Lesbisch sein in …

 

 

 

Amsterdam

 

Women In Paradise

 

Marynka Nicolai. Interview

 

 

 

weird: Was war die Idee dazu das „Women In Paradise” Festival am Weltfrauentag vor vier Jahren ins Leben zu rufen?

 

Marynka Nicolai: Es war genauer gesagt vor fünf Jahren, als ich zum ersten Mal begann, den 8. März mit einer kulturellen Veranstaltung zu feiern. Die war noch sehr klein. Aber ich habe einfach gefühlt, dass ich es tun muss. Ich bin ein sehr impulsiver Mensch und folge immer meinem Herzen. Nach dieser ersten Veranstaltung habe ich gemerkt, dass ich es größer aufziehen muss, nicht wegen kommerzieller Interessen, sondern, weil die Situation von Frauen besser werden muss. Ich bin selbst eine Frau und zu der Zeit damals war ich neugierig wie man die ungleiche Position gegenüber der Männerwelt ändern könnte. Auch, weil Feminismus in Holland ein ganz anderer ist als in Russland. Wir benutzen niemals das Wort Feminismus – die Revolution von 1917 hat Frauen den Männern gleichgestellt, aber in Holland waren Frauen noch bis nach dem Zweiten Weltkrieg abhängig. Ich bin gerne eine Frau und mir gefällt es, andere Frauen zu sehen, die Spaß daran haben eine Frau zu sein. Aber was heißt es eine Frau zu sein? Ich bin Musikerin, Künstlerin und ich glaube, dass Künstler_innen das Herz anderer Menschen berühren können. Ich hatte hier noch nie von einem richtigen künstlerischen Event am 8. März gehört. Es gab bloß Diskussionen und Workshops. Ich denke aber mit Worten kann man niemals so schnell das Herz erreichen wie mit der Kunst – die geht direkt ins Herz.

 

 

weird: Motto des diesjährigen Festivals ist „Sex Is Back” – der Sex ist zurück. Wo war er und was ist mit ihm geschehen?

 

Marynka Nicolai: Also, als man mich das gefragt hat (du bist also nicht die erste), habe ich gesagt: ‚Er war im Urlaub und jetzt ist er wieder da!’ Nur ein Witz natürlich. Vor allem ist Sex heute ein sehr angesagtes Thema – jeder redet darüber, du kannst Sex dazu nehmen dich gut zu fühlen aber du kannst auch Missbrauch treiben. Sex ist kein Tabu mehr, es ist überall im Fernsehen, im Internet und in Zeitschriften. Was heißt das? Ist das gut? Wissen junge Frauen damit umzugehen ? Es ist eine sehr schwierige Frage. Ist Sexualität eine Stärke von uns Frauen oder eine Schwäche, wenn man uns als Lustobjekt missbraucht? Es gibt mehr Fragen als Antworten. Wir werden versuchen während des Festivals Antworten zu finden.

 

 

weird: Ist das Festival eher als regionales Festival oder als ein internationales von Frauen für Frauen aus der ganzen Welt zu sehen?

 

Marynka Nicolai: Es ist der Internationale Tag der Frau und es ist für alle Menschen – nicht bloß für Frauen. Ich würde gerne sehen, dass die Hälfte des Publikums männlich ist. Keine positive Diskriminierung – wir sind alle Menschen.

 

 

weird: Das heißt, du denkst und kämpfst mehr auf globaler Ebene?

 

Marynka Nicolai: Ich bin keine Kämpferin, ich bin eine Inspiratorin. Ich hoffe, Frauen und Männern dazu inspirieren zu können, sich selbst zu ändern und mehr über ihre weiblichen und männlichen Seiten zu lernen. Es ist wie Schwarz und Weiß, Yin und Yang, Balance. Ich möchte Frauen dazu anregen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Wenn du dich veränderst, ändert sich auch die Welt um dich herum.

 

 

weird: Das Women In Paradise-Festival ist dafür bekannt auch sehr lesbenorientiert zu sein. Welche lesbischen Themen oder Künstlerinnen gibt es in diesem Jahr?

 

Marynka Nicolai: Wir haben lesbischer Sängerinnen im Hauptprogramm und wir haben außerdem eine spezielle Lesbenparty in der kleinen Halle – die Amsterdamer Girlesque Party!

 

 

weird: Was ist in den vier Jahren Festivalzeit passiert und wie geht es weiter?

 

Marynka Nicolai: Das Festival ist in den letzten Jahren sehr bekannt und beliebt geworden in Amsterdam und hoffentlich auch in anderen Städten. Ich würde es in den nächsten Jahren gerne zu einem noch größeren Festival ausweiten in ganz Holland und auch im Ausland – vielleicht, dass man mit demselben Programm um den 8. März herum auf Tour geht.

 

 

weird: Du bist Musikerin, schreibst, würdest du dich auch als Feministin oder Aktivistin bezeichnen?

