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Butch sein in ...

 

 

San

Francisco

& Oakland

 

 

 

 

 

 

 

 

Interview mit Fotografin

 

Meg Allen

 

zum ihrem neuen ersten Fotobuch „Butch“

 

 

Interview: Christine Stonat (9/2017)

Fotos: Meg Allen

 

 

 

 

 

 

 

weird: Du hast dein erstes Buch „Butch“ im September 2017 veröffentlicht. Es ist ein Fotobuch, das Butches in den Jahren 2012 bis 2017 überwiegend in und um San Francisco und Oakland portraitiert. Das Buch ist das Ergebnis deines gleichnamigen Langzeitprojektes „Butch“. Wann und wie hat alles angefangen?

 

Meg Allen: Es fing mit zwei Zielen in meinem Kopf an. Eines war meine Portraitfotografie zu üben, so dass ich potentiell von meiner Arbeit als Fotografin leben konnte, und das zweite war, die Ästhetik von Butches im neuen Jahrhundert zu entdecken. Es war eine Art Experiment, ein künstlerisches Gesamtwerk zu erstellen. Es war für mich. Ich wollte ein Gesamtwerk, alle Butches umfassend, sehen. Ich habe mir alles komplett selbst beigebracht, und so wollte ich lernen, wie man gute Portraits macht. Ich lerne am besten, wenn ich experimentiere, also habe ich mir online Portraits herausgesucht und versucht ihren Stil nachzuahmen. Man kann das an den ersten Portraits, die ich gemacht habe, erkennen; einige sind Studioaufnahmen, andere draußen, zum Ende wurde der Stil zusammenhängender. Mein Ziel war es zuerst, so viele Butches wie möglich zu fotografieren und dann eine Show zu machen. Nachdem ich mein als fertig empfundenes Werk mit 37 Portraits im Lexington Club in San Francisco gezeigt hatte, bemerkte ich, dass das, was ich dachte, sei nur für mich, vielleicht etwas war, was eigentlich meine Community wirklich brauchte und sehen musste.

 

 

weird: „Butch“, das Projekt und das Buch, sind Kunst, Dokumentation und Studie zur gleichen Zeit. Was hast du während deiner Studie im Allgemeinen herausgefunden und was vielleicht auch für ich selbst gelernt?

 

Meg Allen: Im Allgemeinen habe ich erkannt, das Butchidentität eigentlich nicht verschwindet. Ich denke, die Idee der Old School Butch hat sich mit der jüngeren Generation weiterentwickelt und das aus vielerlei Gründen … Es ist nicht mehr so ein Tabu wie es einmal war homo zu sein; gleichgeschlechtliche Ehe und Kultur sind legal und kulturell in den meisten Ländern toleriert; und man kann gay Charaktere und gender non-conforming Charaktere in den Mainstreammedien sehen, auf Filmfestivals und im Theater. Wegen all dieser Dinge, konnte Gender-Non-Konformität erblühen und bis an die Grenzen gehen. Ehrlich gesagt, wollte ich als ich mit dem Shooting anfing, Butchfrauen zeigen, die sich als Frauen definieren, die sich nicht die Brüste haben abnehmen lassen, die sich nicht als trans definieren. Und was ich entdeckte war, dass es eine klare kulturelle Überschneidung von transgender / non-genderconforming und Butchfrauen gibt. Ich bin deswegen aus Facebookgruppen geflogen, weil ich diese Wahrheit ausgesprochen und angenommen habe. Butch ist eine Dokumentation, und zu dokumentieren heißt, die Wahrheit über das zu sagen, was man sieht, und was ich sehe, dass es dort Überschneidungen gibt. Nicht zwischen transsexuellen Männern, die sich als Mann definieren und der weiblichen lesbischen Butch, aber zwischen gender non-conforming Menschen und Butch Lesben. Butch, der ursprünglichen Definition nach, ist non-konforme Genderpräsentation. Aber ich denke, dass der Fehler da liegt, dass einige wenige transsexuelle Männer, denen ich begegnet bin und möglicherweise auch einige Butches, der Meinung sind, Butch zu sein sei ein Teil auf dem Weg zur Transition. Ich denke, das mag vielleicht bei einigen wenigen transsexuellen Männern zutreffen, aber die meisten transsexuellen Männer, mit denen ich mich unterhalten habe, haben mir zu verstehen gegeben, dass sie sich als Butch-Lesben nie wohlgefühlt haben, aber dass das das Naheste war an ihre eigene Identität heranzukommen bevor Hormone und Brustentfernung bezahlbar und verfügbar waren. Meiner Meinung nach ist Butch eine eigene Geschlechtsidentität und alle Butches sind Butches auf ihre eigene Art und Weise wie man es in den Bildern in meinem Buch sehen kann.

