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Prof. Dr. Gabriele Dennert ist Professorin für Sozialmedizin und Public Health mit Schwerpunkt Geschlecht und Diversität an der FH Dortmund. Seit 2004 betreibt sie das intersektionelle Informationsportal www.lesbengesundheit.de. 2012 gründete sie das Forschungs- und Beratungsinstitut diverse health in Berlin (www.diverse-health.de).

 

Am 17. und 18.2.17 findet unter ihrer Leitung an der FH Dortmund die Fachtagung „Partizipation schafft Gesundheit – Strategien zur Gesundheitsförderung für lesbische, bisexuelle und queere Frauen*“ statt.

 

Zuvor ist Prof. Dr. Gabriele Dennert am 11.2.17, 15.15-16.45 Uhr, zu Vortrag und Workshop zum Thema „Gesundheit lesbischer, bisexueller und queerer Frauen*“ beim großen Frauengesundheitskongress 2017 in Bielefeld. Der Kongress ist offen für alle Interessierten und findet vom 10. bis 12.2.17 in der Ravensberger Spinnerei Bielefeld statt.

 

Zur Tagung, zur begleitenden Studie „Queergesund“ und zum aktuellen Stand der Dinge in der Gesundheitsversorgung und -förderung lesbischer, bi, trans*, inter* und queerer Menschen führte weird mit Prof. Dr. Gabriele Dennert Ende Januar 2017 ein E-Mail-Interview.

 

 

Online: www.fh-dortmund.de/queertagung

www.fh-dortmund.de/queergesund

 

Lesbisch, bi, trans*, inter*, queer sein …

 

 

im Gesundheitssystem

Interview mit Prof. Dr. Gabriele Dennert

 

zur Gesundheit lesbischer,

bisexueller und queerer Frauen*

 

 

 

 

 

 

weird: Am 17. und 18.2.17 findet an der FH Dortmund die Fachtagung „Partizipation schafft Gesundheit“ statt. Was ist das Hauptanliegen der Tagung?

 

Prof. Dr. Gabriele Dennert: Die Fachtagung „Partizipation schafft Gesundheit – Strategien zur Gesundheitsförderung für lesbische, bisexuelle und queere Frauen*“ will einen Raum zur gemeinsamen Diskussion für Interessierte und Fachpersonen aus Wissenschaft, Politik, Community- und Gesundheitseinrichtungen schaffen. Wir möchten uns mit allen, die teilnehmen, über die gesundheitsbezogenen Anliegen und Bedarfe nicht-heterosexueller Frauen* austauschen und Ideen weiterentwickeln, wie ihre Gesundheit gefördert werden kann. Ein wichtiges Thema wird hierbei eine akzeptierende und nicht-diskriminierende Gesundheitsversorgung sein. Wir erwarten zwei nicht nur inhaltlich, sondern auch in Bezug auf Vernetzung und Kennenlernen sehr spannende Tage mit über zwanzig Referent*innen, darunter auch so weit gereiste wie Ulrike Boehmer von der Boston University/USA und Bärbel Traunsteiner von der WU Wien.

In einem größeren Kontext möchten wir die Anliegen lesbischer, bisexueller und queerer Frauen* stärken und ihnen mehr Öffentlichkeit verschaffen. Hierzu werden wir die Hauptvorträge filmen lassen, um sie anschließend im Netz zu streamen.

Das komplette Programm findet sich auf der Webseite: www.fh-dortmund.de/queertagung

 

 

 

weird: Sie haben im Vorfeld der Fachtagung eine „partizipative Bedarfsermittlung“ durchgeführt, um herauszufinden, „welche Themen für lesbische, bisexuelle und queere Frauen* wichtig sind“. Können Sie hier schon etwas zu den wichtigsten Ergebnissen der Befragung sagen?!

