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Katrin Frank ist freie Schriftstellerin und Lektorin, hat Neue deutsche Literatur und Medien, Politikwissenschaft und Geschichte studiert und schreibt u. a. für das queer-feministische Zine Brav_a. 1981 in Suhl geboren, in Südthüringen und Mittelhessen aufgewachsen, lebt sie seit 2010 in Berlin. Dort spielt auch ihr erster Roman „Dienstag: Homobar“ (PegasusDruck und Verlag), der Ende Oktober 2016 erschienen ist. Der Roman begleitet drei junge lesbische Frauen in die alternative lesbische „Szene“ Berlins. Es geht um Liebe, Eifersucht, Abhängigkeit, aber auch um Berliner Alltag, Musik und Partys. Zentraler Ort ist für die drei die Kneipe „Molfe“, angelehnt an das bekannte Vorbild Möbel Olfe, wo Katrin Frank bei der dienstäglichen „Mädchendisko“ selbst häufig zu Gast war oder auch noch ist. Im aktuellen weird-Interview gibt die lesbische Autorin tiefere Einblicke in ihren Debutroman, die Berliner Kultkneipe und ihr eigenes Leben.

 

Online: www.katrinfrank.net

 

 

 

Katrin Frank

„Dienstag: Homobar“

(PegasusDruck und Verlag)

Roman, 216 S., broschiert

Out: seit Oktober 2016

Lesbisch sein in …

 

 

der alternativen Lesbenszene

Berlins

 

 

 

 

 

 

Katrin Frank

 Autorin. Interview

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

weird: Ende Oktober 2016 erscheint dein Debütroman „Dienstag: Homobar“. Wie aufgeregt bist du?

 

Katrin Frank: Auf einer Skala von 1-10, ungefähr 11. Ich freu mich total und schlafe grad nachts schlecht.

 

 

weird: Der Roman spielt in Berlin und begleitet drei junge lesbische Frauen in die alternative lesbische „Szene“ Berlins. Es geht um Liebe, Eifersucht, Abhängigkeit, aber auch um Berliner Alltag, Musik und Partys. Was ist für dich ganz persönlich das zentrale Thema deines Buches?

 

Katrin Frank: Für mich ist die Abhängigkeit der beiden Hauptcharaktere Kato und Robin zueinander das zentrale Thema. Die beiden sind sehr eng befreundet, legen zusammen auf alternativen Partys auf und verbringen auch sonst sehr viel Zeit miteinander, wie ein altes Ehepaar. Robin bewundert Kato und fügt sich total in ihr Leben ein, und Kato braucht diese Bewunderung und ständige Bestätigung für ihr riesiges Ego. Spannend finde ich den Moment, wo das Ganze zu kippen beginnt, und Robin nicht mehr ihre Bedürfnisse für Kato zurückstellt, sondern ihre eigenen einfordert. Im Buch ist es eher so ein schleichender Erkenntnisprozess bei Robin. Ich finde emotionale Abhängigkeit generell ein spannendes Thema. Viele Leuten fällt es schwer so was zu sagen wie „Ich brauche dich!“, denn niemand sieht sich gerne als bedürftig. Abhängig zu sein, macht angreifbar und verletzlich. Aber eine gewisse Abhängigkeit voneinander entsteht, glaube ich, immer, wenn zwei Leute sich wirklich aufeinander einlassen, sei es in Beziehungen oder in Freundschaften. Das Herausfordernde ist nur, die Balance zu halten, und das schaffen Kato und Robin in meinem Roman nicht gut. Zusätzlich hat Robin ein ziemliches Alkoholproblem, das eng mit der emotionalen Abhängigkeit verknüpft ist, was für die Protagonistin aber im Dunkeln bleibt.

 

 

weird: Im Roman spielt die Kneipe „Molfe“ eine wichtige Rolle. Eine Reminiszenz sicherlich an das bekannte Möbel Olfe - darf der Name hier genannt werden!? Ich kann quasi die Atmosphäre spüren. Wie würdest du Leuten, die das „Molfe“ und dein Buch noch nicht kennen, den Laden und die Szenerie in der „Homobar“ beschreiben?

 

Katrin Frank: Haha, ja, der darf ruhig genannt werden! Ich habe den „Decknamen“ extra mehr oder weniger offensichtlich gewählt, weil durch die Beschreibung im Buch zumindest den Berliner_innen sofort klar sein dürfte, dass es um die Möbel Olfe geht. Die Olfe ist eine Trinkhalle am Kotti mit zum Großteil schwul-lesbischem Publikum. Dienstag ist da immer „Mädchendisko“, so nennen die Betreiber_innen das selber. Da treffen sich vornehmlich Lesben, Frauen, Trans* zu polnischem Fassbier. Meistens ist es gerammelt voll, und es wird viel rumgestanden, wodurch man leichter Leute kennenlernt als in Kneipen, wo jeder den ganzen Abend an seinem Platz klebt. Im Buch ist der dienstägliche „Molfe“-Abend ein Fixpunkt im Leben von Kato und Robin, und ein paar Szenen spielen sich in der Kneipe ab.