 

Marynka Nicolai: Nein, ich bin eine Künstlerin, die ihre Gefühle teilen will und etwas zu sagen hat und neugierig auf die Antworten von so vielen Fragen ist. Ich bin ein Frau, die eine FRAU sein will, eine natürlich Frau.

 

 

weird: Und du bist Russin. Wie hältst du Kontakt zu deiner Heimat? Und wie sehr machst du dir um die politische und soziale Lage dort Gedanken?

 

Marynka Nicolai: Ich fahre nach Russland so häufig ich kann. Ich liebe Russland, ich vermisse meine Heimatstadt Moskau, meine Freunde, ich habe dort auch einige Auftritte. Ich hoffe, dass gute Russland wird überleben. Manchmal mache ich mir mehr Sorgen um die Zukunft Russlands und manchmal sieht es aus als würde es dort gut laufen. Heutzutage bin ich eher besorgt.

 

 

weird: Du hast in Moskau, Utrecht und Amsterdam studiert. Warum die Niederlande und warum Amsterdam, wo du mittlerweile seit vielen Jahren lebst?

 

Marynka Nicolai: Ich habe es mir niemals ausgesucht nach Holland zu kommen. Das ist eine lange Geschichte. Eines Tages wurde ich eingeladen einige Konzerte zu singen und das Land zu besuchen, genau zu der Zeit als die Berliner Mauer fiel. Dann wurde ich in Amsterdam von der Kleinkunst Akademie eingeladen, und ein halbes Jahr später kam ich zurück, um dort als Studentin anzufangen. Sie haben mich geliebt! Und ich liebte sie! Nach einem Schritt kommt dann bekanntlich immer der nächste, obwohl es nie meine Absicht war lange zu bleiben. Mittlerweile ist mein ganzer Lebensmittelpunkt in Amsterdam. Ich fühle mich wie eine Weltbürgerin. Ich habe zwar auf dem Papier zwei Nationalitäten, aber in meiner Seele bin ich Russin. Ich habe von Europa viel gelernt und jetzt meine Identität gefunden. Ich bin stolz, all diese Kulturen in mir zu haben. So, wie soll ich’s sagen? Everywhere is good when I make my world be good to me.

 

 

weird: Erzähl‘ uns abschließend doch noch kurz etwas zum lesbischen Leben in Amsterdam. Amsterdam gilt als eine der lesben- und schwulenfreundlichsten Metropolen Europas mit vielen Angeboten für die Community.

 

Marynka Nicolai: Ja, das ist richtig! Dieses Jahr wird u. a. eine lesbische Enzyklopädie in den Buchläden erscheinen. Die Partymacherinnen von ‚Girlesque’ veranstalten alle zwei Monate eine Clubparty in der Sugar Factory in Amsterdam.

 

 

 

Interview: Christine Stonat (2-2009)

Fotos: Ada Nieuwendijk (Marynka Nicolai), Emes2k/Creative Commons (oben)

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Ausgabe Nr. 17

März 2009

Women In Paradise, dahinter verbirgt sich ein weltoffenes, integratives, multikulturelles Frauenfestival mit überwiegend nationalen Künstlerinnen unterschiedlichster kultureller Herkunft, Hintergründe und Genres. Seit 2004 findet Women In Paradise aus Anlass des Weltfrauentages am 8. März in der holländischen Hauptstadt Amsterdam statt. Und das bedeutet vor allem viel Musik aber auch Literatur, Tanz und Kleinkunst, und das eine Nacht lang auf drei Bühnen im angesagten Amsterdamer Club Paradiso. Frauen, darunter viele Lesben, aber auch Männer, von 16 bis 60 kommen zu dem europaweit einzigartigen Event am Weltfrauentag. Topact beim 6. Women In Paradise dieses Jahr ist die berühmte Amsterdamer Saxophonistin Candy Dulfer. Außerdem dabei das lesbische Amsterdamer Girlesque Partyteam und die bekannte junge niederländische und offen lesbische Alternative-Pop-Sängerin Michelle Courtens. Initiatorin des ambitionierten Frauenfestivals ist die heterosexuelle russische Musikerin Marynka Nicolai. Sie lebt und arbeitet seit über 18 Jahren in Amsterdam.

 

 

Women In Paradise, 8.3.09, ab 17 Uhr, Paradiso, Amsterdam, www.womeninparadise.nl

 

Mit Candy Dulfer, Michelle Courtens, Marlies Somers, Beautiful Jewels, Ninca Leece, Gianna Tam, Anousha Nzume, Ellen ten Damme, Girlesque Partyteam u. a.

 

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Name: Marynka Nicolai

Alter: irgendwann in Moskau geboren

Beruf: Künstlerin

Wohnort: Amsterdam

Online:

www.marynkanicolai.com

www.womeninparadise.nl

Marynka Nicolai, Foto: Ada Nieuwendijk

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