 

Prof. Dr. Gabriele Dennert: Die Studie wurde partizipativ durchgeführt, das bedeutet in unserem Fall, dass wichtige Entscheidungen gemeinsam zwischen Studienkoordination und einem Expert_innenkreis mit 13 Fachfrauen* und Fachpersonen ausgehandelt wurden. An der Bedarfserhebung selbst haben vorrangig Fachpersonen aus Community-Einrichtungen und der Gesundheitsversorgung aus dem gesamten Bundesgebiet teilgenommen. Die Teilnehmer*innen haben über 1.200 Ideen eingebracht, welche gesundheitsbezogenen Anliegen und Bedarfe lesbische, bisexuelle und queere Frauen* haben. Diese Aussagen wurden dann in neun große Themenfelder strukturiert. Als wesentliche Handlungsfelder zur Gesundheitsförderung wurden dabei die Gesundheitsversorgung, gesellschaftliche Rahmenbedingungen sowie lbq*-spezifische Angebote beschrieben. Die eingebrachten Ideen waren teilweise sehr konkret und verwiesen auf etliche Themenfelder, in denen immer noch Diskriminierung und Ungleichstellung für nicht-heterosexuelle Frauen* stattfindet. Beispielsweise wurde gefordert, dass Konversionsversuche an nicht-heterosexuellen Frauen* verboten werden sollten und Frauen*, die aufgrund ihrer sexuellen Identität und Lebensweise zwangsbehandelt oder psychiatrisiert wurden, rehabilitiert und auch entschädigt würden. Bezüglich medizinischer Ausbildungen wurde die Aufnahme von lbq*-spezifischen Inhalte in die Ausbildungscurricula gefordert. Und dies sind nur zwei der eingebrachten Anliegen.

 

 

 

weird: Bereits 2004 haben Sie die intersektionelle Informationsseite www.lesbengesundheit.de sowie 2012 das Forschungs- und Beratungsinstitut diverse health in Berlin (www.diverse-health.de) ins Leben gerufen. Welche Erfahrungen haben Sie über die Jahre gemacht?

 

Prof. Dr. Gabriele Dennert: Ich habe im Jahr 1999 meine erste Studie zur Gesundheit lesbischer Frauen durchgeführt – eine Befragung, die die Datengrundlage meiner Dissertation in der Medizin darstellte. In der ersten Hälfte der Nuller-Jahre, also zwischen 2000 und 2005 gelang es punktuell, Diskussionen zur gesundheitlichen Situation lesbischer Frauen anzuregen, als das Thema „Frauengesundheit“ mehr in den Fokus rückte. Zum Beispiel hielt die Frauenärztin Helga Seyler, die auch als Referentin an der Fachtagung teilnimmt, damals einen Vortrag bei der Enquetekommission für Frauengesundheit der Landesregierung NRW. Es wurden damals auch in offiziellen Berichten erhebliche Defizite in Forschung und Versorgung festgestellt. Doch leider folgten aus diesen Feststellungen keine weiteren Maßnahmen von politischer Seite oder in der Gesundheitsversorgung. Auch in der Frauengesundheitsdiskussion wurde die Perspektive nicht-heterosexueller Frauen* eher wieder ausgeblendet.

Das folgende Jahrzehnt waren es vorrangig einzelne Personen, die am Thema „Gesundheit lesbischer und bisexueller Frauen“ weitergearbeitet haben, z. B. auch Maria Beckermann, die für dieses Engagement den Preis für couragierte Lesben der LAG Lesben in NRW erhielt.

In den letzten Jahren hat das Thema wieder mehr Aufmerksamkeit erfahren. Und diesmal gibt es auch breite Ansätze, das Thema strukturell und nachhaltig zu verankern – so dass ich sehr zuversichtlich bin, dass es so schnell nicht mehr von der Agenda genommen werden kann. Vorausgesetzt, auch lesbische, bisexuelle und queere Frauen* selbst erkennen die Bedeutung des Themas und sind bereit, sich für Ihr Recht auf gesundheitliche Gleichstellung einzusetzen.

 

 

 

weird: Sehen Sie in den letzten 13 Jahren eine signifikante Entwicklung was das medizinische Bewusstsein für LBTIQ Patient_innen betrifft und wie ist der Stand heute?

 

Prof. Dr. Gabriele Dennert: Das ist eine komplexe Frage, die sich kaum in wenigen Sätzen zufriedenstellend beantworten lässt.

Ich sehe die deutlichen Veränderungen in der öffentlichen und fachlichen Diskussion insbesondere in den letzten 5 Jahren und insbesondere im Feld geschlechtlicher Vielfalt, weniger in Bezug auf die gesundheitlichen Folgen von Heterosexismus.