 

 

weird: Wie würdest du den Begriff „Butch“ definieren?

 

Meg Allen: Haha. Ich denke, ich definiere es nicht für jede_n. Aber für mich sind es maskuline zentrale Attribute, die meinen weiblichen Körper umschließen und es mir erlauben eine maskuline Female zu sein im Gegensatz zur weit verbreiteten femininen Female. Noch mal, in meinem Buch, können die Leute diese Definition für sich selbst machen und so aussehen wie sie wollen. Das ist die Schönheit an Identität, jede_r – hetero_as und gays und trans und cis – schneidern sie für sich selbst maß. Und so sollte es sein.

 

 

weird: Denkst du, dass sich Begriff und Definition über die Jahrzehnte verändert haben?

 

Meg Allen: Natürlich. Nichts ist in allem ewig auf diesem Planeten. Ich denke, Menschen begrenzen sich selbst, wenn sie an Absolutem festhalten.

 

 

weird: Wie hast du deine „Modells“ gefunden und wo hast du sie für die Fotoshootings getroffen?

 

Meg Allen: Zuerst waren es viele meiner Freund_innen, die ich gebeten hatte. Aber als andere Butches gesehen haben, was ich mache, waren sie eher bereit. Es sind alles Portraits, die in der persönlichen Umgebung der jeweiligen Butches entstanden sind. Ich habe jede_n gebeten, einen Platz auszuwählen, mit dem sie sich verbunden fühlen sowie 1 bis 3 unterschiedliche Sachen zum Anziehen um ihren Look zu verändern, wenn sie verschiedene Optionen wollten. Alle bekamen Fotos mit etwas geringeren Auflösung, um sie für linkedin oder Facebook oder was auch immer zu benutzen. Was ich feststellte, war, dass die Hintergründe, die sie sich für ihre Fotos ausgesucht hatten, machte, dass sie sich wohler fühlten und dieser außerdem eine Geschichte über sie erzählte, bei der ich bisher dachte, dass niemand, die_r nicht Butch ist, sie nicht verstehen könnte. Es war ein Weg für mich, sie sichtbar zu machen und dafür zu feiern, wer sie sind, und zugleich ein Weg zu sagen: „Guck, diese Person lebt und existiert genau wie jede_r andere in dieser Gegend das tut.“

 

 

weird: Wie hast du die Butches, die du fotografieren wolltest, und die Geschichten dahinter erreicht?

 

Meg Allen: Ich habe einfach gefragt. Manchmal waren es Fremde, die ich in der Stadt oder auf Parties getroffen hatte, manchmal waren es Freund_innen von Freund_innen.

 

 

weird: Du hast nicht nur Portraits von Einzelpersonen gemacht, sondern auch von Paaren oder Eltern mit Kind. Worauf lag dein Fokus als du die Leute portraitiert hast?

 

Meg Allen: Bei allen Fotos, auf denen zwei Leute sind, sind es Paare. Ich wollte auch die Butch/Butch-Paarbeziehung feiern. Es gibt nicht so viele Butch/Butch-Paare. Es gibt sehr viele Butch/Femme-Paare, und diese ziehen irgendwie immer die Aufmerksamtkeit auf sich, weil diese Dynamiken hetero Beziehungen nachzuahmen scheinen und, wenn man so will, „normalisiert“ werden. Ebenso wie schwule Beziehungen in der hetero Welt stigmatisiert werden, scheinen Butch/Butch-Beziehungen in gewisser Weise ein komisches internalisiertes Homophobie-Stigma zu haben. Ich wollte diese Paare in einer Dokumentation feiern, die völlig natürlich von allen Butches handelt. Worauf ich mich also konzentriert habe bei den Portraits, waren all die Aspekte von Butchkultur, die ich in jeglichen Bereichen finden konnte … Paare, Elternschaft, Lifestyle, Mode, Alter, Race, Körperform … Alles.

