absolut frei.

 

Dieser bedeutende Grad an Freiheit, die Frauen zu sein, die sie sein wollen und so zu leben, wie sie es sich selbst aussuchen, im Gegensatz dazu, zu versuchen, sich in ein soziales und kulturelles Normativ einzufügen, war ein Grund, warum Cris beschloss, mit ihrer Lebenspartnerin von Rumänien nach Dänemark zu ziehen. Hier konnten sie heiraten und auch ein besseres Leben führen. Dänemark und speziell seine Metropole Kopenhagen gilt als sehr lesben- und schwulenfreundlich. Als erstes Land der Welt führte man hier vor zwanzig Jahren die Eingetragene Lebenspartnerschaft für Lesben und Schwule ein. Dennoch, es fehlten noch viele Rechte in Dänemark, sagt Cris. „In Skandinavien ist Dänemark mittlerweile eher Schlusslicht, verglichen mit den Rechten heute in Schweden und Norwegen, z. B. was die gleichgestellte Ehe betrifft.“ Besonders die momentane dänische Regierung missfällt Cris. „Nicht einmal so sehr wegen der schlechten Politik“, sagt sie, „sondern weil sie Gedanken der Menschen mit rassistischen und diskriminierenden Dingen verschmutzen. Die haben diese ‚Wir sind besser als ihr‘-Attitüde. Ich hoffe, sie werden nicht wiedergewählt, sonst verderben sie mir meine wunderschönen Dänen noch ganz.“ Cris lacht.

 

Aber die Dinge würden besser, wenn auch langsam, meint Cris. Und dazu dass die Dinge in Dänemark mal schneller, mal langsamer besser werden, trägt vor allem die Landesvereinigung für Lesben und Schwule LGBT Denmark bei. 2005 bereits begann Cris die Organisation durch ihre Mitgliedschaftsbeiträge zu unterstützen, bevor sie sich später dann auch persönlich engagierte. Die LGBT Dänemark, bis November 2009 noch LBL, gilt als die älteste lesbischschwule Organisation ihrer Art weltweit. Gegründet wurde sie 1948. „Ich bin der LGBT Dänemark sehr dankbar für die tolle Arbeit“, sagt Cris. „Die leisten unglaubliche Lobbyarbeit bei der Regierung.“ Unter dem Dach der LGBT Dänemark gibt es heute zahlreiche Gruppen. Eine davon ist Pangea, eine Gruppe für ausländische Lesben und Schwule in Dänemark, für die sich Cris im Bereich „Frauen“ engagiert und u. a. auch am jährlichen Kopenhagen Pride teilnimmt. Darüber hinaus engagiert sie sich bei der LGBT vor allem für internationale Themen, aktuell für eine neues Projekt, das gegen die gegenwärtig starke Diskriminierung von Lesben und Schwulen in Uganda gestartet werden soll. Für die Zukunft möchte sie sich vor allem für die völlige rechtliche Gleichstellung für Lesben und Schwule in Dänemark einsetzen ebenso wie für die Situation in den osteuropäischen Länder.

 

„Ich versuche schon jetzt, Leute aus meiner Gruppe zusammenzutrommeln und sie zu bewegen, den Pride in Bukarest zu feiern“, erzählt Cris. In Rumäniens Hauptstadt Bukarest ist einzige in Rumänien überhaupt so etwas wie ein lesbischschwules Leben möglich. „Ich habe noch Freunde in Rumänien und stehe u. a. auch in enger Verbindung mit der dortigen Organisation ACCEPT, die vor Ort für die Rechte von Lesben und Schwulen kämpft“, so Cris. Als sie noch in Rumänien wohnte, sei der Kontakt erschwert gewesen, denn wenn man wie sie nicht in der Hauptstadt wohnte, sei aktivistische Arbeit quasi unmöglich gewesen. Heute in Kopenhagen genießt sie ihr Leben und die Freiheit sich engagieren zu können. So war sie u. a. bei den World Outgames 2009, die in diesem Sommer in Kopenhagen stattfanden, als freiwillige Sicherheitskraft mit dabei. „Es war ein großartiger Erfolg für alle Beteiligten“, erzählt Cris. „Es war eine tolle Erfahrung beides, Sport und Konzertveranstaltungen so nah beisammen erleben zu können. Teilnehmer aus allen Ländern von Kanada über Afrika bis Asien hatten eine superschöne Zeit. Auch die, die sonst in ihren Ländern ein hartes Leben führen, konnten hier die Freiheit spüren, homosexuell zu sein.“ Nach dem riesigen Event mitten in der Innenstadt Kopenhagens habe sich das Leben für Lesben und Schwule schnell wieder dem sonstigen Alltag genähert. Dennoch: „Vielleicht sind wir als Individuen jetzt ein bisschen stärker als vorher“, resümiert Cris. „Denn wir haben durch die Outgames gesehen wie viele wir sind und dass wir uns gegenseitig stark machen können.“

 

Der ‚sonstige Alltag‘ für Lesben in Kopenhagen gestaltet sich recht abwechslungsreich. „Es gibt hier viele Sachen für Lesben und Schwule, die man machen kann“, weiß Cris. „Es gibt viele Bars. Einige neue mit guten Essen und guten Drinks und einige alte mit viel Geschichte und entsprechender Grundhaltung seit Beginn der Arbeit von LBL. Außerdem gibt es viele Clubs, wo man immer Party machen kann und viele Gruppen, die Filmabende, Partys sowie politische und kulturelle Aktivitäten organisieren.“ Man brauche also eine Menge freie Zeit als Lesbe oder Schwuler für die vielen Angebote in Kopenhagen, lacht Cris. Schade finde sie nur, dass sich zu wenige Leute aktiv in lesbischschwulen Gruppen engagierten. „Und die Lesben müssten einfach mehr ausgehen“, sagt sie, damit die Lesbenbars existieren könnten. „Sie gehen aber nicht viel aus und eine Lesbenbar nach der anderen muss schließen.“ Sie selbst geht gerne zu Filmabenden der politischen Organisation Kaka, außerdem ins Calais, ein Brunchcafé nahe der Seen von Nørrebro, zum Essen zu Oscar And Sebastian oder ins Be Proud, Pan und den Club Christoffer, wenn ihr der Sinn nach Party steht. Früher spielte sie zudem Fußball im lesbischschwulen Sportverein der Stadt namens PAN. Ihr Lieblingslesbenladen aber ist das Gimmik. „Kopenhagens beste Lesbenbar in Vesterbro“, lacht Cris. „Hier gibt‘s das beste Essen.“

 

 

 

Text: Christine Stonat (11/2009)

Fotos: Christine Stonat (Kopenhagen), privat (Portrait)

Name: Cristina Aurelia Mosut Nyegaard

Alter: 29

Wohnort: Kopenhagen-Nørrebro

Beruf: Medizinstudentin

Online: www.lbl.dk

 

„Ich habe in Kopenhagen viele Chancen bekommen.

„In Skandinavien ist Dänemark heute eher Schlusslicht was die Rechte für Lesben und Schwule angeht.“

„Man braucht als Lesbe in Kopenhagen viel freie Zeit.“

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„Ich bin der LGBT Dänemark sehr dankbar für die tolle Arbeit.“

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