Verweisen möchte ich hier auf die Debatte des Deutschen Ethikrates zu Intergeschlechtlichkeit und die Veränderung des Personenstandsrechtes bezüglich des Geschlechtseintrages bei intergeschlechtlichen Neugeborenen. Auch die Lebenssituation von transgeschlechtlichen und transsexuellen Personen hat in der letzten Zeit endlich mehr Aufmerksamkeit erfahren. Bei beiden Gruppen besteht die Situation, dass ihre Körperlichkeit und/oder geschlechtliche Identität pathologisiert wird, was erhebliche negative Konsequenzen für Lebensqualität, Gesundheit und Lebensgestaltung hat. Mein Eindruck ist hier, dass diese großen Problematiken so im Vordergrund stehen, dass weitere wichtige Fragen aktuell noch nicht in den Blick geraten. Damit meine ich z. B. Fragen der Versorgungsqualität, wenn es um Früherkennung und Versorgung von Erkrankungen geht oder auch Kinderwunsch. Hier stellen sich Schwierigkeiten, die kaum in breiteren Kreisen wahrgenommen werden, wie z. B. Abrechnungsprobleme, wenn eine Gynäkologin eine Untersuchung bei einem trans* Mann mit Cervix und Gebärmutter nicht abrechnen kann, weil das elektronische System einen Fehler meldet, wenn Geschlecht und Untersuchung vermeintlich nicht zusammenpassen. Und an der Stelle ist die Barriere, gar nicht erst zur Ärztin zu gehen aus der – berechtigten – Sorge heraus, ignorant und nicht respektvoll behandelt zu werden, schon überwunden.

 

Weniger bis kaum im Fokus stehen die gesundheitlichen Auswirkungen von Heterosexismus in Gesundheitsversorgung und Gesellschaft. Dabei gibt es internationale Studien, die erbracht haben, dass heterosexistische Diskriminierung zu körperlichen und psychischen Erkrankungen beiträgt. Die gerade beschriebene Vermeidung des Gesundheitssystems im Bedarfsfalle lässt sich auch für lesbische, bisexuelle und queere Frauen* ohne Transitionsgeschichte feststellen.

Hier ist noch Weg zu gehen, die gesundheitlichen Folgen von Diskriminierung und Gewalt stärker ins Bewusstsein rücken zu lassen.

 

 

 

weird: Wie können Mediziner_innen, Therapeut_innen und andere Heilende für LBTIQ Patient_innen ggf. gezielt sensibilisiert oder geschult werden? Und werden sie das bereits?

 

Prof. Dr. Gabriele Dennert: Es gibt durchaus bereits einzelne Ansätze, um Fachkräfte in der Gesundheitsversorgung zu informieren, fort- und weiterzubilden. Was fehlt, ist eine Evaluation dieser Maßnahmen und eine breite Implementierung erfolgversprechender Ansätze. Bisher bleibt hier vieles dem Engagement von Community-Einrichtungen und einzelnen Fachkräften überlassen. Auch fehlt es aktuell noch an einer strukturellen Verankerung von Fachwissen in den Ausbildungen, z. B. zur Übertragung von sexuell übertragbaren Infektionen zwischen Frauen im Medizinstudium.

 

 

 

weird: Frauen im Allgemeinen, so Erfahrungen und Studien, werden von Ärzt_innen oftmals weniger ernst genommen als cis männliche Patienten – was die gesellschaftlichen Strukturen widerspiegelt. Was können speziell LBTIQ Frauen* selbst tun – sofern sie die Kraft dazu haben –, auf der Suche nach und im Umgang mit Ärzt_innen und Heilenden?

 

Mehrfachdiskriminierung im Gesundheitssystem erfahren u. a. Schwarze LBTIQ Frauen*, Frauen* mit Behinderung oder Migrant_innen. Wie könnte ein „queeres Frauen*gesundheits-Modell“ in der Zukunft aussehen?

 

Prof. Dr. Gabriele Dennert: Ich würde die beiden Fragen gerne gemeinsam zu beantworten versuchen. Die Queergesund*-Studie hat sehr eindrucksvoll gezeigt, dass sich die Erfahrungen von Einzelnen und sozialen Gruppen im Spannungsfeld von mehreren gesellschaftlichen Ein- und Ausschlussmechanismen gestalten. Sexismen, die Männer* gegenüber Frauen* im Zugang zu vielen Ressourcen besser stellen, sind auch in der medizinischen Versorgung wirkmächtig. Dasselbe gilt für Heterosexismen, die heterosexuelle Lebensformen gegenüber nicht-heterosexuellen privilegieren, Rassismen und Klassismen und die von Ihnen genannten Lebenssituationen.