 

 

weird: Was war der Moment, der dich am meisten berührt hat während eines Fotoshootings bzw. eines Treffens?

 

Meg Allen: Immer bei der Zusendung der Bilder. Die meisten Butches fühlten sich sehr gesehen. Und ich bekomme immer noch E-Mails von Fremden, die sich selbst in den Portraits anderer sehen. Die Liebe, die ich für die Sichtbarkeit und Verehrung meinesgleichen erhalten haben, hat nie aufgehört mich regelrecht umzuhauen. Ich hatte eine Idee davon, dass andere Butches eine Leere fühlten, was ihr eigenes (Ab)bild draußen in der Welt betraf, aber ich hatte keine Idee davon wie tief das ging. Ich dachte, ich wäre eine von wenigen, die so fühlten.

 

 

weird: Gab es „Models“, mit denen du nach dem Shooting befreundet warst?

 

Meg Allen: Natürlich! Ich habe meine Community um mindestens 100 neue Freund_innen erweitert!

 

 

weird: Definierst du sich selbst als Butch? Und wenn ja, wie bist du selbst mit dem Begriff in Berührung gekommen und hast gemerkt, dass er für dich passt?

 

Meg Allen: Ja! Ich bin nach langem Zureden der Leute, die ich fotografiert habe, in der Tat sogar selbst auch im Buch. Meine Freundin Yael Martinez, die auch Künstlerin ist, hat mich fotografiert. Ich wusste immer, dass ich anders war, aber ich denke, ich fühle mich aus vielen unterschiedlichen Gründen anders, nicht nur wegen meiner Genderambiguität. Ich hatte Lesben getroffen und ich denke, ich wusste, dass ich lesbisch war, aber ihre Ästhetik war nicht das, womit ich mich identifizierte bis ich eine Butchfrau mit kurzen Haaren und maskulinen Attributen traf, gekleidet mit einem Button-Down-Hemd und Hose statt mit Kleid, Rock und Bluse. Das war eine Frau, die für meine Mutter gearbeitet hat, und in der Sekunde als ich ihr begegnete, bin ich, glaube ich, knallrot im Gesicht geworden. Ich wusste, das war, was ich war, und ich fühlte, dass sie es auch wusste. Und ich fühlte, dass es nicht „normal“ war und deshalb habe ich Angst gehabt und mich geschämt, aber ich war auch aufgeregt, weil ich mich selbst in ihr erkannt habe. Ich fühlte mich weniger wie ein Alien, nicht unbedingt akzeptiert, aber immerhin war ich nicht die Einzige. Ich würde mich selbst auch als Künstlerin definieren, eine Abenteurerin und eine Frau und ein „homo“. Ich bin eine Person dieser Welt.

 

 

weird: Schon vor deinem Buch „Butch“ (2017) hattest du verschiedene Ausstellungen. Wie war die Resonanz darauf und hatte das Einfluss auf deine weitere Arbeit an deinem Projekt?

 

Meg Allen: Die Ausstellungen waren alle unglaublich erfolgreich! Ich bin immer schockiert davon, wie viele Leute kommen. Letztes Jahr gab es eine, die auf KQED Arts, dem öffentlichen Fernsehkanal meiner Region gezeigt wurde, und die Resonanz war verrückt! Hetero und gay Leute, einfach Leute, die auf Kunst und Fotografie stehen, standen Teile der Nacht Schlange um den Block, um reinzukommen, und über 1000 Leute haben bei der Facebook-Veranstaltung auf den Button „interessiert“ geklickt. Es war wundervoll und überwältigend! Ich denke, die ganze Resonanz hat meine Entscheidung ein Buch zu machen beeinflusst. Ich erkannte, dass das etwas ist, das Butches auf der ganzen Welt sehen sollten.