 

 

weird: Wann war dir klar, dass du einen Roman schreiben wirst bzw. musst und wie hast du das dann weiter verfolgt?

 

Katrin Frank: Ich habe seit meiner Jugend Gedichte und Kurzgeschichten geschrieben, die später z.T. auch in selbstverlegten Literaturzines veröffentlicht wurden. Die Idee zu dem Roman entsprang aber eher dem Zufall. Ich saß eines Abends im Januar 2014 mit Isabelle (der Brav_a-Herausgeberin) und ihrer Mitbewohnerin rum, und wir erzählten uns Geschichten. Isabelle meinte, schreib das doch mal auf, ich glaube, die und die Themen würden Leute echt interessieren. Ich hatte schon länger nichts mehr geschrieben und dachte eher aus Witz, ja, mach ich. Und am andern Tag habe ich angefangen zu schreiben und war selbst ein wenig überrascht, als ich es Wochen später immer noch tat. Ich habe während des Schreibens Freund_innen viel aus dem Manuskript vorgelesen. Ich brauche viel Austausch darüber, auch mal andere Sichtweisen auf einen Charakter oder einen Handlungsverlauf, damit es weitergeht. Sonst hätte ich wahrscheinlich schon dann und wann die Flinte ins Korn geschmissen. Aber nach einem halben Jahr ungefähr war tatsächlich die erste Version fertig.

 

 

weird: Wie lange hast du insgesamt an dem Roman geschrieben?

 

Katrin Frank: Also die Urversion war wie gesagt circa nach einem halben Jahr fertig, aber da fehlte mir noch ein wenig das Handwerkszeug. Dann gab es ein Intermezzo mit einem Verlag, der Interesse bekundet hatte, und nach dessen Vorgaben ich die erste Version überarbeitet habe, was mir sehr geholfen hat. Nach einem Jahr kam aber leider doch die Absage. Dann schlummerte das Manuskript lange unangerührt in meiner Schublade, bis ich es mit Isabelles (die Brav_a-Herausgeberin) Hilfe und meiner Lektorin Agnes noch mal überarbeitet und in Druckform gebracht habe. Insgesamt waren es zwei Jahre Arbeit, schätze ich.

 

 

weird: Würdest du dich selbst als Teil der „lesbischen Berliner Partyszene“ bezeichnen?

 

Katrin Frank: Ich würde sagen, dass ich mal ein kleiner Teil der Berliner Partyszene war. Ich habe eine Weile mit einer Gruppe queere Postpunk-Partys organisiert und da aufgelegt und bin auch relativ viel ausgegangen, auf Partys, Konzerte und so. Inzwischen bin ich, vielleicht auch aufgrund des fortgeschrittenen Alters (haha), etwas ruhiger geworden.

 

 

weird: Als Autorin schreibst u. a. auch für das queer-feministische Zine Brav_a. Brav_a wurde bei weird schon einmal kurz vorgestellt, aber kannst du noch mal erzählen, was Brav_a genau ist, vor allem aber wann und wie du dazu gekommen bist und was du für Brav_a genau veröffentlichst bzw. machst!?

 

Katrin Frank: Die Brav_a ist ein queer-feministisches Zine im Stile einer Teenie-Zeitschrift, also mit Foto-Love-Story, Psychotest und allem Pipapo. Mit Isabelle, einer der Herausgeber_innen, wohne ich zufällig Tür an Tür und bin befreundet, und so habe ich manchmal einen Text beigesteuert. Glaube den ersten in Brav_a Nr. 3. Da hab ich meine Meinung zur Pille kundgetan. Später folgten Kurzgeschichten oder Erfahrungsberichte, die thematisch von Faulheit über Flirten im Supermarkt bis Alkoholabstinenz reichten. Im Gegensatz zu Robin in meinem Roman trinke ich nämlich seit zwei Jahren gar keinen Alkohol mehr.

 

 

weird: Du kommst gebürtig aus Suhl. Wann und warum bist du nach Berlin gegangen?

 

Katrin Frank: In Suhl bin ich nur geboren. Raus aus‘m Krankenhaus und nie wieder zurückgekehrt, haha. Aufgewachsen bin ich in einem kleinen Dorf in Südthüringen. In Berlin wohne ich seit 2010. Vorher habe ich 10 Jahre in einer Kleinstadt in Mittelhessen zugebracht, wo ich studiert habe und dann gearbeitet. Da hatte ich irgendwann das Gefühl, dass es nichts Neues mehr für mich zu entdecken gibt. Ich wollte einfach noch ein bisschen was erleben und ein bisschen mehr Anonymität. In der Kleinstadt kannten sich alle über Ecken und über die Jahre wird dann das soziale Spinnennetz immer dichter und enger, schrecklich!

 

 

weird: Wie war dein „lesbisches“ Leben vor Berlin und wie hat es sich in Berlin verändert?

