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Lesbisch sein ...

 

 

spät im Leben

 

 

 

 

 

 

 

Martha Neuer

Interview zu ihrem Debutroman

„Die Frau aus einem Guss“

 

 

 

 

 

 

 

weird: Du hast im September 2016 deinen Debutroman „Die Frau aus einem Guss“ veröffentlicht. Eine in Teilen autobiographische Geschichte über ein spätes lesbisches Coming-out. Wie ist der Roman entstanden?

 

Martha Neuer: Ich hatte einfach das Bedürfnis, über diese große Umwälzung in meinem Leben zu schreiben.

 

 

weird: Was ist dir beim Schreiben der Geschichte leichter, was schwerer gefallen?

 

Martha Neuer: Ich habe ein gutes Gefühl für die Poesie des Erzählens. Es fließt dann so dahin. Alwinas inneren Dialoge und Kämpfe spannend darzustellen war nicht so einfach.

 

 

weird: In dem Roman begleiten wir die Protagonistin Alwina durch ihr Leben. Von ihrer Kindheit bis zu ihrem Coming-out und ein Stück darüber hinaus. Ist es so, dass du hauptsächlich Lebensmomente u. a. - wie gesagt teils autobiographisch - erzählst, die du rückblickend als eine Art „Indiz“ gesehen hast, dass Alwina/du eigentlich schon immer lesbisch war?

 

Martha Neuer: Ja, das stimmt. Nach meinem endgültigen Coming-out wurde mir nach und nach klar, dass ich eigentlich immer lesbisch gewesen bin. Ein Indiz dafür gibt es nicht. Ich würde es eher als ein Gefühl tief in mir beschreiben, dass ich lange Zeit überhört und zerdacht habe.

 

 

weird: Welche wichtigsten möglichen „Indizien“ hast du denn rückblickend für dich selbst gesehen?

 

Martha Neuer: Mir fallen vier Anzeichen ein: Die sehr große Nähe zu meiner besten Freundin aus Kindertagen. Ich war nie „ein richtiges Mädchen“. Lesbische Frauen suchten den Kontakt zu mir. Bei Frauen habe ich mich viel wohler gefühlt als bei Männern.

 

 

weird: Wann hast du selbst gemerkt, dass du lesbisch bist und was kam dann?

 

Martha Neuer: Heute weiß ich, dass ich meine Homosexualität bereits mit acht Jahren spürte. Der Katholizismus gepaart mit einer zumindest in der Provinz kompletten lesbischen Unsichtbarkeit und eine schwierige Familiengeschichte sorgten dafür, dass ich mein lesbisches „Ich“ viele Jahre unterdrückt habe um zu überleben.

 

 

weird: Wie hast du die Zeit deines Coming-outs erlebt?

 

Martha Neuer: Mein Unterbewusstsein hat mir eine Reise in eine Frauenpension gebucht. Der größte Teil der Gäste war lesbisch. :-) Kurze Zeit später hatte ich mein Coming-out. Das war eine wilde Zeit voller widersprüchlicher Gefühle.

 

 

weird: Wer oder was hat dir in der Zeit geholfen?

 

Martha Neuer: Gedichte schreiben, viel Zeit für mich selbst nehmen und warmherzige, lesbische Frauen.

 

 

weird: Wie hat sich dein Leben nach dem Coming-out verändert?

 

Martha Neuer: Ich lebe bewusster und bin liebesfähiger.

 

 

weird: Was bedeutet lesbisch sein heute für dich und dein Leben?

 

Martha Neuer: Heute weiß ich, ich wurde so geboren mit dieser tollen Liebe zu Frauen. :-) Ein Zurück gibt es nicht mehr.