 

 

weird: Wie viele Leute hast du alles in allem über die gesamten fünf Jahre fotografiert und wie viele haben es in das Buch geschafft und warum hast du gerade diese Fotos für das Buch gewählt?

 

Meg Allen: Ich habe 123 Portraits geschossen. Ich habe mich für diese Anzahl entschieden, weil das die Anzahl der Portraits ist, die Annie Leibovitz für ihr Buch „Women“ gemacht hat. Sie war ein großer Einfluss für mich als junge Fotografin. Ich kaufte damals die Vanity Fair nur wegen ihrer Portraits, und ich schnitt sie aus und hängte sie mir an die Wand. Ich habe so viele verschiedene Butches herausgegriffen, wie ich das Gefühl hatte, dass sie treffend beschreiben können, wie Butches in der modernen Ära aussehen, ohne dass ich Worte dafür benutzen musste.

 

 

weird: Du bist in San Francisco geboren und hast dort viele Jahre gelebt. Jetzt lebst du in Oakland. Wie würdest du die Butch-„Szenen“ hier und da beschreiben und vergleichen?

 

Meg Allen: Ich würde sagen, sie sind ähnlich, was die Anzahl von Butches und gender non-conforming Leuten betrifft, aber Oakland ist definitiv diverser. Ich denke, die Leute in Oakland sind diverser was ihre Hintergründe und racial Strukturen betrifft. Ich bin mixed race, meine Mutter immigrierte von Japan als ich ein Kind war, und ich denke, dass racial Diversität immer etwas war, das ich bei der älteren Butch-Kultur vermisst habe.

 

 

weird: Wirst du dein „Butch“-Projekt nach San Francisco in Oakland fortsetzen oder wirst du etwas völlig Neues anfangen?

 

Meg Allen. Das Buch ist zur Hälfte in San Francisco und zur Hälfte in Oakland entstanden … Ich habe ein Projekt im Ärmel, aber das ist noch geheim bis ich mehr fertig gestellt habe (lacht).

 

 

 

 

 

 

 

Interview: Christine Stonat (9/2017)

Fotos: Meg Allen

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Meg Allen ist Fotografin und wurde in San Francisco geboren. Heute wohnt sie gemeinsam mit ihrer Freundin Yael Martinez, ebenfalls Künstlerin, in Oakland. Im September 2017 hat Meg Allen ihr erstes Buch mit dem Titel „Butch“ veröffentlicht. Mit „Butch“ ist ihr ein künstlerisches Portrait und zugleich eine bisher einzigartige Dokumentation und Studie von lesbischen Frauen und Non-Binaries, die sich als „Butch“ definieren, gelungen. Das Buch enthält 123 Portraits von Einzelpersonen oder Butch/Butch-Paaren. Getroffen hat Meg Allen die Butches in und um San Francisco und Oakland in deren persönlichen Umfeld, oftmals in deren zu Hause, oftmals auch mit deren Hunden oder Katzen. Meg Allen definiert sich selbst auch als Butch. Was sie und andere unter dem Begriff verstehen, wie die Arbeit an ihrem von 2012 bis 2017 dauernden Fotoprojekt „Butch“ war, was es mit der Zahl 123 auf sich hat und mehr erzählt Meg Allen im aktuellen weird-Interview.

 

 

Online: www.megallenstudio.com

 

 

Meg Allen

„Butch“

Fotobuch, farbig, 198 S., Paperback

Out: seit September 2017

Das Buch ist hier zu bestellen

 

 

Über weird | Archiv

Interview-Steckbrief

- in eigenen Worten -

 

 

Name: Meg Allen

Alter: 39

Beruf: Fotografin / Produzentin

Wohnort: Oakland, Kalifornien, USA

Meine weirdeste Eigenschaft: Ich liebe Mayonnaise auf Pommes Frites … was in den US sonderbar ist, aber in Europa, denke ich, normal, haha.

 

 

Ausgabe Nr. 121

November 2017

Fotos: Meg Allen | Butch

10 Jahre weird

November 2007 - November 2017

Fotos: Meg Allen | Butch

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