 

Katrin Frank: Das lesbische Leben in meiner mittelhessischen Kleinstadt lief lange Zeit komplett an mir vorbei. Ich kannte wohl nicht die richtigen Leute und bin zu den falschen Partys gegangen: Biolesben-Nichtraucherinnen-Partys, bei denen bis 22 Uhr Standardtanz angesagt war und ich mich komplett fehl am Platz gefühlt habe. Erst nach ein paar Jahren dort habe ich durch eine Person Zugang zur alternativen Lesbenszene gefunden, und die erzählte mir dann schwärmerisch von den ausschweifenden Partys in der einzigen queer-feministischen Kneipe vor Ort, die ich verpasst hatte. Da wurde nach Ausschankende die Tür abgeschlossen, ohrenbetäubende RiotGrrrl-Musik aufgelegt, und die Leute tanzten wild auf dem Tresen und alle haben mit allen geknutscht. Tja, dafür musste ich erst nach Berlin ziehen, um sowas zu erleben (haha). Nee, stimmt natürlich nicht. Aber in Berlin ist das Angebot viel größer, aber die Leute auch mehr vereinzelt. Es splittet sich alles in mehrere „Szenen“ auf, und aufgrund des Überangebots an Aktivitäten und Menschen kommt mir alles sehr viel flüchtiger und unverbindlicher vor. Da reicht nicht die eine Party oder die eine Person zum Glücklichsein, sondern man will sich möglichst alle Optionen offenhalten. Hinter der nächsten Ecke könnte ja immer noch jemand oder etwas Besseres warten. Dieses ständige Getriebensein und Sich-nicht-einlassen-Können oder -Wollen haben hier viele, die ich kenne. Da denke ich manchmal etwas wehmütig an die Kleinstadt zurück, wo die lesbische Szene zwar sehr überschaubar war, die Leute dafür aber verlässlicher und verbindlicher.

 

 

weird: Die Stadt Berlin und die „Szene“ haben dich offenbar dennoch inspiriert. Zu deinem ersten Roman „Dienstag: Homobar“ eben. Wen oder was möchtest du inspirieren?

 

Katrin Frank: Puh, schwierige Frage. Vielleicht ein paar junge Lesben, die sich durch mein Buch ermutigt fühlen, mal dienstags in die Olfe zu gehen? Die Vorstellung fänd ich, glaube ich, witzig.

 

 

weird: Dein Buch erscheint. Wie geht es weiter? Arbeitest du möglicherweise schon am nächsten Buch?

 

Katrin Frank: Ich arbeite tatsächlich schon am zweiten Roman, der jetzt zur Hälfte fertig ist. Er heißt vorläufig „Das Rätsel um das A im Kreis“ und handelt von zwei 14-jährigen Punkerinnen, die in Ostdeutschland kurz nach der Wende aufwachsen. Die eine verliebt sich in die andere, die aber mit dem Kopf der örtlichen Antifa liiert ist. Die Punks sind nicht gerade begeistert, als sie Wind davon kriegen, weil sie ziemlich kleinkariert und homophob sind und machen den beiden Mädels zusätzlich zu Eltern und Faschos das Leben schwer.

 

 

weird: Planst du Lesungen zu deinem Debütroman und wie können dich Interessierte ggf. dazu einladen?

 

Katrin Frank: Lesungen sind erst mal nicht geplant, aber ich taste mich langsam an das Thema ran. Ich kann mich bisher noch nicht mit der Vorstellung anfreunden, das Buch vor Leuten zu präsentieren, das können andere besser. Aber ich stehe gern für Interviews und Ähnliches zur Verfügung. Erreichen könnt ihr mich über meine Homepage: katrinfrank.net, wo man übrigens auch das Buch bestellen kann.

 

 

weird: Du bist Autorin, Lektorin und hast Neue deutsche Literatur und Medien, Politikwissenschaft und Geschichte studiert. Was machst du außerhalb deiner Arbeit?

 

Katrin Frank: Ich geh viel spazieren und joggen mit Musik auf den Ohren und sitze gerne an Orten rum, wo viele Menschen vorbeikommen, im Bus, Café oder Park. Das ist die beste Inspiration fürs Schreiben: andere Menschen beobachten. Ansonsten spiele ich Bass, lese oder treffe Freund_innen.

 

 

weird: Es ist Dienstag. Wo treffen wir Katrin Frank in Berlin?

 

Katrin Frank: Früher in der Möbel Olfe, heute lesend oder musizierend auf meiner Couch. Manchmal auch auf nem Punk- oder Death-Metal-Konzert.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Interview: Christine Stonat (10/2016)

Foto: Simone Gork

Interview-Steckbrief

- in eigenen Worten -

 

 

Name: Katrin Frank

 

Alter: 35

 

Beruf: freie Schriftstellerin und Lektorin

 

Wohnort: Berlin

 

Meine weirdeste Eigenschaft: Ich verstehe keine Ironie.

 

Ausgabe Nr. 109

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