 

 

weird: Deine Intention war es, so sagst du selbst, Leserinnen mit deinem aktuellen Debutroman „Die Frau aus einem Guss“ mit auf eine Reise zu nehmen, so dass sie mit der Protagonistin Alwina „lachen, weinen, ihren Zwiespalt spüren und über eigene Erfahrungen nachdenken können.“ Hast du damit u. a. auch den Roman geschrieben, der dir so in der Form selbst vielleicht immer auch ein bisschen gefehlt hat?

 

Martha Neuer: Ja. Da hast du völlig recht. Ich war isoliert und wusste weder etwas über Coming-out-Gruppen oder Lesbenberatungsstellen. Die lesbischen Romane, die ich kannte, handelten nicht vom Zweifel oder von diesem Gefühl abgetrennt zu sein und weder bei den Heteros wirklich dazuzugehören noch tatsächlich Frauenliebe leben zu können.

 

 

weird: Du hast deinen Roman bei epubli in Eigenregie veröffentlicht. Hast du auch Verlage gesucht – wenn ja, wie schwierig war das – oder gleich auf Selbstveröffentlichung gesetzt?

 

Martha Neuer: Es gibt in Deutschland nur eine handvoll Verlage für homosexuelle Literatur, die wollten den Roman nicht veröffentlichen. Angebote bekam ich von sogenannten Druckkostenzuschussverlagen, die unseriös sind. Da habe ich mich entschieden, mein Buch selbst zu veröffentlichen.

 

 

weird: Dein Buch hast du erstmals auf der Leipziger Buchmesse Ende März 2017 öffentlich präsentiert und Lesungen folgen. Planst du außerdem schon einen weiteren Roman, vielleicht einen Fortsetzungsroman mit Alwina oder etwas völlig Neues?

 

Martha Neuer: Ein neuer Roman ist in Planung. Es geht um Kriegstraumata, die in der nächsten Generation weiterleben, Verzeihen, eine schwarze Katze und das alltägliche Glück.

 

 

 

 

 

 

 

Interview: Christine Stonat (3/2017)

Foto: privat

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Interview-Steckbrief

- in eigenen Worten -

 

 

Name: Martha Neuer

Alter: 53

Beruf: Autorin

Wohnort: Dortmund

Meine weirdeste Eigenschaft: mein westfälischer Humor :-)

 

 

Martha Neuer ist Jahrgang 1964 und lebt in Dortmund. Anfang 2015 outete sie sich nach langer Zeit der Verdrängung als lesbisch. „Es war großes Glück und tiefe Qual zugleich“, erinnert sie sich an die Zeit ihres Coming-outs. Mit dem Wunsch zu verstehen, was eigentlich warum passiert war, begab sich Martha Neuer auf ihre persönliche Entdeckungsreise und hatte bald das Bedürfnis alles aufzuschreiben. Entstanden ist ihr Debutroman „Die Frau aus einem Guss“, den Martha Neuer im September 2016 bei epubli selbst veröffentlichte. Ende März 2017 stellte sie ihr Buch erstmals öffentlich auf der Leipziger Buchmesse vor. Lesungen folgen. U. a. ist Martha Neuer am 4.6.17 beim Lesbenfrühlingstreffen 2017 in Kiel.

 

Martha Neuer ist mit „Die Frau aus einem Guss“ ein warmer wie humorvoller und kurzweiliger Coming-out-Roman gelungen. Er handelt von Protagonistin Alwina und ist doch in Teilen autobiografisch. Martha Neuer will ihre Leser_innen mit auf Alwinas und ihre eigene Reise nehmen, sie anhalten mit zu lachen, zu weinen, nachzudenken, Zerrissenheit zu fühlen, Freude und Liebe zu teilen. Im aktuellen weird-Interview sprach Martha Neuer mit weird über ihr Erstlingswerk, ihr spätes Coming-out als lesbisch und ihr nächstes Buchprojekt.

 

 

Online: www.marthaneuer.de

 

 

 

Martha Neuer

„Die Frau aus einem Guss“

(epubli)

Roman, 160 S., broschiert

Out: seit September 2016

 

Ausgabe Nr. 114

April 2017

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