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Lesbisch sein in …

 

 

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Reykjavik

 

Ein Reisebericht. Von Celia Martin

 

 

 

Island hat wirklich Furore gemacht. Im Herbst letzten Jahres kam das nördlichste Land Europas in eine existenziell bedrohliche finanzielle Schräglage und die Isländer waren darüber so aufgebracht, dass die damalige Regierung zurücktreten musste. Im April 2009 gab es Neuwahlen. Die neue Premierministerin ist Jóhanna Sigurdardóttir und ihr, der ersten Frau überhaupt an der Landesspitze, trauen die rund 313.000 Einwohner des Inselstaates zu, es wieder zu richten. Die gestandene 66-jährige Politikerin gehört dem Parlament seit 1978 als Abgeordnete an und war einige Jahre Sozialministerin früherer Regierungen. Lediglich eine Randnotiz nach der Wahl war der Umstand, dass Sigurdardóttir offen lesbisch ist und mit ihrer Frau, der 50-jährigen Autorin und Schauspielerin Jónina Leósdóttir, in einer eingetragenen Partnerschaft lebt. Dieser ganz unaufgeregte Umgang – immerhin ist Sigurdardóttir damit das erste offen homosexuelle Staatsoberhaupt eines Landes überhaupt – zeigt ganz genau, wie selbstverständlich die Isländer mit diesem Thema umgehen.

 

„Of course we are very proud of our new PM“, verrät mir eine junge Frau mit breitem Grinsen. Ich treffe sie in Reykjavik im Samtökin 78, einem Anlaufpunkt für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender. Dort findet bei meinem Besuch gerade ein Treffen von Junglesben statt. Ein bisschen neugierig beäugen sie mich, die Deutsche, die dort auftaucht, um sich über die Verhältnisse in ihrem Land schlau zu machen. Die Informations- und Beratungsstelle gibt es schon seit 30 Jahren, erfahre ich. Gruppen treffen sich dort, es gibt eine Bibliothek und einen DVD-Verleih. Fungiert sie auch als Kennenlernbörse? Sicherlich nicht so, wie in Deutschland manche Lesben-Informationsstellen. „Island ist ein kleines Land. Bei uns kennen sich die meisten Leute eh um drei Ecken und wissen eben auch recht schnell, ob jemand lesbisch ist!“, erfahre ich.

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Ausgabe Nr. 22

August 2009

Ein sehr offenes Land, also. Toleranz wird hier groß geschrieben und verstecken muss sich niemand. Bei meiner Frage nach speziellen Cafés oder Bars schütteln die Frauen den Kopf. „Wir brauchen das nicht“, erzählt mir eine. „Wir können überall hingehen, niemand schaut uns schräg an.“ Der einzige „einschlägige“ Hotspot in town scheint ein Lederklub ausschließlich für schwule Männer zu sein.

 

Ebenfalls selbstverständlich und seit einem Parlamentsbeschluss in 1996 in der Normalität verankert sind die Bestätigte Partnerschaft (Confirmed Cohabitation) und seit 2000 auch die Eingetragene Partnerschaft (Registered Cohabitation). Gleichgeschlechtliche Paare haben mit der CC die gleichen Rechte und Pflichten wie verheiratete heterosexuelle Paare. Voraussetzung: Einer oder beide müssen Isländerinnen sein und beide müssen seit mindestens zwei Jahre in Island wohnhaft sein. Eine RC können isländische Staatsbürger unabhängig von ihrem momentanen Wohnort im Nationalregister in Reykjavik eintragen lassen. Damit erhalten sie dieselben sozialversicherungsrechtlichen und fiskalischen Rechte wie heterosexuelle Paare. Regelungen zu gegenseitiger finanzielle Unterstützung und Erbangelegenheiten jedoch müssen separat festgelegt werden. Inzwischen haben Lesben, die in einer bestätigten oder eingetragenen Partnerschaft leben, in punkto künstliche Befruchtung dieselben Rechte wie heterosexuelle, verheiratete Frauen auch.

 

Also keine Benachteiligung in der Schule, am Arbeitsplatz? Kein Stress in der Familie? Natürlich gäbe es das auch schon einmal, sei aber relativ selten, erfahre ich. Zugute kommt hier sicherlich der Umstand, dass über die Hälfte der Isländer in und um Reykjavik herum wohnt. In dieser Stadt lebt und arbeitet eine bunte Mischung von Menschen, die erstaunlich ruhig und gelassen miteinander umgeht. Und diese Haltung schafft inmitten der sauberen, klaren Luft und der bunten Häuser eine so einzigartige Atmosphäre, die sofort verzaubert. Die Isländer haben zwar fast alle mehrere Jobs, hektisch wird es dadurch aber nicht. Selbst um die Mittagszeit, wenn alle in die Cafés und Restaurants der Stadt strömen, um eine Suppe oder ein Sandwich zu sich zu nehmen, bleibt die Atmosphäre dennoch relaxed. So können sich auch alleine oder zu zweit reisende Frauen fühlen – entspannt. Denn Reykjavik gilt nicht nur als toleranteste, sondern auch als eine der sichersten Großstädte überhaupt.

 

Wer Reykjavik – oder auch mehr von Island – kennen lernen und die zurzeit günstigen Wechselkurse ausnutzen will, sollte sich den zehnten Gaypride schon einmal vormerken. Zwischen dem 6. und 9. August 2009 finden zahlreiche Veranstaltungen in der isländischen Hauptstadt statt. Gaypride ist eines der größten Festivals der Insel – man kann also davon ausgehen, dass ziemlich viel Action angesagt ist. Mehr Info (auch in Englisch) unter www.gaypride.is.

 

 

 

Text: Celia Martin (2009)

Fotos Reykjavik: Björn Giesenbauer/Creative Commons

 

 

 

 

 

 

 

 

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Celia P. Martin

 

Beruf: Autorin, Erwachsenenbildung

Wohnort: Rhein-Main-Gebiet

Veröffentlichungen: u. a.

„Lesbisch für Anfängerinnen. Willkommen in der WG!“ (mp3-Hörbuch, Butze Verlag)

s. Archiv Ausgabe Nr. 11 September 2008

 

 

Tipps für Reykjavik:

 

· Die isländische Sprache ist für uns ziemlich schwierig zu lernen. Wer dennoch einen Einstieg sucht: Kauderwelsch Band 13 – Isländisch Wort für Wort ist ein sehr praktischer kleiner Reisebegleiter. Die meisten Isländer sprechen aber gut Englisch.

 

· Kontaktadresse für Lesben und Schwule: Samtökin78, Laugavegur 3 (4. Stock). Im Web: www.samtokin78.is. Die Beratungsstelle befindet sich mitten in der stark frequentierten Haupteinkaufsstraße und ist gut an den Regenbogenfahnen und ihrem charakteristischen Logo zu erkennen.

 

· Website der KMK für Lesben: www.kmk.is (nur auf Isländisch)

„Wir brauchen keine Lesbenbars. Wir können überall hingehen, niemand schaut uns schräg an.“

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