Einigen dieser Umstände können Sie persönlich schlecht etwas entgegensetzen – ein Beispiel: viele Medizinstudierende hierzulande lernen nicht, wie Hauterscheinungen z. B. Masern auf dunkler Haut aussehen und erkennen sie dann auch nicht. Wissen über helle Haut reicht aus, um das Staatsexamen zu bestehen. Ähnliches gilt für Herzerkrankungen oder auch Medikamente, wenn vorrangig das Wissen vermittelt wird, das eher auf Männer als auf Frauen zutrifft.

Anderen Problemen kann frau* zumindest teilweise entgegenwirken, wenn sie* über die entsprechenden Ressourcen verfügt. Viele LBTIQ Frauen* z. B. fragen andere nach Empfehlungen von Ärzt_innen, die ihrer Lebensweise und ihren Körpern nicht abwertend oder feindlich begegnen. Oft sind Ressourcen jedoch auch gesellschaftlich strukturiert. Bildungszugang, die finanzielle Situation, Krankenversicherung, sehr gute deutsche Sprachkenntnisse, medizinisch ausgebildete Menschen im eigenen Umfeld, die frau* um Rat fragen kann, ernst genommen werden und als Person respektiert werden – all das wird im Falle einer Erkrankung unschätzbar wertvoll.

 

Da ich hier nicht ungefragt andere Personen und ihre Situation zitieren möchte, bringe ich mal meine eigenen Position ins Spiel: Aufgrund meiner medizinischen Vorbildung und meines sozialen Status als weiße Akademikerin werde ich als Patientin oftmals durchaus ernst genommen und auch sehr gut versorgt – was mich nicht vor schwierigen Erfahrungen aufgrund meines eher queeren Habitus und meiner lesbischen Lebensweise und sexistischen und weiteren Zumutungen schützt. Das ist ein komplexes Gefüge und auch ich wurde schon in einer Arztpraxis an der Rezeption angeschrien, als ich mich weigerte einen Fragebogen voller heterosexistischer Vorannahmen auszufüllen, der mit meinem Ohrenproblem nichts zu tun hatte. Welche Möglichkeiten ich habe, um mit solchen Situationen umzugehen, ist von vielen Faktoren abhängig. In jedem Fall verursacht es zusätzlichen Aufwand, Ressourceneinsatz und letztlich Stress und unnötige Belastungen. Dieses „Mehr“ an Energieaufwand ist auch ein Preis für Diskriminierung, den Menschen zahlen müssen. Und besonders prekär ist die Situation dann, wenn die finanziellen Ressourcen fehlen oder keine Krankenversicherung besteht.

Hier systemisch anzusetzen, halte ich für dringend geboten.

Das Townsend Centre for International Poverty Research der Uni Bristol hat schon 1999 zehn Tipps veröffentlicht, um gesundheitliche Benachteiligung zu vermeiden. Die erste der zehn Regeln lautet: „Don‘t be poor. If you are poor, try not to be poor for too long.“ (Seien Sie nicht arm. Wenn Sie arm sind, versuchen Sie für den möglichst kürzesten Zeitraum arm zu sein.) Hier wird sehr deutlich, dass es für die großen gesellschaftlichen Themen keine individuellen Lösungen geben kann. In der Queergesund*-Studie wurden solche Verschränkungen zentral in den Blick genommen. Eine wichtiges Anliegen zur Gesundheitsförderung von lbq Frauen* war: „Finanzielle Absicherung im Alter und im Krankheitsfall“.

Und für den Weg, der noch vor uns liegt, sind Empowermentansätze von großer Bedeutung. Die Fachtagung möchte auch einen Raum schaffen, um sich zu verbünden und zu solidarisieren gegen Diskriminierung und deren gesundheitliche Folgen.

 

Und die Vision für das Gesundheitsmodell der Zukunft? – Welche*r möchte, kann diese auf der Fachtagung in Dortmund mitdiskutieren. Interessierte können sich noch direkt vor Ort für die Teilnahme registrieren und an der Tageskasse die Teilnahmegebühr entrichten.

 

 

 

 

 

 

Interview: Christine Stonat / Gabriele Dennert (1/2017)

Foto: Laura Dierig

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Ausgabe Nr. 112

Februar 2017

Prof. Dr. Gabriele Dennert | Foto: Laura Dierig

Name: Gabriele Dennert

 

Alter: Jahrgang 1971

 

Beruf: Professorin für Sozialmedizin und

Public Health mit Schwerpunkt Geschlecht

und Diversität

 

Arbeitsort: Fachhochschule Dortmund

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